Die Brontë-Schwestern: Feministischer Kult um drei Außenseiterinnen

Neben Jane Austen sind es die Brontë-Schwestern, die als größte weibliche Klassiker der englischen Literaturgeschichte gefeiert werden. Das zeigt sich nicht zuletzt auch an der Vereinnahmung ihrer Romane durch die Popkultur: Es gibt bis heute unzählige Adaptionen und Parodien ihrer Werke, während nettes Merchandise die Käuferinnen auffordert, sich für „Team Emily“, „Team Anne“ oder „Team Charlotte“ zu entscheiden. Ich versuche, die Faszination der drei Pfarrerstöchter aus Yorkshire über ihren Klassiker-Status hinaus zu ergründen. Wer waren sie? Worüber schrieben sie? Taugen sie als leuchtendes Beispiel des frühen Feminismus?

Die Faszination der Brontë-Schwestern: Ein verpasstes Leben und früher Tod

Eigentlich waren die drei Schwestern traurige Gestalten. Die Feuilletonistin Elke Schmitter beschreibt Charlotte, Anne und Emily Brontë in ihrem Lexikon-Beitrag als „Außenseiterinnen und trostlose Fragmente ihrer Möglichkeiten“ (99 Autorinnen der Weltliteratur, S. 77). Das waren sie wohl auch: Keiner, der Jane Eyre, Wuthering Heights oder The Tenant of Wildfell Hall gelesen hat, könnte den Schwestern ihr künstlerisches Talent absprechen. Aber die Umstände verhinderten, dass sie ihre Fähigkeiten je richtig entfalten konnten, und nur Charlotte schaffte es, mit dem Schreiben Geld zu verdienen. Emily und Anne starben beide nur ein knappes Jahr nach der (pseudonymen) Veröffentlichtung ihrer ersten Romane an Tuberkulose (Emily 1848 mit 30 Jahren, Anne 1849 mit 29 Jahren). Charlotte erlebte kurzen Ruhm und starb sechs Jahre nach ihren Schwestern – nicht an Tuberkulose, wie man lang vermutete, sondern wahrscheinlich an extremer Schwangerschaftsübelkeit nur wenige Monate nach ihrer Heirat.

Bronte Schwestern Museum

Nostalgie, Wehmut und Romantizismus: Der Brontë-Kult

Um die wehmütige Beschau dieser verpassten Möglichkeiten geht es wohl auch beim „Brontë-Tourismus“. Das väterliche Pfarrhaus in Haworth, West Yorkshire, in dem die Schwestern die meiste Zeit ihres Lebens verbrachten, kann man heute als Museum besichtigen. Auch für mich hat sich der Besuch auf meinem letzten Großbritannien-Trip glücklicherweise ergeben.

Obwohl sich das Pfarrhaus idyllisch gibt (es ist von alten Bäumen umstanden, gleich daneben befindet sich der verwitterte Friedhof und die Kirche der kleinen Gemeinde), war es doch das Gefühl der Bedrückung, das ich von dort wieder mitnahm.

Bronte Sisters Museum Esstisch

Vier Zimmer im Erdgeschoss, vier im ersten Stock, das war die ganze Welt der drei jungen Frauen. Für Brontë-Fans wie mich war es natürlich sehr interessant, Artefakte wie den originalen Esstisch zu sehen, an dem die Schwestern ihre Romane verfasst haben sollen, sowie ihre tragbaren Schreibpulte, viele Original-Briefe, Manuskripte und einige Kleidungsstücke.

Aber wie eintönig die Tage im düsteren Yorkshire gewesen sein müssen, die die Frauen größtenteils mit Haushaltspflichten, nur unterbrochen vom abendlichen Schreiben, verbrachten, kann ich mir kaum vorstellen.

Aus dieser Vorstellung ergibt sich das romantische Bild dreier eingesperrter Jungfrauen, die höchstens mal im Moor spazieren gingen und die nur auf ihre Vorstellungskraft zurückgreifen konnten, um ihrer beengten Existenz zu entkommen. Kein Wunder, dass in Jane Eyre und Wuthering Heights dunkle Familiengeheimnisse, Liebeswahn und Rachefeldzüge so eine große Rolle spielen. Das alles haben die Schwestern nie erlebt. Aber ihre Heldinnen werden mit diesen anti-bürgerlichen, anti-moralischen Erlebnissen auf die Probe gestellt. Ihre Erschafferinnen wurden nie derart herausgefordert.

