Wer ist der beste moderne Holmes? – „Sherlock“, „Elementary“ und die „Sherlock Holmes“-Filme im Vergleich

Willkommen zur Schlammschlacht, liebe Sherlockianer! Diese Woche geht es bei den #bakerstreetblogs um den Vergleich zwischen den drei derzeit bekanntesten Sherlock-Holmes-Adaptionen für die Leinwand: die BBC-Serie Sherlock, die CBS-Serie Elementary und die beiden Kinofilme von Regisseur Guy Ritchie (Sherlock Holmes und Sherlock Holmes. A Game of Shadows). Fiktion fetzt und ich haben uns sechs Kategorien überlegt, in denen wir die drei Adaptionen in einem Modern Day Battle gegeneinander antreten lassen: die Bezugnahme auf die Originaltexte, die Darstellung von Holmes, die Darstellung von Watson, die Britishness, die Anpassung an die Moderne, und der Action-Faktor. Lasset die Spiele beginnen!

Bester moderner Holmes Vergleich

Sherlock Holmes hält den Weltrekord als am meisten verfilmte fiktive Figur überhaupt, 200 filmische Darstellungen und 70 Schauspieler haben sich bisher am Meisterdetektiv versucht. Die allermeisten Adaptionen verlassen dabei das historische Setting nicht und zeichnen ein mehr oder weniger melodramatisches Bild des viktorianischen London mit dem genialen Detektiv mittendrin und seinem (leider oft!) etwas minderbemittelten „Assistenten“ Dr. Watson nebendran (z.B. die Serie aus den 60ern mit Basil Rathbone, und auch die sehr gelungene Adaption mit Jeremy Brett aus den 90ern hat so ihre kitschigen Nebentöne, *hust*).

Sherlock, Elementary und auch die Guy-Ritchie-Filme trauen sich, den Stoff härter anzupacken und neue Seiten daran herauszukitzeln. Alle drei haben ihre Berechtigung und ihre Fangemeinden. Als Sherlockianer habe ich natürlich besonders hohe Ansprüche an eine Holmes-Adaption. Es reicht nicht, einen Sherlock Holmes hinzustellen, der munter Schlüsse ziehen kann. Daher hier meine Analyse zu den sechs genannten Gesichtspunkten – schaut danach auch bei Karo vorbei!

Battle Nr. 1: Die Bezugnahme auf die Original-Texte

Das ist wohl der wichtigste Punkt für jeden Sherlockianer. Hier geht’s aber nicht nur um Pedanterie und Erbsenzählerei – glaubt mir, eine Adaption wird umso besser, je genauer und intelligenter sie sich mit den Originaltexten von Arthur Conan Doyle auseinandersetzt. Los geht’s zum ersten Battle:

Sherlock-Holmes-Filme

Für eine starke Bezugnahme auf die Originaltexte spricht hier, dass Guy Ritchie seinen Holmes im viktorianischen London ermitteln lässt. Freilich handelt es sich hier um eine poppige Steampunk-Version der Stadt. Alles wirkt ein bisschen zu überdreht und zu laut. Andererseits macht sich das Drehbuch die Mühe, ab und zu exakte Zitate aufzugreifen, wie z.B., als Holmes im ersten Film zu Watson sagt: „You have a grand gift of silence, Watson. It makes you quite invaluable as a companion.“ Natürlich dreht Holmes die Bedeutung der Aussage hier ironisch um, weil Watson gerade schmollt und sich weigert, mit ihm zu reden (ich liebe die Szene!). So gehen die Filme die ganze Zeit mit ihrer Textvorlage um – nicht sehr respektvoll, aber mit einem halb ironischen, halb liebevollen Kopfnicken in Richtung Arthur Conan Doyle. Der Plot an sich hat aber wenig mit den Original-Geschichten zu tun, die Sherlock-Holmes-Filme übernehmen nur das grobe Gerüst, z.B., dass Watson an einem Punkt heiratet und Holmes davon nicht so begeistert ist, oder der Kampf zwischen Holmes und Moriarty.

