Welche Sexualität hat Sherlock Holmes?

Über kein „Privatleben“ einer fiktiven Figur wurde so viel diskutiert wie über seines: das von Sherlock Holmes. Hasst er Frauen? Ist er schwul? Oder doch heimlich in Irene Adler verliebt? In der dritten Runde #bakerstreetblogs versuche ich, Licht ins Dunkel des Theorienwaldes zu bringen. So viel kann ich schon sagen: Die Sexualitäts-Diskussion kann man in Bezug auf Sherlock Holmes zwar führen, sie gibt der Figur aber nichts, was ihr vorher gefehlt hätte, im Gegenteil. Eigentlich führt sie nur ganz weit weg vom originalen Sherlock Holmes, der in seiner ursprünglichen Anlage als asexuelle „Denkmaschine“ am spannendsten ist.

Sherlock Holmes Sexualität

Eine Anmerkung vorweg: Ich befasse mich stärker mit modernen Adaptionen des Holmes-Kanons wie der BBC-Serie Sherlock, während Karo in ihrer Argumentation zum Thema Sexualität von Sherlock Holmes genauer auf den Original-Text eingeht. So ergänzen wir uns sehr gut. 🙂 Schaut also unbedingt noch bei ihr vorbei, wenn ihr das ganze Spektrum sherlockianischer „Weisheit“ zum Thema mitbekommen wollt!

Es geht nicht ohne: Holmes braucht eine Sexualität

Das neueste Beispiel ist die Diskussion um die Beziehung zwischen John und Sherlock in der BBC-Serie Sherlock, aber schon in den 70ern stellte sich Filmemacher Billy Wilder scherzhaft eine schwule Beziehung zwischen Holmes und Watson vor (The Private Life of Sherlock Holmes). Von den unzähligen angedichteten Beziehungen zwischen Sherlock Holmes und Irene Adler ganz abgesehen. Was auffällt, ist: In nahezu jeder modernen Adaption oder Pastiche hat der Meisterdetektiv Sherlock Holmes romantische Beziehungen und damit eine Sexualität. Das überrascht, denn in der literarischen Vorlage von Arthur Conan Doyle beschreibt Watson Holmes als asexuelle „reasoning machine“ („Denkmaschine“), als eingefleischten Junggesellen, der mit Frauen nichts am Hut hat und auch sonst keine zwischenmenschlichen Beziehungen pflegt, von seiner Freundschaft mit Watson abgesehen. Vielleicht überrascht es aber auch nicht, denn Sex verkauft sich natürlich besser als kein Sex.

Werfen wir kurz einen Blick auf die Figurenzeichnung in den originalen Holmes-Geschichten. Am meisten Auskunft über die Psyche und die sexuelle Orientierung von Holmes gibt uns die Geschichte A Scandal in Bohemia:

„All emotions, and [love] particularly, were abhorrent to his cold, precise, but admirably balanced mind. He was, I take it, the most perfect reasoning and observing machine that the world has seen, but as a lover he would have placed himself in a false position.“ (Scandal in Bohemia, S. 7 meiner Ausgabe der Collector’s Library), und weiter: „He never spoke of the softer passions, save with a gibe and a sneer. … for the trained reasoner to admit such intrusions into his own delicate and finely adjusted temperament was to introduce a distracting factor which might throw a doubt upon all his mental results.“ (ebd.)

Holmes schaut verächtlich auf Menschen herab, die sich von ihren Leidenschaften leiten und ihr Urteil von ihnen trüben lassen. Aber nicht nur das, Emotionen sind ihm zuwider, man kann davon ausgehen, dass ihm auch jeder erotische Trieb zuwider ist („softer passions“ ist wohl ein viktorianischer Euphemismus für Verliebtheit und sexuelle Spannungen). Ich denke, es ist vertretbar, zu behaupten, dass Holmes von Arthur Conan Doyle als asexuell gezeichnet wird. In allen 56 Kurzgeschichten und vier Romanen über Holmes ist nie davon die Rede, dass Holmes Interesse an Frauen (oder Männern) zeigt, am emotionalsten reagiert er, als Watson in der Geschichte The Three Garridebs angeschossen wird und Holmes sich um seinen Freund sorgt.

