„Ein Krokodil für Mma Ramotswe“, der „Wohlfühl“-Krimi und das Hay Festival

Das Hay-Festival hat mich auf den Autor Alexander McCall Smith und seine Krimireihe zur botswanischen Detektivin „Mma Ramotswe“ aufmerksam gemacht. Was mir am ersten Band der Reihe, Ein Krokodil für Mma Ramotswe (im Original: The No. 1 Ladies‘ Detective Agency), so gut gefallen hat, möchte ich euch hier berichten, und wie mein Eindruck vom Autor selbst war, den ich auf dem Festival im Interview gesehen habe. Nur so viel vorweg: Meine Scheu, Live-Auftritte von Autoren anzusehen, hat sich bestätigt.

Das Hay Festival, bester Ort der Welt für BibliophileHay Festival Book Shop

Das Hay Festival in Hay-on-Whye, Wales, ist ein wunderbarer Ort für alle Literatur- und Kulturinteressierte, es werden aber auch Debatten zu naturwissenschaftlichen oder politischen Themen geführt. Meine Anglophilie führt mich seit drei Jahren dorthin, ich habe so zum Beispiel schon die Autorin Tracy Chevalier oder den Regisseur Sam Mendes auf dem Festival live erleben können. (Auch das malerischen Örtchen Hay-on-Whye ist eine Reise wert –und an jeder Ecke gibt es Antiquariate.) Dieses Jahr war es nun unter anderem Alexander McCall Smith, den ich mir in Hay ansah.

Die „Mma Ramotswe“-Reihe von Alexander McCall Smith

Bis vor ein paar Wochen hatte ich noch nie von dem britischen Autor gehört, was erstaunlich ist, da sich seine erfolgreichste Buchreihe allein in der englischsprachigen Welt 20 Millionen Mal verkauft hat und in 40 Sprachen übersetzt wurde. Die Rede ist von der „No. 1 Ladies‘ Detective Agency“-Reihe, in der die beherzte Mma Ramotswe (gesprochen: „Mama“, eine höfliche Anrede für Frauen, leitet sich wohl vom englischen „M’am“ ab) die erste von Frauen geführte Detektei Botswanas eröffnet. Der erste Band dieser Reihe erschien schon 1998, auf Deutsch dann im Jahr 2003 beim Heyne-Verlag unter dem Titel Ein Krokodil für Mma Ramotswe.

Detektivin sein in Afrika

In McCall Smiths Romanreihe stehen das gemächliche Erzähltempo und die gewitzte Amateurdetektivin als Protagonistin ganz klar in der Tradition Miss Marples. Agatha Christie wird auch mehrmals erwähnt, wenn Mma Ramotswe ungläubig gefragt wird, ob es überhaupt weibliche Detektive gibt. Aber anders als bei modernen europäischen Krimis mit weiblicher Hauptfigur haben wir es im Plot von Ein Krokodil für Mma Ramotswe mit vergleichsweise viel stärker traditionell verankerten Rollenmustern und Gesellschaftsstrukturen zu tun. Mma Ramotswes Anwalt rät ihr, von ihrem Erbe einen Lebensmittelladen oder eine Metzgerei zu eröffnen, die forschere Tätigkeit einer Privatermittlerin traut er ihr nicht zu. Aber die Protagonistin lässt sich nicht beirren.

Im Laufe des ersten Bandes löst sie mehrere kleine Fälle, während ein zweiter Handlungsstrang die Geschichte ihrer Jugend bis zum Tod ihres Vaters sowie auch die Vorgeschichte ihres Vaters aufrollt. Diese locker-leichte Mischung von Kriminalfällen mit einem Gesellschaftsporträt Botswanas haben es mir angetan, ebenso wie die untypische Heldin Precious Ramotswe: Sie ist keine athletische Polizistin, keine nerdige Kriminologin, sondern einfach eine übergewichtige Frau (im Roman heißt es so schön, sie sei „traditionally build“) von 35 Jahren, die nach mehreren Schicksalsschlägen beschließt, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Sie hat keine Ausbildung, keine Vorkenntnisse, nur ihren Intellekt, ihr Einfühlungsvermögen und ihre Entschlossenheit, um ihren Berufsalltag zu meistern. Ich ging nun mit der Erwartung nach Hay, dass der Romanautor Stellung nehmen würde zu seiner eigenen Beziehung zu Botswana, vielleicht sogar zu feministischen Themen. So interessant wurde es leider nicht.

Das Risiko, einen Autor live zu sehen

Wenn ihr Alexander McCall Smith googelt, seht ihr das Bild eines gemütlichen weißhaarigen Herren, der britischer nicht aussehen könnte. Nach seinem Auftritt auf dem Hay Festival hatte ich den Eindruck, dass er genau den Bedarf des englischen Mittelstands nach leichter Unterhaltung deckt. Das ist nichts Verwerfliches, aber diese Seichtheit war ihm irgendwie auch persönlich anzumerken.

