Warum ich Jane Austen jeder Feministin empfehle

Heute vor 200 Jahren ist Jane Austen gestorben. Sie nur als modernes Kitsch-Phänomen zu sehen, halte ich für zu kurz gegriffen. Obwohl es in ihren Romanen vordergründig nur darum ging, ihre Heldinnen vorteilhaft zu verheiraten, hatte sie auch eine Agenda. Indem sie die oftmals traurige Lebenswelt ihrer Frauenfiguren darstellte, die von Männern abhängig waren, übte sie Kritik am Geschlechterverhältnis ihrer Zeit. Darum unterstelle ich Jane Austen feministische Tendenzen.

Jane Austens  lebte in einer Zeit des extremen gesellschaftlichen Umbruchs, von dem allerdings nur wenig in ihren Romanen spürbar war. Die Kritik an ihrem Werk lautet deshalb meist, dass sie die politischen Wirren ihrer Zeit „aus Faulheit“ unterschlagen hätte. Gern wird sie in der Folge als beschränkte Kitsch-Autorin abgetan. Liest man Austens Werke, wird aber klar, dass es gar nicht anders sein kann: Sie konzentrierte sich allein auf die begrenzte Lebenswelt von Frauen einer bestimmten Gesellschaftsschicht. Das heißt aber nicht, dass Austen auf diesem beschränkten Raum nicht ebenfalls Platz gefunden hätte, gesellschaftliche Missstände ihrer Zeit zu thematisieren, allen voran die erzwungene Passivität von Frauen.

Jane Austen Mr. Darcy Anne Elliot
© Wikimedia Commons

Jane Austens Welt ist uns gar nicht so fremd

Unsere Welt ist der Welt von Jane Austen ähnlicher, als wir denken. Natürlich ist die Lebenswelt der Austenschen Heldinnen – der englische Landadel von vor 200 Jahren – grundverschieden von unserer Lebensrealität. Zuweilen erscheinen ihre Settings übertrieben brav und idyllisch, die Probleme der Charaktere für heutige Leser läppisch. Aber was Jane Austen sehr deutlich gespürt hat, war die Ungerechtigkeit, die Frauen ihrer Gesellschaftsschicht viel zu oft widerfahren ist. Und diese Ungerechtigkeit hat sie stets in ihren Werken thematisiert. Bei Austen geht es um die totale Abhängigkeit der Frauen – vom Geld, von Männern, von unliebsamen Verwandten. Heute haben Frauen zwar ein eigenes Einkommen und werden mit der Heirat nicht zum Besitz ihrer Ehemänner. Viele Probleme werden dennoch allein auf ihren Schultern abgeladen, ein Beispiel: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bleibt meist ein weibliches Problem. Frauen mögen anno 1817 andere Kämpfe ausgetragen haben als Frauen heutzutage. Dennoch kann man sich auch als moderne Frau in Jane Austens Heldinnen wiederfinden.

Jane Austen – nur ein Popkulturphänomen?

Ich halte es daher für zu kurz gegriffen, in Jane Austen nur ein popkulturelles Phänomen zu sehen, das die Aschenputtel-Phantasien der Teenagerinnen dieser Welt bediente. Das hat sie zweifellos getan. Vor 22 Jahren lief die berühmte Serienadaption von Pride and Prejudice mit Colin Firth im britischen Fernsehen (die bis heute unter Hardcore-Fans als die einzig wahre Verfilmung des Romans gilt). Seitdem wurde Jane Austens literarische Welt zur Popkultur, zum Synonym für Romantik und Historienliebesfilme. Zahlreiche Adaptionen und Parodien belegen den großen Einfluss ihrer Stoffe. Wir tendieren aber dazu, Kostümfilme in einem verharmlosenden Licht zu sehen (dazu haben sicher die Sissi-Filme und auch die kitschige Ästhetik der Vom Winde verweht-Verfilmung beigetragen). Frauen in Häubchen und Männer mit Zylindern = rosarote Jungmädchenromantik. So schön und entspannend diese Ästhetik sein kann: Jane Austen ging es um knallharte Konflikte, in denen ihre Frauenfiguren steckten.