Woher kommt also all das „shipping“, die Verfechter von „Johnlock“ und „Sheriarty“ (ja!), die love stories mit Irene Adler, Watson oder Moriarty?

Der springende Punkt ist, und hier kommen wir zu meiner zentralen These: Mit einer asexuellen Hauptfigur kommt unsere heutige, übersexualisierte Popkultur nicht klar. Einen Protagonisten, der kein Interesse an Sex (oder Romantik) hat, kann es einfach nicht geben. Asexualität wird als „Fehler“ oder „Mangel“ angesehen, den es nachträglich – nämlich im kulturellen Nachleben der Figur – zu korrigieren gilt. (Lest zu dieser Beobachtung auch den sehr gut geschriebenen Artikel Dinge, die Asexuelle einfach nicht mehr hören können vom „Innenansicht-Magazin“). Deshalb verpassen moderne Autoren Sherlock Holmes ein Sexualleben. Der Einwand, man müsse die Figur eben modernisieren, mit der Zeit gehen, ist meiner Meinung nach nur ein Vorwand – denn sex sells natürlich. Wie neu wäre es dagegen, mal einen Protagonisten zu zeigen, der KEINEN Sex will? Dessen Seelenheil nicht von der „Rettung“ durch ein love interest abhängt?

Möglichkeit Nummer 1: Holmes ist heterosexuell

Nein, viel dramatischer ist natürlich ein einsamer Sherlock Holmes, der heimlich in Irene Adler verliebt ist, ohne es zugeben zu wollen. Miss Adler ist die einzige Frau, die Holmes austrickst und kommt nur in der oben genannten Kurzgeschichte A Scandal in Bohemia vor. Ich habe sie in meinem Artikel zu den Frauenfiguren bei Sherlock Holmes ausführlich beleuchtet. Klar, Watson wirft uns bei seinem Einstieg in die Geschichte schon eine Menge Stoff zum Spekulieren hin: „To Sherlock Holmes she is always the woman. I have seldom heard him mention her under any other name. In his eyes she eclipses and predominates the whole of her sex.“ (Scandal in Bohemia, S. 7) Ja, man kann eine Verliebtheit von Holmes zu Irene Adler davon ableiten. Aber im Laufe der Geschichte wird klar: Es geht mehr um einen enormen Respekt, den Holmes vor Irene entwickelt, nämlich als er sich von ihr besiegt sieht. Man könnte auch noch behaupten, dass er von ihr besonders fasziniert ist, weil sie einen für ihre Zeit ungewöhnlichen Gegensatz verkörpert: äußere Schönheit (=weiblich) und innere Entschlossenheit, Willenskraft (=männlich). Auf die Frage, ob Holmes in Irene verliebt sei, gibt Watson dann ja auch seine verneinende Erklärung mit dem Hinweis auf Holmes‘ Charakter als Denkmaschine (siehe oben), dem alle Gefühle zuwider sind.

Aus dem Respektsverhältnis zu Irene Adler wird in modernen Adaptionen aber dann oft eine (uneingestandene) Liebe. Alle Adaptionen, die dieses Motiv übernehmen, benutzen es jedoch nur, um daraus ein weiteres stereotypes Bild von heterosexueller Liebe zu zeichnen. Irene Adler ist entweder die Frau, auf die Holmes lange gewartet hat und die ihn aus seiner Einsamkeit befreit. Denn eigentlich will er, der Nerd und Außenseiter, nur in den Arm genommen werden. Oder sie ist die bedrohliche femme fatale, die am Ende unterworfen werden muss. Denn natürlich vergisst sie all ihren gesunden Menschenverstand, sobald sie ihren Gefühlen für Holmes unterliegt. Ja, ihr seid gemeint, Sherlock und Elementary.