Lasst mich kurz ausholen: Ich habe generell erstmal Bedenken, einen Autor live zu sehen. Zuerst möchte ich einfach gar nichts über das Privatleben eines Autors oder auch nur über seine Arbeitsroutine wissen, weil seine Werke für sich selbst sprechen sollen. Die Vorstellung, die man sich unweigerlich von dem Verfasser eines fiktionalen Werks macht, wird zudem meist enttäuscht. Der einfühlsame Erzählstil aus Ein Krokodil für Mma Ramotswe schien so gar nicht zu dem albernen kleinen Mann auf der Bühne zu passen. Bei den blödesten Witzchen bog sich das ganze Publikum vor Lachen (vornehmlich englischer Mittelstand im fortgeschrittenen Alter), was mir mal wieder bewies, dass der englische Humor, im Gegensatz zum englischen Wetter und zum englischen Essen, viel zu sehr überschätzt wird. Der Tiefpunkt war die Bemerkung, er habe in einem seiner Bücher mal einen Veganer den Hungertod sterben lassen. Zu seiner Mma Ramotswe-Reihe gefragt, berichtete er kichernd, dass ihm zu Beginn vom Verlag vorgeworfen wurde, die Bücher seien zu wenig „edgy“. Er meinte damit wohl, nicht spannend, nicht brutal genug, es gibt keine Verfolgungsjagden oder Schießereien.

Mma Ramotswes Abenteuer: Feministisch und durchaus „edgy“

Dem muss ich allerdings widersprechen. Bei Ein Krokodil für Mma Ramotswe zieht sich ein Fall wie ein düsterer Unterton durch die anderen, harmloseren Angelegenheiten, mit denen sich die Protagonistin befasst. Es ist der Fall einer Kindesentführung, bei der die Detektivin den Verdacht hat, der verschwundene Junge könnte Opfer eines Ritualmordes geworden sein.

Noch schwerer als Gegenargument wiegt aber Mma Ramotswes persönliche Geschichte. Ihre Jugend erfährt ein jähes Ende, als sie mit 20 auf ihren ersten Ehemann trifft. Bei der zweiten Verabredung vergewaltigt er sie, in der kurzen Ehe erlebt sie ein Martyrium aus Gewalt und Einsamkeit. Davon sprach McCall Smith aber nicht, sondern machte nur Witzchen darüber, dass „edgy“ (=“kantig“) zu sein ja so unpraktisch sei, weil es Probleme bereite beim Rasieren (haha). Er nahm sich selbst damit jedes kritische Potential. Dabei hätte er damit glänzen können, wie gut er es selbst als männlicher Autor versteht, auf die Probleme von Frauen in afrikanischen Gesellschaften einzugehen. Dafür ziehe ich nämlich wirklich den Hut vor ihm.

© Penguin Random House

Botswanas Darstellung in der Mma Ramotswe-Reihe

Eine wichtige Bemerkung hat McCall Smith allerdings bei seinem Auftritt in Hay gemacht: Seine botswanischen Leser rechneten es ihm hoch an, dass er ihr Land in seiner Krimireihe positiv darstelle. Tatsächlich spielt die wilde, weite Landschaft Botswanas am Rande der Kalahari eine zweite Hauptrolle neben der Protagonistin. Die bodenständige, naturverbundene Art der Figuren, die McCall Smiths Roman bevölkern, beschreibt der Autor auf unaufgeregte und niemals betuliche Art. Man merkt, dass er selbst viel Zeit in Afrika verbracht hat und Land und Leute sehr gern hat (er wurde sogar in Simbabwe geboren). Afrika ist hier nicht in der ewigen Opferrolle. Missstände werden zwar angesprochen, aber nicht als einziges bestimmendes Merkmal herangezogen. Die gelassene Erzählweise selbst spiegelt das geruhsame Lebenstempo Afrikas wieder.

Das Sache mit den „Wohlfühl-Krimis“ oder dem „cozy crime“

Worum geht es bei dem Untergenre des „Wohlfühlkrimis“ überhaupt? Sie bedeutet meiner Ansicht nach zuerst, dass der betreffende Krimi nicht in die Schublade des temporeichen Krimithrillers passt, der seit Jahren so beliebt ist. Psychoterror à la Schwedenkrimis oder Verfolgungsjagden gibt es hier nicht. Wer Sherlock erwartet, wird enttäuscht, und bekommt höchstens Mrs. Hudsons gesunden Menschenverstand. Bei Ein Krokodil für Mma Ramotswe handelt es sich ganz entschieden um „cozy crime“ oder „cozy mystery“ im Stil von Miss Marple, den Midsummer Murders (Inspector Barnaby) oder Ein Mord mit Aussicht. Die Kriminalfälle sind nur Mittel zum Zweck, um verschiedene gesellschaftliche Probleme oder Eigenheiten in Botswana anzusprechen. Dabei geht es zum Beispiel um untreue Ehemänner, Versicherungsbetrug oder Diebstahl. Verständlich, wem das zu wenig ist. Mir persönlich aber ist bei einem Krimi nicht die Spannung, sondern der psychologische Tiefgang wichtig. Der kann z. B. durch besondere Ermittlerfiguren oder die Erforschung eines bestimmten Settings und seiner Figuren, wie eben bei Mma Ramotswe, entstehen. Da ist es mir egal, ob es sich um einen Pageturner oder einen „Wohlfühl-Krimi“ handelt. „Cozy Crime“ kann daher genauso kritisch und interessant sein wie ein Politthriller. Noch besser: Der humoristische Zug nimmt der Erzählung das Wichtigtuerische von „dramatischen“ Krimis.

Sind die dargestellten Konflikte bei „cozy crime“ allerdings zu seicht oder bügeln echte Probleme einfach über, ist das zwar immer noch nette Unterhaltung, verschenkt aber die Möglichkeit, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Was meint ihr?

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