Merchandise als Ersatz für historische Quellen

Um die romantischen Romanwelten der Schwestern entstand in den letzten Jahrzehnten dann auch ein Fan-Kult, von dem der Museumsshop des „Brontë Sisters Parsonage“ ein beredtes Zeugnis ablegt. Neben aktuellen Romanausgaben gibt es selbstverständlich diverse Fernseh- und Kinoadaptionen (von den 80er Jahren bis heute) auf DVD zu kaufen, daneben jeden erdenklichen Haushaltsgegenstand sowie Postkarten und Poster mit dem Konterfei oder Zitaten der Schwestern bedruckt.

Schreibpult Charlotte Bronte

Keine Frage, dieser Fanrummel drückt aus, wie sehr wir Leserinnen und Leser aus dem 21. Jahrhundert diese drei Frauen aus dem 19. Jahrhundert verstehen möchten, über die so wenige historische Quellen erhalten sind. Deshalb vermischte die Popkultur das wenige, was über die Brontës bekannt ist, mit Charakterzügen ihrer Romanheldinnen und machte aus ihnen das „bedauernswerte Trio“: Drei schüchterne, unscheinbare Frauen, die ihre kleine Rebellion gegen die viktorianischen Konventionen, zu der sie sich im wahren Leben nicht trauten, im Schreiben fanden. Sie sind mal tragische Opfer, die im stillen Kämmerlein die erste Chick Lit schrieben, mal frühe Feministinnen.

 

Charlotte, Emily und Anne waren allerdings viel weniger die weltfremden Pfarrerstöchter, als die spätere Biographien sie zeichneten. In dem sehr amüsanten Rant „Reader, I Shagged Him: Why Charlotte Brontë Was a Filthy Minx“, der schon 2005 veröffentlicht wurde, belegt die Autorin Tanya Gold an einigen Briefen, Charlotte sei keineswegs ein Mauerblümchen gewesen, sondern ehrgeizig nach Ruhm und darüber hinaus besessen von ihrer unerfüllten Sexualität. Auch in ihren fiktionalen Welten muss man nicht lange nach einem Hinweis darauf suchen: Man beachte zum Beispiel den Genuss, mit dem Charlotte Brontë in Jane Eyre Mr. Rochesters Bitten um die (auch sexuelle) Gunst seiner Angestellten beschreibt.

Bronte Museum Zitat

Das „Gouvernanten-Elend“ der Brontë-Schwestern: Aus sozialer Unsicherheit entsteht Kunst

Die Umstände, unter denen die Schwestern zumindest für einige Zeit das elterliche Haus verließen, waren indes düstere. Kaum aus dem Teenageralter heraus, mussten sie Geld verdienen, weil das väterliche Einkommen bei Weitem zu klein war, drei unverheiratete Töchter zu ernähren. Die Stelle einer Gouvernante war dabei das einzige, was sozial noch akzeptabel war, wollten sie nicht in die Arbeiterklasse abrutschen. Zur Zeit der Brontë-Schwestern, also in den 1840ern, sprach man übrigens bereits vom „Gouvernantenelend“ oder „governess problem“ (The Brontës, S. 102): Ökonomische Krisen ließen viele Mittelschichts-Familien verarmen, sodass die Töchter dieser Familien alle plötzlich Stellen als Hauslehrerinnen suchten. Bronte Schwestern KleidDas Problem dabei war nicht nur die schlechte Bezahlung, sondern die soziale Unsicherheit und Isolation, die die Gouvernanten erlebten, und die Charlotte Brontë so schön in Jane Eyre und ihre Schwester Anne in Agnes Grey beschreiben. Gouvernanten mussten eine gute Familie nachweisen, um überhaupt angestellt zu werden, de facto waren sie aber Außenseiterinnen im Haus ihrer Arbeitgeber, gehören weder zur Herrschaft noch zu den Dienstboten. In Jane Eyre muss die Protagonistin beispielsweise mit anhören, wie die hochnäsige Miss Ingram über ihre früheren Gouvernanten herzieht: „half of them detestable and the rest ridiculous, and all incubi [=Verführerinnen].“