Elementary

Die amerikanische Serie, das muss ich leider sagen, gibt sich nicht viel Mühe, sich mit ihrer Textvorlage auseinander zu setzen. Es gibt zwar die Figuren Holmes, Watson, Moriarty, Irene Adler und Inspector Gregson, und ab und zu streut Holmes die Bemerkung ein (sinngemäß): „Ach ja, ich hatte da mal diesen Fall bei Thor Bridge …“ (angelehnt an die Geschichte The Problem of Thor Bridge). Das zusammen mit ein paar wörtliche Zitaten aus der Vorlage fühlt sich leider nur wie ein Minimum an name dropping an, zu dem sich die Serienmacher herabgelassen haben, um die Handlung noch ein bisschen mehr im Holmes-Universum zu verorten. Nur ganz selten wird überhaupt auf Handlungsmotive aus den Original-Fällen Bezug genommen (und dann nur sehr entfernt), dabei wäre reichlich Screen Time da gewesen – die Serie hat 22 Folgen und mehr pro Staffel. Sich mit dem berühmten Namen Sherlock Holmes zu schmücken und dann kaum mehr darauf zurück zu kommen – nicht fair.

Sherlock

Natürlich bekommt der Holmes-Stoff auch bei der BBC-Serie Sherlock eine Grunderneuerung verpasst. Da wird aber nicht einfach mit einer modernen Thriller-Handlung über alles drüber gebügelt. Wirklich jede einzelne Folge der vier Staffeln (plus das Weihnachts-Special The Abominable Bride) verarbeitet einzelne Motive aus der jeweiligen Textvorlage. Am stärksten hält sich noch der Plot der ersten Folge, A Study in Pink, an die Geschichte, auf die sie Bezug nimmt (A Study in Scarlet). Aber auch die drei Folgen der zweiten Staffel setzen konsequent die Konflikte aus den Vorlagen um und übertragen sie nur auf einen modernen Blickwinkel. Irene Adler ist hier eine Domina, Baskerville ist eine geheime Forschungsstation des Militärs, und der Reichenbach-Fall ist ein Motiv-Gemisch aus einem Kunstkriminalfall und dem tatsächlichen Fall Sherlocks vom Gebäude des St. Bartholomew-Hospitals. Auch die Dialoge sind immer mal wieder mit Original-Zitaten der Holmes-Geschichten durchsetzt. (Z.B. Sherlock zu John: „Was it Afghanistan or Iraq?“ und der ganze weitere Dialog.) Das nenne ich Commitment an die Textvorlage!

Gewinner: Sherlock!

Battle Nr. 2: Die Darstellung von Holmes

Elementary

Uiuiui, ich weiß gar nicht, wo ich hier anfangen soll. Modernisierung, ja, da bin ich dafür. Aber komplette Verfremdung? Zwei Punkte sind mir leider sehr negativ an der Darstellung von Sherlock Holmes in dieser Serie aufgestoßen. Erstens, Holmes ist ein Ex-Junkie. Ja, so richtig, er kommt gerade vom Heroin weg. Wenn ihr die Holmes-Geschichten gelesen habt, dann wisst ihr, dass Holmes sich ab und zu eine Kokainlösung oder ein Morphium-Präparat spritzt, wenn ihm langweilig ist. Sein Geist hält Stillstand nicht aus. Wenn er keinen Fall hat, braucht er die künstliche Stimulanz, um nicht verrückt zu werden. Es bleibt trotzdem nur ein etwas anrüchiger Zeitvertreib, Holmes ist nicht körperlich abhängig (psychisch vielleicht ein bisschen schon). Tja, und jetzt haben wir den Fixer Sherlock Holmes in Elementary.