Pride and Prejudice Bus London
© Wikimedia Commons

Das Happy End bei Jane Austen

Bleibt natürlich der berechtigte Einwand des Happy Ends. Ja, in Stolz und Vorurteil, Emma usw. erleben die Heroinen immer ein Happy End, das aus einer Liebesheirat besteht – bequemerweise stets mit einem reichen Mann. Doch meiner Meinung nach ist bei Austen der Weg das Ziel, das Happy End ist nur noch das i-Tüpfelchen. Ihre Heldinnen werden mit dem Happy End dafür belohnt, dass sie sich ihre Unabhängigkeit und ihre moralische Integrität bewahrt haben. Die Rollenverteilung der Geschlechter wird damit natürlich nicht in Frage gestellt. Denn es ist immer noch der Mann, der die Frau aus ihrer Misere rettet und die vorteilhafte Ehe bleibt bei Jane Austen der Zweck des weiblichen Lebensentwurfs. Doch daran wird auch Kritik geübt – wie bei Überredung, auf Englisch Persuasion, dem letzten vollendeten Roman Jane Austens.

Die „alte Jungfer“ in Überredung

Austens spätes Meisterwerk befasst sich mit einem traurigen Typus der Literaturgeschichte: der alten Jungfer. Hatte eine Frau einmal ihre Zeit verpasst (das war mit Ende 20 der Fall), musste sie auf ewig allein bleiben, heimlich verhöhnt und nicht selten nur widerwillig als Kostgängerin bei Verwandten geduldet. Denn wer sollte eine Frau ernähren, wenn nicht ihr Ehemann? Und wer war wohl schuld an ihrer Ehelosigkeit, wenn nicht die Frau selbst? Die verbitterte alte Jungfer war im 19. Jahrhundert ein beliebter Topos für Satire-Blätter – und wurde immer wieder gerne als lächerliche Nebenfigur in der Literatur abgehandelt, man denke z.B. an Miss Havisham aus Charles Dickens‘ Große Erwartungen. Dass Jane Austen als Protagonistin eine alte Jungfer einsetzt, eine Frau, die die Blüte ihrer Jugend schon hinter sich und ihre Chancen verpasst hat, spricht für die These ihres frauenrechtlichen Engagements – zumindest in ihrem begrenzten Rahmen.

Anklage von Doppelmoral in Überredung

Die feministische Tendenz offenbart sich in Überredung daher in der Ungerechtigkeit gegenüber Frauen und der gesellschaftlichen Doppelmoral, die die Protagonistin Anne Elliot zu spüren bekommt. Vor acht Jahren ließ sie sich dazu überreden, ihre Verlobung mit dem mittellosen Marineoffizier Captain Wentworth zu lösen. Diese Entscheidung bereut sie seither. Die traurige Ironie des Plots besteht aber darin, dass Captain Wentworth inzwischen ein Vermögen gemacht hat, Annes alteingesessene Familie aber durch die Verschwendungssucht ihres Vaters kurz vor dem Ruin steht. So hat Anne nicht nur ihrer Familie zuliebe eine glückliche Beziehung aufgegeben – sie hat es, wie sich herausstellt, auch noch umsonst getan.

Das traurige Schicksal eines jungen Mannes, dessen Verlobte verstorben ist, schätzt Anne daher nicht als aussichtslos ein: „‘And yet’, said Anne to herself (…) ‘he has not perhaps a more sorrowing heart than I have. I cannot believe his prospects so blighted for ever. (…) He will rally again, and be happy with another.’“ (Persuasion, S. 70). Diese Chance hat Anne nicht, der Makel der alten Jungfer haftet an ihr, obwohl sie erst 27 Jahre alt ist. Die dargestellte Gesellschaft misst hier mit zweierlei Maß. Für den Mann, der seine Liebste verliert, bringt sie großes Mitleid auf, für die alte Jungfer, die ebenso wenig durch eigene Schuld in ihre Lage geraten ist, und obendrein aus eigener Kraft nichts an dieser Lage ändern kann, hat sie nur Verachtung übrig. Bestes Beispiel dafür ist Captain Wentworth selbst, den Anne nach acht Jahren wiedersieht. Er straft Anne mit „cold politeness“ (S. 52), um sie spüren zu lassen, dass er ihr immer noch die volle Schuld an ihrer Trennung gibt. Sie sei zu schwach gewesen, um zu ihm zu stehen. Dass Frauen nach damaligen Maßstäben nichts anderes zu tun haben, als sich von ihrem Umfeld leiten zu lassen, scheint er zu vergessen.

