„Mary, Queen of Scots“ und der ewige Kreislauf der sexistischen Kritik

Das Königinnendrama Mary, Queen of Scots (diesen Januar in Deutschland erschienen) könnte thematisch nicht aktueller sein – trotzdem regen sich Kritiker über die feministische Agenda oder die zu aufwändige Ausstattung des Films auf oder versuchen, ihn mit dem Hinweis auf Abweichungen von der „historischen Korrektheit“ zu degradieren. Warum das ziemliche dumme Argumente sind, erkläre ich hier.

Mary Queen of Scots Film Blogbeitrag
© pixabay / wikimedia commons

Mary, Queen of Scots, das ist eine weitere Bearbeitung des Stoffes rund um die schottische Königin Mary Stuart, die ihrer Cousine Elizabeth I. trotzt. Gleichzeitig zeigt der Film den Machtkampf zwischen zwei Herrscherinnen nicht zuletzt als Kampf zweier Frauen gegen das Patriarchat und gegen all die Männer in ihrem Umfeld, die sie manipulieren und ihrer Macht entheben wollen.

Auf Rotten Tomatoes fühlen sich viele Kritiker offenbar von dieser Art der Darstellung angegriffen und sprechen immer wieder von Mary, Queen of Scots als „Complete and utter PC drivel… another Hollywood bastardization of British history.“, während bbc.com sich mit einer ziemlich inhaltsleeren Kritik ereifert, die nur darum kreist, dass ihnen Haare und Make-Up im Film zu auffällig gestylt waren. Beide Kritiken führen sich unbeabsichtigt selbst vor. Sobald der Fokus eines Films auch nur im Ansatz von Frauenemanzipation handeln könnte, wird der rechte Kampfbegriff der „politischen Korrektheit“ rausgeholt und sofort behauptet, der Film könne ja eh nichts, außer schön aussehen. Kurz: Es geht (mal wieder) darum, spezifisch weibliche Themen (hier zwei Frauen-Biografien) als belanglos und albern zu diskreditieren.

Außerdem eine Anmerkung: Mary, Queen of Scots ist zudem divers besetzt. Einige Nebenfiguren werden von PoC gespielt, während der Figur des David Rizzio, Marys Berater, eine queere Identität verliehen wurde. Der männliche Kritiker-Rant zu „übertriebener political correctness“ zielt auch darauf ab.

Die geschichtlichen Hintergründe zu Maria Stuart

Maria Stuart Porträt
Mary Stuart © wikimedia commons

Weibliche Themen in der Kultur unsichtbar zu machen, ist nicht nur eine sehr alte Methode, sie hat auch ganz speziell mit der Hauptfigur Mary Stuart zu tun. Wer die geschichtlichen Zusammenhänge nicht kennt, hier ein vereinfachter Abriss: Mary war ab 1542 Königin von Schottland, war aber auch die Cousine zweiten Grades von Elizabeth I. und hatte deshalb einen Anspruch auf den englischen Thron. Sie war außerdem Katholikin, was dem protestantischen England ein zusätzlicher Dorn im Auge war. Mary wurde als Kind wegen politischer Unruhen nach Frankreich gebracht, kam aber mit 18 nach Schottland zurück, um ihren Thron wieder zu besteigen. Dort setzt auch die Filmhandlung von Mary, Queen of Scots ein. Ab diesem Zeitpunkt liefern sich die Königinnen einen jahrzehntelangen Machtkampf. Mary wollte die neun Jahre ältere Elizabeth zwingen, sie in ihrem Testament als Nachfolgerin einzusetzen (da Elizabeth keine Nachkommen hatte) und Elizabeth wollte Mary zwingen, auf ihren Anspruch auf die englische Krone formell zu verzichten. Durch verschiedene Intrigen wurde Mary vom schottischen Thron vertrieben. Sie geriet außerdem in den Verdacht, in ein Komplott um die Ermordung ihres Ehemanns verstrickt gewesen zu sein. Mary war 18 Jahre lang in Gefangenschaft der britischen Krone und wurde schließlich durch die englische Königin zum Tode verurteilt.