Möglichkeit Nummer 2: Holmes ist homosexuell

Diese Vermutung wird immer aus dem Negativbeweis heraus angestellt. Holmes „hasst“ Frauen und hat ein enges Verhältnis zu einem Mann, also muss er schwul sein. Schauen wir uns die beiden Beobachtungen an. Holmes äußert sich bei Arthur Conan Doyle mehrere Male abfällig über Frauen. Er bezweifelt, dass sie einen Verstand haben können, und wird insgesamt nicht schlau aus ihnen. Im Großen und Ganzen verhält er sich aber immer ritterlich gegenüber dem „schwachen Geschlecht“, mit einigen Klientinnen scheint er sogar mitzufühlen. Auf der anderen Seite ist er eng mit Watson befreundet, Watson ist sogar Holmes‘ einziger Freund. Sie bezeichnen sich gegenseitig als „my dear fellow“, „friend and partner“ oder „the man whom above all others I revere“ (z.B. The Problem of Thor Bridge). Watson hängt mit unglaublicher Heldenverehrung an Holmes und geht immer wieder gerne auf Abenteuer mit seinem „best buddy“, auch nachdem er schon mit Mary Morstan verheiratet ist. Holmes wiederum bezeichnet Watson als seinen einzigen Freund und beschützt ihn mehrmals, wenn sie zusammen in brenzlige Situationen geraten.

Klar lassen sich da romantische Gefühle hereinlesen, ich finde sie nur wenig zielführend, weil sie allein auf Spekulationen beruhen. Viele Holmes-Forscher beharren auf einem homoerotischen Subtext bei den Sherlock-Holmes-Geschichten. So soll Mary Morstan nur eine Erfindung sein, um Watsons wahre Beziehung zu Holmes zu verstecken. Ich finde, das geht zu weit, einfach deshalb, weil wir dann anfangen, fiktive Figuren wie reale Menschen zu behandeln. Außerhalb von dem, was Arthur Conan Doyle aufs Papier gebracht hat, gibt es Holmes und Watson nicht. Sie sind mit Absicht so geschaffen. Sie haben kein Eigenleben, können nicht gegen ihren Erschaffer „aufbegehren“ (nach dem Motto: „eigentlich sind wir schwul“.) Wenn jemand Fan Fiction mit einem schwulen Holmes schreibt, dann ist das einfach ein anderer Text und eine Bearbeitung des Originals. Aber die Deutung von Holmes und Watson als Paar ist eben nicht die einzig mögliche.

Case Book of Sherlock Holmes

Besonderes Beispiel: Sexy Sherlock in Sherlock

Die BBC-Serie Sherlock kann man in diesem Kontext auf verschiedenen Ebenen als sexualisierte Version des Originals ansehen. Benedict Cumberbatch hat seinen ganz eigenen Sexappeal, und im Laufe der Serie wird sein Sherlock Holmes auch immer stärker als (heterosexuelles) Sexidol gezeichnet (weibliche Fans, die ihm nachstellen usw.). Zweitens wird immer wieder auf scherzhafte Art und Weise thematisiert, ob Holmes und Watson denn nun schwul sind oder nicht, weil sie zusammenleben. Sherlock behauptet aber, er habe kein Interesse an romantischen Beziehungen: „I consider myself married to my job“, was so ziemlich in die gleiche Kerbe schlägt wie die originalen Geschichten. John heiratet Mary Morstan und Sherlock flirtet mit Irene Adler – die übliche Verarbeitung des Stoffs aus A Scandal in Bohemia.

