Manchmal muss es einfach „Cozy Crime“ sein – 3 Lieblings-Ermittlerinnen

Atemlose Spannung, die Jagd nach einem Serienkiller, ein depressiver Ermittler und seine dunkle Vergangenheit – obwohl ich Krimifan bin, bekenne ich an dieser Stelle: Nö danke, es gibt so Tage, da kann ich das nicht brauchen. Nervenkitzel à la Sherlock, True Detective oder Dexter ist die beste Unterhaltung, wenn man in Stimmung dafür ist. An vielen Wochentagen allerdings komme ich von der Arbeit nach Hause und wünsche mir nichts mehr als das gemütliche Hengasch und die sarkastische Oberkommissarin Sophie Haas oder die flippige Privatdetektivin Miss Fisher über den Bildschirm flimmern zu sehen. Oder ich gönne mir die tiefenentspannende Lektüre einer Miss Marple-Geschichte. Ein Hoch auf Cozy Crime!

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Ja, ich auch. Seitdem ich im Alter von ca. 11, 12 Jahren alle vorhandenen Agatha Christie-Romane meiner damaligen Jugendbücherei inhaliert habe, möchte ich die gemütliche Spannung von Cozy Crime nicht mehr missen. Ich komme regelmäßig darauf zurück, wenn ich Ruhe vom Alltag brauche. Der „Kuschelkrimi“ wird von hartgesottenen Crime-Liebhabern natürlich belächelt, Mrs. Christie sowieso – alt und verstaubt sei sie, ihre Fälle zu konstruiert und vorhersehbar. Der anhaltende Verkaufserfolg ihrer Romane sowie immer neue Hollywood-Verfilmungen sprechen allerdings eine andere Sprache. Der gemütliche Krimi muss aber keineswegs unpolitisch oder langweilig sein, wie ich auch schon in meinem Artikel zur botswanischen Krimi-Ermittlerin Mma Ramotswe von Alexander McCall Smith bemerkte. Im Gegenteil, die eher harmlose Krimihandlung ist die beste Bühne, um verschiedene „Typen“ von Menschen vorzustellen und dabei gesellschaftliche Probleme anzusprechen.

Die Erfindung der schrulligen Privatermittlerfigur

Was Agatha Christie vor allem mit der Amateur-Ermittlerin Miss Marple ins Leben gerufen hat, ist eine Ermittlerfigur, die sich auf Augenhöhe mit dem Leser befindet. Sherlock Holmes ist ein Superheld, der mit seinen übermenschlichen geistigen Fähigkeiten den Mörder jagt, sich dabei in Gefahr begibt und „nebenbei“ auch mal politische Verschwörungen aufdeckt. Miss Marple, Father Brown usw. sind Menschen wie du und ich, die in einem beschaulichen Umfeld agieren, ein paar Fragen stellen und ihre Schlüsse ziehen. Nicht selten zeichnet sich die Ermittlerfigur im Cozy Crime durch schrullige Verhaltensweisen aus (gutes Beispiel: „Monk“) und hat völlig normale Alltags-Probleme. Das macht dieses Genre so entspannend und so lustig – vor allem, wenn sich die Hauptfigur nicht ganz so ernst nimmt.

Ist der Ermittler oder die Ermittlerin aber normaler und verletzlicher, müssen die Verbrechen, um die es bei Cozy Crime geht, ebenfalls weniger spektakulär sein. Es gibt in diesem Genre zwar Mord und dramatische Motive, das alles wird beim „Kuschelkrimi“ aber in abgeschwächter Form, quasi abstrakt, serviert. Der Leser ist nie beim Mord dabei. Es gibt nur wenig Horrorelemente, wenn überhaupt, und der Privatermittler bzw. die Privatermittlerin ist nie wirklich in Gefahr. Zudem drehen sich die Fälle bei Cozy Crime nicht selten auch um weniger große Verbrechen wie Betrug oder Diebstahl.

