Penny Dreadful: Aus Frankenstein wird Pygmalion

Die Serie Penny Dreadful zeigt den Klassiker Frankenstein in neuem Gewand. Der größenwahnsinnige Doktor möchte sich eine perfekte Gefährtin erschaffen. Was passiert aber, wenn sich Frankensteins Braut weigert, ihre Rolle zu erfüllen?

Penny Dreadful schafft es, zwei literarische Motive auf höchst spannende und intelligente Weise zu vermischen: Den Frankenstein-Stoff und den Pygmalion-Stoff. Ersterer überstrahlt letzteren natürlich um ein Vielfaches. Die Popkultur des 20. Jahrhunderts ist förmlich übersättigt von Frankenstein-Anspielungen, -Adaptionen und -Persiflagen. Angefangen beim Schwarz-Weiß-Filmklassiker von 1931 mit Boris Karloff als Frankensteins Monster bis hin zur Theater-Adaption Frankenstein von 2011 mit Benedict Cumberbatch und Jonny Lee Miller in den Hauptrollen gibt es unzählige Beispiele. Und es ist noch lange kein Ende in Sicht.

Mary Shelleys Frankenstein in neuem Gewand

Umso klüger versteht es Penny Dreadful, dem alten Motiv einen neuen Aspekt abzugewinnen. Ihr ahnt es: Es geht um die Erschaffung von „Frankensteins Braut“. Denn während die meisten Frankenstein-Adaptionen (genau wie das Original) die Frage stellen: Was darf der Mensch? Welche Verantwortung hat er gegenüber der Natur?, stellt Penny Dreadful die Frage: Was darf der Mann der Frau antun?

Der dramaturgische Quantensprung in Penny Dreadful

Man mag vom Horror-Genre halten, was man möchte, und auch Penny Dreadful hat seine dramaturgischen Schwächen. Was der Serie aber sehr gut gelingt, sind zwei Dinge. Sie erschafft zum einen eine unvergleichlich düstere Endzeitstimmung, wie sie ja auch in der Kunst dieser Zeit heraufbeschworen wird. Nicht umsonst wird diese kulturelle Epoche Décadence genannt. Außerdem schafft es die Serie, zugleich vier verschiedene literarische Vorbilder zu adaptieren – für die qualitativ beste halte ich die Adaption von Frankenstein. In jeder Szene merkt man, dass sich die showrunner intensiv mit den Buchvorlagen beschäftigt haben, sei es Dracula, The Picture of Dorian Gray, oder eben die Geschichte von dem größenwahnsinnigen Doktor. Moment, Frankenstein stammt doch aus der Epoche der Romantik? Gothic-Literatur spielte in England aber auch in der Décadence eine große Rolle. Daher fällt Frankenstein nicht aus der Reihe, obwohl der Roman schon 1818 veröffentlicht wurde.
Das Gute ist, dass die Serie alle Charaktere ernst nimmt. Es geht trotz gewollter Melodramatik nicht darum, möglichst viele Schocker einzubauen. Die Horror-Elemente illustrieren meistens nur die Charakterisierung einzelner Figuren. Dadurch werden die meisten Charaktere vielschichtig und gebrochen dargestellt statt eindimensional.

Die Neuerfindung Frankensteins in Penny Dreadful

Nehmen wir Victor Frankenstein selbst. In Penny Dreadful ist er nicht weniger ein Außenseiter als seine Kreatur: „My whole life, I was bound to live with exceptionality. I was not like my brothers, I was resolutely this disjointed thing, this freakish thing. So I came to celebrate what uniqueness I had”, erklärt er der Hauptfigur Vanessa Ives (Vgl. S2E6, Min. 18). Er fühlt sich aufgrund seiner Begabung und seiner Unfähigkeit, sich dem geregelten sozialen Leben anzupassen, von der Gesellschaft ausgestoßen. Zudem sieht er sich selbst den gewöhnlichen Wissenschaftlern überlegen. In seiner jugendlichen Hybris zählt für ihn nur das ganz Große: „There is only one worthy goal for scientific exploration. Piercing the tissue that separates life from death.“ (S1E1) Was dazu führt, dass er besessen ist vom Tod und dem Sezieren von menschlichen Leichen. Er sieht sich selbst als großer Revolutionär, steht aber trotzdem als belächelter Außenseiter da. Deshalb vergräbt er sich immer mehr in seine Arbeit. „No mystery too deep, no puzzle too complex.“ (S2E8) Seine Figur erfährt Tiefe, als man den vermeintlichen Grund für seine exzessive Beschäftigung mit dem Tod erfährt. Er war etwa zwölf Jahre alt, als seine Mutter an Tuberkulose starb. Fortan beschäftigte sich der verträumte Junge nicht mehr mit den Dichtern der Romantik – Keats, Wordsworth, Shelley – sondern mit Lehrbüchern der Anatomie.