Dennoch gibt es viele Fans, die unbedingt eine erotische Anziehung zwischen John und Sherlock sehen möchten und z.B. verschiedene Blickwechsel zwischen den beiden Protagonisten der Serie als Verliebtheit auslegen. Ich persönlich sehe das einfach gar nicht (bin ich zu naiv? Ich habe keine Ahnung). Diese Interpretationen genügten trotzdem, um den Vorwurf des „Queerbaitings“ gegen die Serienmacher Moffat und Gatiss laut werden zu lassen. So bezeichnet man eine Erzählweise, bei der es Andeutungen gibt, zwei gleichgeschlechtliche Charaktere hätten eine homoerotische Beziehung, die dann aber nicht weiter thematisiert wird. Ich hab ganz ehrlich mit diesem Begriff des „baitings“ (=“ködern“) ein Problem.

Das Problem mit dem „Queerbaiting“-Vorwurf bei Sherlock

Klar, ich bin nicht betroffen. Meine Sexualität entspricht dem Mainstream und ich kann mir wahrscheinlich nicht im Ansatz die Frustration der LGBT-Gemeinde vorstellen, deren Sexualität in der Popkultur nur eine Randerscheinung ist. Aber mit dem Begriff „baiting“ wird ein Recht der Zuschauer auf einen bestimmten Ausgang impliziert, das es einfach nicht gibt. John und Sherlock sind fiktive Figuren, sie haben kein Eigenleben und können sich nicht aktiv für etwas entscheiden. Und kein Autor ist seinen Lesern etwas schuldig. Es ist seine Geschichte. Das ist wie bei George R.R. Martin – ja, seine Romanreihe (Vorlage zu Game of Thrones) ist super-erfolgreich, aber wenn er jetzt lieber Lust hat, auf Kuba am Strand zu liegen, anstatt die Reihe fertig zu schreiben, dann ist das seine Sache (ich könnte mir sogar vorstellen, dass er das genau jetzt tut, weil er keine Lust mehr auf die Fanvorwürfe hat). Genauso wenig „müssen“ Mark Gatiss und Steven Moffat bestimmte erotische Elemente in ihren Plot einbauen. Woher kommt diese Forderung, sie hätten eine Schuld einzulösen? Weil eine enge Beziehung zwischen zwei Männern gezeigt wurde? Sind die Autoren es den Fans deshalb schuldig, dass die beiden „endlich“ Sex haben? Nein! Wenn es keinen Sex gibt, zwischen welchen Figuren auch immer, dann ist das eine künstlerische Entscheidung und kein „gebrochener Vertrag“ mit den Fans.

Mir ist klar, dass die Serienmacher natürlich auf die Erwartungshaltung der Fans setzen und die Diskussion anheizen wollen. Wobei die sexuelle Spannung zwischen Irene und Sherlock da meiner Meinung nach viel mehr Stoff hergibt. Sherlock und John werden einfach als sehr enge Freunde gezeigt. Wie auch immer: Mehr Diskussion führt natürlich zu mehr Zuschauerzahlen, mehr Klicks usw. Selbstverständlich haben es Moffat und Gatiss darauf abgesehen. Aber genau darum geht es doch auch: Ein Stück Popkultur zu schaffen, über das diskutiert wird. Das sehe ich nicht als „unlauteres“ Mittel, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Warum darf Holmes nicht asexuell sein?

Was aber mein eigentlicher Kritikpunkt ist: Es geht hier wohl um die berühmteste asexuelle Figur der Literaturgeschichte. In keiner einzigen Sherlock-Holmes-Geschichte spielt Sex auch nur ansatzweise eine Rolle. Das liegt nicht nur an der vermeintlichen viktorianischen Prüderie. Holmes will keine sexuellen Beziehungen, weil sie seinem Wesen fremd sind und sie seine mentalen Fähigkeiten stören würden (siehe Zitate oben). Und das aus gutem Grund: Nur als rationale Denkmaschine, die sich nicht emotional verstricken lässt, die keinen sexuellen Trieben nachgeht, kann die Figur Sherlock Holmes der Übermensch sein, als der sie angelegt ist, um gegen das Verbrechen zu kämpfen. Er ist eine Autoritätsfigur, zu der man gemeinsam mit dem Erzähler Watson aufblickt, und die am Ende des Tages immer recht hat und alles in Ordnung bringt. Als „Typ von nebenan“ mit Liebeskummer und Beziehungsproblemen wird die Figur meiner Meinung nach zu sehr geschwächt. Dazu schreibe ich nächste Woche noch mehr, wenn ich begründe, warum ich Elementary für keine gelungene Adaption des Sherlock-Holmes-Stoffes halte.

