„The Bell Jar“ – Buchgespräche in Münchner Kneipen

Zu unserer ersten Buchbesprechung, die wir aufzeichnen, treffen wir uns im Münchner Glockenbachviertel nach Feierabend. Es ist schweine-heiß. Wir steuern die „Schnelle Liebe“ an, setzen uns an einen kleinen Tisch draußen. Das Wichtigste zuerst: Weißweinschorle. Dann Smalltalk über Relevantes und weniger Relevantes. Das vorherrschende Gefühl: Wir treffen uns viel zu selten. Eigentlich sind wir aber nicht zum Spaß hier, vor uns liegen Notizen und zwei Ausgaben von Sylvia Plaths „The Bell Jar“. Ein stark autobiografischer Roman, der kurz vor Plaths Suizid das erste Mal erschien. Darin sieht sich Esther Greenwood im Amerika der frühen Sechziger mit Fragen der Identität als Frau, gesellschaftlichen Erwartungen und dem Druck der patriarchalen Welt konfrontiert.

Kathinka: Das war der erste richtige Klassiker, den wir zusammen gelesen haben. Deswegen, finde ich, wir sollten uns zuerst die Frage stellen, was wir für Erwartungen an das Buch hatten.

Jennifer: Bei mir waren die Erwartungen an den Text tatsächlich nicht so hoch, weil Sylvia Plath ja eigentlich nur Lyrik schrieb. Ich war also sehr gespannt, wie sich das in ihrem einzigen Roman sprachlich vielleicht auch niederschlägt. Ich wusste allerdings, dass „The Bell Jar“ Teil der Feminismus-Basislektüre ist und habe dadurch viel mehr direkte und allgemeine Kritik an der Gesellschaft erwartet. Das lief durch Esthers Perspektive doch sehr viel subtiler und persönlicher ab: Es ging nicht um die Frau gegen die Welt, sondern Esther als Frau gegen die Welt ­­­– falls das Sinn ergibt. Ansonsten war ich von Erwartungen relativ frei, weil ich mich mit dem Inhalt nicht beschäftigt hatte. Nur, dass es um das Thema der Depression dreht hatte ich mal mitbekommen. Deswegen war mir natürlich klar, dass es nicht das fröhlichste aller Bücher ist.

Kathinka: Ja, daran knüpft auch meine Haupterwartung an. Ich dachte am Anfang, dass es eine harte, deprimierende Lektüre wird. Im Gespräch mit anderen habe ich oft den Satz gehört: „Ich habe mich noch nicht getraut das Buch zu lesen.“ Deswegen habe ich wohl auch gedacht, dass am Ende des Buchs der Suizid stattfindet. Ich dachte, darauf läuft es hinaus. Man kennt ja Plaths Geschichte. Aber ich muss sagen, dann war ich echt überrascht, wie nonchalant die Geschichte erzählt wird.

Jennifer: Wenn ich ein neues Buch anfange, rede ich in meinem Freundeskreis viel darüber. Ich war überrascht, dass niemand „The Bell Jar“ gelesen hatte. Dabei ist es doch eigentlich ein Standardwerk für junge Frauen.

Kathinka: In Amerika gehört es wohl auch zum Kanon der Schulliteratur. Das sagt zumindest das Internet. Im  Englischunterricht war es bei mir so, dass wir nach Shakespeare vor allem leichte Kost gelesen haben. Und immer von männlichen Autoren.

Die Schorle geht an diesem Abend gut runter. Wir lutschen Eiswürfel, um uns abzukühlen und vergleichen unsere Notizen. Heute bin ich der Streber mit markierten Zitaten und Notizbuch – normalerweise ist das anders herum. Jennifers Lesezeichen sind aus dem Buch gefallen, sodass wir mit meinen Zitaten arbeiten müssen. Ihre Notizen sind über vier Zeilen mit Bleistift auf die Innenseite des Buchdeckels geschrieben. Gleich beim ersten Punkt stimmen wir nicht überein.