Persuasion Jane Austen Illustration
Anne Elliot und Captain Wentworth, © Wikimedia Commons

Feminismus bei Jane Austen

Die Frustration über diese Ungerechtigkeit blitzt immer wieder in Annes inneren Monologen auf. In einer (beinahe) konsequenten Innenschau auf Anne – revolutionär für Austens Erzählstil – zeigt der Roman die Einsamkeit und das heimliche Leid der Protagonistin auf. Denn natürlich darf sie sich ihr Unglück nicht anmerken lassen, darf nicht aufbegehren gegen Wentworths ungerechtfertigten Zorn.

Am Ende des Romans geht Jane Austen sogar so weit, ihrer Heldin einen beinahe anklagenden Ton in den Mund zu legen. Wer immer feministische Tendenzen in Austens Werk sucht, findet sie hier in Reinform. Im Gespräch mit einem Marinekamerad von Captain Wentworth steht Anne dafür ein, dass Frauen viel länger lieben als Männer, auch wenn das Objekt der Begierde nicht (mehr) zurückliebt. Das sieht sie aber als traurigen Umstand an, nicht als Tugend ihres Geschlechts: „We cannot help ourselves. We live at home, quiet, confined, and our feelings prey upon us.“ (S. 164). Auf Captain Harvilles halb scherzhaften Einwand, dass die ganze Weltliteratur vom Wankelmut der Frau Zeugnis ablegt, entgegnet Anne, dass diese nur von Männern verfasst wurde und daher nicht als Beweis für das Wesen der Frau dienen kann: „Men have had every advantage of us in telling their own story. Education has been theirs in much higher a degree; the pen has been in their hands. I will not allow books to prove anything.“ (S. 165)

Noch Fragen?

Ich hoffe, ich konnte klarmachen, worum es mir ging: Jane Austens Welt kann man als romantischen Eskapismus sehen, und ganz ehrlich, ich stehe auch darauf, mich ab und zu in einer Aschenputtel-Fantasie zu verlieren. Mr. Darcy ändert sich allein für mich! Hach! Usw. Aber dabei kann man es nicht belassen. Jane Austens Verdienst ist es, eine konsequent weibliche Sicht auf ihre Zeitgenossen, ihre moralischen Werte und Gebräuche zu geben. Dabei nimmt sie immer die selbstgerechte Männerwelt aufs Korn oder verurteilt sie sogar. Daher möchte ich sie als Feministin der ersten Stunde bezeichnen.

Jane Austen: Persuasion, New York u. London: Norton 2013. Auf deutsch erschienen u.a. als Überredung im Reclam-Verlag 2007.

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18 Gedanken zu „Warum ich Jane Austen jeder Feministin empfehle

  • Januar 13, 2018 um 5:38 am
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    Hallo Sabine,

    ich bin auf der Suche nach starken Frauenfiguren in der Literatur auf Deine Seite gestoßen, tolle Beiträge und Gedanken!
    Für ein zukünftiges Kalenderprojekt suche ich 13 Protagonistinnen aus Romanen oder Erzählungen. Obwohl ich sehr gerne Bücher mit „starken“ Frauenrollen lese, ist mir beim Nachsinnen erneut aufgefallen, dass es trotz meiner Präferenz auch mir leichter fallen würde, dementsprechend viele bedeutsame männliche Charaktere aufzulisten.
    Von vornherein war Eliza Bennet in meiner Liste. Tatsächlich war es die von Dir erwähnte BBC-Fernsehadaption mit Colin Firth, die mich, im besten Teenageralter, für Jane Austen und später für andere Literatur in ihrer Tradition begeisterte. Ohne es aussprechen zu können, fühlte ich schon damals, dass diese Erzählung viel mehr bedeutete als das von meiner Mutter abschätzig Geäußerte: „den Richtigen finden“, später begriff ich, dass all diese Frauen mit ihren verschiedenen Lebensentscheidungen alle Produkte dieser Zeit waren, von der hysterischen Mutter über die vernünftige Charlotte und die flatterhafte Lydia, und dass eine „Liebesheirat“, die Eliza am Ende erreicht – vielmehr eine Ehe, bei der sich die Partner auf Augenhöhe begegnen, wahrscheinlich die einzige Form war, in der eine Frau sowohl eine gewisse Freiheit gewinnen konnte als auch gesellschaftlich anerkannt wurde.
    Bezeichnender Weise sind in der deutschen Literatur dieser Zeit weder weibliche Schriftsteller noch herausragende weibliche Rollen zu finden, obwohl es mit Droste-Hülshoff oder der Günderrode durchaus herausragende Dichterinnen hatte. Aber Romane, Erzählungen oder Novellen, die heute noch von Bedeutung wären?