Ironischerweise ist es aber das Gouvernantenelend, das die Schwestern zu den Ikonen der Weltliteratur machte, als die wir sie heute zu Recht sehen. Die soziale Demütigung, die sie erlebten, und die ihren Drang zur Selbstbestimmung noch befeuerte, schaffte genug Spannung, die sich in künstlerischer Tätigkeit Bahn brechen musste (ganz davon abgesehen, dass sie als verheiratete Frauen und Mütter sicher nicht die Zeit gehabt hätten, zu schreiben). Natürlich hatten die Brontë-Schwestern als Kinder und Jugendliche bereits literarische Fantasiereiche erschaffen. Ihre im Erwachsenenalter geschriebenen Romane trafen jedoch einen Nerv. Die Geschichte von Jane Eyre, der Gouvernante, die am Ende doch noch Gerechtigkeit erfährt, wurde dann auch gleich nach Erscheinen zum Erfolg.

Der gescheiterte Bruder als Vorbild für „sündhafte“ Männerfiguren?

Ein weiterer Einfluss auf das Schreiben der Brontë-Schwestern ist relativ unbekannt, sollte aber nicht von der Hand gewiesen werden: Ihr gescheiterter, alkoholabhängiger Bruder Branwell. Er war das zweitälteste Kind der Familie nach Charlotte, danach kamen Emily und Anne. Seine eigentlich angestrebte Karriere als Maler scheiterte an der Aufnahme in der Royal Academy, er wurde früh Alkoholiker und opiumabhängig und verlor einen Job nach dem anderen – zuletzt wurde er als Hauslehrer wegen einer Affäre mit der Hausherrin entlassen.

Von 1845 bis zu seinem Tod 1848 lebte er wieder mit seiner Familie im Pfarrhaus. Dies war auch die Zeit, in der seine Schwestern nach verschiedenen Gouvernantenstellen nach Hause zurückkehrten und ihre Romane verfassten, für die sie berühmt wurden. Ihre gesteigerte künstlerische Produktion fiel aber mit dem zunehmenden Verfall ihres Bruders zusammen. Branwell soll im delirium tremens zusehends unberechenbarer (vielleicht sogar gewalttätig) geworden sein, während er vom Vater aufopferungsvoll gepflegt wurde.

Bronte Museum Friedhof

Diese traumatischen Erlebnisse – gemeinsam mit der wahrscheinlichen Parteinahme des Vaters für den missratenen Sohn – haben einige Spuren in den Werken der Brontë-Schwestern hinterlassen. Auch Mr. Rochester ist ein unberechenbarer, schroffer Geselle, der gern mal sein häusliches Unglück im Alkohol ertränkt, und Heathcliff stellt den ersten Antihelden der viktorianischen Literatur dar. Alkoholtrinkend, zynisch und rachsüchtig, geht er für die Erfüllung seiner unglücklichen Liebe zu seiner Ziehschwester über Leichen. Die Protagonistin Helen aus The Tenant of Wildfell Hall schließlich ist ihrem gewalttätigen, alkoholkranken Ehemann weggelaufen.

Die Brontë-Schwestern: Schreiben als weibliche Rebellion?

Ohne zu biographistisch vorgehen zu wollen – denn natürlich ist es müßig, historische Personen aus dem Umfeld der Brontës in ihren Romanen 1:1 wiederfinden zu wollen – ist der Typus des „unmoralischen Mannes“ eindeutig eine Konstante in den Werken der Schwestern. Charlotte und Anne stellen diesem Typus moralisch integre Frauenfiguren entgegen. In dieser Konstellation spiegelt sich die Frustration der Schwestern über die Ungerechtigkeit ihrer sozialen Lage: Vielleicht kann man die moralische Genugtuung der Brontëschen Heldinnen auch als kleine Rache an der zeitgenössischen, viktorianischen Männerwelt sehen, deren Sünden und Fehler lange nicht so streng geahndet wurden wie die von Frauen. Junge unverheiratete Gouvernanten standen z.B. immer unter dem Generalverdacht, ihre Arbeitgeber verführen zu wollen, während ungezügeltes sexuelles Verhalten bei Männern stillschweigend akzeptiert wurde.

