Vom Podest in die Hölle: Frauenfiguren bei Sherlock Holmes

Sie fallen weniger auf, sind aber da und spielen eine nicht unwichtige Rolle: Frauenfiguren in den Sherlock-Holmes-Stories. Bei näherer Betrachtung kann man hinter all den verzweifelten Klientinnen des Meisterdetektivs interessante Schlüsse auf das Frauenbild der viktorianischen Epoche ziehen. Welche Funktionen die Frauenfiguren im Holmes-Universum einnehmen, warum die Figur der Irene Adler bis heute fasziniert und wie bekannte Frauenfiguren in Adaptionen verändert werden, versuche ich aufzuschlüsseln. (Entschuldigt, bei dieser zweiten Runde #bakerstreetblogs bin ich etwas eskaliert. Aber das Thema ist einfach ausufernd – allein zu Irene Adler könnte ich problemlos einen eigenen Artikel füllen. Schaut später auch zu Karos Artikel zu Professor Moriarty rein.)

Frauenfiguren Sherlock Holmes Beitragsbild

Arthur Conan Doyles Sherlock-Holmes-Universum wird von Männern dominiert, allen voran das Protagonistenduo Holmes und Watson. Falls ihr die Geschichten gelesen habt, blieben euch wahrscheinlich höchstens die „damsels in distress“ in Erinnerung, verzweifelte Klientinnen, die Holmes um Hilfe bitten. Es passiert aber noch mehr. Der Holmes-Kanon lässt alle wichtigen Frauen-Typen aus der viktorianischen Gesellschaft sprechen, die in der damaligen Vorstellung von Weiblichkeit eine Rolle spielten. Wie diese Frauentypen mit Holmes und Watson interagieren, wirft wiederum ein gutes Licht auf ihre Funktionen in den Holmes-Geschichten.

Die Sherlock-Holmes-Stories als Erbe der sensation novel

Ich sage bewusst: Typen. Bei einer Analyse von Arthur Conan Doyles Geschichten darf man nie vergessen, dass wir es hier mit einer Weiterentwicklung der sensation novels in Kurzgeschichtenform (mit Ausnahme der vier Holmes-Romane) zu tun haben. Diese befassten sich mit schockierenden Begebenheiten wie Mord, Ehebruch, Kidnapping usw. und bedienten sich gerne bei Motiven von realen Kriminalfällen. (Wilkie Collins‘ The Moonstone und Charles Dickens‘ The Mystery of Edwin Drood sind Beispiele dafür). In diesem Literatur-Genre gab es selbstverständlich keine psychologisch ausgefeilten Charakterstudien, sondern aufs Wesentliche beschränkte Figurentypen, wie eben den „Bösewicht“ oder die „verfolgte Unschuld“. Nach diesem Vorbild geht auch Arthur Conan Doyle vor, zudem hat er mit der Kurzgeschichtenform nur begrenzt Platz, überhaupt Charakterisierungen von Figuren unterzubringen, wenn es sich nicht um den Protagonisten handelt. Der Fokus liegt einfach an anderer Stelle. Das sollte man immer im Hinterkopf behalten.

Die häufigste Frauenfigur bei Sherlock Holmes: Die in Bedrängnis geratene Lady

Ohne sie geht es nicht: Ein Superheld braucht die schwache Frau, die er retten kann. Das ist beim Meisterdetektiv Sherlock Holmes nicht anders. Die „damsel in distress“ ist bei Arthur Conan Doyle meist die in Bedrängnis geratene Lady, also eine Frau aus der Ober- oder Mittelschicht, die seine Hilfe braucht. Sie steht einem Rätsel gegenüber, das Holmes lösen muss, wird erpresst oder gerät gar in Lebensgefahr, vor der Holmes sie bewahren muss (gute Beispiele sind Violet Smith aus The Solitary Cyclist, Helen Stoner aus The Speckled Band oder Mary Morstan aus The Sign of Four.) Eine „bedrängte Unschuld“ muss natürlich den höchsten moralischen Ansprüchen genügen, damit der Leser mit ihr mitfiebern und mitleiden darf. Daher sind diese Figurentypen nach einem ganz bestimmten Vorbild aus der damaligen gesellschaftlichen Vorstellung geschaffen: der Frau als „angel in the house“.