    Hier übrigens der Rest meiner momentanen Liste:

    Kassandra – Christa Wolf. Wie die meisten Werke von ihr unglaublich stark und weiblich. (Interessant auch dazu „Die Feuer von Troja“, auch ein Kassandra-Roman, von Marion Zimmer-Bradley, die es geschafft hat, feministische Trivialliteratur zu schreiben, stark beeinflusst von der sexuellen Befreiung und der Frauenbewegung der 60/70ger.)
    Wer Christa Wolf nicht kennt: Ihr Stil ist anspruchsvoll. Da die Form der Erzählung „Kassandra“ der innere Monolog ist, hilft ein Wissen über die Mythen und Götter der Antike, die Vielzahl der auftauchenden Personen einzuordnen.

    Effi Briest – Fontane. Ich bewundere Fontane dafür, dass er seine Heldin nie wertet und ihr wirklich eine Stimme verleiht, auch wenn sie am Ende an der Moral ihrer Zeit scheitert.

    Jane Eyre – Ch. Brontë.

    Emilia Galotti – Lessing. Wahrscheinlich die erste selbstbestimmte und titelgebende, bekannte Frauenrolle in der deutschen Literatur.

    Cundri – Parzival, Wolfram v. Eschenbach. Cundri, die hier wie ein Vorbild für alle märchenhaften Hexencharaktere erscheint, zeigt das Dilemma der Frauen in der Antike und Urzeit – selbstbestimmt zu leben, reflektieren, (politische) Wahrheiten zu verkünden konnte man nur unter dem Mäntelchen der Verrückten, darin ähnelt die Figur verblüffend der Kassandra.

    Mrs Dalloway – Virginia Woolf. Wieder eine Engländerin, zu der Zeit hat sich in deutscher Sprache immer noch keine bedeutende Frauenstimme gefunden. Orlando von V.W. kenne ich nur als Film, mit der großartigen Tilda Swinton, sehr beeindruckend. Ich habe vor der Lektüre von V.W. erst „The Hours“ gelesen (bzw. den Film gesehen), was sehr gut war.

    Wally – K. Gutzkow, Wally, die Zweiflerin. Obwohl mir die titelgebende Protagonistin etwas unsympathisch war, sie versucht’s wenigstens, ihr Leben so einzurichten, wie sie möchte. Um 1835 war es bestimmt nicht leicht, Frau zu sein.

    Clara – Das Geisterhaus, Isabel Allende. Magischer Realismus, schon darum gut. Außerdem auch ein packender Einblick in die Geschichte Chiles.

    Rut – Buch Ruth, Altes Testament. Von allen Frauenfiguren in der Bibel finde ich sie am interessantesten: sie unterwirft sich selbstbestimmt, jedoch nicht ihrem Mann, sondern, als Witwe, ihrer Schwiegermutter und dem angenommenen Glauben.

    Helen Memel – Feuchtgebiete, Charlotte Roche. Ich bin mir bis heute nicht sicher, was ich von diesem Roman, den ich vor 10 Jahren gelesen habe, halten soll. Aber er ist mir in Erinnerung geblieben.