Jennifer: Für mich war der Inhalt von der Sprache schwer zu trennen. Ich fand „The Bell Jar“ bildgewaltig. Plath verwendet irre viele Metaphern.

Kathinka: Echt? Ich fand es erstaunlich, wie deskriptiv und unemotional alles beschrieben wird, obwohl wir ja alles nur durch den persönlichen Filter von Esther sehen. Mich hat es tatsächlich – um mal ein Klischee zu bedienen – an eine sehr männliche Erzählstimme erinnert. Kerouac, Hemmingway, Salinger. So distanziert. Es war zumindest Anfangs einfach nur ein Treiben durch bedeutungslose Beschreibungen ihres Lebens in New York. Alles war wie nebenbei erzählt.

Jennifer: Ja, da hast du schon recht. Trotzdem, ich bleibe dabei: Alles Wichtige, was in ihrem Leben passiert, alle Gefühle, alle Lebenslagen werden in ein Bild gepackt. Das hat für mich die unglaubliche Stärke des Buchs ausgemacht. Anfangs konnte mich tatsächlich noch gar nicht mit Esther identifizieren. Sie war so teilnahmslos, wie du sagst. Damit bin ich nicht zurechtgekommen. Aber dann haben Sprache und Inhalt einen regelrechten Sog entwickelt und ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Dieser Gedankenstrom durch das gesamte Buch hat mich immer tiefer in Esthers depressive Welt gezogen.

Kathinka: Anhand der Metaphern kann man sich übrigens perfekt an den großen Themen des Buchs entlanghangeln. Der Feigenbaum steht für die Unfähigkeit sich zu entscheiden, die Glasglocke für die Depression. Teilweise hatte ich das Gefühl, dass Esther nicht nur Metaphern schreibt, sondern sie auch im „realen“ Leben erschafft, wenn das irgendwie Sinn ergibt. An ihrem letzten Abend in New York beispielsweise, da lässt sie ihr Kleid vom Wind davontragen. Das ist schon super theatralisch für einen Abschied.

The Bell Jar Buchgespräche

Der Feigenbaum ist in „The Bell Jar“ das Bild für die verschiedenen Möglichkeiten des Lebens. Er verzweigt sich und man muss sich entscheiden, welche Feige man am Ende pflückt. Die, bei der man eine Familie gründet, die bei der man eine Autorin wird, etc.

Jennifer: Auch wenn die Sprache sehr neutral ist, schafft sie trotzdem eine Atmosphäre, die bewirkt, dass man nicht glücklich sein kann, wenn man das Buch liest.

Kathinka: Hattest du das Gefühl von Anfang an? Ich dachte mir hinterher, dass es fast so schien, als wolle Esther vor dem Leser anfangs verbergen, dass sie krank ist. Dadurch, dass sie eben so neutral und distanziert sich selbst und ihren Mitmenschen gegenüber ist.

Jennifer: Am Anfang dachte sie einfach noch, sie hat die Kontrolle, ist klug und kultiviert. Da war sie in ihren eigenen Augen noch jemand, den andere beneiden können. In New York dreht sich dann auf einmal alles: Esther steht für mich an einem Punkt in ihrem Leben, an dem sie sich entscheiden muss, wer sie sein will, statt einfach nur den Erwartungen, die andere an sie haben, zu folgen.

Kathinka: Ja! Das ist ein ganz großes Thema des Buchs.

Wir hatten, schon bevor wir das Gespräch aufgezeichnet haben, über eine Szene geredet, in der Esther eine Bekannte, Doreen, einfach allein bei einem fremden Mann zurücklässt, obwohl diese sie sogar bittet, zu bleiben. Jennifer fand das beim Lesen empörend.

Jennifer: Die Szene, als Doreen vor Esthers Tür auftaucht, nachdem sie sie erst allein gelassen hat. Da muss Esther sich entscheiden. Aber statt eine Entscheidung zu treffen, zieht sie sich zurück. Sie lässt Doreen liegen und entzieht sich der Situation. Sie kommt nicht ansatzweise zu einer Antwort, welche Art von Mensch sie sein will: brav, draufgängerisch, egoistisch oder loyal. Die Frage bleibt unbeantwortet im Raum stehen.