Ideale, Mythen und Heuchelei: das ungerechte Frauenbild der Viktorianer

1854 verfasste der amerikanische Dichter Patmore ein kitschiges Gedicht mit dem Namen „Angel in the house“, in dem er seine Frau und auch das ganze weibliche Geschlecht idealisierte. Es war schlecht geschrieben, entwickelte sich aber nur aufgrund seines Themas zu einem der einflussreichsten Texte in der englischsprachigen Welt der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es geht um die perfekte Frau als liebliches, duldsames Wesen, das sich selbstlos für seinen Mann aufopfert. Dem Mann das Leben schön zu machen, ist das größte Vergnügen dieser Art von Ehefrau:

„Man must be pleased; but him to please
Is woman’s pleasure; down the gulf
Of his condoled necessities

She casts her best, she flings herself. (…)“

Der „Engel im Haus“ beschreibt also die perfekte Gattin, die nichts anderes anstrebt, als ihrem Mann ein schönes Zuhause zu bereiten (wozu eine Menge Fertigkeiten gehören, die gleich mit idealisiert werden, wie die perfekte Haushaltsführung.) Die Idealisierung geht aber noch weiter: „Her, the most excellent of all/The best half of creation’s best (…).“ Die perfekte Frau war dem Mann von Natur aus moralisch überlegen. Denn aus der Tatsache, dass Frauen Kinder gebären können, leitete man eine natürliche Selbstlosigkeit und einen Opferwillen ab, die das ganze Geschlecht bestimmen sollten. Das Ergebnis war die Vorstellung von der Frau als höheres Wesen, eine Art Gottheit, die man von Ferne anbetete. Die Rechnung war einfach: Die Gattin wurde vom Ehemann aufs Podest gestellt, dafür aber auch jeder persönlichen Freiheit beraubt, denn sie war ja zu schwach, zu gut  und zu weltfremd, um mit der Realität außerhalb des bürgerlichen Zuhauses umzugehen. Der Mann übernahm das. Er beschützte sie. Und indem er absolute Duldsamkeit auf Seiten der Frau als höchste Tugend hinstellte, sollte sie mit ihrem Los „versöhnt“ werden. Schließlich „belohnte“ der Ehemann sie mit seiner Engelsverehrung, wenn er gerade Zeit dafür fand.

Das Idealbild der Frau ohne Fehler, Triebe oder Sexualität

Diese Verklärung der Frau kommt tausend Mal in den Sherlock-Holmes-Geschichten vor. Doktor Watson bezeichnet seine Verlobte Mary Morstan z.B. in The Sign of Four als „treasure“. Holmes‘ Klient aus The Beryl Coronet, William Holder, beschreibt seine Nichte als „sweet, loving, beautiful, a wonderful manager and housekeeper, yet as tender and quiet and gentle as a woman could be.“ Annie Harrison pflegt in der Geschichte The Naval Treaty ihren Verlobten aufopferungsvoll, nachdem dieser ein Gehirnfieber erleidet, usw. Diese Liste ließe sich beliebig fortführen. Alle diese Frauenfiguren repräsentieren das Idealbild der selbstlosen Frau, die ihrem Mann/Verlobten/Vater treu ergeben ist.

Gegen diesen Mythos begannen einzelne Gruppen von Frauenrechtlerinnen ab ca. 1865 zu protestieren (sie waren Vorläuferinnen der Suffragetten). Sie prangerten ganz besonders dieses Idealbild der Frau an, weil es ihr keinen Status als mündiges menschliches Wesen mit ganz normalen Gefühlen, Fehlern und Trieben zugesteht. Der keusche Engel auf dem Podest hatte natürlich keine Sexualität, ertrug es aber stumm, wenn der Mann fremdging. Auch weibliche Verbrecher konnte man sich kaum vorstellen. Kriminalfälle mit Frauen als Angeklagte zogen daher auch immer besonders große Skandale nach sich und wurden besonders verurteilt. Der Tenor: Wenn eine Frau so „gegen ihre Natur“ handelt, dann ist sie kaum noch zu retten. Zwei berühmte Beispiele von Mordfällen mit Frauen als Hauptverdächtige waren die Fälle von Madeleine Smith im Jahr 1857 (Verdacht des Mordes an ihrem Liebhaber) und Constance Kent im Jahr 1865 (Verdacht des Mordes an ihrem Halbbruder).