Gleich zu Anfang der Serie wird aber deutlich, wie wenig sich Frankenstein tatsächlich von dem Kind weiterentwickelt hat, das die Welt der romantischen Dichter für wahr hält. Seine erste Schöpfung, in Shelleys Roman nur „the Creature“ genannt, kehrt in der zweiten Folge der ersten Staffel zurück. Jetzt schließen wir den Kreis zur Romanvorlage. Die Creature klagt Frankenstein schwer an, sie im Stich gelassen zu haben und macht sich in einem großartigen Monolog über die Weltfremdheit ihres Erschaffers lustig.

„No wonder you fled from me. I am not a creation of the antique pastoral world. I am … modernity personified. Did you not know that’s what you were creating? The modern age. Did you really imagine that your modern creation would hold to the values of Keats and Wordsworth?” (S1E3, Min. 6)

Die für den Frankenstein-Charakter typische Selbstüberschätzung und die feige Flucht vor seiner Verantwortung erregen Mitleid mit seiner Creature, aber auch mit dem verblendeten jungen Mann selbst. Von Anfang an sieht man hinter die arrogante Fassade der Figur. Übrig bleibt nur ein einsamer Außenseiter. Es passt, dass Frankenstein bei Penny Dreadful zum Junkie wird. Man sieht ihn wiederholt Morphium mit einer Spritze konsumieren. Denn eigentlich hat er nichts im Griff, was er glaubt, im Griff zu haben. Die Serie macht aus Frankenstein ein Geschöpf der Décadence, rücksichtslos und gebrochen zugleich, ähnlich wie Dorian Gray aus Oscar Wildes Roman.

Bronas Opfer in Penny Dreadful

Die Creature kehrt zurück, um von ihrem Schöpfer Genugtuung für das angetane Leid zu bekommen. Wegen ihrer Hässlichkeit von der Gesellschaft ausgestoßen, soll Frankenstein ihr eine Gefährtin erschaffen, um ihrer Einsamkeit ein Ende zu bereiten. Über einen Zufall erfährt Frankenstein von der schwindsüchtigen Prostituierten Brona. Sie wird zum geeigneten „Rohmaterial“ für sein Experiment.

Brona ist eine irische Prostituierte, die im Londoner East End lebt. Die Tatsache, dass sie an Schwindsucht leidet, reiht Brona in die Figuren der femme fragiles ein, ein beliebter literarischer Typus aus dem 19. Jahrhundert. Die femme fragile ist die Kehrseite der femme fatale: Schwach, leidend (meistens an Schwindsucht) und den Männern völlig ausgeliefert, die ihre Hilflosigkeit aber umso erregender finden. (Es gab tatsächlich, wie ja auch Vanessa Ives in Penny Dreadful berichtet, einen Handel mit Fotos von Frauenleichen in der Epoche der Décadence. Diese wurden als pornographisches Material an Männer verkauft. Das Morbide stand zu der Zeit hoch im Kurs.) Brona verkörpert in der ersten Staffel vor allem das schablonenhafte Abbild dieses Typus. Sie ist einfach eine bemitleidenswerte Frauenfigur, ein typisches Mitglied des verelendeten Proletariats, wie man es auch bei Dickens oder Hugo finden könnte. Interessant wird es, als Frankenstein sie in die Finger bekommt. Dann opfert sie ihr altes Ich für ein neues, das ihr Frankenstein auf den Leib schneidert. Wie sich herausstellt, ist dieses Opfer Unglück und Chance zugleich für Bronas Figur.