Fazit

Wenn man möchte, kann man mit jeder Aussage im Sherlock-Holmes-Kanon über die sexuelle Orientierung des Protagonisten spekulieren. Aber sie bleiben eben nur Spekulationen. Sobald Holmes eine Verliebtheit oder gar ein aktives Sexualleben angedichtet wird (ächz, Elementary, du hast mir einige traumatische Bilder ins Hirn gebrannt), hat diese Adaption meiner Meinung nach nur noch wenig mit der Figur Sherlock Holmes gemein, wie sie am spannendsten ist. Das betrifft vor allem Adaptionen, die eigentlich versuchen, nah am Original zu bleiben, Sherlock Holmes als erwachsenen Mann mit all seinen Schrullen ermitteln lassen. In Adaptionen, die weiter weg vom Original führen, in denen Holmes z.B. ein Teenager im 21. Jahrhundert ist und die Adaption mit Elementen von YA spielt (My-Dear-Sherlock-Reihe, Charlotte-Holmes-Reihe), kann ich den „unvermeidlichen“ Liebesplot noch mehr verzeihen.

Findet ihr, Sherlock Holmes braucht eine Sexualität? Welche love story mit dem Meisterdetektiv haltet ihr für gelungen?

Wenn ihr jetzt meint, ich liege total daneben, dann schreibt eure eigenen Beobachtungen zur Sexualität von Sherlock Holmes auf und postet sie unter dem Hashtag #bakerstreetblogs!

Nicht vergessen: Schaut auch bei fiktion fetzt vorbei, was Karo zu dem Thema „sexy Sherlock“ zu sagen hat 😉


Nächste Woche geht’s heiß her! Karo und ich lassen die modernen Adaptionen Sherlock, Elementary und die Sherlock-Holmes-Filme mit Robert Downey Jr. in einem „modern day battle“ gegeneinander antreten. Wer ist der beste moderne Holmes? Bleibt dran!

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10 Gedanken zu „Welche Sexualität hat Sherlock Holmes?

  • Pingback:Bloggestöber im November | Wörter auf Reise

  • Pingback:Gaiety Girl - My Dear Watson? - Oscar Wilde, Sir Arthur Conan Doyle & die Sexualität des Sherlock Holmes - Gaiety Girl

  • 25. November 2018 um 12:38 pm
    Permalink

    An sich finde ich den Artikel wirklich interessant. Ich habe aber ein paar Anmerkungen. Ich finde einerseits die Zuschreibung „asexuell“ für Sherlock ein bisschen unglücklich. Es ist ja nicht Doyles Zuschreibung, sondern eine moderne – weil es unsere Labels für Sexualität in den 1890ern auch noch gar nicht gab – und die Assoziation von „kalt, hat keine Gefühle, kann nicht lieben, Maschine“ und Asexualität ist sehr, sehr verletzend. Deshalb liegt es mir schwer im Magen, Sherlock als asexuell zu labeln. Doyle hat ihn sicherlich als introvertiert und vielleicht sogar menschenfeindlich charakterisiert, aber das ist nicht gleich Asexualität.

    Darüber hinaus ist die Idee, dass Sherlock auch auf andere Weise queer gewesen sein könnte, *nicht* modern und auch nicht abwegig. Der „überzeugte Junggeselle“ ist ein viktorianischer Euphemismus für queere, besonders homosexuelle Männer. Dass in den Geschichten keine Anziehung zu Männern erwähnt wird, liegt auf der Hand, denn damit hätte Doyle sich und Sherlock der extrem brutalen Queerphobie des späten 19. Jahrhunderts ausgesetzt. Selbst, wenn Doyle ein queeres Paar hätte schreiben wollen – er hätte es nicht gekonnt.

