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Wenn Holmes den Täter am Flüstern erkennt – die 3 besten Sherlock-Holmes-Geschichten – und die 3 schlechtesten!

Schön und gut, jetzt haben Karo und ich seit November über Adaptionen, Interpretationen und geschichtliche Hintergründe von Sherlock Holmes philosophiert – sind aber beim eigentlichen Herzstück unseres Themas, den guten alten Geschichten von Arthur Conan Doyle, noch gar nicht ins Detail gegangen. Diese schmähliche Vernachlässigung wollen die #bakerstreetblogs diese Woche nachholen.
Fiktion Fetzt und Ant1heldin zeigen euch diese Woche jeweils, welche drei Sherlock-Holmes-Geschichten aus dem originalen Kanon wir am liebsten mögen – und welche Geschichten leider ein ziemlicher Schuss in den Ofen sind. Ja, denn auch die gibt’s. Wir haben uns vorher nicht abgesprochen, welche Geschichten wir auf die Listen nehmen. Es bleibt also auch für uns spannend. Viel Spaß beim Lesen und widersprecht uns unbedingt, wenn ihr anderer Meinung seid!

Hallo, lieber sherlockianischer Neuling, diesen Artikel kannst du auch lesen, wenn du keine Ahnung von den originalen Sherlock-Holmes-Geschichten hast. Es geht darum, die grundsätzliche Genialität der Geschichten aufzuzeigen, und wann Conan Doyle mal danebengegriffen hat. Ich versuche, so wenig wie möglich die Handlung bei den einzelnen Fällen zu spoilern.

Zur Vorbereitung auf diesen Artikel habe ich „worst sherlock holmes stories“ gegoogelt. Man findet – ganz genau, nichts (von einem Forumseintrag mal abgesehen). Im Gegenteil, es poppen nur Auflistungen der besten Holmes-Geschichten auf, und dann noch ein paar Meinungen zu schlechten Holmes-Verfilmungen.
Das zeigt vielleicht ein bisschen, wie stark Arthur Conan Doyle noch der Nimbus als „Erfinder“ der Krimigeschichte anhaftet. Niemand scheint sich zu trauen, Kritik an diesem „Klassiker“ anzubringen. Aber natürlich gibt es auch ein paar Holmes-Geschichten, die ziemlich hanebüchen sind. Um zu erklären, welche Fälle ich nicht mag, muss ich jedoch zuerst erklären, was eine gute Sherlock-Holmes-Geschichte ausmacht, dann wird das Versagen der schlechteren stories deutlicher. Los geht’s.

Wie funktioniert eine Sherlock-Holmes-Geschichte?

Man kann Arthur Conan Doyle wohl als Vater der Kriminalliteratur sehen, obwohl es ein paar literarische Vorläufer wie Edgar Allen Poe gab. Halt, so ganz stimmt das nicht: Conan Doyle hat vor allem den Kriminalrätselroman erfunden, in der englischsprachigen Welt auch „Whodunnit“ genannt. Wer hat’s getan?

sherlock holmes

© wikimedia commons

Exemplarisch zu allen späteren Whodunnits läuft auch eine Sherlock-Holmes-Geschichte immer ähnlich ab: Der Detektiv bekommt ein Problem vorgelegt, geht auf Spurensuche und zieht Schlüsse. Oft, aber nicht die ganze Zeit, kann der Leser durch Dr. Watsons Augen mitverfolgen, welche Recherchen Holmes anstellt. So ist er theoretisch in der Lage, das Rätsel gemeinsam mit dem Detektiv zu lösen.

Um die Spannung zu steigern, arbeitete Conan Doyle – und später viele nach ihm – aber mit „Ablenkungsmanövern“, „red herrings“ in der Fachsprache genannt. Sie sollen den Leser in die Irre führen, das Rätsel interessanter machen und selbstverständlich Holmes‘ Genialität vorführen, der trotzdem immer den wesentlichen Hinweisen auf die Spur kommt. Ein Beispiel für einen red herring wäre die Einführung eines angeblichen Geisterhundes in The Hound of the Baskervilles, der von der menschlichen Täterschaft im Mordfall Baskerville ablenkt.