Bronas Wiederauferstehung als „Frankensteins Braut“

In Folge 1 der zweiten Staffel steht Bronas Verwandlung in Frankensteins Braut kurz bevor. Ihre Leiche liegt in einer Wanne voll Wasser in seinem Labor und sie trägt eine ominöse V-förmige Operationsnaht auf der Brust. Das Experiment ist allerdings keine lästige Pflichtübung für Frankenstein. Er spricht mit der toten Frau in der Wanne, streichelt sehnsüchtig ihre nackte Haut (Vgl. S2E1, Min. 29). Ich sehe hier eine ganz klare Parallele zum Pygmalion-Stoff. In Ovids Metamorphosen erschafft sich der Bildhauer Pygmalion eine Frauenstatue aus Elfenbein, weil er reale Frauen für lasterhafte Geschöpfe hält und deswegen ledig geblieben ist. Es wird dargestellt, wie auch Pygmalion eine erotisch-romantische Beziehung zu seiner Schöpfung aufbaut:

„Pygmalion bewundert sie [die Statue] und entbrennt mit dem Herzen in Liebe zu dem vorgetäuschten Körper. Oft legt er seine Hände (berührend) auf sein Werk, die versuchen, ob jenes ein Körper sei oder ob es Elfenbein sei, er bildet sich ein, dass es nicht mehr Elfenbein ist. Er gibt ihr Küsse, glaubt, dass sie zurückgegeben werden, spricht mit ihr, hält sie und er glaubt, dass sich seine Finger eindrücken auf die berührten Glieder …“  (Ovid: Metamorphosen, Vers 257.)

Am Ende der Folge wird Brona schließlich in einer dramatischen Szene zum Leben erweckt. Ein Sturm zieht auf, und Blitze schlagen in die Apparatur ein, die Frankenstein erfunden hat, um die Elektrizität in die Wanne zu leiten. Die Creature ist auch da, um die Geburt seiner zukünftigen Gefährtin mitzuerleben. So werden sie Zeuge, wie sich aus dem dampfenden Wasser langsam die nackte Gestalt von Brona erhebt. Bei Ovid braucht es göttliche Hilfe für die Erweckung der Statue:

„ … als Pygmalion nach Verrichtung der Opfers sich vor dem Altar aufstellte, sagte er: Meine Frau sei ähnlich der Jungfrau aus Elfenbein. Weil Venus, die Goldene, selbst bei ihrem Fest anwesend war, war sie sich bewusst, was jener Wunsch bedeutete. … Sobald er zurückkam, eilt jener zur Statue von seinem Mädchen und sich auf das Bett werfend gab er ihr Küsse – sie schien warm zu sein! …“

Frankenstein braucht hingegen nur seinen Intellekt und seinen Forscherdrang, um die tote Frau, in die er sich verliebt hat, zum Leben zu erwecken. Es geht hier um den absoluten männlichen Machtanspruch auf die Natur – und natürlich auf die Frau. Wozu sich um eine reale Frau bemühen, wenn er sich seine Wunschgefährtin einfach selbst erschaffen kann?
Im Romanvorbild von Mary Shelley hat der Protagonist allerdings Skrupel, die aus Leichenteilen zusammen gesetzte Frau zum Leben zu erwecken und so seiner Kreatur eine Gefährtin zu geben. Der literarische Frankenstein hat zum einen Angst, dass das unsterbliche Paar in seiner Rachsucht nur Böses über die Menschheit bringen könnte. Zum anderen überlegt Frankenstein: „She also might turn with disgust from him to the superior beauty of man; she might quit him, and he be again alone […].” (Mary Shelley: Frankenstein or The Modern Prometheus, Ware: Wordsworth Classics 1999, S. 127.) Der zukünftigen Gefährtin seiner Kreatur wird zumindest im Ansatz ein eigener Wille zugestanden. Der Frankenstein aus Penny Dreadful tut dies nicht, ebenso wenig sein Assistent, die Creature. Keiner von beiden thematisiert die Möglichkeit, dass Frankensteins Braut vielleicht keine Lust haben könnte, sich um ihren unsterblichen Bruder zu kümmern, nur weil sie zufällig der gleichen „Spezies“ angehören.
Die Frage, die ich mir in dem Moment natürlich gestellt habe, war diese: Kann dieser Plan aufgehen? Wird sich Brona als so gehorsam erweisen, wie die Männer es von ihr erwarten?