    Deshalb finde ich die Spekulationen absolut gerechtfertigt. Es gibt genug Euphemismen für Queerness in den Sherlock-Holmes-Geschichten und ich würde das nicht einfach als moderne Spielerei abtun. Am Ende ist es eine genauso moderne Zuschreibung, Sherlock als asexuell zu labeln, wie ihn als schwul oder bi zu labeln, und nicht zutreffender oder weniger zutreffend. Es ist genauso Spekulation, denn Doyle kannte unsere modernen Konzepte von Sexualität schlicht und ergreifend nicht – Was nicht heißt, dass wir sie nicht rückwirkend anwenden können, aber man muss das halt im Kopf behalten.

    Und dann die Sache mit dem Queerbaiting… Der Vorwurf entstand nicht, weil die queere Community meint ein Anrecht auf einen queeren Sherlock zu haben. Er entstand, weil „BBC Sherlock“ Queerness ständig als Witz hernimmt, aber keine queeren Figuren liefert. Irene Adler ist lesbisch, bis sie Sherlock verfällt. Ein Kuss mit Moriarty wird ins Lächerliche gezogen, weil die Theorie von einem Fangirl kommt. Und natürlich Mrs Hudson, die überzeugt ist, John und Sherlock seien ein Paar… Aua. DAS ist Queerbaiting, es ist verletzend und es ist nicht legitim, um Diskussionsstoff rund um die Serie zu generieren. Niemand glaubt, dass er ein Recht auf einen queeren Sherlock hat, aber das Recht nicht als Basis für solche Witze hergenommen zu werden, haben queere Menschen allemal.

    Das am Rande, aber ich denke, Sherlocks Sexualität – ob asexuell, homosexuell, bisexuell, wer weiß – verseht man ohne den viktorianischen Kontext nicht und der fehlt eben sehr vielen modernen Creators, die die Geschichte neu aufarbeiten. Ich würde gern mal einen asexuellen Sherlock sehen, der eben nicht alle verletzenden Stereotypen mitnimmt. Genauso würde ich gern einen homo- oder bisexuellen Sherlock sehen. Oder, und jetzt wird’s revolutionär, einen asexuellen Sherlock, der außerdem bi oder schwul ist, denn auch das geht, und es kommt meiner eigenen Interpretation der Figur auch recht nahe.

    Antworten
    • 1. Dezember 2018 um 9:39 am
      Permalink

      Hi Kat, erstmal vielen Dank für deinen Kommentar und deine ausführliche Auseinandersetzung mit meinen Thesen.
      Du sprichst an, es sei problematisch bzw verletzend, Holmes heute als asexuell zu bezeichnen, weil er als emotionslose Denkmaschine beschrieben wird. Ja, das stimmt, das ist ungeschickt ausgedrückt. Bei Sherlock Holme trifft beides zu: Er ist eine Denkmaschine, weil er ohne zu Analysieren nicht leben kann, und er ist außerdem noch asexuell und aromantisch. Das soll nicht heißen, dass alle Asexuelle gefühlskalt oder Psychopathen sind. Das verstehe ich total, dass das ein verletzendes Klischee ist, das war nicht so gemeint. Ich zitiere mich hier mal kurz selbst:

      „Holmes will keine sexuellen Beziehungen, weil sie seinem Wesen fremd sind und sie seine mentalen Fähigkeiten stören würden (siehe Zitate oben). Und das aus gutem Grund: Nur als rationale Denkmaschine, die sich nicht emotional verstricken lässt, die keinen sexuellen Trieben nachgeht, kann die Figur Sherlock Holmes der Übermensch sein, als der sie angelegt ist, um gegen das Verbrechen zu kämpfen.“

