„Meine geniale Freundin“: Die beste Freundin als Alter Ego

Der Roman Meine geniale Freundin von Elena Ferrante hat mich gleich zweifach berührt: Es ist zum einen eine intelligente, psychologisch interessante „Coming of Age“-Geschichte zweier Mädchen. Zum anderen schafft der Roman es, einen schmerzhaften Emanzipationsprozess nachzuzeichnen. Und ich meine Emanzipation im tiefsten Sinne des Wortes, denn die Handlung spielt im frauenfeindlichsten Machoumfeld, das man sich vorstellen kann: Im Neapel der 50er Jahre.

Die „geniale Freundin“ als Konkurrentin und Mentorin

Alles beginnt eigentlich mit einer Hassliebe zweier Mädchen im Grundschulalter, ausgelöst von einer gestohlenen Puppe, und diesen Charakter wird ihre Freundschaft auch behalten. Die Ich-Erzählerin Elena versucht stets, mit der besten Freundin Lila mitzuhalten. Sie stilisiert Lila zur titelgebenden ‚genialen Freundin‘. Denn Lila ist ihr immer einen Schritt voraus: Sie ist ungewöhnlich begabt und lernt alles nebenbei, während Elena für ihre guten Noten verbissen pauken muss. Außerdem ist Lila draufgängerisch und setzt sich gegen die Obrigkeit zur Wehr, während Elena ein ängstliches, angepasstes Kind ist. Lila wird so zur Mentorin von Elena. Vor allem aber bleiben die Mädchen stets in Konkurrenz zu einander. Die Erzählstimme leuchtet jede kleine eifersüchtige Regung Elenas auf ihre geniale Freundin aus. Sie ist z.B. neidisch auf die Schönheit ihrer Freundin, während sie selbst in der Pubertät von Akne geplagt ist und immer mehr zunimmt. Kein hässlicher oder schmerzlicher Gedanke bleibt ausgespart. So vollzieht der Leser die beschwerliche Identitätsfindung einer Pubertierenden nach, die mit ihrem Vorbild, der besten Freundin, hadert. Elena will so sein wie Lila und will sich doch von ihr abgrenzen. Der erste Bruch in ihrer Freundschaft entsteht, als nur Elena die weiterführende Schule besuchen darf. So versucht auch die enttäuschte Lila, mit ihrer Freundin Elena mitzuhalten, indem sie heimlich Latein und Griechisch lernt, obwohl sie ihrem Vater in der Schusterei helfen sollte. Fest steht: Die Konkurrenz zwischen den Mädchen bleibt die treibende Kraft für die Entwicklung der beiden.

Spiegelbilder und Persönlichkeits-Spaltung in der „Genialen Freundin“

Die Freundschaft von Elena und Lila ist aber vor allem deshalb eine gleichermaßen fragile wie explosive Mischung, weil sie das jeweilige Alter Ego der anderen darstellen. Überraschenderweise bezeichnet die schillernde Lila gegen Ende der Handlung die schlichte Elena als ihre ‚geniale Freundin‘, nicht umgekehrt: „Du bist meine geniale Freundin, du musst die Beste von allen werden, von den Jungen und den Mädchen.“ (S. 398) Die eine Figur scheint die andere zu durchdringen, jede ist das Spiegel- und Wunschbild der anderen. Zudem führt die Erzählstimme das Motiv des ‚wechselnden Schicksals‘ ein, wie ich es nennen möchte, eine Art abergläubische Manie: „Es war, als wäre die Freude oder der Schmerz der einen wie durch einen bösen Zauber die Voraussetzung für den Schmerz oder die Freude der anderen.“ (S. 324). Nur wenn die eine leidet, kann die andere glücklich sein, und umgekehrt. „Die Notwendigkeit, eine Brille zu tragen, verstärkte meine Manie, ein Muster zu entdecken, das im Guten wie im Bösen mein Schicksal mit dem meiner Freundin verband: ich blind wie ein Huhn, sie ein Adlerauge; ich mit getrübtem Blick, sie diejenige, die schon immer die Augen zusammengekniffen hatte, um Blicke abzuschießen, die mehr sahen […]“ (S. 325).
Jedes der beiden Mädchen trauert zudem um die Hälfte ihrer verlorenen Persönlichkeit, die sie aufgegeben hat, und die nun von der jeweils anderen verkörpert wird. Ich denke dabei an Lilas Pläne einer Schuhfabrik, zu der sie die armselige Schusterei ihres Vaters machen will. Sobald Elena von diesem Plan erfährt, hält sie ihre Schulbildung für wertlos: „Viele Monate lang schien mir jede Verheißung, jede Kraft aus den Lehrbüchern verschwunden zu sein.“ (S. 118). Sie versucht sogar, Lilas „energische[..] Begeisterung“ (S. 117) für ihr Geschäftsvorhaben nachzuahmen. Aber es geht Elena nicht um das Vorhaben an sich. Sie versucht, ihre unbeschwerte, kindliche Seite wiederzufinden, die sie ihrem verbissenen Lernen geopfert hat. Umgekehrt lernt Lila heimlich weiter, obwohl ihr der Besuch der höheren Schule versagt bleibt. Sie gibt Elena sogar Nachhilfeunterricht in Latein, als dieser das Sitzenbleiben droht. Aber Lilas heimlicher Wissensdurst endet in Desillusionierung und schließlich in der Anpassung an ihre Lebensumwelt. Sie verlobt sich im Alter von 15 Jahren mit dem reichen Lebensmittelhändler Stefano.