Ein weiterer interessanter Aspekt an Bronas Auferstehungsszene passt in dieses Bild. In einer Einstellung sehen wir die nackte Brona von hinten, Frankenstein und die Creature etwas versetzt von vorne, wie sie staunend zu der nackten Frau aufschauen. Diese steht nass und zitternd über ihnen wie auf einem Podest. Brona scheint von Anfang an das gefügige Opfer dieser beiden Männer zu sein, deren Blicken und Wohlwollen sie ausgeliefert ist. Hier fiel mir Laura Mulveys feministisches Essay „Visual Pleasure and Narrative Cinema“ über das „männliche Starren“ im Film von 1975 ein. Nach ihrer Theorie werden „Frauen in Filmen üblicherweise als das Objekt des Starrens gesehen, statt als Starrende“. Viele Hollywoodfilme nehmen also die Perspektive des männlichen Zuschauers ein und lassen für eine weibliche Perspektive keinen Platz. Ich finde, man kann diesen Ansatz für Bronas Auferstehungsszene durchaus heranziehen.

Lily Frankenstein in Penny Dreadful
© Showtime / BSkyB

Lily Frankenstein: Die perfekte Frau wird erschaffen

Zu Beginn geht es darum, das Experiment zu einem glücklichen Ende zu bringen. Sprich: Die verängstigte Frau muss wieder lebensfähig werden. Sie scheint ihre Erinnerung an ihr früheres Leben verloren zu haben. Noch in der ersten Szene ist Brona völlig hilflos und weicht ängstlich vor ihrem Schöpfer zurück, als er die Operationsnaht auf ihrer Brust begutachten will. Übrigens eine beklemmende Szene – Frankenstein hat seinen bizarren Assistenten weggeschickt, und ist jetzt allein mit seiner Schöpfung (S2E2, Min. 8). Wie zufällig lässt er seine Finger ein wenig zu lange auf ihrer Brust liegen, bevor er den Mantel über ihrer nackten Haut schließt. Erotische Spannung kippt um in Beklemmung. Diese wird auch von der getragenen Musik und den großen Kontrasten von Hell zu Dunkel in dieser Szene verstärkt. Denn Brona ist tatsächlich Freiwild für ihren Erschaffer, sie wird nicht als Geliebte, sondern als das gedemütigte Opfer gezeigt, das in der Falle sitzt.

Was hier angedeutet werden soll, ist die schier grenzenlose Macht, die die patriarchale Gesellschaft des Viktorianismus über die Frau ausübte. Diese Macht wird grotesk übertrieben durch die Verbindung des Frankenstein- und des Pygmalion-Motivs. Ein Mann, der scheinbar Angst vor der Gesellschaft und vor „normalen“ Frauen hat, erschafft sich einfach selbst eine passende Gefährtin aus einer menschlichen Leiche.

„The Rains In Spain“?

In der nächsten Szene ist die wiederauferstandene Brona schon mutiger und spricht inzwischen flüssig mit ihrem Mentor. Eine witzige Anspielung auf George Bernard Shaws Stück Pygmalion bzw. auf My Fair Lady leisten sich die showrunner, indem sie Frankensteins Verwunderung thematisieren, dass Lily so gut sprechen kann. „I sound like you. That makes sense, us being cousins. How else should I speak?“, fragt diese verwundert. “Eliza Doolittle“ hat in dieser Pygmalion-Fassung sehr schnell gelernt. Sie spricht von Anfang an feines Oxford-Englisch, während Brona noch breiten irischen Akzent verwendete, eine Tatsache, die Frankenstein überrascht. Dafür waren nicht mal Sprachübungen nötig à la „The Rains In Spain“.