Kathinka: Die entscheidenden Fragen für Esther sind ja auch „Was kann ich ohne Mann entscheiden? Wie kann ich eine Identität in dieser Männerwelt für mich kreieren?“

Jennifer: Und das funktioniert bei ihr viel durch Negatividentifikation. Sie weiß vor allem, was sie nicht will. Hausfrau sein …

Kathinka: … Mutter sein.

Jennifer: Sie sagt „The trouble was, I hated serving men.“ (S. 72). Das ist das erste Mal, dass sie uns ein klares Bild von sich und ihren Wünschen vermittelt, wenn auch wieder nur als Auschluss.

Kathinka: Und diese Schwierigkeiten der Identitätsfindung als Frau und die Erwartungen, die die Gesellschaft an sie als Frau hat, sind eben dann später Mitauslöser für die Spirale in die Depression. Denn sie weiß, wenn sie sich als Schriftstellerin nicht verwirklichen kann, sind die Möglichkeiten für sie sehr limitiert. Als sie nicht zu einem Schreibkurs zugelassen wird, den sie nach ihrer Zeit in New York besuchen wollte, fängt die Katastrophe richtig an. Sie kann nicht mehr lesen, nicht mehr schreiben, isst nicht mehr. Sie ist völlig gelähmt. Ich hatte das Gefühl, für sie steht fest: Entweder sie ist als Autorin intellektuell unabhängig oder sie muss eine Familie gründen. Mich hat sie sehr an Peggy Olson aus „Mad Men“ erinnert.

Jennifer: Sie wird abgelehnt und kann nicht mehr schreiben und denken. Sie hat sozusagen die letzte Möglichkeit verloren, als Frau etwas zu sagen, quasi ihre Stimme und damit das Recht und die Fähigkeit. Zumindest wird ihr das extern bestätigt.

Kathinka: Absolut. Erinnerst du dich an die Szene, in der ihr ihre eigene Unzulänglichkeit bewusst wird? Sie ist auf diesem Date mit dem Dolmetscher und trifft auf eine Frau, mit der sie sich sofort vergleicht. Ihr Gedanke ist nur „Ich kann das nicht.“ Parallel zu diesem Gefühl der Unzulänglichkeit steht immer die Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit. Spannend fand ich dabei, dass das für Esther vor allem auch sexuelle Freiheit bedeutet. Für sie ist es wichtig, Sex ohne Konsequenzen zu haben, weil sie kein Baby will. Sie sagt: „ A man doesn’t have a worry in the world, while I’ve got a baby hanging over my head like a big stick, to keep me in line.“ (S. 212)

Jennifer: Das war ja dann auch das Einzige, was sie aus der Depression rausgeholt hat. Die Möglichkeit eine wichtige Lebensentscheidung zu treffen. Sie möchte kein Kind, aber sie möchte mit jemandem schlafen, ohne Gefahr zu laufen, schwanger zu werden. Das ist nur möglich, weil ihre Ärztin sie ernst nimmt.

Kathinka: Im krassen Gegensatz zu ihrem ersten Arzt, einem Mann, der nach nur einer Sitzung ohne jegliches Interesse an ihr beschließt, dass sie Elektroschocks bekommen muss.

Jennifer: Er hat ihr einfach nicht zugehört. Aber die Ärztin später versteht, dass Esther Entscheidungsfreiheit über ihren eigenen Körper braucht. Das ist auch sehr fortschrittlich an „The Bell Jar“: dass es so viele starke Frauencharaktere gibt. Die zweifeln zwar auch …

Kathinka: … aber Zweifel bedeuten ja nicht unbedingt Schwäche.

Jennifer: Nee, genau. Aber denk mal an Esthers Chefin in New York, an die Ärztin. In jedem Lebensabschnitt gibt eine Frau, die es geschafft hat.