Zwei Frauentypen bei Sherlock Holmes: Die Frau ohne Selbstbeherrschung und die Frau als Prestigeobjekt

Selbstbeherrschung war daher die erste und wichtigste Pflicht, die jede Frau lernen musste. Ergab sich eine Frau ihren Leidenschaften, seien sie libidinöser oder anderer Art, wurde sie streng verurteilt. Bei Sherlock Holmes erleidet dann auch jede Frau, die keine Selbstbeherrschung übt, ein trauriges Schicksal: Kitty Winter (The Illustrious Client) wurde vom bösen Baron Gruner verführt und muss nun als Straßendirne leben. Lady Hilda Trelawney Hope (The Second Stain) hat sich in ihrer Jugend hinreißen lassen, indiskrete Briefe an einen mittellosen Mann zu schreiben, und wird daraufhin von einem Schurken erpresst, einen Diebstahl zu begehen. Auch Madame Fournaye aus derselben Geschichte rutscht in eine kriminelle Karriere ab: Sie ersticht ihren Ehemann aus Eifersucht. Und die Figuren Rachel Howells und Maria Pinto aus The Musgrave Ritual und The Thor Bridge bezahlen die Hingabe an ihre Leidenschaft mit ihrem Verstand. Der implizierte erhobene Zeigefinger ist hier ganz klar vorhanden und soll die Leserin zur Disziplin anhalten.

Dagegen kommen Frauenfiguren, die sich angepasst verhalten, bei Sherlock Holmes in den Genuss eines exklusiven Status: Das der rundum versorgten bürgerlichen Ehefrau. Als solche dürfen sie allerdings in den Sherlock-Holmes-Geschichten nicht mehr groß in Erscheinung treten (es sei denn, sie konsultieren Holmes, aber auch dann bleiben sie die „damsels in distress“.) Mary Morstan (Watsons Zukünftige) beweist sich z.B. im Roman The Sign of Four als kluge und umsichtige Klientin, die Holmes die Ermittlung sogar erleichtert, wie eine gute Assistentin es tun sollte. Holmes selbst gibt zu: „She had a decided genius that way.“ In allen späteren Aufzeichnungen von Doktor Watson erwähnt er seine Frau aber nur noch, wenn er ihr Bescheid gibt, dass er mal wieder auf Ermittlungsarbeit geht mit seinem besten Freund Holmes. Klar ist: Doyle zementiert hier durch den Erzähler Watson das gängige Geschlechterbild, dass die erste Aufgabe einer jeden Frau es sei, den Haushalt für ihren Mann zu führen und ansonsten nicht weiter aufzufallen. Schon Marys Teilnahme als „Ermittlungsassistentin“ an ihrem eigenen Fall bedeutete eine zu große Abweichung von diesem Ideal. Was mit Frauen passiert, die sich noch mehr Freiheiten nehmen, habe ich oben beschrieben.

Frauenverachtung und das Negativbild des „angel in the house“

In der viktorianischen Epoche gab es natürlich nicht nur Verehrung für Frauen. Für eine Frau, die „in ihren Pflichten versagt“ hatte, hatte die Öffentlichkeit nichts als Verachtung übrig. Frauen, die z.B. keinen Ehemann fanden, bekamen die Bezeichnung spinster oder surplus woman (überflüssige Frau!). Letzteres Phänomen war dem Bevölkerungswachstum während der Industrialisierung in England geschuldet. Es gab viele Frauen aus der Mittelschicht, die aus kinderreichen Familien stammten, keine Mitgift hatten und daher keinen Ehemann fanden (zudem gab es einen leichten Frauenüberschuss und damit einfach zu wenig Heiratskandidaten). Andererseits durften diese Frauen auch nicht arbeiten gehen, um nicht unstandesgemäß zu handeln. So blieben sie quasi „übrig“ und waren finanziell abhängig von männlichen Verwandten. Mit wenig Einfühlungsvermögen schildert Doktor Watson dann auch das Schicksal der „überflüssigen Frau“ Sarah Cushing, die aus Eifersucht eine Intrige zwischen ihrem Schwager und ihrer Schwester anzettelt, die tödlich endet (The Cardboard-Box).

Die Frauen-Mythen der viktorianischen Epoche zeigen also eine Sichtweise, die mal rührselig den sanften Engel lobpreist, mal mitleidig-abschätzig die Frau ablehnt, die es nicht „schafft“, ihre „vorbestimmte“ Rolle zu erfüllen, und z.B. keinen Ehemann findet.  