Die Lilie, Symbol der Unschuld

Jetzt braucht Frankensteins neue Kreatur nur noch einen Namen. „Lily. Your name ist Lily. The flower of resurrection and rebirth.“ (S2E2, Min. 13), erklärt er der jungen Frau. Denn das ist der springende Punkt: Die neu erschaffene Frau braucht eine Identität, und Frankenstein braucht eine Gefährtin, ebenso wie seine Kreatur. So macht der Doktor aus der ehemaligen Straßenhure eine fein sprechende, sanftmütige Kindsfrau, ganz nach seinen romantischen Vorstellungen. Ihr Name, Lily, steht natürlich nicht nur für die Wiederauferstehung, sondern in der klassischen Kunstmetaphorik für die Reinheit, sprich die Unschuld. Die Lilie ist also ein Symbol für die keusche Jungfrau und damit das Idealbild der viktorianischen Braut – und Frankensteins Wunschvorstellung einer perfekten Partnerin.

Püppchen und devote Hausfrau

Indem der verklemmte Doktor seine Kreation Lily in seine Traumfrau verwandelt, erfährt der Zuschauer mehr über sein Frauenbild. Der Protagonist hat eine seltsam kindliche, verklärte Vorstellung von Liebe und Partnerschaft. Da wäre zunächst die Tatsache, dass er ihr vormacht, sie seien verwandt – Cousin und Cousine. Kenner des Romanvorbilds wissen natürlich, dass auch der originale Dr. Frankenstein seine Cousine heiratet. Trotzdem geht es hier um mehr als um Authentizität gegenüber dem Vorbild. Frankenstein will nicht nur eine naive Jungfrau, er will eine kindliche Spielgefährtin als eine Art Mutter- oder Schwesterersatz. Das wird z.B. an der Haarfärbe-Szene deutlich. Frankenstein färbt Lilys Haar blond und gibt zu, er habe blonde Frauen immer bewundert: „They always seemed kinder. Like angels.“ (S2E3) In einer Rückblicks-Szene hat der Zuschauer auch Frankensteins Mutter mit hellem Haar gesehen. Was er mit dem Haarefärben bezweckt, ist leicht zu durchschauen. Reale, erwachsene Frauen machen ihm Angst, weswegen er seine Schöpfung in ein blondes, niedliches Püppchen verwandelt. Vor ihr braucht er so keine Angst zu haben, sie ist sozusagen „gezähmt“.

Zu ihrem mädchenhaften Aussehen entwirft Frankenstein außerdem eine passende Vergangenheit. Er fabuliert über eine romantische Kindheit, die sie angeblich zusammen verbrachten. Ganz besonders wichtig scheint ihm die Geborgenheit zu sein, die er mit seiner fiktiven Cousine teilte. Dazu erzählt er die Geschichte, dass Lily als Kind immer zu ihm ins Bett gekommen sei, wenn nachts ein Gewitter wütete. „We never slept. We clung together until the storms passed“, erzählt er mit einem in sich gekehrten Lächeln. Mit dem Ödipus-Komplex muss ich hier gar nicht erst anfangen.
Zur idealen viktorianischen Ehefrau gehörte natürlich auch ihre absolute Abhängigkeit von ihrem Ehemann. Eine Frau sollte vor allem zu Hause bleiben und sich um Haushalt und Kindererziehung kümmern – die reale Welt draußen überforderte sie. Ihr Mann erledigte ja alles für sie. Auch in diesem Punkt stimmt Lily mit dem Typus der bürgerlichen Ehefrau überein, die sich Frankenstein zu wünschen scheint. Der Gedanke an das reale Leben außerhalb Frankensteins Labor jagt ihr Angst ein, sie bricht in Tränen aus und sucht Schutz bei ihrem „Cousin“, von dem sie nicht weiß, dass es ihr Erschaffer ist. „Cousin, teach me. I am at your mercy.“ (S2E2, Min. 13:55).