Wie Conan Doyle einmal selbst in einem Interview erwähnte, störte es ihn an den Detektivgeschichten aus seiner Jugend, dass dem Ermittler dort immer der Zufall zur Hilfe kam. Er wollte, dass sein Detektiv nur mit rational nachvollziehbaren Mitteln zum richtigen Schluss kommt. (Zufälle und übersinnliche Erklärungen sind also verboten.) Sherlock Holmes‘ Markenzeichen sind dann auch: eine ungewöhnliche Beobachtungs- und Deduktionsgabe sowie eine gute Portion Vorstellungskraft, wie etwas stattgefunden haben könnte (wie ich es schon in meinem Artikel zu den kriminalistischen Methoden von Sherlock Holmes erklärt habe). Frei nach dem Motto: Eliminiere alles Unmögliche, und du kommst auf die Lösung, so unwahrscheinlich sie auch klingen mag.

Die Bausteine einer guten Sherlock-Holmes-Geschichte

Bei den gelungenen Sherlock-Holmes-Geschichten (und das sind die meisten!) beweist Arthur Conan Doyle seine Genialität im „understatement“. Das betrifft sowohl die Entwicklung des Plots als auch die Auflösung des Fallrätsels.

Lasst es mich an zwei Kategorien festmachen: umso subtiler das Fallrätsel aufgebaut ist, desto mehr macht es Spaß, mitzuraten. Das bedeutet, es gibt keine übertrieben offensichtlichen red herrings oder falsche Fährten. Je geschickter die Verwirrung angebracht ist, desto schwieriger wird es, auf die Lösung zu kommen. Es sollte auch nicht künstlich Drama erzeugt werden mit übertriebener action. Zweitens sind die einfachen Lösungen die besten: Wenn man selbst beim mehrmaligen Durchlesen der Auflösung die Zusammenhänge nicht versteht, so war sie viel zu konstruiert. Die besten Krimis sind die, bei denen man sich bei der Auflösung die Hand vor die Stirn schlägt und ruft: „Natürlich, warum bin ich da nicht gleich drauf gekommen!“ Dazu gehören auch glaubhafte, aber eben nicht sofort durchschaubare Tatmotive.

Diese Kriterien erfüllen vor allem frühe Holmes-Geschichten, also die Geschichten aus den drei Sammelbänden The Adventures of Sherlock Holmes (1892), The Memoirs of Sherlock Holmes (1893) und The Return of Sherlock Holmes (1905). Nach den ersten zwei Bänden hatte Conan Doyle bekanntlich keine Lust mehr, Detektivgeschichten zu schreiben und beschloss, seinen Helden umzubringen. Nur der andauernde Druck von Fans und Verlegern sowie selbstverständlich der finanzielle Anreiz veranlassten Conan Doyle dazu, Holmes auferstehen zu lassen. Später fand sich Conan Doyle damit ab, dass sein Name nun doch für alle Zeiten für den Erfinder des Meisterdetektivs stehen würde, und schrieb vom Ersten Weltkrieg bis zu seinen Tod 1930 immer wieder eine Sherlock-Holmes-Geschichte, die seine Kasse aufbesserte. Aber man merkt einigen davon an, dass Conan Doyle die Kreativität gründlich ausgegangen ist. Besonders in seinem letzten Sammelband, The Case-Book of Sherlock Holmes (1927), verwendet er alte Motive aus seinen frühen Geschichten einfach noch einmal. Freilich in anderem Kontext, aber sie sind gut wiederzuerkennen. So geht es sowohl bei The Red-Headed League als auch bei The Three Garridebs um das schlaue Ablenkungsmanöver des Täters.

arthur conan doyle

Arthur Conan Doyle, © wikimedia commons

Die 3 besten Sherlock-Holmes-Geschichten

Es war unheimlich schwer, mich auf drei Geschichten zu begrenzen. Schon zehn Lieblingsgeschichten zu nennen, wäre vermutlich schwierig. An einer Geschichte mag ich das Setting gern, an der anderen den skurrilen Klienten, an der nächsten die besonders geniale Auflösung – und die kann auch mal heißen, dass gar kein Verbrechen geschehen ist. Deshalb ist diese Top 3 nur eine Momentaufnahme, vielleicht mag ich in einem Jahr wieder drei ganz andere Geschichten am liebsten.

