A Study in Charlotte: Endlich ein weiblicher Holmes!

A Study in Charlotte ist die neueste Nahrung für meine Sherlock-Holmes-Besessenheit. Es ist ein unheimlich einfühlsamer Young Adult-Roman, der auch dunkle Seiten nicht vermissen lässt. Und das Aufregendste: Holmes ist hier ein junges Mädchen!

Einige Worte zu meiner Sherlock-Holmes-Besessenheit

Meine Freunde können es schon nicht mehr hören, aber euch, lieben Lesern, erzähle ich es noch einmal: Ich bin wahrscheinlich der größte Sherlock Holmes-Nerd, den es gibt. Im Alter von ca. 11 Jahren ging es bei mir los mit „Der Hund der Baskervilles“. Diese Lektüre bereitete einer seither andauernden Besessenheit den Weg. Ich kenne nicht nur alle Geschichten auswendig, sondern konsumiere auch alle Adaptionen, denen ich habhaft werden kann: Hörspiele, Filme und natürlich TV-Serien. Ich weiß alle möglichen unnützen Dinge aus dem Sherlock Holmes-Universum, wie z.B., dass eine oft erwähnte, aber nie dargelegte Geschichte aus Watsons Sammlung „Die Riesenratte von Sumatra“ heißt. Auf einer Sherlock Holmes-Führung in London (jaha!) war ich der Oberstreber und habe immer als Erste die Hand gehoben, wenn die Führerin eine Frage gestellt hat. Ja, so weit geht meine Sherlock Holmes-Besessenheit. Ich liebe es einfach, das „Holmes-Gefühl“.

Das „Holmes-Gefühl“

Die Grundzutat für das „Holmes-Gefühl“ ist die starke Faszination, die der Detektiv auf seinen Freund ausübt. Das Besondere ist: Durch seine Exzentrik ist Holmes so unbeliebt in seinem Umfeld, dass Watson mit dieser Faszination alleine dasteht. Und dadurch entsteht eine exklusive Kommunikation zwischen den beiden Charakteren. Holmes profitiert von Watson als seinem Freund und Helfer, und Watson versucht, auszuloten, was wirklich hinter der Fassade seines Freundes steckt. Tragischerweise Holmes die treue Freundschaft von Watson oft nicht zu verdienen. Wenn man meint, jetzt müsste sich Holmes doch endlich mal bei Watson bedanken, schlägt Watson nur Kälte und Egoismus entgegen. Und dann „belohnt“ Holmes Watson wieder völlig unerwartet, indem er ihn hinter seine Fassade blicken lässt oder zeigt, dass ihm Watsons Wohlergehen am Herzen liegt. Kurz: Es geht ganz einfach um die Spannung, die aus der Beziehung zwischen zwei ungleichen Charakteren entsteht. Die Kriminalfälle sind unterhaltsam, ja, aber dazwischen leuchtet immer das Wechselspiel von Annäherung und Entfremdung von Holmes und Watson durch.

Sherlock Holmes und Young Adult – eine heimliche Liebe

A Study in Charlotte von Brittany Cavallaro ist Teil 1 einer Trilogie und erschien 2016 bei HarperCollins. (Leider ist die deutsche Übersetzung des ersten Bandes vergriffen, aber das Englisch ist wirklich leicht lesbar. Auf Deutsch heißt die Reihe, etwas verniedlichend, Holmes und ich.) Der Roman überführt die Welt von Holmes und Watson in das Young Adult-Genre. Das funktioniert per se schon wunderbar, wie ich finde, denn überspitzt formuliert stellen sich Holmes und Watson in den klassischen Geschichten nicht anders dar als die Protagonisten in vielen Jugendromanen von heute: Ein bisschen Abenteuer und Grusel, die Autoritäten werden ausgetrickst und vor allem feiern sich Holmes und Watson stets als BFFs, die aus allem immer unbeschadet herauskommen und es stets besser wissen als Scotland Yard. Hey, und wer hätte nicht gern einen coolen besten Freund, um mit ihm Abenteuer zu bestehen? Und Watsons Bewunderung für seinen genialen Freund hat wirklich etwas von Groupie-Verhalten. A Study in Charlotte schlägt nun beiden Genres ein Schnippchen, dem Holmes- und dem Young Adult-Genre.