Zweitens hat Sherlock Holmes in der Serie ein aktives Sexualleben (oh Gott, jedem Sherlockian stellen sich die Nackenhaare auf nur beim Gedanken, diese Worte niederzuschreiben!). Wie schon in der letzten Woche in meinem Artikel zur Sexualität von Sherlock Holmes berichtet, ist der originale Holmes als asexuelle Figur angelegt. Der Elementary-Holmes lässt sich hingegen Prostituierte zur „Triebabfuhr“ kommen und tritt auch sonst als verklemmter sexbesessener Nerd auf, der immer mal wieder ziemlich ekelhafte, machomäßige Sprüche loslässt. Er gibt sich rational-nüchtern, hat aber anscheinend non-stop schmutzige Gedanken wie ein pubertierender 14-Jähriger. So gibt er Joan Watson den Ratschlag, doch mal wieder Sex zu haben, ihre Laune sei so mies (Staffel 1, Folge 2). Und als sein Bruder Mycroft Joan zum Essen einlädt (Staffel 2, Folge 1), verdächtigt er Joan sofort, sie wolle eine Affäre mit seinem Bruder anfangen, und überhaupt habe sie doch wohl schon oft daran gedacht, auch mit ihm, Sherlock, Sex zu haben. Kann die Serie eigentlich keine Peinlichkeit auslassen?

Das, was Sherlock Holmes in der Vorlage spannend macht, ist seine gelassene Allmacht. Holmes ist ein Superheld mit ein paar sympathischen Schwächen, z.B. seinem Drogenlaster, und anti-sozialen Verhaltensweisen, die ihn menschlicher erscheinen lassen. Sobald Holmes jedoch als sexuelles Wesen gezeigt wird, das seinen Trieben nachgeht, ihnen „verfällt“, verliert er jeden Glamour, den er in den originalen Geschichten von Arthur Conan Doyle hatte. Dasselbe gilt für die Heroinsucht, die nebenbei gesagt auch noch von einer Liebeskummer-Erfahrung ausgelöst wird. Sorry, aber in einem Drogenwrack, das einer manipulativen Ex-Freundin hinterher weint, steckt kein Glamour. Das ist einfach nur eine weitere Version der „kaputten Ermittlerfigur“, wie man sie am laufenden Band in jeder 0815-Krimiserie sieht.

Die Tatsache, dass Jonny Lee Miller Sherlock Holmes mehr als Nerd denn als strahlenden Superheld spielt, finde ich nicht schlimm (es passt auch ganz gut zu seiner eher schmächtigen Statur). Es gibt aber einen Unterschied zwischen „nerdig“ und „creepy“. Was denkt ihr?

Sherlock-Holmes-Filme

Die Guy-Ritchie-Filme überzeichnen die Original-Figur Sherlock Holmes und lassen Robert Downey Jr. als ironische Persiflage des Meisterdetektivs auftreten. Er ist körperlicher, geht in seiner Freizeit z.B. zum Boxen (was in den Originaltexten nur kurz erwähnt wird) und ist ein bisschen verlottert. Downey Jr. hat die Rolle kurz nach seinem eigenen Drogenentzug übernommen, und ich kann mir vorstellen, dass viel an diesem etwas ungehobelten, unrasierten Holmes von seiner eigenen Persönlichkeit rüberschwappte. Viele Sherlockians mögen diese Darstellung nicht, schließlich ist der originale Holmes ein gepflegter Gentleman mit guten Manieren, auch wenn er arrogant sein kann. Der Humor in den Filmen wiegt das für mich aber wieder auf. Downey Jr.’s Holmes macht sich auf nette Weise über sein Vorbild lustig, z.B. wenn er in absurd-komischen Verkleidungen einem Verdächtigen nachstellt oder sich übertrieben eilig aus dem Fenster stürzt, um Irene Adler zu beschatten. Aber auch eine dunkle Seite von Holmes wird beleuchtet, frei nach dem Motto, „Genie und Wahnsinn liegen nah beieinander“. Das ist frech, hat aber Stil und macht vor allem Spaß beim Zuschauen.

Sherlock

Benedict Cumberbatch ist spätestens seit Staffel 3 der Inbegriff eines modernen Sherlock Holmes, viele Fans kennen nur seine Darstellung und haben die originalen Geschichten nicht gelesen. Sein Holmes ist eine nahezu perfekte Mischung aus Arroganz und Gebrochenheit. Natürlich wurde auch hier im Vergleich zur Vorlage übertrieben: Holmes ist überheblicher, rücksichtsloser und irgendwie auch „autistischer“ als bei Arthur Conan Doyle. Seine Kombinationsgabe ist explizit Teil der Darstellung, wenn er seinen „mind palace“ besucht – ein Detail, um das sich meines Wissens keine andere Adaption gekümmert hat. Ebenso ist Holmes‘ Angewohnheit, eine Reihe verblüffender Deduktionen über sein Gegenüber loszulassen, hier mit einem sehr schnell sprechenden Sherlock nochmal ins Extrem getrieben.

