„Du wolltest es doch“: Was der Sexismus aus uns Frauen macht

Über den Jugendroman Du wolltest es doch wurde jetzt schon viel in der Bloggersphäre diskutiert. Dabei haben die meisten Rezensentinnen betont, dass das Buch wichtig sei, OBWOHL die Protagonistin so unsympathisch ist. Ich würde weiter gehen und sagen, das Buch ist wichtig, WEIL die Protagonistin ein selbstsüchtiges Miststück ist. Es geht nicht (nur) darum, Mitleid mit einem unsympathischen Mädchen zu wecken, dem die Schuld an seiner Vergewaltigung gegeben wird. Der Text macht vielmehr einen Rundumschlag. Er zeigt eine unaufhaltsame Kettenreaktion aus Sexismus, Tabuisierung weiblicher Sexualität, weiblichem Konkurrenzdenken und rape culture auf, die so auch außerhalb von Fiktion tagtäglich in unserer westlichen, modernen Gesellschaft stattfindet.

Emma, ein Produkt sexistischer Erziehung

Ich steige gleich mit der (für einen Jugendroman sehr) problematischen Protagonistin Emma O’Donovan ein. In Du wolltest es doch wird sie als Inbegriff der falschen Schlange dargestellt. Der Roman erzählt alles aus der Ich-Perspektive Emmas und wir Leser*innen bekommen jede noch so niedere Gemütsregung der Protagonistin mit (Emma ist egoistisch, selbstverliebt, eitel, missgünstig gegenüber ihren Freundinnen etc.) Das ist zunächst kein einfaches Lesevergnügen (dabei kommen die wirklich beklemmenden Textstellen erst 100 Seiten später). Aber vielleicht sollten sich alle Leser*innen mal die Frage stellen, ob Emma wirklich so eine monströse Frauenfigur darstellt und wie ihre Entwicklung als Figur aufgezeigt wird.

Emma ist im Roman nichts anderes als das Produkt einer sexistischen Erziehung. Ihr Leben lang wurde ihr vermittelt, dass es für sie als Frau nur auf gutes Aussehen ankommt. Ihre Mutter ist die typische Vorzeige-Ehefrau aus der reichen Kleinstadt und vermittelt ihr ein Frauenbild, bei dem der weibliche Part stets gut aussehen muss für den männlichen Part, damit der sich nicht anderweitig umschaut. Gut aussehen, die Klappe halten und den Haushalt am Laufen halten, darauf kommt es an.

Die einzigen Liebesbezeigungen ihrer Eltern verbindet Emma ihr Leben lang mit ihrem Aussehen. Sie wurde immer nur dafür gelobt (und umarmt und geküsst), dass sie schön oder niedlich aussieht, nie für Leistungen oder Durchhaltevermögen. (Das wird in vielen eingeschobenen Erinnerungen Emmas deutlich, ihre Mutter lobte sie zum Beispiel im Alter von acht Jahren dafür, „eine kleine Herzensbrecherin“ zu sein).  Klar ist Emma mit 18 dann ein oberflächliches, gefallsüchtiges Miststück. Selbst die Rolle der „guten Freundin“ für ihre Schulkameradinnen spielt sie nur, um Männern zu gefallen. Das ist abstoßend, aber nicht ungewöhnlich, würde ich vermuten, und wenn ich an meine Teenager-Zeit zurückdenke, ist Emmas Darstellung in der Beziehung kein extremer Einzelfall. Wenn wir ehrlich sind, ist unsere Gesellschaft nicht darauf aus, uns Frauen zu weiblicher Solidarität zu erziehen.

Darstellung männlicher Erwartungen und Heuchelei in Du wolltest es doch

Viele Mädchen werden dazu erzogen, Männern zu gefallen, sie werden dazu erzogen, dass das ihr erster Lebensinhalt sein soll, „bloß nicht als alte Jungfer enden“. Bei Emma ist das nur noch extremer, weil sie durch ihr gutes Aussehen immer darin bestärkt wurde, dass diese Strategie so aufgeht. Was Du wolltest es doch aufzeigt, ist der unauflösbare Widerspruch, mit dem Frauen tagtäglich in unserer modernen, von Männern beherrschten Gesellschaft konfrontiert werden. Sie sollen einerseits immer schön für Männer aussehen und immer sexuell verfügbar sein, andererseits aber nicht zu sehr.  Das ist auch genau der blanke Hohn, der in den Vorwürfen von Emmas Vater steckt, nachdem seine Tochter mutmaßlich vergewaltigt und Bilder davon ins Netz gestellt wurden: „Wir dachten, wir hätten dich zu einem anständigen Mädchen erzogen.“ Wie? Indem ihr ihren Körper objektifiziert, bis sie selbst besessen davon ist, und euch ansonsten einen Dreck um sie kümmert?

Du wolltest es doch Buchcover

Wenn Frauen ihre Sexualität ausleben und mit Männern schlafen (wie Emma), sind sie dreckige Schlampen und werden deshalb von ihrem Umfeld dazu angehalten, sich zu schämen. Als rauskommt, dass Emma längst ein aktives Sexualleben hat und in den Augen der Dorfgemeinschaft daher die Vergewaltigung „herausgefordert“ hat, sind ihre Eltern entsetzt. Wenn Frauen sich hingegen weigern, immer sexuell verfügbar zu sein, sind sie unten durch (siehe Emmas Freundin Jamie).

Nein, Emma ist keine sympathische Protagonistin. Aber vielleicht sind auch nur viele YA-Protagonistinnen unehrlich gezeichnet. Sorry, dass das so hart klingt. Aber so ist unsere Gesellschaft gestrickt und es ist realistisch dargestellt, dass gerade pubertierende Mädchen wie Emma sich diesem Druck, immer schön und verfügbar zu sein, unterwerfen, diese sexistischen Forderungen als erstrebenswert wahrnehmen, und dabei zum Arschloch werden.