    Allerleirauh – Grimms Märchen. Eines meiner liebsten Märchen, die am Anfang des Märchens durch den König seiner Tochter angeordnete Vaterehe ist von den zahlreichen Grausamkeiten, die in Märchen vorkommen, eine der realistischsten und daher fand ich sie immer weitaus bedrohlicher als zB einen mädchenfressenden Wolf. Außerdem ist das Mädchen aktiv handelnd und nicht so dümmlich passiv wie Schneewittchen.

    Bin offen für weitere Ideen. 🙂

    Viele Grüße und Danke für den Blog, Katharina

    Antworten
    • Januar 13, 2018 um 1:13 pm
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      Hi Katharina,
      vielen Dank, freut mich, wenn dir meine Beiträge gefallen!
      Cooles Projekt – mir fallen jetzt spontan noch Madame Bovary und Scarlett O’Hara ein und bei der „populären“ Literatur Katniss Everdeen. 🙂
      Bei Effi Briest und Emilia Galotti muss ich dir leider widersprechen 😉 Ja, Fontane schildert die Ungerechtigkeit, die Effi wiederfährt. Trotzdem bleibt sie die leidende Frau, der Hauptkonflikt im Roman ist meiner Meinung nach Innstettens Konflikt mit sich, ob er ein Duell machen soll oder nicht. Die Perspektive bleibt sehr männlich.
      Die Galotti hab ich nicht gelesen. Aber lässt sie sich nicht am Ende von ihrem Vater umbringen, weil sie befürchtet, sie könne dem Prinzen nicht widerstehen, wenn er sie verführen will? Das klingt für mich wenig selbstbestimmt. (Aber wie gesagt, ich hab es nicht gelesen.)
      Oh jaaa, über Allerleirauh hab ich neulich auch nachgedacht! Das ist wirklich eine tolle Frauenfigur, gerade für das Märchen-Genre!
      Auch danke für deine restlichen Anregungen, die Wally und die Kassandra hatte ich nicht auf dem Schirm. 🙂

      Antworten
      • Januar 13, 2018 um 10:04 pm
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        Na, dann wäre ich gespannt, was Du zu Wally sagst. Klar muss man sagen: Beide Romane wurden eben im 19. Jh von Männern geschrieben, und auch die Emilia Galotti war ja von Lessing. Man könnte sagen, dass es im Decameron selbstbestimmtere Frauenfiguren gab, wobei da viele der Figuren ja auch Abziehbilder bleiben.
        Ich glaube, man kann einem von einem Mann geschriebenen Buch nicht vorwerfen, dass die Perspektive männlich ist. Aber der Roman beginnt und endet bei Effi, nicht bei Instetten, und, was ich wesentlich finde, die Ursachen ihres Leidens werden nicht den Eigenheiten ihres Geschlechts zugeschrieben, sondern den Umständen unter denen sie Frau wurde und sein muss: Der mangelhaften Erziehung durch ihre Eltern, dem unsensiblen Umgang Instettens, der keine Ahnung von den Gefühlen und Wünschen einer jungen Frau hat, der Gesellschaft, die eben im ausgehenden 19. Jh. so ist wie sie ist. Und da in der deutschen belletristischen Literatur bis zu dieser Zeit (und noch einige folgende Jahrzehnte) eben die Frauenstimmen fehlten, ist es um so wichtiger das Fontane dies so beschreibt. Ja, Effi ist dann keine „starke“ Frau, aber ihre Figur legt den Finger in die Wunde, an der noch Jahrzehnte später echte Frauen zu Grunde gegangen sind – nicht nur, weil sie als Ehebrecherinnen galten, sondern weil sie Opfer der Umstände waren, wie Frauen sein sollten (Clara Immerwahr fällt mir da ein – und meine Oma.)

        Madame Bovary und Hunger-Games kommen auf die Leseliste, danke! 🙂

        Antworten
        • Januar 13, 2018 um 10:17 pm
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          Da fällt mir ein: Du hast irgendwo Tess von Hardy erwähnt – dass wäre dann eine weibliche Protagonistin mit männlichem Autor, ich habe zwar in einem John-irving-Roman mal etwas über diesen Roman gelesen, kenne ihn aber nicht – schafft es denn Hardy Deiner Meinung nach besser als Fontane?