Das altbekannte Handlungsmuster bei Cozy Crime

Daraus ergibt sich ein typischer Fundus aus Handlungs-Versatzstücken, aus dem sich viele Krimis bis heute bedienen: eine Amateurermittlerfigur, die der Polizei immer in die Quere kommt und den Fall dann doch immer zuerst löst, viel Lokalkolorit, humorige Figurenzeichnungen, eine Menge unschuldig wirkender Verdächtiger usw. Im Mittelpunkt steht immer ein nicht allzu kompliziertes Fallrätsel, bei dem der Leser oder Zuschauer gut mitraten kann. Wobei sich ausgerechnet die Mutter von Cozy Crime, Agatha Christie, oft am geschicktesten dabei bewies, falsche Fährten zu legen und den Leser in die Irre zu führen. (Ich glaube, ihre Fälle sind einfach schon zu bekannt, daher erscheint sie heutigen Konsumenten vorhersehbar.)

Den Gender-Aspekt möchte ich noch kurz ansprechen: Cozy Crime wird ob ihrer Harmlosigkeit vornehmlich als „Frauenliteratur“ angesehen, während harte Thriller – zumindest der Aufmachung nach – für eine männliche Leserschaft herausgegeben werden. Umso wichtiger, dass sich viele Cozy Crime-Serien heute die Beliebtheit dieses Genres zu Nutze machen, um emanzipierte Frauenfiguren zu etablieren. Drei davon möchte ich euch ans Herz legen:

Sophie Haas – Mord mit Aussicht (deutsche Fernsehserie von 2008-2014)

Sophie Haas (gespielt von Caroline Peters) ist einfach köstlich. Sie ist Ende 30, eine ehrgeizige Kriminalkommissarin aus Köln, die unverhofft in die Eifel versetzt wird und im verschlafenen Hengasch landet. Die moderne, emanzipierte Frau, die nur in schicken Klamotten und hochhackigen Schuhen herumläuft, eckt in der Dorfgemeinschaft natürlich gehörig an. Das sorgt für viel herrliche Situationskomik, genauso wie die skurrilen Kriminalfälle, die Sophie Haas zu lösen hat. (Ihr erster Fall beginnt mit einem Diebstahl von Muttererde.) Besonders herrlich ist Frau Haas‘ nie enden wollender Sarkasmus, den sie über die engstirnigen, aber doch liebenswürdigen Dörfler (zum Beispiel ihren Kollegen Dietmar Schäffer) ausgießt. Klingt spaßig, aber alles sehr harmlos, oder? Mord mit Aussicht hat jedoch einige gesellschaftskritische Ansätze zu bieten, auch feministische Tendenzen. Nicht nur ist Sophie Haas eine selbständige, unverheiratete Frau – ihr absoluter Gegensatz, die leidenschaftliche Hausfrau Heike Schäffer, wird nicht als „Dummchen“ oder „Heimchen am Herd“ abgestempelt. Sie ist ihrem gemütlichen Ehemann, Polizist Schäffer, intellektuell um Einiges voraus. Die beiden ungleichen Frauen verbünden sich ab und zu sogar, obwohl sie sich sonst nicht ausstehen können. Damit trifft die Serie eine wichtige feministische Aussage: Frauen dürfen unterschiedliche Lebensansätze haben, die Solidarität unter Frauen sollte diese Gegensätze trotzdem überwinden. Würden Frauen aufhören, sich nur als Konkurrentinnen zu sehen, gäbe es viele Ungerechtigkeiten wie slut shaming usw nicht. Außerdem wichtig zu erwähnen ist die Mentorinnenrolle, die Sophie Haas gegenüber der jungen Polizistin Bärbel Schmied einnimmt. Wann habt ihr das letzte Mal eine weibliche Mentorenfigur in einem Hollywoodfilm gesehen? Eben.

Falls euch das alles nicht überzeugt haben sollte: Mord mit Aussicht ist einfach brillant besetzt. Alle Hauptdarsteller sind hochkarätige Schauspieler, die immer auch in großen Theaterhäusern zu sehen sind (Caroline Peters zum Beispiel gerade im Burgtheater Wien). Von tollen Nebenbesetzungen wie Sophie Rois ganz zu schweigen.