A Study in Charlotte Cover
© HarperCollins

A Study in Charlotte: Ein erfrischend neues „Holmes-Universum“

A Study in Charlotte ist meiner Meinung nach deshalb so gut gelungen, weil der Text die volle Ladung des „Holmes-Gefühls“ liefert, wie ich es zuvor beschrieben habe, und es sogar noch zu steigern weiß. Aber schon das Setting treibt einem Sherlock Holmes-Nerd wie mir das Adrenalin ins Blut: Der Roman spielt in einer fiktiven Welt, in der es Sherlock Holmes und Dr. Watson wirklich gegeben hat. Die beiden Protagonisten Charlotte Holmes und Jamie Watson sind ihre direkten Nachfahren. Arthur Conan Doyle war lediglich Dr. Watsons Literaturagent, und der 16-jährige Erzähler Jamie Watson ist der Ur-Ur-Ur-Enkel des Doktors. Leider haben sich die Watsons und die Holmeses im letzten Jahrhundert auseinandergelebt. Jamie konnte in seiner Kindheit nur darüber fantasieren, wie es wäre, mit Charlotte Holmes befreundet zu sein, dem einzigen Holmes-Sprössling in seinem Alter, und mit ihr Kriminalfälle zu lösen. Dann wird er auf dieselbe Internatsschule in Connecticut geschickt, auf die auch Charlotte Holmes geht. Und so ist er der erste Junge auf der Welt, dessen eingebildeter bester Freund zum Leben erwacht.

Der weibliche Holmes in A Study in Charlotte

Die Holmes-Figur als Frau, als junges Mädchen zu zeichnen, halte ich für einen genialen Schachzug. Das wirft zunächst einmal alle viktorianische Staubigkeit der Originale über Bord – Holmes selbst war ja noch der Überzeugung, dass alle Frauen zum rationalen Denken nicht fähig sind. Außerdem erhält die ikonische Figur einen ganz besonderen Twist. Charlotte Holmes ist alles, was ihr berühmter Vorfahr ist: schlagfertig, asketisch und natürlich mit einem messerscharfen Verstand ausgestattet. Deduktionen rattert sie ebenso spontan herunter wie ihr Urgroßvater. Auf der anderen Seite unterscheidet sie sich stark von ihm: Sie hat (jedenfalls für Jamie) etwas Übernatürliches, ihre Stimme klingt für ihn z.B. bei ihrem ersten Zusammentreffen „hoarse, but with bizarre, wild precision, like a drunk Greek philosopher orating at a bacchanal.“ (S. 5) und ihre Gestalt wird als „angular“ beschrieben (S. 6). Wo Sherlock Holmes zutiefst bodenständig auftritt, besitzt Charlotte Holmes trotz ihrer Beherrschtheit etwas Gebrochenes, das ihrem Bewunderer Jamie nicht entgeht. Natürlich kommt auch das Motiv der Drogensucht ins Spiel – beim originalen Holmes noch ein kleines Laster, um der Langeweile der Realität zu entkommen. Charlotte Holmes steckt noch viel tiefer im Drogensumpf als viele ihrer modernen Namensvettern. Jamie kommt nach und nach ihren psychischen Abgründen auf die Spur. So erhält Charlotte, die meist entschlossen und unweiblich auftritt, eine überraschende Verletzlichkeit. In diesem weiblichen Holmes prallen, kurz gesagt, viele Gender-Gegensätze ungebremst aufeinander.

A Study in Charlotte als Young Adult-Roman

A Study in Charlotte gehört ganz eindeutig zum Young Adult-Genre, ich habe die typischen Versatzstücke ja schon genannt: Ein Teenager kommt neu an eine Schule und trifft auf einen anderen Teenager, von dem er sofort fasziniert ist, etc. Aber der ganz große Unterschied ist hier natürlich der männliche Erzähler. Zudem hat Jamie nichts von den typischen YA-Heroinen, die nur passiv aus der Wäsche gucken und in der Ecke auf den jungen Prinzen warten, der sie zum Ball einlädt. Jamie ist herrlich selbstironisch. Auf Charlottes Schule kommt er z.B. nur aufgrund eines Rugby-Stipendiums, das er nie wollte, weil er Rugby hasst. Er hat sich bloß auf seiner alten Schule in London richtig ins Zeug gelegt, weil er ein Mädchen beeindrucken wollte. Für tolle Situationskomik sorgt immer wieder seine liebenswerte, teenager-typische Melodramatik. Er sieht entweder alles strahlend weiß oder tiefschwarz. Jamie ist einfach „everybody’s darling“, wünscht sich aber nichts mehr, als dass sein geradliniges Leben von Charlotte Holmes durcheinandergebracht wird. Und jetzt sind wir bei der unvermeidlichen Love Story angelangt. Holmes und Watson als Paar, kann das gut gehen? Es kann!