Die anti-sozialen Eigenschaften von Sherlock sind natürlich nicht immer sympathisch, er kann richtig bösartig sein. Ein bisschen spielt Cumberbatchs Interpretation von Holmes in die Trope vom „bad boy“ hinein, den alle Frauen attraktiv finden, obwohl er sie nur von oben herab behandelt. Sei es drum, es ist trotzdem die aufregendste moderne Darstellung – wer kann seinem dramatischen Look im 19.-Jahrhundert-Mantel mit verwuschelter Frisur schon widerstehen? Eben.

Gewinner: Sherlock!

 

Battle Nr. 3: Die Darstellung von Watson

Sherlock

Martin Freemans John ist genau der ruhige Gegenpart, den Cumberbatchs exzentrischer Sherlock braucht. Das Gute: Er ist nicht nur der beschränkte Laufbursche von Holmes, wie er leider oft dargestellt wird, sondern hilft beim Aufklären der Fälle mit. Er rettet Sherlock sogar einmal das Leben (allererste Folge). John Watson hat in Sherlock dunklere Töne als in der Vorlage (siehe posttraumatische Belastungsstörung), aber auch hellere. Mehr als einmal macht er sich über seinen Freund lustig und sorgt für die Auflockerung in angespannten Momenten im Plot. Er ist mir manchmal nur ein bisschen zu viel „der nette Typ von nebenan“ und nimmt sich in seiner Rolle als treuer Freund von Sherlock zu ernst.

Elementary

John Watson ist in Elementary eine Frau, Joan Watson. Das finde ich aus feministischer Sicht super, vor allem, weil gleichzeitig nie ein romantisches Interesse von Joan an Sherlock angedeutet wird. Sie sind Freunde, wie in der Vorlage, Punkt. Leider ist Lucy Lius Watson ziemlich blass geraten. Sie hat zwar eine dramatische Vorgeschichte, die aber nur angedeutet wird, ansonsten bleibt sie die Assistenten-Figur von Holmes – und das sogar, nachdem sie anfängt, eigene Fälle zu übernehmen. Lucy Lius Darstellung vermag es nicht, den Zuschauer für Joans Entwicklungsprozess zu begeistern.

Wirklich auf die Nerven ging mir aber Watsons Tendenz, Sherlock zu bemuttern, und das meine ich wörtlich. Joan ist zu Beginn sein „sober companion“, eine Art Sozialarbeiterin, die Ex-Junkies in der ersten Zeit nach dem Entzug hilft, clean zu bleiben. Deshalb besteht sie immer darauf, dass er ihr von seinen psychischen Problemen erzählt. Wenn er dann mal etwas von sich offenbart, kommt sie meistens mit einer küchenpsychologischen Deutung seines Seelenschmerzes daher. Leute, das ist einfach nur ein tiefer Griff in die Klischeekiste.

Sherlock-Holmes-Filme

Ich bin der Meinung, Jude Law hätte eine Doppelrolle als Holmes UND Watson spielen sollen! Sein Watson entfernt sich am allermeisten vom treuen Anhängsel, das dem tollen Holmes nur hinterherdackelt. Er ist schlagfertig und oft genervt von den Allüren seines besten Freundes, bleibt aber auf herzzerreißend charmante Art immer ein loyaler Freund und Weggefährte des Detektivs. Er steht ihm in Punkto Geistesgegenwart und Reaktionsvermögen sogar nicht viel nach. Was seiner Figur aber einen besonderen Drive verleiht: Er ist eigentlich immer auf dem Sprung, sich von Holmes unabhängig zu machen. (Zu Beginn des ersten Films plant er seine Verlobung mit Mary Morstan, der zweite Film beginnt mit Watsons Junggesellenabschied.) Es ist wahrscheinlich dieser Zwiespalt, den Jude Laws Watson spannender als andere Darstellungen macht. Wir können uns nicht einmal mehr sicher sein, dass Holmes‘ treuer Chronist in Zukunft da sein wird, um uns von seinen Heldentaten zu berichten. Das verleiht ihm mehr Kontur als z.B. Martin Freemans Watson.