Meine Lieblingsszene: Lily wird eingekleidet

Lasst mich noch einmal kurz auf den Pygmalion-Mythos eingehen. In der antiken Fassung in Ovids Metamorphosen erschafft sich der Bildhauer Pygmalion eine perfekte Mädchenstatue aus Elfenbein. Von realen Frauen hat er sich enttäuscht abgewandt, denn diese stellen für ihn alle verworfene Geschöpfe dar:

„Weil Pygmalion gesehen hatte, dass sie ihre Lebenszeit durch Verbrechen verbrachten und weil er erzürnt war über die Fehler (= Laster), die die Natur dem weiblichen Geist reichlich gegeben hat, lebte er ohne Ehefrau ledig und entbehrte lange einer Gefährtin des Ehebetts. (Vers 243)“

Ich habe bereits erwähnt, dass Frankenstein als arroganter Zeitgenosse dargestellt wird, der sich aufgrund seiner Intelligenz anderen Menschen überlegen fühlt. Pygmalion fühlt sich zwar moralisch überlegen, aber das passt ja wiederum zu den Ansprüchen, die auch Frankenstein an seine Gefährtin stellt. Sie soll rein und unschuldig sein, und nicht wie normale Frauen, die eben auch Laster haben. Pygmalion verliebt sich in seine Kreation und beginnt, die Statue einzukleiden, so groß ist sein Wunsch, sie möge lebendig werden:

„Er schmückt auch mit Gewand die Glieder, gibt ihren Fingern Ringe und lange Ketten um den Hals. Leichte Perlen hängen von den Ohren und Kettchen auf der Brust: Alles steht ihr gut – doch nackt scheint sie nicht weniger schön zu sein.“

In einer großartigen Szene wird nun auch in Penny Dreadful Lily von ihrem Erschaffer eingekleidet. Der Dialog und die Interaktion der Charaktere in dieser Szene ist natürlich das wirklich Interessante daran, nicht das Einkleiden an sich.

Der letzte Schliff an „Frankensteins Braut“

Die Szene steigt damit ein, dass Frankenstein, halb abgelenkt von seiner Arbeit, in seinem Labor auf und abgeht und sich mit anderen Dingen beschäftigt, während er mit Lily spricht, die sich hinter einem Vorhang umzieht. Der Zuschauer wartet, gleichermaßen gespannt, auf Frankensteins fertige Kreation. Die junge Frau beschwert sich beim Anziehen über die Enge des Korsetts. „I can barely breathe.“ Dafür hat ihr Erschaffer nur den oberlehrerhaften Kommentar übrig: „I think that’s meant to be the point. Ladies aren’t supposed to exert themselves.“ (S2E4, Min. 32). Frankenstein hat ohne Probleme die typische Rolle des viktorianischen Patriarchs angenommen. Der Konflikt zwischen seinen Vorstellungen, wie eine Frau zu sein hat, und Lilys beginnender Rebellion dagegen, treiben diese Szene an. Lily hat bereits viel mehr Selbstbewusstsein angenommen als in den Szenen zuvor. So macht sie sich zum Beispiel über ihren Erschaffer lustig, in dem sie fragt, ob er ihr vielleicht auch das
Gehen im Korsett beibringen werde. Er bekommt die Spitze nicht mit und gibt nur zurück: „I’ll do my best.“ Dann erscheint Lily, fertig verwandelt in eine viktorianische Kindsfrau: Welliges blondes Haar, lange Wimpern, adrett in weiße Spitze gekleidet. Sie steht leicht erhöht – wie Pygmalions Statue auf einem Podest – sodass ihr Erschaffer bewundernd zu ihr aufschauen kann. Sie kann sich, vom Korsett eingeschnürt, nur ganz langsam bewegen, und er muss ihr beim Gehen helfen, ganz gentlemanlike. Zugleich hilft er ihr bei ihren ersten Schritten, als wäre sie sein Kind. Frankenstein stellt sein „Püppchen“ auf eine Kiste, damit er den Saum ihres Rocks ändern kann – er nimmt sozusagen den letzten Schliff an seiner Kreation vor.