      Ich meinte damit: Seine Asexualität und seine Aromantik kommen hier seiner Berufung zum Analysieren, seinem Dasein als Denkmaschine sehr entgegen – und nicht, dass das eine aus dem anderen immer folgen muss. Daher kann man auch spekulieren, dass sich Holmes seine „Gefühlslosigkeit“ nur antrainiert hat, denn Holmes kann ja Gefühle haben. Er setzt sich für Schwächere ein, er kann Mitleid empfinden, und er hat eine enge Freundschaft mit Watson. Dass er aber einfach kein Interesse an Sex hat, davon kann man, finde ich, ausgehen. Bei Romantik ist die Diskussion offen.
      Daher möchte ich auch nochmal betonen: Ich habe was gegen das ewige „Shippen“, dass John und Sherlock unbedingt ein Paar sein „müssen“ (oder Sherlock und Irene), nicht dagegen, dass Holmes als queere Figur gezeigt wird. Das Shippen hat nichts mehr mit dem originalen Holmes zu tun, siehe Aromantik.

      Queerbaiting – ja, ich verstehe was du meinst und entschuldige mich, wenn das im Text zu überheblich rüberkam. Selbstverständlich ist das ewige Witzeln von Mrs Hudson verletzend. Ich glaube, ich habe das „Shippen“ (das ich persönlich doof finde) mit der Darstellung an sich von queeren Figuren vermengt.
      Gut, dass Irene lesbisch ist, kann ich jetzt nicht sehen – oder geht’s allein darum, dass sexuelle Handlungen zwischen Frauen angedeutet werden? Auch wenn es „nur“ Irene als bezahlte Domina ist, die SM-Fantasien von Frauen befriedigt? Insgesamt wäre es natürlich viel cooler und fortschrittlicher gewesen, Irene als lesbische oder queere Frau zu zeigen, die einfach mal kein Interesse an Sherlock oder Männern insgesamt hat. Weg vom femme-fatale-Klischee.

      Du schreibst, die Diskussionen darüber, Holmes könnte queer, z.B. schwul sein, seien nicht neu, sondern schon im Original so angelegt und hätten daher auch heute ihre Berechtigung.
      JA! Natürlich hat jede Spekulation ihre Berechtigung, wir sind in einem freien Land. Mir geht es um etwas Übergreifenderes: Solche Spekulationen („Holmes war schwul und ist von Doyle auch schon so angelegt, keine moderne Zuschreibung“) ist im kulturhistorischen Kontext (queere Subkultur im viktorianischen England usw.) interessant. Aber auch nur da. Literaturwissenschaftlich bringt sie nichts. Sie führt nur rein in eine unsachliche Diskussion, die fiktive Figuren wie reale Menschen behandelt, sie quasi „auf die Couch legt“, weil man anfängt, ein Konstrukt im Text psychologisch zu deuten. (Daher auch meine Abneigung gegen das shippen.) Verstehst du, was ich meine? Das ist nicht abwertend gemeint, aber solche Diskussionen sind für mich weniger interessant, weil ich eben hauptsächlich ein literaturwissenschaftliches Interesse habe.

      Noch eine kleine Anmerkung zum viktorianischen Junggesellen: Mir ist bewusst, dass du da historisch viel mehr bewandert bist als ich. Ich hatte nur mal recherchiert (beim Thema „Frauenfiguren in Sherlock Holmes“), dass es einen leichten Frauenüberschuss im 19. Jhdt. in England gab und gleichzeitig die Lebenshaltungskosten stiegen bei sinkenden Löhnen. Das heißt, Männer haben immer später geheiratet, weil es einfach sehr teuer war, eine Familie zu unterhalten, oder auch gar nicht. Daher diese vielen Frauen aus der Mittelschicht, die keinen Mann gefunden haben und Gouvernante werden mussten. Ich denke, dass zumindest ein Teil der „ewigen Junggesellen“ einfach keinen Bock hatten zu heiraten, weil es teuer war und außerdem bequem war und mehr Freiheit bedeutete, zu Prostituierten zu gehen (überspitzt ausgedrückt).