          Und zu Kassandra sind auch die „Frankfurter Poetikvorlesungen“ erschienen, vier Aufsätze, in denen Christa Wolf den Prozess zu der Erzählung beschreibt und die ich gerade noch mal lese, (weil ich durch die Liste wieder darauf gekommen bin) – man kann anhand dieser Aufsätze noch besser nachvollziehen, wie sich die Autorin in dieser Entstehungszeit ihres Werkes mit den Begriffen Weiblichkeit, Feminismus, Erkenntnis auseinandersetzt, das liefert auch einen spannenden Einblick in feministisches Denken in den 80gern in der DDR.

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          • Januar 14, 2018 um 12:59 pm
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            Ja, du hast natürlich Recht, dass Fontane mit Effi Briest den Finger in die Wunde gelegt hat und wahrscheinlich war das Buch damals auch einigermaßen skandalös, weil es um Ehebruch geht. Aber mir ist das alles noch viel zu brav (deshalb mag ich aus dem 19. Jahrhundert auch englische und französische Literatur so viel lieber). Nimm Anna Karenina und Madame Bovary! Da gibt’s größere psychologische Tiefe, starken Zwiespalt bei den Protagonistinnen und es endet mit Selbstmord! Wenn das nicht aufrüttelt, weiß ich auch nicht! 🙂 Das scheint mir die Schwere der Thematik doch noch besser zu fassen. Natürlich wird auch da durch die männliche Brille erzählt, aber ich glaube, die weibliche Psyche wird doch besser erfasst. Und die Tess of the D’Urbervilles ist auch ein gutes Beispiel, gut dass du es erwähnst: Das Ganze spielt ja im Bauernmilieu und es wird noch viel deutlicher, was es für ein Bauernmädchen heißt, unehelich schwanger zu werden als für eine Bürgersfrau. Das Ende verrate ich nicht, aber es ist auch gewalttätig und hat mich sehr mitgenommen.

  • September 30, 2017 um 11:27 am
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    Hey!
    Super interessanter Artikel, danke für die Mühe, die du dir damit gemacht hast!
    Ich muss gestehen, dass ich noch nichts von Jane Austen gelesen habe.
    Ich besitze aber ein paar Bücher von ihr und werde mich demnächst mal an Stolz & Vorurteil setzen. 🙂

    Liebe Grüße,
    Nicci

    Antworten
  • August 20, 2017 um 6:59 pm
    Permalink

    Jane Austen. \o/ Klasse Beitrag, auch wenn ich den Teil über Persuasion überlesen habe, weil ich das Buch demnächst noch lesen möchte. Ich wühle mich grade durch Austens Romane und bin vollauf begeistert – bis jetzt habe ich Emma, Mansfield Park und Stolz & Vorurteil „geleshört“ und bin bei jedem einzelnen extrem angetan gewesen. Oberflächlich gesehen mag es um Liebe und Heirat gehen, aber dass Austen darauf nie das Hauptaugenmerk legen wollte, merkt man auch daran, dass die Szenen, in denen die Paare dann endlich zueinander finden, immer sehr kurz und nüchtern sind – zumindest meinem Empfinden nach. Mir machen die Bücher auf jeden Fall großen Spaß und die feministischen Untertöne und die bissige Gesellschaftskritik machen das ganze umso wertvoller. Kann deinem Beitrag also nur beipflichten. 🙂

    Antworten
    • August 22, 2017 um 7:53 am
      Permalink

      Hey Elif,
      du kannst den Teil zu Persuasion ruhig lesen, ich spoilere nicht! Ich diskutiere nur das Grundproblem der Protagonistin 😉
      Ja du hast recht, was heutzutage vor Kitsch triefen würde (also Szenen wie „Jetzt kommen sie endlich zusammen!“) wird bei Austen sehr zurückhaltend beschrieben. Finde ich sehr erfrischend!
      LG, Sabine

      Antworten
  • August 20, 2017 um 6:12 pm
    Permalink

    Was für ein toller Artikel! Ich liebe Austen und dein Post hat mir zu dem Thema nochmal richtig tolle neue Denkanstöße gegeben. Danke dafür!

    Antworten
  • August 19, 2017 um 3:32 pm
    Permalink

    Wow! Ich bin geflasht! Ich glaube, du hast mich gerade als Stammleserin gewonnen! Eine sehr detaillierte und reflektierte Einsicht, die du hier gewährst!