Arthur Conan Doyle hat 1927 übrigens eine eigene Liste seiner Lieblings-Sherlock-Holmes-Geschichten aufgestellt, mit der ich aber nur zum Teil übereinstimme 😉. Hier kommen meine Favoriten (in keiner bestimmten Reihenfolge).

Silver Blaze / dt. Silberstern oder Silberstrahl

© wikimedia commons

Diese Geschichte aus The Memoirs of Sherlock Holmes hat einfach alles, was das sherlockianische Herz begehrt: Das atmosphärische Setting im Dartmoor, intelligent gestreute red herrings, eine gute Portion Witz und eine sehr kluge Auflösung, auf die zumindest ich beim ersten Lesen nicht gekommen bin. Durch die Pferderenn-Thematik hat die Geschichte außerdem etwas ungemein Britisches.

Story: Es geht um das verschwundene Rennpferd Silver Blaze. Sein Trainer wurde erschlagen nicht weit vom Stall im Dartmoor aufgefunden, von dem Pferd fehlt jede Spur. So soll Sherlock Holmes also den Mörder des Trainers finden und das kostbare Pferd wiederbeschaffen, damit es zum nächsten Rennen antreten kann. Es gibt einen verzweifelten Verdächtigen, der natürlich seine Unschuld beteuert. Holmes und Watson fahren hinaus ins Dartmoor, wo Holmes seine ganzen Deduktionskünste unter Beweis stellt. Der Rennstallbesitzer Colonel Ross hält aber gar nichts von dem Londoner Kriminalexperten und behandelt ihn nur von oben herab. Das stachelt Holmes natürlich dazu an, sich mit dem Colonel einen Spaß zu erlauben und die Auflösung extra dramatisch zu machen.

Lieblings-Elemente: An Silver Blaze kann der Sherlock-Holmes-Neuling ganz wunderbar die Ermittlungsmethoden des Detektivs kennen lernen. Holmes untersucht den Tatort ganz genau mit seiner Lupe auf Fuß- und Hufspuren, legt sich dazu sogar auf den Boden. Danach stellt er eine Hypothese auf und zieht los, um sie zu überprüfen. Ganz wunderbar ist auch die Art und Weise, wie er scheinbar völlig zusammenhanglose Fragen an Zeugen richtet und damit den ungeduldigen Colonel zur Weißglut treibt. Der hält die ruhige wissenschaftliche Arbeitsweise von Holmes mehr und mehr für Irrsinn. Hier pflegt Holmes sein Nerd-Image ganz bewusst 😉 Aus Silver Blaze stammt auch der berühmte Dialog:

Inspector Gregory: „Is there any other point to which you would wish to draw my attention?“
Holmes: „To the curious incident of the dog in the night-time.“
Gregory: „The dog did nothing in the night-time.“
Holmes: „That was the curious incident.“

Der Titel des berühmten Romans The Curious Incident of the Dog in the Night-Time (2003) von Mark Haddon bezieht sich auf dieses Sherlock-Holmes-Zitat.

Fun Fact: Silver Blaze ist die erste Geschichte, in der Holmes‘ berühmter Deerstalker-Hut erwähnt wird.

The Adventure of the Dancing Men / dt. Die tanzenden Männchen

© wikimedia commons

The Dancing Men (aus The Return of Sherlock Holmes) ist eine ungewöhnlich dramatische Sherlock-Holmes-Geschichte. Es geht um eine (zunächst) unbestimmbare Bedrohung, konkrete Lebensgefahr für Holmes‘ Klienten und um den Code der tanzenden Strichmännchen, den Holmes natürlich zu knacken versteht. Es geht außerdem um das organisierte Verbrechen.