Cover Meine geniale Freundin
© Suhrkamp

Emanzipation als Notwendigkeit des „Coming of Age“

Das Wunderbare bei Meine geniale Freundin ist jedoch: Der Roman beschreibt zu allererst eine tiefe Frauenfreundschaft. Denn trotz allen Konkurrenzdenkens geben sich die Mädchen gegenseitig Halt. Sie wachsen in einem Arbeiter-Vorort Neapels auf, wo Gewalt und Armut vorherrschen. Sie versuchen, sich gegenseitig vor den Grausamkeiten ihrer männerdominierten Umwelt zu beschützen. So wird das „Coming of Age“ der Freundinnen auch zur Emanzipationsgeschichte zweier Mädchen in einer frauenfeindlichen Zeit. Lila geht z.B. den frechen Solara-Brüdern mit einem Schustermesser an die Gurgel, als sie Elena belästigen. (Noch wissen die Mädchen nicht, dass das Selbstbewusstsein der Solaras von ihrer Zugehörigkeit zur Camorra herrührt.) Als Lila sich im Alter von 15 Jahren mit Marcello Solara verloben soll, widersetzt sie sich ihm und ihrem Vater. Sie erhört ihren viel sympathischeren Verehrer Stefano, einen erwachsenen Mann und der wohlhabende Besitzer des Lebensmittelgeschäfts im Viertel. Doch auch er erweist sich als abhängig von den Machtverhältnissen im Viertel, sprich: von der Camorra. Elena wiederum setzt sich auf dem Gymnasium mit ihrem Fleiß gegen männliche Mitschüler durch. Aber letztendlich sind die beiden Mädchen der Männerwelt ausgeliefert.
In einer bewegenden Szene hilft Elena Lila beim Baden und Ankleiden vor ihrer Hochzeit. Sie fühlt sich, als würde sie selbst ihre ‚geniale Freundin‘ an die männliche Gewalt, personifiziert durch ihren Verlobten, ausliefern. Elena ist verwirrt: Sie hat Angst um Lila und will sie „umarmen, mit ihr zusammen weinen, sie küssen“ (S. 399). Auch das Konkurrenzdenken flackert kurz auf: Sie will „sexuelle Erfahrungen vortäuschen und sie in einem gelehrten Ton unterweisen“ (ebd.). Letztendlich überwiegen aber Schmerz und Schuldgefühle: „Doch am Ende blieb nur der feindselige Gedanke, dass ich sie nur deshalb so früh am Morgen von den Haaren bis zu den Fußsohlen wusch, damit Stefano sie in der Nacht beschmutzen konnte.“ (ebd.) Elena fühlt sich schuldig, dass Lila ihre Freiheit verkaufen muss, um frei vom ‚Rione‘, dem Arbeiterviertel, zu werden. Sie beginnt an ihrem eigenen Lebensentwurf zu zweifeln. Kann sie dem ‚Rione‘ entfliehen? „Der Pöbel, das waren wir. […] Ich bezweifelte, dass ich es schaffen würde. Lernen half nichts. Ich konnte die Bestnote für meine Hausaufgaben erhalten, aber das war nur Schule.“ (S. 421-422) So gerät Elena in ihre erste tiefe Sinnkrise. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung!

Zur Zeit lese ich Teil 2 der Ferrante-Saga, „Die Geschichte eines neuen Namens“. Auch darüber werde ich bloggen.

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3 Gedanken zu „„Meine geniale Freundin“: Die beste Freundin als Alter Ego

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  • Januar 15, 2017 um 1:25 pm
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    Danke für diese schöne Analyse! Dazu fällt mir noch ein, wie Elena vor Herrn Sarratore aus Ischia in die Geborgenheit ihrer Vergangenheit, zu Lila, zurückflüchtet. Letzendlich ist sie ja diejenige, die den Verhältnissen entkommen kann (zumindest macht es bisher den Anschein), während Lila vergeblich gegen das tief verwurzelte Patriarchat ankämpft. Auf Ischia schafft sie es noch nicht, aber vielleicht entwickeln die nächsten Romane diese Idee ja weiter!?

    Beeindruckend finde ich auch, wie selbstreflexiv der Roman ist. Ursprünglich ist der Weg aus dem Elend nämlich die Schriftstellerei, durch die sie reich werden wollen. Die einzigen Schulfächer (mit einer kurzen Mathe-Ausnahme), die sie je zu besuchen scheinen, sind dazu passend die Sprachen. Lila schreibt eine tolle Geschichte und berührende Briefe, die einerseits bei Elena ein Konkurrenzdenken auslösen und die sie andererseits offensichtlich zu den Romanen anspornen, die wir gerade lesen dürfen. Ich würde also sagen: Schreiben als Weg der Emanzipation. Eigentlich recht ähnlich zu Virginia Woolfs Ideen, wenn ichs recht bedenke.

    Ich freue mich auf deinen nächsten Blogeintrag!

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