Chirú: Die Mentorin in der eigenen Falle

Passend zur aktuellen Diskussion über Emmanuel Macrons Ehe mit einer 25 Jahre älteren Frau, die ich unsäglich finde, kaufte ich mir aus Trotz den Roman Chirú von Michela Murgia. Denn der Klappentext kündigte von einer ungleichen Beziehung einer 38-Jährigen zu einem 18-Jährigen. Was sich für mich zuerst wie eine Klischeegeschichte anhörte, entpuppte sich als präzise analysiertes Seelendiagramm einer vielschichtigen Frauenfigur.

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich erst zögerte, das Buch zu kaufen, weil ich eine billige Liebesgeschichte zwischen einer (Klischee, ahoi) „unbefriedigten“ Frau mittleren Alters und ihrem Boy Toy erwartete. Aber weit gefehlt! Die sardische Autorin entwirft das melancholische Porträt einer einsamen, aber unabhängigen Schauspielerin, die sich zunehmend in die Gefühle für ihren Schüler Chirú verstrickt. Denn der Junge lockt sie aus ihrer Reserve und zwingt sie dazu, sich und ihre Vergangenheit noch einmal radikal in Frage zu stellen. Nebenbei entwirft der Roman eine urkomische Satire auf den europäischen Kulturbetrieb.

Strandgut als Metapher für Einsamkeit

Schon der erste Satz von Chirú* hat mich für den Roman eingenommen, denn er transportiert eine Stimmung, die ich nicht anders als zärtliche Resignation beschreiben kann: „Chirú kam zu mir wie die Holzstücke an den Strand, geschliffen und verbogen, als Überrest eines langen Treibens.“ (S. 7). Aus der Erzählstimme spricht zum einen natürlich der liebende Blick auf den Beschriebenen, andererseits aber auch eine abgeklärte Melancholie. Die Erzählerin weiß, wovon sie spricht. Auch sie war einst Strandgut, das von jemandem aufgelesen werden wollte. Das sind die beiden Grundpfeiler des Erzählens bei Chirú. Die Erzählerin erkennt sich in ihrem jungen Schüler wieder und erlebt so Geschehnisse aus ihrer Kindheit und Jugend nochmal neu. Zweitens entspinnt sich eine spannungsreiche Beziehung zwischen den beiden Figuren, bei der nicht immer klar ist, wer hier die Mentorenrolle einnimmt und wer der Schüler ist.

Chirú Cover
© Karl Wagenbach Verlag

Die Erzählerin als realistische, greifbare Figur

Die Schauspielerin Eleonora ist 38, unabhängig und erfolgreich. In ihrem Leben scheint alles entschieden: Sie lebt allein und sehnt sich nicht nach eigenen Kindern. Im Gegensatz zur klischeehaften Emanze aus dem Hollywoodfilm wird Eleonora aber nicht als hartes, verbittertes Weib dargestellt, das im Inneren nur darauf wartet, dass doch noch ein netter Mann kommt und sie heiratet. Deshalb geht es (Gott sei Dank!) bei Chirú auch nicht darum, wie eine einsame Frau endlich doch noch die Liebe findet. Der junge Geigenstudent drängt sich ihr als Schüler auf. Sie sieht alle Mängel an dem 18-Jährigen, seine Naivität, seine Unreife, und bemitleidet ihn ein bisschen: „ich kam nicht umhin, (…) mich selbst zu erkennen, mein jüngeres und leichtfertigeres Selbst, bereit, sich an jedes Leben zu klammern, das auch nur ein wenig besser zu sein scheint als das eigene.“ (S. 20) Die steigende Anziehung zu dem jungen Mann versucht sie zu verdrängen. Was ich sagen möchte, ist: Eleonora wird als vielschichtige, manchmal irrationale Figur entworfen, mit einer glaubhaften Lebensgeschichte. Deshalb ist die Liebesgeschichte mit Chirú auch nicht Selbstzweck der Handlung. Das Seelentableau Eleonoras steht im Vordergrund. Darauf deuten auch die Bezeichnungen der einzelnen Kapitel als „Lektionen“ hin. Die Erzählerin gibt dem jungen Schüler Unterricht – befragt aber auch sich selbst ständig, wie sie zu dem wurde, was sie heute ist.