Die Anstellung als Gouvernante war für die surplus women übrigens der einzige akzeptable Weg, sich ein eigenes Einkommen zu verdienen. Diese Stellen waren jedoch schlecht bezahlt und bedeuteten de facto einen gesellschaftlichen Abstieg: Die Arbeitgeber sahen in ihren Gouvernanten nichts anderes als eine weitere Bedienstete, obwohl die Hauslehrerinnen eine Erziehung als Lady genossen haben mussten, um überhaupt angestellt zu werden. Das „Gouvernantenelend“ war ein geflügeltes Wort dafür (lest zur literarischen Verarbeitung dieses Themas meinen Artikel zu den Bronte-Schwestern und ihrem literarischen Schaffen).

Die Sherlock-Holmes-Geschichten werden von einigen Gouvernanten bevölkert. Bemerkenswerter Weise sind sie aber keine erbarmungswürdigen Kreaturen: Im Gegenteil, den Lehrerinnen Violet Hunter und Violet Smith wird eine besondere Umsicht, Geistesgegenwart und sogar ein gesundes Selbstvertrauen attestiert.

Die „New Woman“ bei Arthur Conan Doyle

In den 1880ern und 1890ern gab es in England ein paar gesellschaftliche Fortschritte für Frauen, obwohl die Vertreter des Patriarchats natürlich fleißig weiterhin den Mythos der duldsamen Ehefrau propagierten. Es wurde vertretbar, als Frau Sport zu treiben, die mutigsten zogen sich sogar Knickerbocker-Hosen zum Radfahren an. Ab den 1890ern durften Frauen offiziell an den Universitäten studieren. Und die Suffragetten-Bewegung kam auf. Diese selbständiger werdende Frau, die nicht mehr auf das Häusliche beschränkt ist, Sport treibt und ihr Recht auf Bildung einfordert, wurde „new woman“ genannt. Den Sherlock-Holmes-Abenteuern wird in der Forschungsliteratur oft vorgeworfen, dass sie diese Frauenbewegung nicht zeigen und deshalb anachronistisch sind. Ich bin der Meinung: Gerade die Abwesenheit von solchen selbstbewussten Frauen (von einigen wenigen Beispielen abgesehen) zeichnet ein beredtes Bild der Angst, die vor dem Neuen herrschte, und bildete daher sehr wohl den Zeitgeist ab. Arthur Conan Doyle bildete da keine Ausnahme.

„Rebellische“ Frauenfiguren bei Sherlock Holmes

Als bestes Beispiel für einen abweichenden Frauentypus im Holmes-Kanon muss natürlich zuerst Irene Adler genannt werden.

Irene Adler

Irene Adler taucht in nur einer Sherlock-Holmes-Geschichte auf, A Scandal in Bohemia, das genügt aber, ihr eine Sonderstellung einzuräumen. Denn sie ist Holmes‘ „Nemesis“, die einzige Frau und sogar der einzige Mensch überhaupt, der es schafft, den Meisterdetektiv auszutricksen. Bezeichnenderweise entspricht Irene Adler so gar nicht dem populären Ideal der devoten Frau, denn sie verbindet weibliche Eigenschaften mit höchst unweiblichen: „You do not know her, but she has a soul of steel. She has the face of the most beautiful of women, and the mind of the most resolute of men.“ So beschreibt Holmes‘ Klient, der König von Böhmen, seine ehemalige Geliebte Irene Adler. Sie erpresst ihn mit einer Fotografie, um ihn von seiner bevorstehenden Hochzeit mit einer Adeligen abzuhalten. So erscheint sie erst einmal als der Bösewicht der Geschichte, die femme fatale, die ihrem Ex-Geliebten aus Eifersucht schaden will. Dieser Eindruck wird am Anfang der Geschichte durch Watsons abfällige Bemerkung verstärkt, Irene Adler sei „of dubious and questionable memory“. Irene ist nämlich Opernsängerin und Schauspielerin, und dieser Beruf sorgt dafür, dass jeder anständige Bürger sie sofort der Halbwelt zurechnet. Schauspielerinnen wurden bis ins 20. Jahrhundert per se als Prostituierte angesehen. So bezeichnet auch Holmes Adler zunächst als „young person“ (nicht Miss oder Lady), ein Euphemismus für eine Frau von zweifelhaftem Ruf.