      So, bitte sieh mir etwaige Ungenauigkeiten nach. Ich finde deine Perspektive (wie du sie ja auch in deinem Artikel zu Holmes‘ Sexualität darlegst) total spannend und dein Wissen über den Viktorianismus echt bewundernswert. Lass uns mal ein „Viktorianismus-Camp“ machen und über alle Aspekte diskutieren, die wir interessant finden. 🙂
      Deine Sabine

      Antworten
  • Pingback:Wer ist der beste moderne Holmes? | Ant1heldin

  • 18. November 2018 um 3:08 pm
    Permalink

    Hey Sabine,

    ich bin immer wieder schockiert, welche Ausmaße die Debatten vor allem rund um die BBC-Serie annehmen. Nachdem Sherlock und John in Staffel 4 wieder kein Paar wurden, wurden die Autoren teilweise sogar als homophob beschimpft. Was besonders lächerlich ist, da Mark Gatiss ganz offen mit seiner eigenen Homosexualität umgeht. Manche verlieren wirklich den Hang zur Realität und sehen die Figuren nicht mehr als Konstrukte. Dann kann man leider auch nicht mehr vernünftig diskutieren.

    Persönlich sehe ich bei Sherlock auch absolut keine romantischen oder sexuellen Gefühle. Weder gegenüber John, noch Irene, Moriarty, Molly oder sonst wem. Grundsätzlich finde ich es aber witzig, wie sie die Theorien in der Serie aufgreifen und John z.B. ständig betonen muss, dass sie kein Paar sind.

    Alles Liebe
    Sabrina

    Antworten
    • 18. November 2018 um 8:46 pm
      Permalink

      Hi Sabrina,
      ja, du sprichst mir aus der Seele – ich finde es rutscht gerade bei Sherlock immer mehr ins Hysterische ab :-/ Man kann Gatiss/Moffat wirklich viel vorwerfen, aber wirklich keine Homophobie.
      Mit viel gutem Willen kann man bei Irene nen Flirt sehen- diese ganzen Schlagabtäusche – und wie Sherlock dann um Irene trauert, als sie ihren Tod nur vortäuscht. Whatever. Muss man natürlich nicht.
      Ja, genau, vor allem in Staffel 3, Folge 1, wo sie die ganzen Fantheorien aufgreifen, herrlich!
      Danke für deinen Kommentar!

      Antworten
      • 19. November 2018 um 6:36 pm
        Permalink

        Bei der Irene weiß ich ehrlich gesagt nicht, was ich mit den „Andeutungen“ anfangen soll. Vor allem, als sie in Staffel 4 wieder aufgegriffen wird. Das ist alles sehr merkwürdig.

        Hach ja, der kleine Sherlock-Fanclub ist sooo genial. Allen voran natürlich Anderson.

        Antworten
  • 18. November 2018 um 11:31 am
    Permalink

    Ich kann zwar sehr gut nachvollziehen, warum sich einige Fans eine romantische / sexuell Beziehung zwischen Holmes und Watson wünschen (so wenig Repräsentation und das hier wäre eine so bekannte Hauptfigur), aber für mich wird Sherlock Holmes immer asexuell und aromantisch sein. Letzteres ist insofern für mich noch ganz wichtig zu ergänzen, weil auch asexuelle Menschen durchaus romantische Beziehungen haben (können). Schöner Artikel! 🙂

    Antworten
    • 18. November 2018 um 8:36 pm
      Permalink

      Hi Anica,
      danke für dein Lob und deine Anmerkung – da hast du natürlich recht! Das habe ich nicht deutlich genug gemacht. Holmes ist beides, wie du sagst (weder an Sex, noch an Romantik interessiert).
      LG, Sabine

      Antworten

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