Erinnerungen an eine Emanzipation

Die Erlebnisse und Gespräche mit Chirú lassen in Eleonora immer wieder einzelne Erinnerungen an ihre Vergangenheit aufkommen. Diese Erinnerungsfetzen konstruieren Eleonora als runde Figur. Beim Besuch beim Herrenschneider, als Chirú lernt, die einzelnen Stoffsorten zu unterscheiden, muss Eleonora an die Funktion von Kleidung in ihrem eigenen Leben denken. Sie erinnert sich an ihre Pubertät und das Gefühl der Scham, das ihre Eltern ihr vermittelten, als ihr Busen zu wachsen begann. Sie musste fortan weite Kleider tragen, um ihre Formen zu verstecken, und wurde mit unterdrückter Aggression behandelt, als habe sie etwas Unschickliches getan. In Wirklichkeit war es „die Last seiner Lust“ (S. 82), die Eleonora mit 13 Jahren zu tragen lernt: die Lust der Männer, die sie anschauen, nicht zuletzt die ihres Vaters. Damit unterscheidet der Roman sehr schön zwei Entwicklungsgeschichten: Chirús im Jetzt und Eleonoras in der Rückschau, deren Kampf um einen Platz in der Gesellschaft vor allem ein Kampf gegen das unterdrückende Patriarchat war. Ihre Familie war von den Stimmungen ihres herrschsüchtigen Vaters bestimmt. In einem Halbsatz erfährt man, dass Eleonoras erster Akt als Erwachsene war, ihren Vater zu verklagen.

Eleonoras Scharfsicht bezieht sich nicht nur auf ihre Innenschau. Auch die äußeren Verhältnisse, die Gesellschaft, versteht sie punktgenau zu beobachten und zu analysieren. So weiß sie z.B. auch genau, welche beunruhigende Wirkung sie auf ihre Freunde ausübt, die im Gegensatz zu ihr das typische Gesellschaftsmodell von Familie und Einfamilienhaus leben. Die Gesellschaft will hören, dass sie unglücklich in ihrem Single-Dasein ist, „zu destabilisierend“ (S. 23) wäre die Erkenntnis, dass Zufriedenheit auch außerhalb der gesellschaftlichen weiblichen Norm „Ehefrau und Mutter“ möglich ist. Eleonora weiß aus eigener Erfahrung, „wie viel Lärm eine Gewissheit macht, wenn sie zerbricht“, (ebd.), auch eine sehr schöne Beobachtung.

Ein umgekehrtes Mentor-Schüler-Verhältnis

Besonders interessant fand ich auch die Umkehrung des Schüler-Mentor-Verhältnisses bei Chirú. Man denke an den Film Die Reifeprüfung. In der Popkultur unterweist eine reife Frau einen jungen Mann normalerweise nur in sexuellen Dingen. Die Einführung in die Gesellschaft erfolgt hingegen klassischerweise durch den Vater oder eine Vaterfigur. Hier führt Eleonora den Jungen in den Kulturbetrieb ein und bekommt dadurch etwas Männliches. Eleonoras Souveränität unterstreicht das noch. Chirú sieht ihr beim Verteilen von Höflichkeiten auf der Party eines Theaterproduzenten zu. Mit komischem Scharfblick errät sie seine Gedanken und formuliert damit ihre Strategie des gesellschaftlichen Umgangs: „Ich wusste, dass diese Liturgie der Verstellung kein schönes Schauspiel für ihn war, doch es war das einzige, das ich ihm bieten konnte in einem Kontext, in dem man wegen der verflochtenen Beziehungen von jeder Ehrlichkeit abraten musste.“ (S. 70)

Wer eine scharf analysierende Erzählstimme mag – auch ihre überhandnehmenden Gefühle für Chirú seziert Eleonora mit schmerzender Genauigkeit, die nur gegen Ende von Sentimentalität überschattet wird – dem wird auch der Roman gefallen. Er ist weniger wegen seiner Handlung als wegen seiner außergewöhnlichen Stimmung ein Lesegenuss.

*Michela Murgia: Chirú, Klaus Wagenbach Verlag 2017, übersetzt aus dem Italienischen von Julika Brandestini.

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Ein Gedanke zu „Chirú: Die Mentorin in der eigenen Falle

  • August 18, 2017 um 5:59 am
    Permalink

    Liebe Sabine,

    das klingt ja nach einer wirklich interessanten und vielschichtigen Lektüre, noch dazu verfasst in einem Stil, der auch mich schon mit dem ersten Satz eingefangen hat. Dieses Buch werde ich auf jeden Fall lesen – danke also, dass du es so überzeugend vorgestellt hast!

    Liebe Grüße,
    Myriam

    P.S. Ich finde die ganze Idee deines Blogs einfach nur großartig und freue mich schon darauf, mehr zu lesen!

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