„All we do is for men“

Aber Lily will sich nicht mit der Schablone zufriedengeben, in die Frankenstein sie presst. Sie fragt weiter: „So women wear corsets so they don’t exert themselves?“ – „Partly.“ – „What would be the danger if they did?“ Frankenstein entgegnet darauf halb im Scherz: „They would take over the world.“ Er formuliert, ganz nebenbei, die viktorianische Rollenordnung der Geschlechter: „The only way we men prevent that is by keeping women corseted – in theory – and in practice.“ Für ihn ist es eine Bemerkung im Scherz, aber eigentlich spricht er die grausame Wahrheit aus. Das ist dem Zuschauer klar, und das scheint auch Lily klarzuwerden, die immer ernster wird. Er versucht noch, diese Wahrheit abzuwiegeln: „They are meant to flatter the figure.“ – „To a man’s eye, anyway“, gibt Lily zurück, und fasst damit ihre ganze Desillusionierung zusammen. Sie spricht das aus, was ihr Erschaffer gern beschönigt oder ganz verschwiegen hätte: „All we do is for men, isn’t it? Keep their houses, raise their children, flatter them with our pain.” Die Kamera ist genau auf Höhe ihres Gesichts und fängt so ganz genau ihr Minenspiel ein. Billie Piper spielt das beginnende Selbstbewusstsein der naiven Lily, indem sie sie entschlossen und ernst, beinahe kalt zeigt. Frankenstein steht hinter ihr, wie vom Donner gerührt. Diesen Angriff scheint er nicht erwartet zu haben. Er windet sich in Verlegenheit, als Lily ihn zwingt, die Wahrheit auszusprechen: „Does this corset flatter me?“ – „Yes.“ Lily fordert ihn weiter heraus: „Do you want me to wear it?“ Frankenstein bricht die Spannung, indem er ihr schnell versichert, sie müsse das Korsett nicht tragen, nur um seiner Eitelkeit zu schmeicheln. Lily reagiert auf seine Bestürzung wieder mit der gewohnten niedlichen Unterwürfigkeit.

Lily gewinnt die Oberhand

Ich sehe in dieser Szene aber eine klare Umkehrung der Machtverhältnisse zwischen den beiden Charakteren. Lily hat gezeigt, dass sie Durchblick hat und dass mehr in ihr steckt als ein devotes Püppchen. Zum ersten Mal begehrt sie gegen das Leben auf, das ihr Erschaffer ihr angedacht hat. Sie weigert sich, ihn als Herrn und Meister anzuerkennen, wie es die Jungfrau aus Elfenbein im Pygmalion-Mythos tut. Frankensteins Selbstsicherheit wiederum kippt um in rührende Unbeholfenheit. Er fürchtet sofort um ihre Zuneigung. Weniger grausam ist sein Verhalten dadurch nicht. Die traurige Erkenntnis bleibt für Lily, dass sie in eine Rolle gesperrt wird, die ihr jede persönliche Freiheit nimmt. Die Szene wächst dadurch über eine einfache Liebesszene hinaus und erlangt gesellschaftskritische Dimension. Ich habe an dieser Szene auch geliebt, dass sie ohne jegliche Filmmusik auskommt und sich dadurch ganz auf die psychologische Dynamik der Figurenbeziehung konzentriert. Eine Frau schafft es, einem Mann den Spiegel vors Gesicht zu halten. Der Kunstgriff ist dabei, dass sowohl Lily als auch Frankenstein sich nicht in ein Rollenklischee pressen lassen. Beide sind Opfer und Täter zugleich.

Lilys Triumph

Lilys Täterschaft wird später deutlich. Zunächst scheint Lily auf ewig dazu verdammt, als Projektionsfläche von Männerwünschen herzuhalten. Die Creature versucht in der nächsten Folge nämlich ebenfalls, ihren Anspruch auf Frankensteins letzte Schöpfung geltend zu machen. Und auch er hat eine Rollenzuschreibung für Lily parat: Sein Verständnis von Liebe ist es, endlich von einem Menschen angenommen zu werden. Ebenso wie Frankenstein entwirft er eine fiktive Vergangenheit, die er und Lily angeblich zusammen erlebt haben. Darin wird Lily zu seiner mutigen Verteidigerin, die ihn vor dem Spott der Menschen schützt (Vgl. S2E5).