Story: Mr. Hilton Cubitt aus Norfolk konsultiert Sherlock Holmes, weil er seltsame Strichmännchen-Zeichnungen auf seinem Anwesen (auf Fensterbrettern, an Scheunentoren usw.) gefunden hat. Das Merkwürdige dabei ist, dass seine Frau völlig außer sich ist, sobald sie die Strichmännchen entdeckt, und vor Angst kaum noch aus dem Haus geht. Was wie eine Kinderzeichnung aussieht, scheint also eine bedrohliche Bedeutung für Mrs. Cubitt zu haben. Aber ihr Mann darf sie nicht dazu befragen, weil er ihr das Versprechen gegeben hat, sie nie nach ihrer Vergangenheit zu fragen. Holmes macht sich daran, den Code zu knacken, als eine dramatische Nachricht die Baker Street 221b erreicht. Plötzlich muss Holmes einen Mord und einen Selbstmord aufklären.

Lieblings-Elemente: Holmes liefert sich einen Wettlauf mit der Zeit. Er vermutet, dass die „tanzenden Männchen“ Böses bedeuten, und muss so schnell wie möglich den Code dechiffrieren. Die unbekannte Bedrohung hinter den Strichmännchen gibt der Handlung eine tolle Grusel-Spannung. Auch auf Mr. Cubitts Anwesen liefert Holmes dann bravouröse Deduktionsarbeit ab. So klärt er z.B. auf, warum zwei Schüsse drei Einschusslöcher verursachen können.

Fun Fact: The Dancing Men stand Pate für die Sherlock-Folge The Blind Banker. Außerdem tauchte eine Abfolge des Strichmännchen-Codes auch in der Folge The Final Problem auf.

A Scandal in Bohemia / dt. Ein Skandal in Böhmen

Irene Adler Sherlock Holmes

Irene Adler © wikimedia commons

Die Geschichte rund um die Abenteurerin Irene Adler ist die allererste Sherlock-Holmes-Kurzgeschichte der Sammlung The Adventures of Sherlock Holmes (zuvor war der Detektiv in zwei Romanen aufgetaucht). Sie ebnete also allen weiteren Stories den Weg. A Scandal in Bohemia hat außerdem wohl den berühmtesten Einstieg aller Holmes-Geschichten: „To Sherlock Holmes she is always the woman.“ Was? Wo? Wie? Wer ist die Frau, und was bedeutet sie Holmes? (Der sich noch in der vorangegangenen Romanhandlung von The Sign of Four gegen jede Art von romantischen Gefühlen ausgesprochen hatte). Dieser Satz sorgt bis heute für Spekulationen ob Holmes „unterdrückter“ Sexualität bzw. seiner heimlichen Verliebtheit in Irene Adler. Am besten gefällt mir an der Geschichte, wie Holmes ausgerechnet in einer Frau seine hartnäckigste Gegnerin findet. Irene Adler ist sogar der erste und einzige Mensch, der Holmes schlagen kann. Selbst dem spätviktorianischen Zeitalter war Feminismus wohl nicht ganz fern 😉Arthur Conan Doyle nahm A Scandal in Bohemia dann auch in seine Top-12-Liste auf mit der Begründung, sie habe „more female interest than is usual“.

Story: Sherlock Holmes bekommt Besuch von einem Maskierten in auffällig reicher Kleidung, bald stellt sich heraus: Es ist der König von Böhmen. Er betraut Holmes mit einer ganz besonders pikanten Angelegenheit. Er möchte ein Foto zurückhaben, auf dem er mit seiner ehemaligen Geliebten Irene Adler zu sehen ist. Irene Adler will das Foto an die Zukünftige des Königs schicken und so die Heirat verhindern. Holmes greift zu äußerst kreativen Mitteln, um das Anwesen der Dame auszuspionieren und erfährt bald, wo sich das Versteck der Fotografie befinden muss. Aber dann kommt doch alles anders. Irene Adler ist ihm einen Schritt voraus.

Lieblings-Elemente: Selbstverständlich der feministische Inhalt! Irene Adler ist eine kluge, willensstarke Frau (wenn sie auch am Ende durch ihre eigene Heirat „gezähmt“ wird). Mehr dazu könnt ihr in meinem Artikel zu Frauenfiguren bei Sherlock Holmes nachlesen. Zum Brüllen komisch ist außerdem der pompöse König, er ist wie ein Darsteller aus einer kitschigen Operette gezeichnet und spricht einen harten deutschen Akzent. Holmes geht die dümmlich-arrogante Art seines Klienten so richtig auf die Nerven und gibt ihm am Ende sogar zu verstehen, dass er „seine Majestät“ für gründlich unter dem Niveau der klugen Irene Adler hält.