    Liebe Grüße,
    Anna

    Antworten
  • August 19, 2017 um 10:06 am
    Permalink

    Mir hat die Betrachtung zu Jane Austen außerordentlich gut gefallen und ich teile deine Beobachtungen/Einschätzung. Auch ich kam über die Vernetzungsaktion auf diesen Blog und werde bleiben.
    Ich freue mich auf kommende Beiträge.

    Antworten
  • August 18, 2017 um 12:04 pm
    Permalink

    Das finde ich sehr schön und vor allem , was du über Jane Austen geschrieben hast. Ich persönlich glaube auch, dass die Tatsache das Schriftstellerinen, wie Jane Austen oft genau aus diesem Grund nicht ernst genommen werden – weil Frauen oft in unserer Gesselschaft nach wie vor nicht ernst genommen werden 🙁
    Ich bin gerade auf deinen Blog über die Blogger Vernetzungsaktion gekommen und ich muss sagen, ich finden es generell toll, was du thematisierst! Weiter so und in mir hast du auf jeden Fall eine neuen Leserinn gewonnen 🙂
    LG,
    Natalia

    Antworten
  • August 17, 2017 um 4:30 pm
    Permalink

    Ich liebe Jane Austen und habe auch viel über ihr Leben gelesen – seitdem wertcshätze ich ihre Bücher noch mehr!

    Antworten
  • August 17, 2017 um 12:22 pm
    Permalink

    Hi,
    ein sehr interessanter Bericht! Lese sehr gerne die Bücher der Autorin und dachte selbst schon beim Lesen von „Emma“ und bei „Stolz und Vorurteil“, dass manche ihrer weiblichen Charaktere ihrer eigenen Denkweisen haben und sich nicht von der Männer alles diktieren lassen wollen.
    Ich glaube ich muss demnächst wieder ein Buch der Autorin lesen.
    Larissa

    Antworten
  • August 17, 2017 um 10:58 am
    Permalink

    Wow, da habe ich so tatsächlich noch nie drüber nachgedacht. Ich muss zugeben, dass ich mich mit ihr auch sehr wenig beschäftigt und noch kein Buch gelesen habe. Das sollte ich dann vielleicht wirklich mal ändern!
    Ich habe sie zwar nie als reine Kitsch-Autorin abgetan (bin auch der Meinung, dass man sowas nicht tun sollte, wenn man noch nichts von ihr gelesen hat) aber ich hatte sie auch nicht wirklich auf dem Bildschirm.

    Also danke dafür!
    Celine

    Antworten
  • August 17, 2017 um 8:24 am
    Permalink

    Ein sehr interessanter Post! Ich habe zwar erst Verstand und Gefühl von Austen gelesen, kann aber deine Eindrücke nur bestätigen! Du hast mich auf jeden Fall motiviert mich weiter mit dieser Autorin zu befassen, Danke!
    Liebe Grüsse
    Elodie

    Antworten
    • August 17, 2017 um 8:48 am
      Permalink

      Hi Elodie,
      super, da freu ich mich! Meine Lieblings-Romane von ihr sind ja „Pride & Prejudice“ (wie bei vielen, haha), „Persuasion“ und „Emma“ (obwohl ich bei dem Roman ein bisschen meine Probleme hatte mit den ganzen Standesdünkeln, die die Figuren haben – kann man als heutiger Leser nicht mehr nachvollziehen. Aber der Roman ist trotzdem wundervoll!). Ich schau mal gleich bei dir auf dem Blog vorbei 😉

      Antworten
  • August 4, 2017 um 1:23 pm
    Permalink

    Über Jane Austen als Feministin oder mit feministischen Tendenzen habe ich noch nie nach gedacht, obwohl mir doch aufgefallen ist, dass Elizabeth in „Stolz und Vorurteil“ und Fanny in „Mansfiel Park“ ihren eigenen Kopf haben und eine gewisse Selbstständigkeit bezüglich Entscheidungen, das Heiraten etc anstreben. – Sehr interessanter und lesenswerter Beitrag!

    LG
    Hanna

    Antworten

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