Phryne Fisher – Miss Fishers mysteriöse Mordfälle (australische Fernsehserie von 2012-15)

Neben den „naughty nineties“ (die 1890er) habe ich eine Schwäche für die „goldenen Zwanziger“ – Musik, Mode und Literatur der Epoche finde ich einfach genial. Zudem war dies das Jahrzehnt, in dem in vielen Ländern Frauen das erste Mal in der Geschichte wählen durften und sich kulturell neu erfanden. Das „flapper“-Outfit (Bob-Haarschnitt und Charleston-Kleid) stand für eine neue Weiblichkeit, für Frauen, die abends trinken gingen, selbst Auto fuhren und sexuell relativ emanzipiert waren. (Dass das Ganze dann in Deutschland mit den Nazis und der prüden Nachkriegszeit wieder ad acta gelegt wurde, konnte vorher ja keiner ahnen.) Umso spannender fand ich daher eine Krimiserie mit einem „flapper girl“ als Privatermittlerin! Wobei Phryne Fisher (gespielt von Essie Davies), eine englische Adelige, die in Australien lebt, kein junges Mädchen mehr ist. Sie ist eher Mitte 30, weiß, was sie will, und lässt sich von keinem noch so frechen Verbrecher aus der Ruhe bringen. Dazu sieht sie in jedem Fall unfassbar gut aus – der dunkle Bob, das glamouröse Make-Up und die mondänen 20er-Jahre-Outfits sitzen stets perfekt, egal, ob Miss Fisher eine Verfolgungsjagd über Hausdächer aufnimmt oder in eine Schießerei gerät. Daneben hat Phryne Fisher unzählige Liebhaber und denkt gar nicht daran, zu heiraten. Die Schrulligkeit der typischen Ermittlerfigur aus dem Cozy Crime wird hier durch einen störrischen Willen zur Selbstbehauptung ersetzt. Auch von der Polizei, der Miss Fisher auf den Geist geht, lässt sie sich nichts sagen. 

Die Serie spiegelt natürlich eine nostalgisch-verklärte Sicht auf die Zwanziger Jahre wider – das Set ist theaterhaft, manchmal sogar etwas kitschig, von Armut ist nur am Rand die Rede, und natürlich kann sich Phryne Fisher leisten, ohne Ehemann zu leben, weil sie durch ihr Erbe finanziell unabhängig ist. Aber wenn sie einen Tango aufs Parkett legt, um so ihrem Tanzpartner, einem Tatverdächtigen, auf den Zahn zu fühlen, sieht das einfach nur großartig aus. Go, Phryne!

Flavia de Luce aus der gleichnamigen Romanreihe (2009-heute)

Die „Amateurermittlerin“ Flavia de Luce ist eine Mischung aus Miss Marple und Sherlock Holmes in Gestalt eines elfjährigen Mädchens. „Altklug“ ist gar kein Wort, um diese Romanheldin zu beschreiben. Sie scheint tatsächlich den Geist einer äußerst nerdigen, dabei skrupellosen Erwachsenen in einem kindlichen Körper zu beherbergen. Daher sind die Fälle von Flavia de Luce auch keine (reine) Jugendliteratur. Die Kleine agiert wie eine Erwachsene und hat, ähnlich wie ihr geistiger Vorvater Sherlock Holmes, profunde chemische Kenntnisse, über die sie gerne mal doziert, um ihre Deduktionen zu belegen. So entsteht auch die herrlich skurrile Situationskomik, wenn Flavia nämlich immer genau das tut, was die Erwachsenen in ihrem Umfeld nicht von ihr erwarten. Zudem legt sie keinerlei „weibliche“ Zimperlichkeit an den Tag. Beim Anblick einer Leiche hat sie keine Angst, sondern empfindet nur wissenschaftliche Neugier (Holmes in Mini-Format, ich sag’s doch).

Die Romanreihe spielt Anfang der 50er Jahre im ländlichen England (Miss Marple lässt grüßen) und zeigt sehr schön das Klischeebild von Weiblichkeit auf, das von Flavia zwar erwartet wird, dem sie aber nie entspricht, im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester. Diese kümmert sich nur um ihr Aussehen und ob sie den Nachbarsjungen gefällt. Flavia macht sich zudem die Tatsache zu Nutze (ähnlich wie Miss Marple), dass sie als „kleines Mädchen“ nicht ernst genommen wird und so ganz unschuldig ihre Fragen zu einem Kriminalfall stellen kann. In wunderbarer Christie-Manier enthüllt Flavia so hinter manch wohlanständiger Fassade düstere Geheimnisse wie Kindsmord oder Erpressung.

Wie sieht es bei euch aus, welche gemütlichen Krimis mögt ihr gern? Oder seid ihr mehr der „hard-boiled“-Typ?

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