Unheimliche Kettenreaktion des Sexismus

Es nimmt wirklich tragische Dimensionen an, wie Emma die ganze Zeit die falschen Entscheidungen trifft, nur um cool und begehrenswert zu erscheinen. Während sich der Plot immer schneller auf die Katastrophe zu bewegt, wird eins klar: Emma hat den sie umgebenden Sexismus voll verinnerlicht, bis zur absoluten Absurdität, dass sie sich gerne als unwiderstehlich inszeniert, aber noch nie Spaß an Sex hatte: „Der Moment vor dem ersten Kuss ist für mich beinahe besser als der Sex. Beim Sex kann ich mich nicht wirklich fallen lassen, weil ich mich zu sehr auf mein Aussehen konzentriere und darauf, wie ich dafür sorgen kann, dass der Typ mit mir den besten Sex seines Lebens hat (…)“ (S. 97).

Geschicktes Auslassen und Verunsicherung in Du wolltest es doch – Achtung, SPOILER

Zur tollen Beschreibung der Perfidie von rape culture und victim blaming trägt die bewusste Unsicherheit bei, in die der Leser oder die Leserin gelassen wird. Emma hat einen Filmriss, nach einer wilden Partynacht kursieren üble Fotos von ihr, auf der sie von ihren Schulkameraden entblößt und in den entwürdigendsten Posen dargestellt wird. Was bedeuten die Fotos, abgesehen von der krassen öffentlichen Demütigung? Haben die drei jungen Männer, die ebenfalls auf den Fotos zu sehen sind, sie vergewaltigt? Emma kann sich an nichts erinnern.

So ist es weniger die Vergewaltigung an sich, die den größten Horror im Buch darstellt, sondern die Welle an Hass, die Emma nach dieser Nacht entgegenschlägt und an der sie zerbricht: Sie war doch aufreizend angezogen. Sie hat Drogen genommen. Sie legt es doch auf jeder Party darauf an, Typen abzuschleppen. Jetzt zeigt sie ihre Klassenkameraden an, alles Jungs „aus gutem Hause“? Victim Blaming und Slut Shaming vom Feinsten.

Emmas Darstellung als rape survivor – klischeebehaftet? – Immer noch SPOILER-Alarm

Im zweiten Teil des Plots (ein Jahr nach der verhängnisvollen Party) wird Emma als schwer depressiv geschildert, sie hat sogar zwei Selbstmordversuche hinter sich. Das schreit nach „Klischee-Schublade“, denn als vergewaltigte Frau kann Emma ja nicht anders, als im Leid zu versinken (siehe dazu auch mein Artikel zu vergewaltigten Krimi-Ermittlerinnen)? Dachte ich kurz auch, aber es ist zum Glück viel komplexer. Emma zerbricht nicht an der grausigen Vermutung, vergewaltigt worden zu sein, während sie im Drogenkoma lag. Viel schlimmer wiegen die öffentliche Demütigung, die Scham und die Tatsache, dass sich auch ihre Eltern von ihr abwenden. Sie geben ihr die Schuld am Geschehenen und bestrafen sie mit Liebesentzug. Die maximale Einsamkeit Emmas stellt der Text zum Beispiel mit ihrem Gefühl dar, vom eigenen Körper entfremdet zu sein.

Fazit

Lest dieses Buch, auch wenn es an manchen Stellen wegen seines bedrückenden Inhalts schwer zu ertragen ist. Es leistet einen so wichtigen Beitrag zur Offenlegung von rape culture, an der auch Frauen fleißig Anteil haben. Frauen beschuldigen Frauen genauso wie Männer, „es ja darauf angelegt zu haben“. Vielleicht braucht es noch ein paar mehr unsympathische Protagonistinnen, um zu zeigen, was eine sexistisch geprägte Gesellschaft aus Frauen macht.

Ich bedanke mich beim Carlsen-Verlag für das zur Verfügung gestellte Buchexemplar.

Louise O’Neill: Du wolltest es doch, Hamburg: Carlsen Verlag 2018.

Weitere Rezensionen zu Du wolltest es doch aus der Buchblogwelt:

Rezension bei „Krähe und Kraken“

Rezension bei „Buchbahnhof“

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3 Gedanken zu „„Du wolltest es doch“: Was der Sexismus aus uns Frauen macht

  • Pingback:[Rezension] Du wolltest es doch – Louise O´Neill | Buchbahnhof

  • 12. August 2018 um 6:55 pm
    Permalink

    Hallo Sabine,
    wow, du hast dich sehr intensiv mit dem Buch auseinandergesetzt und mir nochmal einige Denkanstöße gegeben. Danke dafür!
    Dieses Buch ist wirklich keine einfache Kost und ich muss gestehen, dass es mich sehr schonungslos mit meinen eigenen Vorurteilen konfrontiert hat. Aber, nur so kann man bei sich selbst ein umdenken erreichen, wenn man sich bewusst macht, wo man irgendwie schräg tickt.
    Und herzlichen Dank für das Verlinken meiner Rezension.
    LG
    Yvonne

    Antworten
    • 13. August 2018 um 8:26 am
      Permalink

      Hi Yvonne,
      vielen Dank, das freut mich! Klar, man ist immer schnell mit dem Verurteilen (ich auch), daher war die Innensicht einer Figur wie Emma nötig, um die Mechanismen von Sexismus und Slut Shaming aufzuzeigen.
      Nichts zu danken 😉

      LG, Sabine

      Antworten

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