Ebenfalls ein kleiner Pluspunkt, der über Laws ironische Darstellung von Watson zum Tragen kommt: Die spielerisch-körperliche Art und Weise, wie in den Guy-Ritchie-Filmen die Freundschaft zwischen Holmes und Watson gezeigt wird. Wenn es sein muss, haut Watson Holmes auch mal eine rein.

Gewinner: Die Sherlock-Holmes-Filme!

 

Battle Nr. 4:  Britishness

Elementary

Holmes ist ein britischer Nationalheld und London spielt eigentlich die dritte Hauptrolle neben dem Protagonistenduo in den Original-Geschichten. Der düstere East End, die feinen Wohngegenden des Westens oder die beschaulichen Vororte, die vom Verbrechen überschattet werden – all das trägt zur Atmosphäre in Watsons Berichten bei. Elementary spielt aber in New York (wohin Holmes nach seinem Drogen-Absturz geflüchtet ist) und fühlt sich daher an wie jede x-beliebige CSI-NY-Folge. Von britischem Charme keine Spur, da hilft es auch nicht, dass Jonny Lee Miller Brite ist.

Sherlock-Holmes-Filme

Wie oben erwähnt, spielen die Guy-Ritchie-Filme in einer überzogen lauten, dreckigen und grellen Version von London in der spätviktorianischen Zeit. Zu Beginn des ersten Films sehen wir die halb fertige Tower Bridge, eines DER Wahrzeichen von London, bedrohlich am Horizont aufragen (sie spielt auch noch später eine Rolle), ein historisches Detail, das nicht einmal Arthur Conan Doyle in seinen Geschichten erwähnt – ein Pluspunkt für die Britishness. Insgesamt handelt es sich um eine düstere Persiflage auf den originalen Schauplatz. Von heimeliger Kaminatmosphäre in der Baker Street ist keine Spur mehr zu finden. Abzug gibt es für den amerikanischen Holmes-Darsteller Robert Downey Jr., der allerdings den britischen Akzent makellos hinbekommt.

Sherlock

Die Serie spielt im heutigen London, dadurch haben wir natürlich weniger Droschkenkutschen und mehr rasante Taxifahrten. Das heutige Scotland Yard, verschiedene Sehenswürdigkeiten wie der Trafalgar Square, kleine Pubs, die typischen Londoner „mews“ (Hinterhöfe) und die Londoner Parks spielen ebenso eine Rolle wie verschiedene wichtige Persönlichkeiten der englischen Gesellschaft – einmal muss Sherlock sogar für das britische Königshaus ermitteln. Dazu die Verwendung eines Soundtracks, der sich am Britpop der Nuller Jahre orientiert – ich würde sagen, der Punkt geht klar an Sherlock.

Gewinner: Sherlock!

 

Battle Nr. 5: Die Anpassung an die Moderne

Sherlock-Holmes-Filme

Guy Ritchie erlaubt sich ein kleines Verwirrspiel mit den Zuschauern. Seine Sherlock-Holmes-Filme spielen zwar im viktorianischen London, das historische Setting ist aber nur Fassade. Die Beziehung zwischen Holmes und Watson ist modern: Sie kabbeln sich wie Jungs auf dem Schulhof, und Holmes versucht immer ganz offensichtlich, Watsons romantische Vorhaben zu unterbinden – dazu wäre der originale Holmes viel zu dezent. Die Sprache ist modern: Als Holmes Watson in A Game of Shadows fragt, warum er unbedingt heiraten möchte, sagt Watson, er wolle jetzt endlich eine „Beziehung“ („relationship“). Kein Mensch hat im 19. Jahrhundert von einer „Beziehung“ gesprochen, wenn es um die Ehe ging, das Geschlechterverhältnis war einfach ein anderes. Irene Adler ist eine Art moderne Agentin im Korsettkleid etc. pp. Die Filme geben sich sehr viel Mühe, den Holmes-Stoff zu entstauben, wodurch man sich die Frage stellt, warum sie dann nicht gleich im modernen London spielen. Sie bleiben dadurch doch ein bisschen im Klischee des melodramatischen London der 1890er verhaftet.  