Gewagt, aber es geht: Holmes und Watson als Liebespaar

A Study in Charlotte nimmt sich als Liebesroman für Teenager umso weniger ernst, je mehr sich die beiden Protagonisten gegenseitig ernst nehmen. Sie sind ja beide erst 16, nennen sich aber niedlicherweise sofort Holmes und Watson, und nicht bei ihren Vornamen, wie um mit dieser feierlichen Geste ihre gegenseitige Unsicherheit zu überwinden. (Während ich das schreibe, muss ich innerlich breit grinsen, so süß finde ich das.) Jamie ist sofort hin und weg von Charlotte, bezeichnet sie als „beautiful“, aber nicht im üblichen Sinne, sondern „more like the way a knife catches the light, makes you want to take it in your hand.“ (S. 6) Charlotte merkt natürlich, dass Jamie sie attraktiv findet, weist das aber empört von sich: „You are not my boyfriend. Though your wall-eyed stare, your ridiculous rambling, and the way your index finger twitches when I talk says you so very much want to be.“ (S. 17) Erst, als die beiden des Mordes verdächtigt werden, raufen sie sich zusammen. So entsteht eine Holmes-Watson-typische Hassliebe (jetzt mal ganz im unerotischen Sinne), denn Jamie will nichts lieber, als sich vor Charlottes Augen beweisen, während Charlotte erst lernt, ihn ernst zu nehmen. Es gibt ein paar zaghaft romantische Momente zwischen Holmes und Watson. Zwischen all dem Chaos von Morden, das sie aufzuklären haben, wartet immer diese sexuelle Spannung, der sie Herr zu werden versuchen.

Wie viel „Holmes“ steckt in A Study in Charlotte?

Sherlock Holmes-Fans können bei A Study in Charlotte allerlei Insider-Anspielungen entdecken. Denn der Fall kreist um einen Mörder, der seine Tatorte nach dem Vorbild von Sherlock Holmes-Fällen inszeniert. Ein Mitglied der Familie Moriarty kommt außerdem ins Spiel. Der Roman entwickelt ziemlich schnell Sogwirkung, ich habe ihn in einer halben Woche verschlungen. Dabei schlägt er auch stellenweise in einen beklemmenden Tonfall um. Ein reiner Young Adult-Roman ist er sicher nicht: Drogenkonsum und Vergewaltigung werden z.B. auch thematisiert.
Es gibt jede Menge bissige Deduktionen von Charlotte Holmes, Verfolgungsjagden, Verhöre, sowie einen interessanten Einblick in die Geschichte der Holmes- und der Watson-Familie, wie sie sich nach der Zeit der berühmten Vorväter zugetragen haben könnte. Dabei kommen die Holmeses überraschenderweise nicht gut weg. Der Roman zeichnet das düstere Bild einer dogmatischen Erziehung im Hause Holmes, die die titelgebende Heldin nur schwer beschadet überstanden hat. Ich bin gespannt darauf, die ganze Holmes-Sippe im nächsten Band kennen zu lernen!

Update: Die deutsche Übersetzung von A Study in Charlotte ist wieder erhältlich (Stand 26.08.2017), sie heißt Holmes und ich. Die Morde von Sherringford (schade, dass das Wortspiel aus dem englischen Titel nicht im Deutschen funktioniert), erschienen bei dtv. Ich finde den Klappentext nicht ganz passend. Er hört sich sehr standardmäßig nach Aschenputtel-Geschichte an, und das ist der Roman ja gerade nicht, wie oben dargelegt. Aber urteilt selbst.

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8 Gedanken zu „A Study in Charlotte: Endlich ein weiblicher Holmes!

  • September 29, 2017 um 7:39 pm
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    Ich bin ja hin- und hergerissen. Als Holmes-Fan zieht es mich ja doch irgendwie zu diesem Buch, ich habe aber Sorge, dass es doch irgendwie zu teenielastig ist. Allerdings hat mich dein Artikel fast überzeugt es doch mal zu versuchen.
    Ich denke ich versuche mich mal an der englischen Fassung und probiere es einfach mal.
    Bin sehr gespannt, ob ich das geliebte Holmes-Gefühl hier auch bekomme.

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  • August 21, 2017 um 11:46 am
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    Hey 🙂

    Ich habe dieses Buch aus der Bücherei ausgeliehen, daher war mir gar nicht bewusst, dass es nicht mehr erhältlich ist … In der Zwischenzeit ist aber der zweite Teil auf Deutsch herausgekommen, es dürfte sich also nicht so schlecht verkauft haben.