Wer darf regieren? Sexualität und Ehe als Schwäche-Metapher

Regisseurin Josie Rourke gab im Interview mit der FAZ als Antrieb für dieses Filmprojekt zu Protokoll: „(Mary Stuart) interessierte mich als Figur, weil sie einerseits so stark romantisiert wurde, aber man hielt sie eben auch für inkompetent. Und zwar aus einem Grund: wegen ihrer Sexualität.“ Mary Stuart war in der Wahrnehmung ihrer späteren Rezipienten immer die „weiblich-schwache“, weil sie sich verliebte, heiratete und ein Kind gebar, während Elizabeth I. sich als streitbare „virgin queen“ inszenierte, deren Armada sich die ganze Welt untertan machte. So wurde sie auch später immer als „Mann im Frauenkörper“ interpretiert. Ihre Ehe- und Kinderlosigkeit waren ein Zeichen ihrer Stärke. Woraus der aus patriarchaler Sicht richtige Schluss folgte: Nur, wer typisch männliche Attribute erfüllt, kann regieren. Eine Mutter aber nicht.

Genau diesen Schluss verteidigen Kritiker, die dem Film Mary, Queen of Scots „feministische Propaganda“ und „Geschichtsverzerrung“ vorwerfen, auch heute noch. Wie kann eine Ehefrau und Mutter eine geschickte Politikerin gewesen sein? Unmöglich. An Elizabeths „stahlhartem“ Image kratzt der Film währenddessen gewaltig.

Ein historisches Drama ist die Interpretation eines geschichtlichen Themas

Selbstverständlich handelt es sich bei Mary, Queen of Scots um ein Werk der Fiktion, um eine Interpretation des Stoffes. Deshalb ist es ziemlich lächerlich, Abweichungen von der „gültigen“ Geschichtsschreibung zu kritisieren – die es ohnehin nicht gibt. Historiker sehen ihre Quellen genauso als Interpretationen eines Sachverhalts, die „eine“ Wahrheit gibt es nicht.

Die Bearbeitung eines Geschichtsstoffs aber als weniger wertvoll abzutun als andere, nur weil sie den feministischen Aspekt betont, den diese beiden Herrscherinnen (unter vielen anderen Aspekten) verkörpern können, ist einfach nur dumm und sexistisch.

Denn logisch gefragt: Wenn wir die Leistungen dieser beiden Figuren nicht als frauenbestärkend hervorheben „dürfen“, was ist dann mit all den „normalen“ Frauencharakteren in den Medien? Daher frage ich mich ernsthaft: Müssen wir wirklich noch diskutieren, ob eine feministische Interpretation der Geschichte Mary Stuarts legitim ist? Ich würde sogar so weit gehen und sagen, sie ist die einzige, die noch Sinn ergibt.

Am perfidesten ist aber die Masche, den Film als kitschigen Kostümfilm abzutun, ohne die feministische Agenda auch nur zu erwähnen, wie es die BBC tut. Die feministische Perspektive macht Angst, daher muss sie durch den vorgeschobenen Kritikpunkt der „zu opulenten Ausstattung“ von vorne herein totgeschwiegen werden, und mit ihr die Dienste, die sie der Frauenbewegung heute leisten kann.

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Elizabeth I. © wikimedia commons

Die feministische Agenda bei Mary, Queen of Scots

Historiker und Kunstschaffende (nicht zuletzt Schiller und Zweig) schwankten von jeher zwischen zwei mehr oder weniger frauenfeindlichen Vorstellungen der Schottenkönigin:

Mary Stuart als das „schwache Weib“, das sich von seinen erotischen Trieben leiten lässt, aber gleichzeitig unfähig ist, zu regieren, und daher mühelos zum Spielball seiner männlichen Berater wird.