„Honorable Mentions“

Die Beschränkung auf drei Lieblings-Geschichten fiel mir wie gesagt nicht leicht. Sehr ans Herz gewachsen sind mir außerdem die Geschichten The Beryl Coronet (hier geht’s ebenfalls um eine Frauenfigur, die sich non-konform verhält), The Adventure of the Blue Carbuncle, The Priory School, Charles Augustus Milverton (Holmes als Einbrecher!), The Devil‘s Foot sowie natürlich The Hound of the Baskervilles.

Die 3 schlechtesten Sherlock-Holmes-Geschichten

Hier fiel die Auswahl bedeutend leichter, zumal sich die schwächsten Geschichten, wie oben erwähnt, in den beiden letzten Sammelbänden häufen. Eine Ausnahme macht allerdings meine zuerst erwähnte Geschichte. Zu bemängeln habe ich bei meinen drei Sherlock-Holmes-Flops vor allem unoriginelle Plots und zu konstruierte Auflösungen. Aber urteilt selbst.

A Case of Identity / dt. Eine Frage der Identität

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A Case of Identity, © wikimedia commons

Eieiei, ACD, das war wirklich nix. Wenn du möchtest, dass sich dein*e LeserIn maximal verarscht vorkommt, dann hast du genau das erreicht. Es tut mir leid, hier muss ich die Auflösung des Falls spoilern, weil sie der Hauptkritikpunkt ist. Dafür erspare ich euch eine große Enttäuschung, wenn ihr über den Unsinn schon Bescheid wisst. Die Geschichte erschien in The Adventures of Sherlock Holmes.

Story: Die verzweifelte Miss Sutherland kommt zu Sherlock Holmes: eine affaire de coeur! Ihr Verlobter ist verschwunden. Einfach auf dem Weg zur Kirche. Er stieg in die Kutsche, war danach aber nicht mehr aufzufinden. Holmes weiß innerhalb weniger Minuten, was Sache ist, und zieht den Schuldigen zur Rechenschaft, indem er ihm Prügel androht. Der Klientin sagt er die Wahrheit aber lieber nicht, weil er davon ausgeht, sie würde ihm nicht glauben.

Hass-Elemente: Die Auflösung und die damit implizierte Frauenfeindlichkeit. Der Verlobte, dem Miss Sutherland hinterher weint, ist nämlich niemand anderes als ihr Stiefvater, der sich mit gefärbten Brillengläsern und verstellter Stimme (er tut so, als könne er nur flüstern) verkleidet hat. Seriously? So doof soll die Klientin sein, dass sie nicht hinter diesen Trick kommt? Ich kritisiere außerdem daran, dass man als Leser gar keine Chance bekommt, mitzurätseln, weil man mit solch einer dämlichen Auflösung wirklich nicht rechnen kann.

Die Finte sollte dazu führen, dass Miss Sutherland, enttäuscht von den Männern, nie mehr den Wunsch äußern wird, zu heiraten. So kann ihr finanziell knapp dastehender Stiefvater weiter ihr Erbe kassieren. Ein bisschen witzig ist allerdings, wie Holmes dem Stiefvater Mr. Windibank (sprechender Name!) Prügel mit der Reitpeitsche androht.

The Adventure of the Veiled Lodger / dt. Die verschleierte Mieterin

Diese Geschichte aus The Case-Book of Sherlock Holmes ist besonders schwach, weil sie eigentlich keine Kriminalgeschichte ist. Es geht einzig allein um eine Beichte, die eine mysteriöse verschleierte Frau bei Sherlock Holmes ablegt. Es findet keine Investigation statt. Außerdem entwirft die Story ein schrecklich kitschiges Frauenbild von der idealen Frau als stumm leidender Märtyrerin.