Im Laufe der Geschichte zieht Watson (vielleicht unwillentlich?) die Sympathie des Lesers aber immer mehr auf die Seite der Antagonistin. Zu klug, zu geistesgegenwärtig und zu entschlossen handelt Irene Adler. Sie durchschaut z.B. als Einzige von Holmes‘ Gegnern seine Verkleidung, als er sie dazu bringen will, ihm das Versteck der Fotografie zu verraten. Sie spioniert daraufhin Holmes und Watson in Männer-Verkleidung hinterher, um sicher zu gehen, dass es der Meisterdetektiv ist, der sie im Visier hat. Als Holmes sich schon siegessicher wähnt, und am nächsten Morgen die Fotografie sicherstellen will, ist Irene Adler samt Foto längst über alle Berge und hat Holmes nur einen Brief hinterlassen (in dem sie z.B. erklärt, dass sie den König nicht weiter erpressen wird, aber das Foto zu ihrer eigenen Sicherheit behält).

Holmes‘ Klient, eben noch verzweifelt, reagiert begeistert: „Did I not tell you how quick and resolute she was? Would she not have made an admirable queen?“, und Holmes kann da nur zustimmen. Er muss seine Niederlage anerkennen. Das Witzige ist, dass hier typisch unweibliche Qualitäten wie Entschlossenheit positiv dargestellt werden.

Irene Adler ist eigentlich das Opfer in der Geschichte, aber ein Opfer, das sich zu helfen weiß. In ihrem Brief macht sie deutlich, dass der König ihr grausam mitgespielt habe („cruelly wronged“). Wir haben es nicht mit einer femme fatale zu tun, sondern mit einer Frauenfigur, die versucht, sich gegen die selbstgerechte Männerwelt zu wehren. Gegen diese „Unschicklichkeit“ hat Holmes dann auch weniger moralische Bedenken als Watson. Als Zeichen seines Respekts vor ihr bewahrt er fortan eine Fotografie von Irene Adler auf. Auch seine berüchtigte Geringschätzung von Frauen als irrationale Wesen legt er (vorerst) ab. Watson berichtet: „He used to make merry over the cleverness of women, but I have not heard him do it of late.“

Schade ist nur eins: So viel Respekt Irene Adler als selbständige Frauenfigur in A Scandal in Bohemia bekommt, auch sie muss am Ende „gezähmt“ werden. Nur aufgrund ihrer Hochzeit mit einem neuen Mann ist sie so weit besänftigt, den König von Böhmen nicht weiter zu erpressen. Auch eine unabhängige Frau gehört zwangsläufig unter die Haube, ein anderes Weltbild kann sich Arthur Conan Doyle nicht vorstellen.

Irene Adler Sherlock Holmes
Irene Adler aus A Scandal in Bohemia

Isadora Klein

Aber auch die Frauenfigur Isadora Klein aus The Three Gables fällt aus der Reihe: Sie repräsentiert das schlimmste Schreckgespenst, das sich die Männergesellschaft im Spätviktorianismus vorstellen kann: Die sexuell befreite Frau. Isadora Klein ist verwitwet, dadurch frei von jedem männlichen Einfluss und unterwirft sich keiner gesellschaftlichen Konvention mehr. Im Gegenteil, sie lebt ihre Sexualität frei aus und die Männer verfallen ihr reihenweise. Zudem ist sie in verbrecherische Machenschaften verwickelt, die Holmes zu ihr führen. Natürlich erfüllt Isadora Klein voll und ganz das Klischeebild der femme fatale, der männerfressenden Lilith (und auch das rassistische Klischee der promiskuitiven, südländischen Frau). Auch Holmes sagt ihr ein schlimmes Ende voraus: „Have a care! You can’t play with edged tools forever wihtout cutting those dainty hands.“. Ganz klar: So viel Selbstbewusstsein kann nur ins Verderben (nach damaliger Vorstellung: in die Hölle) führen.

Violet Hunter

Violet Hunter aus der Geschichte The Copper Beeches kann hingegen als die einzige wirklich emanzipierte Frauenfigur bei Arthur Conan Doyle bezeichnet werden. Lustigerweise hegt Watson in seiner Erzählung die Hoffnung, dass aus ihr und Holmes ein Paar werden könnte, denn selbst der Detektiv ist beeindruckt von ihrer Intelligenz und bezeichnet sie als „very brave and sensible girl“. Diese Hoffnung zerschlägt sich natürlich schnell wieder aufgrund von Holmes genereller Abneigung gegen jede Art von emotionaler Verstrickung.