Oder man verdammte sie gleich als femme fatale, die völlig kalt und intrigant ihren erotischen Einfluss spielen ließ, um an der Macht zu bleiben. Alle Männer um sie herum opferten sich für sie auf.

Der Film Mary, Queen of Scots rückt von beiden Bildern ab. Das Drehbuch (und Saoirse Ronans grandioses Spiel) zeigen uns Mary als selbstbewusste junge Frau, die eine ganz klare Vorstellung von ihrem Machtanspruch hat. Zugleich spielt Ronan sie als junges Mädchen, das nach früher Witwenschaft jetzt hungrig ist, zu leben. Da halten sich Willenskraft und Verletzlichkeit ganz wunderbar die Waage. Marys Energie ist beinahe greifbar, und während man ihr innerlich zujubelt, dass sie sich von ihren Beratern oder den Gesandten Elizabeths nichts vorschreiben lässt, gesteht der Film ihr auch einfach eine wunderbare Menschlichkeit zu. Sie ist auch ein junges Mädchen, das sich zum ersten Mal verliebt. Wir sehen sie bei der Morgentoilette, sogar ihre Menstruation wird thematisiert.

Marys Scheitern wird denn auch nicht an den Machenschaften ihrer Rivalin Elizabeth festgemacht, sondern an den Widerständen ihres männlich geprägten Umfelds. Weder ihr Halbbruder, noch ihr Ehemann oder ihre Berater wollen so viel Macht in den Händen einer Frau sehen.

Das ist eine ganz klare Parallele, die Mary, Queen of Scots zwischen den beiden Königinnen Mary Stuart und Elizabeth Tudor zieht. Beide werden auch als Privatpersonen mit Wünschen und Kümmernissen dargestellt, beide fürchten den Sturz durch das Patriarchat. Nur haben sie unterschiedliche Strategien, um dagegen anzukämpfen. Elizabeth gibt immer wieder der Pflicht den Vorzug, während Mary (vielleicht naiv) die beiden „Körper der Königin“ vereinen will, den öffentlichen sowie den privaten. Das macht Marys Darstellung hier so erfrischend, sie will alles vom Leben, Macht und private Erfüllung.

Wir kennen das Ende. Mary wird von ihren politischen Feinden zu Fall gebracht, während Elizabeth einwilligt, das Todesurteil Marys zu unterzeichnen – der Film zeigt, dass das dieser Elizabeth alles andere als leicht fällt.

Doch davor treffen die Königinnen in einer historisch nicht verbürgten Szene ein einziges Mal aufeinander, ganz klar der Höhepunkt des Plots. Hier wird das ewige Klischee vom „Cat Fight“ zwischen den beiden Königinnen endgültig abgeschafft. Die beiden Frauen bringen ebenso viel Bewunderung füreinander auf, wie sie sich gegenseitig fürchten. Das ist meiner Meinung nach die größte Stärke des Films, die Darstellung dieser ambivalenten Beziehung.

 

Alles Märtyrer-Kitsch?

In der ZEIT online gab es vom Feuilletonisten Jens Jessen (der übrigens von der #metoo-Debatte als „bolschewistischem Schauprozess gegen Männer“ sprach) den Vorwurf, die beiden Protagonistinnen bei Mary, Queen of Scots hätten höchstens Stärke „in ihrer Schwäche“, seien nur als Opfer stark, und der Film habe wohl Angst gehabt, zwei eiskalte Herrscherinnen zu zeigen. Ja, das kann man so sehen. Dieses Argument verkennt jedoch die eigentliche Intention dieser Mary-Stuart-Interpretation. Es ging ja gerade nicht darum, eine weitere einseitige, stereotype Darstellung von der Schottenkönigin als machtgeiler femme fatale zu zeigen, der die Hinrichtung ganz recht geschieht. Dass Darstellungen von Elizabeth I. abseits des „iron maiden“-Images umso interessanter sind, haben uns schon die „Elizabeth“-Filme mit Cate Blanchett gezeigt.