Mit dem schwierigen Verhältnis zum Bruder wäre auch eine sehr persönliche Ursache für die Frustration mit der Männerwelt gegeben. Charlotte beschreibt ihre Gefühle nach dem Tod Branwells dann auch so: „I do not weep from a sense of bereavement – there is […] no dear companion lost – but for the wreck of talent …“ (The Brontës, S. 29). Dazu kam die Frustration, als Frauen künstlerisch nicht ernst genommen zu werden und finanziell immer von Männern – dem Vater oder dem Arbeitgeber ­– abhängig sein zu müssen.

In Wuthering Heights ist der Geschlechterkampf weiblich/tugendhaft versus männlich/sündig allerdings aufgehoben. Der Roman ist „moralisch gleichgültig“ (99 Autorinnen der Weltliteratur, S. 80), wie Elke Schmitter es formuliert, niemand lernt dazu, Heathcliff wird durch keine Frau geläutert.

Bronte Museum Zitat Wuthering Heights

Waren die Brontë-Schwestern frühe Feministinnen?

Trotz der Argumente, die ich gesammelt habe, um die kleine häusliche Rebellion der Brontës gegen eine männliche beherrschte Außenwelt zu belegen, halte ich ihre Romane für kein Zeugnis von frühem Feminismus. Ja, ihre Heldinnen standen für die Freiheit des Indiviuums ein, berühmt geworden ist das Zitat aus Jane Eyre, in dem die Gouvernante ihrem Arbeitgeber an den Kopf wirft: „I am no bird, and no net ensnares me!“, trotzdem ist es das Ideal der moralisch unfehlbaren, viktorianischen Frau, das Charlotte und auch Anne propagieren. Jane Eyre weigert sich z.B., in wilder Ehe mit ihrem Geliebten zusammen zu leben.

Die Brontëschen Protagonistinnen stoßen sich mehr an Klassen als an Gender-Rollen, z.B. an der Macht, die Arbeitgeber über ihre Gouvernanten haben, und wie plötzliche Verarmung zum Verstoß aus der feinen Gesellschaft führen kann. Daher scheint es ihnen nur recht und billig, wenn sie am Ende den Gentleman heiraten, dem sie zuvor unterstellt waren. Freilich schwingt dabei eine Gender-Ungleichheit mit, denn natürlich sind die Herren immer Männer und die Untergebenen immer Frauen. Von weiblicher Selbständigkeit ist aber nie die Rede – daher ist die Bezeichnung von Jane Eyre, Agnes Grey, Villette usw. als Vorläufer der Chick Lit durchaus berechtigt.Bronte Museum Esstisch

Die persönliche Freiheit ihrer Frauenfiguren ist den drei Brontë-Schwestern immer wichtig, die Begrenzung derselben wird aber kaum als Sexismus-Problem gesehen oder gar angesprochen. Im Rückblick unterstellen wir heutige Leserinnen den drei Autorinnen gern eine frauenrechtlerische Intention – „feministische Rührung“ nennt Journalistin Elke Schmitter dieses Phänomen ganz treffend (99 Autorinnen, S. 80). Höher einschätzen würde ich aber ihre künstlerischen Errungenschaften: Charlotte und Anne trugen viel zur Entstehung des realistischen Romans (und des weiblichen Blickwinkels darin) bei, während Emilys einziges Werk Wuthering Heights heute als Vorläufer der literarischen Moderne, unter anderem wegen einer fehlenden moralischen Lehre, gesehen wird: „Emily Brontë war die erste Autorin, deren Helden keiner Moral zu verpflichten, für keine Erziehung erreichbar, keinem Fortschritt zuführbar sind.“ (99 Autorinnen, S. 81).

Mal wieder sehr erhellend war diese Monographie über Schriftstellerinnen der Weltliteratur:

Verena Auffermann et al. (Hrsg.): Leidenschaften. 99 Autorinnen der Weltliteratur, München: C. Bertelsmann 2009.

Biographisches zu den Brontës:

Patricia Ingham: The Brontës, New York: Oxford University Press 2006.

Die Romane von Charlotte, Anne und Emily Brontë gibt es im Original z.B. von der Oxford University Press oder von Penguin zu kaufen, in der deutschen Übersetzung im dtv-Verlag oder im Hanser-Verlag.

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