Violet Hunter ist die Klientin bei The Copper Beeches. Sie ist Gouvernante und damit berufstätig und steht mit beiden Beinen im Leben: „She was … with the brisk manner of a woman who has had her own way to make in the world.“ Zwar bittet sie Holmes um Hilfe, aber sie kann ihre Angst zugunsten praktischer Gründe ablegen (sie muss eine Stelle annehmen, die ihr nicht behagt). Violet übernimmt dann auch im Laufe der Handlung die ganze Detektivarbeit, kundschaftet das Herrenhaus aus, in dem seltsame Dinge vor sich gehen, findet wichtige Beweisstücke. Holmes muss nur noch dazukommen und seine Schlüsse ziehen.

Am Ende verliert Holmes natürlich trotzdem das Interesse an Miss Hunter, nachdem er ihren Fall gelöst hat. Aber Watson berichtet: „She is now the head of a private school in Walsall, where I believe that she has met with considerable success.“ Damit ist Violet Hunter die einzige Frau im Holmes-Kanon, die unverheiratet bleibt und in ihrem Beruf ihr Lebensziel sieht.

Das Problem mit Irene Adler in modernen Sherlock-Holmes-Adaptionen (Achtung, Spoiler)

Leider gehen moderne Adaptionen gerade mit der interessantesten und „rebellischsten“ Frauenfigur aus dem Holmes-Kanon, Irene Adler, am ungerechtesten um. Da sie als Einzige den Meisterdetektiv überlisten konnte (sogar Moriarty ließ sich am Ende von ihm austricksen), hat sie im popkulturellen Gedächtnis einen Status als Überwesen. Den übertragen moderne Verfilmungen (darauf möchte ich mich hier beschränken) immer in das größte weibliche Extrem, das sie sich vorstellen können. Und das ist eigentlich ziemlich altmodisch: die femme fatale. Gerade die beiden beliebtesten Serienadaptionen des Stoffes, Sherlock und Elementary, machen aus Irene ein einziges Klischee-Zerrbild ihrer selbst.

Bei Sherlock ist Irene als Domina nicht nur super sexualisiert und läuft die Hälfte ihrer Screen Time nackt herum, sie ist auch noch ziemlich manipulierbar und verliert so jede Verve, die sie im Original hatte. Sie wird von Moriarty als Köder benutzt, um an Sherlock heranzukommen. Und am Ende kann der super männliche, rationale Held die schwache Frau reinlegen, denn natürlich kann sie ihre romantischen Gefühle für Sherlock nicht verbergen. Uff. Augenverdreher hoch zehn. (Jaja, ich weiß, Cumberbatch ist toll, aber trotzdem!) Lest hierzu auch meine Ausführungen zum Sexismus in Sherlock, der auch alle anderen Frauenfiguren betrifft.

Ganz ähnlich, wenn auch komödiantischer, gehen übrigens die beiden Sherlock-Holmes-Filme von Guy Ritchie mit Irene Adler um. Sie ist dort eine Mischung aus Abenteurerin und Intrigantin, aber auch ihr werden letztendlich ihre Gefühlen für Sherlock Holmes zum Verhängnis. Es geht wohl nicht ohne Love Story.

Elementary schießt allerdings den Vogel ab. Hier erfindet Jamie Moriarty, eine weibliche Variante des Erzfeindes von Sherlock Holmes, die Identität der Irene Adler, um Holmes zu verführen (!!) und so emotional gefügig zu machen. Daraufhin wird Holmes aus Liebeskummer (!!!) heroinabhängig. Mal ganz davon abgesehen, dass hier nichts mehr von Holmes‘ ursprünglicher Charakterisierung als emotionslose, asexuelle Denkmaschine übrig bleibt (dazu in meinem Artikel zu Holmes‘ Sexualität mehr), zerstört die Serie damit beide Figuren, Moriarty und Irene Adler, auf einen Streich. Die Idee eines weiblichen Moriarty ist eigentlich ziemlich gut. Dass sie es aber nötig hat, Holmes mit ihren erotischen Reizen zu überlisten, ist irgendwie vorletztes Jahrhundert und ziemlich peinlich.

