Meine liebsten YA-Heldinnen und ihr Umgang mit Genre-Klischees

Ich bin normalerweise keine große YA-Leserin, weil das Genre doch schon sehr von Klischees bestimmt ist, die sich selten mal ein Autor oder eine Autorin zu durchbrechen traut. Darum hier drei Beispiele von gelungenen Jugendbüchern, die zwar auch mal auf alt bekannte Motive zurückgreifen, diese aber so erfrischend umsetzen, dass der Mangel an Originalität verzeihlich ist. Wichtig war mir, dass die YA-Heldinnen der Bücher nicht in der „damsel-in-distress“-Rolle verharren. In der Liste ist eine alte Bekannte, der ich noch einen neuen Aspekt abzugewinnen versuche, sowie zwei relativ unbekannte Reihen, die ich jedem ans Herz legen möchte.

Gwen aus der „Edelstein“-Trilogie

Ich habe die Reihe um die Zeitreisende Gwendolyn Sheperd wohl um das Jahr 2010 rum das erste Mal gelesen, seither aber immer wieder – warum? Weil Kerstin Gier zum einen ein herrliches Gespür für Situationskomik hat. Bei manchen Stellen lache ich buchstäblich Tränen, sogar beim Wieder-Lesen. Die Komik entsteht auch durch die trotzige Selbstironie, die die Heldin an den Tag legt. Sie stolpert völlig unvorbereitet in ihre Rolle als Zeitreisende mit wichtigem Geheimauftrag, und niemand traut ihr das Lösen dieses Geheimauftrages zu, aber sie lässt sich ihre Unsicherheit nicht anmerken und macht stur weiter. In vielen inneren Monologen nimmt Gwen ihre eigenen Unzulänglichkeiten (zum Beispiel mangelndes historisches Wissen) in witzigen Kommentaren auf die Schippe.

Natürlicher Erzählton

Zweitens fällt mir immer wieder positiv auf, wie einfühlsam der Erzählton bei Rubinrot & Co. ist. In vielen Jugendromanen erscheinen Sprache und Verhalten der Protagonisten arg gekünstelt – hier merkt man, dass sich die Autorin noch genau daran erinnern kann, wie es ist, 16 Jahre alt zu sein und Kämpfe mit seinem Selbstwertgefühl auszufechten. Klar, in der „Edelstein“-Trilogie werden alte Tropen aufgegriffen, die man schon zur Genüge aus dem YA-Genre kennt: Hässliches Entlein muss zum stolzen Schwan gemacht werden (sprich, ganz normales Mädchen muss plötzlich als Zeitreisende die Welt retten und dafür u. A. Menuett tanzen und höfische Konversation lernen), aber ein gut aussehender Mit-Zeitreisender hilft ihr natürlich, wenn auch zuerst wiederstrebend, dabei und sorgt gleich noch für das nötige Herzklopfen. Kennen wir zur Genüge. Trotzdem: Gwens Geschichte, und wie sie sich in der ziemlich misogynen Männerwelt des Geheimzirkels rund um den Grafen St. Germain behauptet, obwohl sie dort niemand für voll nimmt, beschreibt einen Geschlechterkampf, der zwar vordergründig humorvoll rüberkommt, aber dennoch verkrustete Gesellschaftsstrukturen zur Schau stellt. Da sehe ich über kitschige Handlungsstellen gerne hinweg.

Kerstin Gier: Rubinrot (und Folgebände), Arena Verlag 2009-10.