Kathinka: Du hast recht, da sind diese starken Frauen. Nur in dem Moment, als Esther am dringendsten eine starke Mentorin gebraucht hätte – als sie abgelehnt wird –, hat sie nur ihre Mutter, die eher kontraproduktiv ist. Deswegen ist sie ja auch so froh, als die Ärztin der Mutter untersagt, sie zu besuchen.

Jennifer: Die Botschaft ist für mich trotzdem, dass Frauen ihre Schatten überwinden können, sich über die Gesellschaft erheben können. Als sie über ihren Körper entscheiden kann, sagt Esther: „I was my own woman“ (S. 213). Das hat sie gerettet.

Kathinka: Für den Moment zumindest. Denn das Ende ist für mich von Sylvia Plaths Biografie nicht zu lösen. So hoffnungsvoll es ist, dass sie entlassen werden soll. Ich kann mich nicht freuen. Ich kriege das irgendwie nicht hin. Ich denke, ich weiß, wie es ausgeht, weil ich weiß, wie Sylvia Plaths Leben endete. Und Esther sagt ja auch, dass es sein kann, dass die Glasglocke eines Tages wiederkommt. Als Leser weiß ich, dass sie wiederkommt. Auf den ersten Blick also ein hoffnungsvolles Ende, aber eigentlich ist es die absolute Katastrophe. Ein offenes Ende, ohne wirklich offen zu sein.

Jennifer: Ich sehe das nicht so. Sylvia Plath hat es nicht geschafft. Sie hat sich an die Konventionen gehalten, eine Familie gegründet ­– und hat sich das Leben genommen. Esther ist das Alter Ego von Sylvia Plath, aber für mich ist ihre Zukunft noch unbestimmt.

Kathinka: Das ist interessant. Ich wusste von Anfang an, wie autobiografisch das Buch ist. Vielleicht sehe ich die Geschichte deswegen als Wiederholung, während du sie als Weiterentwicklung interpretierst.

Jennifer: Nein, das auch nicht. Ich glaube auch, dass Esther eine ähnliche Geschichte erlebt. Aber sie steht eben jetzt an einer Abzweigung des Feigenbaums. Und Sylvia Plath sagt nicht, dass Esther die gleiche Feige pflücken soll wie sie. Sie lässt es ihr offen, glücklich zu werden.

Kathinka: Das ist so schön! Für dich ist es offen. Das will ich auch. Ich kann irgendwie nur sehen, dass Esther ihrer Erschafferin folgt.

So, das reicht uns dann auch. Wir holen noch eine Weißweinschorle und wenden uns wieder erfreulicheren Themen zu. Wie zum Beispiel der Auswahl des nächsten Buchs, das wir gemeinsam lesen wollen.


Buchgespräche in Münchner Kneipen

Das Wichtigste zuerst: Wir sind kein Lesezirkel, denn wir sind nur zu zweit. Wir sind eine Lesegerade. Eine feministische Lesegerade. Wir bezeichnen uns nicht als Büchermädels (höchstens als Bücherfrauen) und lesen einmal im Monat gemeinsam ein Buch mit feministischem Bezug, um verschiedene weibliche Stimmen zu einem Thema, das uns sehr am Herzen liegt, kennenzulernen. Dazu gibt’s traditionell Weinschorle.

Jennifer ist Marketingmanagerin, Wahlmünchnerin und Frankfurter Babbel-Dasch. Hat fast so viel Kosmetik wie Bücher. Liebt den Sommer und die Sonne, Politik, Synchronstimmen-Raten und Hörbücher. Das sind Jennys Twitter-Account und ihr Instagram-Account.

Kathinka ist Lektorin, Übersetzerin und Schriftstellerin to be. Physisch in München, seelisch in London. Liebt alles Erzählende. Außerdem Fußballfan, Katzenfrau, Reisende und überzeugte Europäerin. Besucht sie auf ihrem Twitter-Account und ihrem Instagram-Account.

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