Ein Lichtblick: Die Figuren von Mary Morstan und Mrs. Hudson stehen in modernen Holmes-Pastiches und -Adaptionen immer mehr im Zentrum einer tollen, emanzipierten Darstellung von Frauenfiguren. Mary hat in Sherlock immerhin eine Agentinnen-Karriere, wenn sie auch sonst keine große Funktion in der Serie hat, außer einen Konflikt zwischen Sherlock und John herbeizuführen. Mrs. Hudson bekommt besonders in der Romanreihe The House at Baker Street von Michelle Birkby eine eigene Karriere als Detektivin.

Welchen Eindruck hattet ihr von den Frauenfiguren in den Sherlock-Holmes-Geschichten? Und wart ihr auch so enttäuscht von Irene Adler bei Sherlock? Schreibt es in die Kommentare oder postet euren eigenen Artikel unter dem Hashtag #bakerstreetblogs!

Seid ihr jetzt noch neugierig auf andere Figurentypen bei Sherlock Holmes? Dann lest Karos Artikel zum „Napoleon des Verbrechens“, Holmes‘ Erzfeind Professor Moriarty.

Diese Ausgabe von Sherlock Holmes habe ich gelesen:

Arthur Conan Doyle: Sherlock Holmes: The Complete Novels and Stories, Bantam Classics 1986.

Diese Artikel und Fach-Texte haben mir gute Anreize gegeben:

Schema und Variation in den Sherlock-Holmes-Stories von Arthur Conan Doyle (zuletzt aufgerufen am 4.11.2018)

„The Angel in the House“ (zuletzt aufgerufen am 4.11.2018)


Das nächste Mal geht es bei den #bakerstreetblogs um die Sexualität von Sherlock Holmes – ein vieldiskutiertes Thema, das auch in jeder modernen Adaption ausgeschlachtet wird. Bleibt dran!

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9 Gedanken zu „Vom Podest in die Hölle: Frauenfiguren bei Sherlock Holmes

  • Pingback:Welche Sexualität hat Sherlock Holmes? | Ant1heldin

  • 6. November 2018 um 9:35 pm
    Permalink

    Hi,
    das ist sehr interessant. Ich kenne Irene Adler ja bisher noch nicht, bin aber gespannt, die Geschichte mit ihr zu lesen.
    Stereotype sind nicht zu einfach zu knacken, gell? Die Verfilmung ist ja dann sehr enttäuschend in dieser Hinsicht. Da ist der Film noch viktorianischer als die Vorlage, das muss man erstmal schaffen.
    Danke für den aufschlußreichen Artikel.
    Daniela

    Antworten
    • 8. November 2018 um 1:02 pm
      Permalink

      Ja!!! Du sagst es!! Das beschreibe ich nochmal ausführlicher in meinem Artikel zu „Sexismus bei Sherlock“, den hab ich aus Wut geschrieben, nachdem ich die vierte Staffel gesehen hatte. Da würgen sie ja die einzige starke Frauenfigur, Euros, auch noch ab. Mann oh Mann.
      Danke für deinen Kommentar! 🙂

      Antworten
    • 8. November 2018 um 1:03 pm
      Permalink

      Vielen Dank! 🙂 Das freut mich (und uns) total!

      Antworten
  • 4. November 2018 um 3:29 pm
    Permalink

    Erstaunlich, das ist mir nie aufgefallen – es stimmt, Irene Adler ist in der Sherlock Serie enttäuschend, ich habe sie sehr schnell als nicht weiter zu berücksichtigen abgeschrieben, da sie Sherlock eben doch nicht ebenbürtig ist. Liebesgeschichten sind schön, und in der Regel mag ich sie, aber hier war sie irgendwie unausgewogen und hat die Figur so geschwächt, dass sie sich selbst überflüssig gemacht hat.

    Antworten
    • 8. November 2018 um 1:07 pm
      Permalink

      Du sagst es – und wenn man es genau nimmt, macht sie sich ab Sekunde 1 überflüssig, als sie nackt auftaucht. So traurig. Wenn du Lust hast, lies noch meinen Artikel zu „Sexismus bei Sherlock“ 😉 Da ist das alles nochmal genauer auseinander genommen.
      Danke für deinen Kommentar!

      Antworten

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