Die Zeit-Kritik spricht den beiden Frauenfiguren aus Mary, Queen of Scots auch jede eigene Agenda ab, sie seien nur Objekte, die reagieren. Dem kann ich ebenso widersprechen. Das Spannende an der dargestellten Situation Marys ist hier doch: sie steckt in Abhängigkeitssituationen, weil sie eine Frau ist, aber sie versucht trotzdem, eigene Entscheidungen zu treffen. (Sie entscheidet selbst, wen sie heiratet, sie vertreibt politische Feinde von ihrem Hof usw.) Ob die alle klug sind, sei dahingestellt. Elizabeth erscheint zwar getrieben und passiv – aber zeigt es nicht gerade Stärke, sich gegen persönliche Erfüllung und für die Herrscherinnenpflichten zu entscheiden?

Habt ihr den Film gesehen? Wie hat auf euch die feministische Agenda gewirkt?

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3 Gedanken zu „„Mary, Queen of Scots“ und der ewige Kreislauf der sexistischen Kritik

  • 8. März 2019 um 1:49 pm
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    Ich habe ihn noch nicht gesehen, möchte das aber noch. Aber als großer Fan der Tudors der einige Biografien gelesen hat, war ich auch etwas enttäuscht, dass der Film sich nicht an die historischen Ereignisse hält und beide sich sogar von Angesicht zu Angesicht treffen. Nicht, dass das schlimm ist, aber schlimm ist das viele glauben, das sei wirklich so passiert. Ich hoffe, dass man das irgenwie davor oder danach deutlich macht, in dem man dazu schreibt, dass der Film auf der Geschichte basiert, sie aber auch Freiheiten nimmt. Denn an sich ist dieses fiktive Treffen definitiv auch spannend und behandelt eine interessante „Was wäre wenn“-Frage. Und das darf man definitiv in der Fiktion, man darf das dann nur nicht als historische Begebenheit verkaufen.

    Was die Darstellung der Frauen anbelangt: Ich bin so dankbar, dass sie so komplex sind. Weil das waren die echten historischen Persönlichkeiten auch. Ich hasse es, wenn man beide Königinnen immer mit den gleichen Klischees darstellt und vor allem Mary Stuart als Femme Fatale. Sie war so viel mehr als das. Ich muss ja gestehen, dass ich auf Mary Stuart durch „Reign“ aufmerksam geworden bin, auch eine Serie wo mein Geschichtsherz oft geblutet hat, die nehmen sich da ja noch mehr Freiheiten. Aber was schon die Serie gut gemacht hat ist, Mary als starke Herrscherin zu poträtieren, die dabei aber auch Fehler macht und alles andere als perfekt ist. Aber immer wieder versucht sich gegen die männliche Dominanz durchzusetzen, für ihr Land zu kämpfen und auch den Machtkampf mit Elizabeth zu beenden. Auch Elizabeht ist so viel mehr als die „Virgin Queen“ – gerade bei dem Fakt finde ich es lächerlich von Geschichtsverzerrung zu sprechen. Es muss doch jedem klar sein, dass beide Frauen am Ende mehr waren als die Klischees, die man ihnen über die Jahrhunderte aufgedrückt hat. Das sie komplexe Persönlichkeiten sind. Gut, dass der Film das darstellt, das er ihre Unsicherheiten, aber auch Stärken porträtiert. Dass das dann kritisiert wird macht mich wütend. Wir sollten 2019 schon so viel weiter sein.

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  • Pingback:Bloggestöber im Februar | Wörter auf Reise

  • 24. Februar 2019 um 7:15 am
    Permalink

    Wiedermal ein ganz toller Artikel. Der Film kommt unbedingt auf die Watchlist.

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