YA-Heldinnen in Rubinrot, A Study in Charlotte und Jackaby

Charlotte Holmes aus der gleichnamigen Reihe

Charlotte Holmes ist eine ganz wunderbare, verschrobene Reinkarnation ihres Ururur-Großvaters Sherlock Holmes und ermittelt in einer rasanten Jugendbuch-Trilogie (auf Deutsch gibt es bisher Teil 1 und 2: Holmes und ich – Die Morde von Sherringford und Unter Verrätern). Erzähler der Reihe ist jedoch überwiegend ihr Freund und Helfer/love interest Jamie Watson. Daher passiert eine interessante Perspektiven-Verschiebung: Wir erleben Charlotte Holmes zunächst nur aus der bewundernden Sicht Ihres besten Freundes, dem sie mehr als einmal rätselhaft und unzugänglich erscheint. (In „A Study in Charlotte: Endlich ein weiblicher Holmes!“ berichte ich von meinen Eindrücken von Teil 1 der Trilogie, weitere Rezensionen folgen.) Mit gesellschaftlichen Konventionen hat es Charlotte nicht so, und für ihre sechzehn Jahre ist sie geistig erschreckend frühreif. Stets entschlossen und kühl-analysierend, kommt Charlotte Holmes viel männlicher rüber als alle YA-Heldinnen, die ich kenne. Oft dreht sich das typische Geschlechter-Verhältnis komplett um und Charlotte muss ihren Freund aus der Misere retten, nicht umgekehrt.

Holmes, der ewige Nerd

Aber, wie jede Holmes-Figur, hat auch Charlotte tragische Züge. Sie ist gesellschaftlich eine Außenseiterin, allein schon ihre Klugheit schreckt alle ab, ganz zu schweigen von ihrer sarkastischen Abneigung, sich den Erwartungen der Gesellschaft in punkto Freundlichkeit, Kommunikativität usw. anzupassen. Sie ist ein Nerd, und hat auch seelisch ihr Päckchen zu tragen. Das ist aber nur die Gegenseite einer sehr witzigen, genialen Protagonistin, von der sich viele Mary Sues da draußen im YA-Dschungel eine Scheibe abschneiden könnten.

Brittany Cavallaro: A Study in Charlotte / The Last of August / The Case for Jamie, Katharine Tegen Books 2016-18.

Deutsche Ausgaben: Brittany Cavallaro: Holmes und ich. Die Morde von Sherringford / Holmes und ich. Unter Verrätern, dtv Verlagsgesellschaft 2017.

Abigail Rooke aus der Jackaby-Reihe

Wer es gerne skurril und übernatürlich mag, der ist mit der Jackaby-Reihe gut beraten. Hier trifft ein ganz normales Mädchen auf einen sehr seltsamen Privatdetektiv (Mr. R. F. Jackaby), der in der ganzen Stadt verlacht wird, weil er behauptet, magische Wesen, andere Dimensionen und übernatürliche Vorgänge sehen zu können. Ist auch Abigail Rooke, Erzählerin der Romanreihe, zunächst skeptisch, wird sie bald eines Besseren belehrt und stolpert zusammen mit ihrem verschrobenen Arbeitgeber von einem Fall in den nächsten – alle natürlich mit übernatürlichem Hintergrund.

Hinfort mit dem Anstands-Korsett!

Abigail Rooke fällt aus dem Raster der „damsel in distress“ völlig heraus. Die Reihe spielt zwar im 19. Jahrhundert, aber von damenhafter Zimperlichkeit kann bei ihr keine Rede sein. Als Tochter eines Naturforschers musste sie ihre ganze Kindheit über mit ansehen, wie er auf Reisen gehen und die Welt erkunden konnte, während sie stets sittsam zu Hause sitzen musste. Mit 18 Jahren reißt sie von zu Hause aus, um sich bei einer Expedition zur Ausgrabung von Fossilien zu beteiligen (ihr größter Traum ist es, Paläontologin zu werden). Die geht zwar schief, aber als gewitzte Detektivin kann sie ihren Forscherdrang jetzt im Kampf gegen magische Bedrohungen zum Einsatz bringen. Dabei bildet sie im Gegensatz zu Jackaby, der mithilfe seiner Sehergabe und skurrilem magischem Wissen dem Verbrechen auf die Spur kommt, die rationale Gegenstimme bei ihren gemeinsamen Ermittlungen. William Ritter hat mit Abigail Rooke eine sehr erfrischende YA-Heldin geschaffen, die ihr Leben in die Hand nimmt, und so moderne Probleme hat wie die Entscheidung zwischen Liebe oder Karriere. Bravo!

William Ritter: Jackaby (und Folgebände), Algonquin Young Readers, 2015-2017.

Deutsche Ausgabe: William Ritter: Jackaby / Jackaby. Die verschwundenen Knochen, cbt 2016 und 2018.

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