Story: Mrs. Ronder, eine verschleierte Dame, möchte eine Beichte bei Sherlock Holmes ablegen, bevor sie stirbt. Es stellt sich heraus, dass ihr Fall berühmt ist: Sie arbeitete früher beim Zirkus, bis ihr Gesicht bei dem Angriff eines Löwen entstellt wurde. Auch ihr Mann wurde damals von dem Löwen getötet. Mrs. Ronder klärt auf, dass noch mehr dahintersteckte. Sie und ihr Geliebter wollten eigentlich nur den Tod ihres gewalttätigen Ehemanns stellen. Am Ende redet Holmes ihr noch ins Gewissen, dass sie kein Recht habe, sich das Leben zu nehmen, egal, wie verzweifelt sie sei.

Hass-Elemente: Die Geschichte ist öde, weil Holmes gar nicht zum Ermitteln kommt. So gibt es wieder kaum eine Möglichkeit, mitzurätseln. Die story erscheint mir wie eine Verlegenheits-Veröffentlichung, die Conan Doyle tätigte, um seinen Verpflichtungen gegenüber seinem Verleger nachzukommen. Der Mordversuch an dem gewalttätigen Mr. Ronder ist ziemlich konstruiert, genauso wie das melodramatische Schicksal der Mrs. Ronder mir zu viel auf die Tränendrüse drückt. Und am Ende kommt Holmes noch mit dem pathetischen Ratschlag: „The example of patient suffering is in itself the most precious of all lessons to an impatient world.“

The Adventure of the Three Gables / dt. Die drei Giebel

© wikimedia commons

Dieser Fall aus The Case-Book of Sherlock Holmes kommt auf die Hass-Liste, weil er böse rassistische und misogyne Tropen reproduziert. Die Handlung ist dazu melodramatisch wie eine Seifenoper und hält auch nicht viele Überraschungen bereit. Die Auflösung ist enttäuschend.

Story: Es geht um eine ältere Dame, die ein verdächtig hohes Angebot für ihr Haus bekommt – aber nur, wenn sie alles, was darin ist, zurücklässt. Es stellt sich heraus, dass eine Gangsterbande an die Koffer des Sohnes dieser alten Dame kommen will, die sich seit einer Woche in dem fraglichen Haus befinden. Denn darin sind Papiere pikanten Inhalts, die eine bekannte Lebedame und femme fatale schwer belasten.

Hass-Elemente: Die Darstellung des Gangsters Steve Dixie, einem Afrikaner, der als „Negro“ bezeichnet wird und jedes verletzende Klischee des dumm-dreisten Schwarzen erfüllt. Holmes‘ Rassismus ist kaum zu ertragen („I won’t ask you to sit down, for I don’t like the smell of you …“). In einer früheren Geschichte beschreibt ACD die (glückliche!) Ehe einer Weißen mit einem Afroamerikaner, es ist mir daher etwas schleierhaft, wie ihm bei dieser Geschichte wieder jeder Anstand entgleisen konnte.

Die femme fatale Isadora Klein tritt als die stereotype Südländerin mit unersättlicher Sexualität auf, die Männer verschleißt und dazu auch noch keinerlei Rückgrat hat. Eine fast schon witzige, weil so überzogen melodramatische Darstellung, aber das Lachen bleibt einem angesichts der rassistischen und misogynen Klischees im Halse stecken.

„Dishonorable Mentions“

Weitere schwache Sherlock-Holmes-Geschichten sind u.a. The Lion’s Mane (als moderner Mensch mit ein bisschen Bildung über die maritime Fauna weiß man sofort, wer der Täter ist – oder ging es nur mir so?), sowie The Mazarin Stone. Das ist die schlechte Adaption eines Sherlock-Holmes-Theaterstückes, das Conan Doyle einmal geschrieben hatte. Daher spielt auch die gesamte Handlung in einem Raum. Obwohl, „Handlung“ ist zu viel gesagt. Einen Spannungsbogen gibt es nicht wirklich.

Was sind eure Tops und Flops im Sherlock-Holmes-Kanon? Schreibt es in die Kommentare oder verfasst euren eigenen Artikel und postet ihn unter #bakerstreetblogs!


Jetzt aber rüber zu fiktion fetzt und lasst euch überraschen, welche Sherlock-Holmes-stories Karo am liebsten mag und welche sie an den Pranger stellt. Viel Spaß!

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