Elementary

Elementary hat eigentlich ein paar sehr gute Ansätze, um den Holmes-Stoff in die heutige Zeit zu übertragen. Die offensichtlichsten: zwei wichtige Figuren sind jetzt Frauen, nämlich Watson und Moriarty. Joan Watson ist eine ehemalige Ärztin und wird dann zum „Lehrling“ von Holmes. Leider verfällt ihre Figur zu oft in die Mutterrolle Holmes gegenüber und verpasst es so, aus dem Geschlechterklischee der „fürsorglichen Frau“ auszubrechen. Von der altmodischen Schüler-Mentor-Trope „erfahrener Mann baut naive Frau auf“ ganz zu schweigen. Der härteste Schlag ist allerdings Moriarty (ACHTUNG, SPOILER): Sie ein intrigantes Miststück, das Holmes (als Irene Adler) verführt, um ihn zu „studieren“! Billiger und klischeebehafteter geht’s wohl kaum.

Sherlock

Die Anpassung an die Moderne wird bei Sherlock konsequenter durchgezogen als bei Elementary und bleibt dem Holmes-Kanon trotzdem treuer als die amerikanische Serie. Beispiele dafür wären z.B., dass John einen Blog schreibt, statt wie im Original Bücher veröffentlicht.

Daneben ist die Darstellung von Holmes die größte Modernisierung bei Sherlock. Man könnte ihn als typischen Narzissten und Workaholic unserer Zeit beschreiben. Auch die Beziehung zwischen Holmes und Watson muss sich modernen Auffassungen anpassen. Sie werden mehrmals gefragt, ob sie ein schwules Paar sind, weil sie zusammenleben. Es gibt aber auch hier einige Klischeefallen, wie die übersexualisierte Darstellung von Irene Adler, die am Ende ihren Gefühlen für Sherlock erliegt. Ich würde sagen, jede der drei Adaptionen hat ihre Vorzüge beim „Modernisierungsprozess“, Sherlock schafft jedoch am besten die Gratwanderung zwischen Modernisierung und Treue zur Vorlage.

Gewinner: Sherlock!

Battle Nr. 6: Action-Faktor

Elementary

Ich hab schon ein ganz schlechtes Gewissen, hier ständig Elementary zu bashen. Aber was wahr ist, muss wahr bleiben: Die einzigen Action-Elemente der Serie bestehen nämlich aus ziemlich peinlichen Racheaktionen von Holmes, die nur mal wieder unterstreichen, wie wenig diese Interpretation noch mit dem Original zu tun hat. Wenn ihr eine normale Krimiserie schauen wollt à la CSI, dann seid ihr damit gut beraten. Mehr aber auch nicht.

Sherlock

Die Action beschränkt sich bei Sherlock im Großen und Ganzen auf die Dynamik beim Ermitteln. Sherlock hat einen neuen Hinweis und springt ins nächste Taxi, besucht seinen „mind palace“ oder führt hitzige Diskussionen mit Watson. Das wird dann mit schnellen Schnitten, Kamerafahrten usw. unterstrichen. Wirkliche Action kommt nur selten ins Spiel, z.B., als Sherlock sich aufs Motorrad schwingt, um John das Leben zu retten.

Sherlock-Holmes-Filme

Wenn ihr Sherlock Holmes als James-Bond-Verschnitt sehen wollt, dann schaut die Guy-Ritchie-Filme! Hier gibt’s Explosionen, Zweikämpfe und Verfolgungsjagden noch und nöcher. Das Ganze ist natürlich nicht ganz ernst gemeint. Ähnlich wie die karikaturhaften Verkleidungskünste von Holmes werden auch die Action-Elemente aus den originalen Sherlock-Holmes-Geschichten gewaltig übertrieben. Es passt aber zur Gesamtkonzeption der Filme und ist sehr unterhaltsam.

Gewinner: Sherlock-Holmes-Filme!