    Als Holmes-Fan, der sich derzeit so nach und nach durch verschiedene Pastiches suchtet, war ich natürlich neugierig, was die Autorin aus der Geschichte gemacht hat (und ja, ich mag die Idee immer noch, dass Holmes ein Mädchen ist). Aber für mich hat der Roman nicht funktioniert. Nicht wegen den Figuren, sondern wegen des Plots. Ich habe mich da stellenweise arg gelangweilt, erinnere ich mich. Ich fand es einfach nicht fesselnd, da hätte man in meinen Augen einfach mehr draus machen können.

    Liebe Grüße
    Ascari

    Antworten
    • August 22, 2017 um 7:49 am
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      Hi Ascari,
      ich verstehe, was du meinst, die Handlung war zum Teil ziemlich vorhersehbar. Es ist völlig klar, dass die Autorin als Krimischreiberin noch üben muss. 😉 Aber für mich stand sowieso die Beziehung der Charaktere im Vordergrund und was aUS dem Holmes-Universum gemacht wurde. Und das fand ich schon ziemlich cool! Und so witzig!
      LG, Sabine

      Antworten
      • August 22, 2017 um 11:36 am
        Permalink

        Hey 🙂

        Jetzt muss ich doch noch was ergänzen :D.
        Den englischen Titel fand ich ja auch deutlich geiler als den deutschen, das Wortspiel funktioniert tatsächlich nur im Englischen wegen der Aussprache so richtig gut.

        Apropos Frauenpower bei Sherlock: Hast du „The House of Baker Street“ von Michelle Birkby gelesen? Da entsteht ja offensichtlich auch eine Reihe und obwohl der erste Band am Anfang etwas schleppend beginnt, entwickelte sich die Geschichte sehr positiv. Kann ich nur empfehlen, wenn du es nicht kennst. Passt nämlich auch zum Thema deines Blogs :).

        Liebe Grüße
        Ascari

        Antworten
        • August 22, 2017 um 12:17 pm
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          Ja der Titel ist total gut! 🙂
          Ja, von der Reihe hab ich mir bei meinem letzten London-Besuch im Sherlock Holmes-Fanshop den zweiten Teil gekauft („The Women of Baker Street“). Hab erst später gecheckt, dass es der zweite Teil war, ich war so angetan von Titel und Klappentext. Ich hab’s noch nicht gelesen, aber wenn es so weit ist, kommt ein Blogpost.

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  • August 20, 2017 um 11:10 am
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    Hallo 🙂
    Erstmal: Ich finde das Thema deines Blogs super und ich glaube auch, dass es dir gelingt, aus dem Alltagsbrei herauszustechen 😉
    Dieser Artikel hat mich sofort angezogen. Ich habe das Buch vor einer Weile gelesen, allerdings auf Deutsch. Da kommt der Titel natürlich nicht so toll weg, wie beim Original, aber ich habe das Buch geliebt! Das Umdrehen des Geschlechts bei Holmes fand ich auch mega cool und ich konnte die viele negative Kritik gar nicht verstehen.
    Ich finde es toll, wie du das „Holmes Gefühl“ beschreibst und dass es eben auch in diesem Buch gut zum Tragen kommt. Und wie du Jamie beschreibst…hach 😀 Sehr gut!
    Ein toller, informativer aber eben auch kluger Artikel! 🙂
    Danke dafür!
    Liebe Grüße,
    Julia

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    • August 20, 2017 um 11:18 am
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      Hihiii, danke! Ach toll, dass du es auch gelesen hast! Echt, es gab Kritik dazu, dass Holmes dort weiblich ist? Das habe ich ehrlich gesagt vorher nicht recherchiert, ich war nur im Laden sofort geflasht! Und dann diese niedliche Liebesgeschichte, es ist einfach herrlich!
      Hast du auch den Folgeband gelesen – auch mit sehr schönem Titel, „The Last of August“? Über den wollte ich demnächst bloggen.
      Danke fürs Kompliment! Ich schaue auch mal gleich bei dir vorbei 🙂

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  • August 20, 2017 um 9:01 am
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    Dein Beitrag klingt mega interessant. Und die kleine Vorgeschichte zu deiner Sherlock-Liebe ist sehr sympathisch. Mir geht es mit Harry Potter so 🙂
    Ich behalte das Buch mal im Auge, auf englisch lese ich nicht so gern, aber vielleicht erscheint es ja noch auf deutsch.

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