Während Frankenstein die emotionale Verwicklung zu seinem „Versuchsobjekt“ über den Kopf wächst, nimmt Lily immer mehr den selbstbewussten Part in der Beziehung ein. Sie verführt Frankenstein ironischerweise in einer stürmischen Gewitternacht, als sie (scheinbar) ängstlich zu ihm ins Bett kriecht (Vgl. S2E5, Min. 51). Sturm und Blitze stehen in der Frankenstein-Metaphorik von jeher für den Schaffensprozess. Es ist aber hier Lily, die Victor Frankenstein erschafft. Zumindest führt sie ihn in die Welt der Erwachsenen ein. Denken wir an den Pygmalion-Mythos zurück, so nimmt er jetzt die Rolle der „errötenden Jungfrau“ an.

Lily entzieht sich aber schließlich beiden Männern, Frankenstein und der Creature, sodass eine mögliche Dreiecksgeschichte gar nicht erst zustande kommt. (Danke, Penny Dreadful, für die Auslassung dieses Klischees!) In einem wahrhaft furchteinflößenden Monolog, der mehrere Minuten dauert, offenbart sie in Folge 8 ihr wahres Ich. Die abgewiesene Creature versucht wütend, Lily zur Rede zu stellen, er fühlt sich betrogen von ihr: “What I want I cannot have! You are incapable of it!” Sie entgegnet mit triefendem Sarkasmus: “Yes, I know. You want to walk in the village and hold my hand. And when people are cruel, you want me to love you even more.” In diesem Moment hält die Kamera auf das überraschte Gesicht der Creature und fokussiert dann auf einen geborstenen Spiegel, der neben ihr hängt. Lily spiegelt sich fünf, sechs Mal darin. Die symbolische Zersplitterung ihrer Persönlichkeit wird damit angedeutet. Brona Croft gewinnt die Überhand – oder vielleicht könnte man auch sagen, Lily regrediert wieder zu Brona – sodass die Maske der Wohlerzogenheit von ihr abfällt. Die ganze Wut einer armen, misshandelten Straßenhure bricht aus ihr hervor:

“We flatter our men with our pain. We bow before them. We make ourselves dolls for their amusement. We lose our dignity in corsets and high shoes and gossip and the slavery of marriage! And the reward for our service? The back of the hand. The face to the pillow. The bloody aching cunt as you force us onto your beds to take your fat, heaving bodies!” (S2E8, Min. 41)

Spätestens hier wird Lily (und mit ihr Billie Piper) zum heimlichen Star der Serie. Sie rastet völlig aus, schluchzt, schlägt die Creature zu Boden. Triumphierend steht sie schließlich über dem entsetzten Mann: „Never again will I kneel to any man. Now they shall kneel to me. As you do, monster.” Im nächsten Moment kippt ihre Stimmung wieder um und sie fängt an, die Creature zu verführen. Aus dem Zwitterwesen Lily/Brona wird ein gewissenloses Monster, das sich an der gesamten Menschheit rächen will. „We were created to rule, my love. And the blood of mankind will water our gardens.” Der Zuschauer hatte es bereits geahnt – ihre Hilflosigkeit hat die junge Frau nur gespielt, um ihren Erschaffer zu manipulieren. Lilys Rache an ihm wird zur Rache an der ganzen Männerwelt.

Wer ist hier das Opfer?

Ich denke, mit Lilys Figur stellen die showrunner von Penny Dreadful ein wunderbares Verwirrspiel mit den typischen weiblichen Rollenklischees der Décadence an. Die beiden Gegensätze „Hure und Heilige“ werden untrennbar miteinander verwoben. So wird aus einem Typus eine authentische Frauenfigur, die an den Erwartungen und Repressionen ihrer männlich dominierten Umwelt zerbricht und schließlich zurückschlägt. Fast könnte einem der einfältige Doktor leidtun, der am Ende der Staffel entdecken muss, dass seine „zarte Jungfrau“ ihre Unwissenheit nur gespielt hat, um sich für seinen Egoismus zu rächen. „You were so … sublimely malleable” (S2E9, Min. 34), verspottet Lily ihn bei ihrer letzten Konfrontation. Die Grenzen von Opfer- und Täterrolle verschwimmen hier ebenso wie die klassisch zugeschriebenen Geschlechterrollen.

Was meint ihr zu dieser Version von „Frankensteins Braut“? Fandet ihr meine Analyse schlüssig?

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