 

Das Ergebnis kommt jetzt *Trommelwirbel* *der Gewinner wischt sich schon mal den Schweiß ab*:

Die BBC-Serie Sherlock gewinnt den Modern Day Battle in 4 von 6 Kategorien! Hut ab, Steven Moffat und Mark Gattiss! Ich öffne jetzt den Champagner 😉

Welches ist eure Lieblings-Adaption von Sherlock Holmes? Veranstaltet euren eigenen „Modern Day Battle“ und postet ihn unter dem Hashtag #bakerstreetblogs! Wir sind gespannt!

Karos Sicht auf die drei Holmes-Adaptionen könnt ihr unter diesem Link nachlesen.


Nächste Woche geht es um die Hintergründe der Sherlock-Holmes-Geschichten! Ich beleuchte, ob die Ermittlungsmethode von Sherlock Holmes einen Einfluss auf die reale Kriminologie hatte und ob die damalige Polizei wirklich so unfähig war. Karo beschäftigt sich mit dem Erfinder von Sherlock Holmes, der überraschenderweise eine Vorliebe für das Übernatürliche hatte.

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6 Gedanken zu „Wer ist der beste moderne Holmes? – „Sherlock“, „Elementary“ und die „Sherlock Holmes“-Filme im Vergleich

  • 26. November 2018 um 12:46 pm
    Permalink

    Meine Lieblingsadaption sind die Guy-Ritchie-Filme, gerade, weil sie sich nicht so ernst nehmen und ich Robert Downey Jr.s verschrobenen Holmes sehr mag. Die Filme sind auch einfach pures Hollywood und ich mag wie bildgewaltig sie sind. Elementary habe ich nach ein paar Folgen abgebrochen, weil der Funke einfach nicht übergesprungen ist. Die Serie hat mir einfach nichts gegeben und ich glaube, jetzt wo du es sagst, es war Holmes‘ fehlender Glamour. Mein Lieblings-Sherlock ist aber tatsächlich Jeremy Brett, so kitschig wie die Serie sein mag. 😀

    Antworten
    • 1. Dezember 2018 um 9:50 am
      Permalink

      Hi, jaaaa der Brett ist der absolute Wahnsinn! Ich finde es total toll, dass er Holmes manchmal sogar noch arroganter spielt als in der Vorlage! Brett IST einfach Holmes, das nenne ich mal Hingabe an eine Rolle!
      Ich mag es auch gerne, dass sich die Holmes-Filme weniger ernst nehmen als zb „Sherlock“. Ich hätte mir nur gewünscht, dass weniger melodramatische schwarze Magie und mehr Motive aus einem originalen Fall vorgekommen wären.

      Antworten
  • 25. November 2018 um 4:37 pm
    Permalink

    Ich kann dir einfach nur in allen Punkten zustimmen, wow! 😀 elementary hab ich allerdings abgebrochen, weil ich damit einfach nichts anfangen konnte.

    Liebste Grüße,
    Celine

    Antworten
    • 1. Dezember 2018 um 9:52 am
      Permalink

      Ich musste mich zT echt durch die erste Staffel Elementary quälen – alles für den Blog! Mehr hab ich auch nicht gesehen, 24 Folgen reichen erst mal. Als seichte Krimiserie kann man die sich ohne weiteres anschauen, wenn man müde aus der Arbeit kommt oder so. Aber für wirklich gute Unterhaltung geht anders. Danke für deinen Kommentar!

      Antworten
  • 25. November 2018 um 12:27 pm
    Permalink

    Hi! Komme gerade von FF zu Dir rüber. Und kann nur noch Mal schreiben, wie sehr ich beipflichte, Elementary kenn ich kaum, weil mich die Serie nach kurzer Zeit schon kalt gelassen hat und das auch nicht besser wurde. Aber Fans muss sie ja haben, sonst gäbe es die nicht mehr. Die anderen beiden Interpretationen mag ich beide. Das eine als moderne Variante,den Film als ironische Steampunk (ein wenig) Version.
    Danke auch Dir für den amüsanten Vergleich.
    Liebe Grüße
    Nina

    Antworten
    • 1. Dezember 2018 um 9:53 am
      Permalink

      Danke für deinen Kommentar und dein Lob! Komm gerne öfter rüber! 🙂

      Antworten

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