„Gun Love“ von Jennifer Clement – Die Poesie des Waffen-Elends

Beim Lesen von Gun Love fühlt man sich wie ein Schlafwandler. Die poetische Sprache der 14-jährigen Ich-Erzählerin wirkt wie ein Dämpfer zwischen ihrer Vorstellungswelt und der harten Realität voller Armut, Waffengewalt und Korruption, in der der Roman stattfindet. Alles beginnt ruhig und gemächlich mit der Schilderung einer außergewöhnlichen Mutter-Tochter-Beziehung – und entwickelt sich dann zu einem herzzerreißenden Drama.

Vielen Dank an den Suhrkamp-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Gun Love klingt wie eine lange verloren geglaubte Ballade von Johnny Cash oder Nick Cave.“, urteilt der Guardian, und dem kann ich nur recht geben: Die Sprache in Jennifer Clements drittem Roman ist so einfach wie poetisch, so lakonisch wie fatalistisch. Mädchen trifft Junge, große Liebe, dann Katastrophe – so erzählt die Ich-Erzählerin Pearl zu Beginn von dem großen Verhängnis, das über ihre kleine Familie hereinbricht, als sie 14 Jahre alt ist:

„Meine Mutter war eine Tasse Zucker. Man konnte sie jederzeit ausleihen. (…) Aber das Süße sehnt sich nach dem Bösen, und Mr Bad erkennt Miss Sweet immer schon von weitem. Meine Mutter riss den Mund auf zu einem großen O und atmete ihn direkt in sich ein.“ (S. 9)

Pearl lebt mit ihrer jungen Mutter in einem Auto auf einem Trailerpark in Florida. Alles, was Mutter und Kind haben, sind Träume. An allem anderen mangelt es: Pearls Schlafzimmer ist der Vordersitz des alten Mercury, ihr Kleiderschrank sind ein paar Plastiktüten, der „Kühlschrank“ ist im Kofferraum. Dennoch sind die beiden glücklich: Pearls Schule ist die „Universität der Liebe“, die Schnulzen-Songs aus dem Radio, die ihre Mutter auswendig kennt.

Die Intimität zwischen Mutter und Tochter wird im Lauf des Romans von Eli, dem Freund der Mutter, gestört. Er bricht wie eine feindliche Armee in Pearls Kindheitswelt – den alten Mercury – ein. Danach nimmt das Unheil seinen Lauf.

Poetisch verbrämte Erzähltechnik in Gun Love

Die Erzähltechnik in Gun Love ist so seltsam wie eindrücklich: Wir befinden uns inmitten eines verwahrlosten Trailerparks, gleich nebenan stinkt die Müllkippe, aber trotzdem erleben wir die heile Welt von Protagonistin Pearl mit. Sie sieht alles wie durch eine Watteschicht, das Elend ist poetisch weich gezeichnet. Für Sie gibt es keinen besseren Ort als das Auto, in dem sie mit ihrer Mutter lebt und die Nähe, die Mutter und Tochter verbindet. Zu dieser seltsamen Verzauberung des Elends gehört auch, dass der ganze Roman von den absoluten Verlierern der US-Gesellschaft bevölkert wird. Da ist z. B. Mrs. Roberta Young, die durch die Arztrechnungen ihres verstorbenen Mannes arm wurde und jetzt im Trailerpark lebt. Da ist der windige Pfarrer, der auf Pearls Mutter steht und seit Jahren Spenden sammelt, damit die Kirche endlich mal ein Klavier bekommt. Sie alle haben ihre Würde, genau wie sich Pearls Mutter ihr Würde behält. Sie spielt auf dem Armaturenbrett des Mercury Rachmaninov-Klavierkonzerte und hört nicht auf, von einer besseren Zukunft zu träumen – freilich ohne viel Aussicht oder Antrieb zu haben, etwas an ihrer Situation zu ändern. So funktionieren alle Figuren im Roman. Sie schlittern halb gezwungen, halb willentlich in ihr Verderben.

Gun Love Coverfoto

Das Elend wird nur in einer „Fabel“-Welt erträglich

Die Hintergrundgeschichte der beiden Protagonistinnen wird von Margot, Pearls Mutter, in einer ganz einfachen Fabel zusammengefasst. Regelmäßig erzählt sie ihrer Tochter von der prachtvollen Villa, in der sie aufwuchs, wie sie als Teenager schwanger wurde und Pearl heimlich in der Badewanne ihres luxuriösen Badezimmers gebar. Das Baby versteckte sie anschließend im Kleiderschrank, ohne dass ihr Vater davon etwas mitbekam. Diese wundersame Geschichte ist nicht besonders glaubwürdig, illustriert aber besonders gut die Beziehung zwischen Mutter und Tochter im Roman. Nur, wenn die eigene Identität durch ein überzeichnetes Märchen gestiftet wird – Margot als Prinzessin im Schloss, Pearl als unerkanntes Königskind, sie hat nicht einmal eine Geburtsurkunde – bleibt das Elend der Realität, die Armut und Obdachlosigkeit erträglich. Dazu passen die Luxus-Güter, die Margot aus ihrem reichen Elternhaus mitgenommen hat, wie z.B. eine meterlange Perlenkette und feines Limoges-Porzellan. Die Traurigkeit dahinter ist zwar fühlbar, steigert sich aber erst später, bei der Katastrophe im Roman.

Diese Fabel-Haftigkeit bezieht sich auf den ganzen Aufbau des Romans. Der Plot ist fatalistisch, also schicksalsgebunden, aufgebaut. Jede Waffe, die in der Geschichte eine Rolle spielt, wird auch später abgefeuert. Jede Figur, die zu Anfang eingeführt wird, hat am Ende ihre Funktion im katastrophalen Höhepunkt des Romans. Es liest sich im Rückblick wie eine unaufhaltsame Verkettung von schicksalshaften Momenten, die zu Pearls Ausschluss aus dem Paradies führen.

Waffen sind dabei der Alltag von Mutter und Tochter. Jeder führt eine, Eli schenkt Margot eine Pistole, die Nachbarin bekommt von ihrem Mann eine Waffe zum Geburtstag. Pearl hilft beim Waffenschmuggel einer anderen Nachbarin mit, ohne sich viel dabei zu denken. Auch diese in den Alltag integrierte Bedrohung durch Waffen gliedert sich in das traumhafte, weichgezeichnete Bild von Normalität ein, das Pearl uns Lesern vermittelt. Mit den Waffen werden die Frauen von den Männern beschenkt, als könnten sie sich damit eine falsche Freiheit erkaufen. Mit der Pistole halten die Männer die Frauen aber auch in Schach. Bestes Beispiel ist die Mexikanerin Corazòn, die zwar Pearl zunächst selbständig erscheint und ihr als weibliches Ersatz-Vorbild dient, sobald ihre Mutter mit Eli anbandelt. Corazòn lebt aber, wie sich bald herausstellt, in einem toxischen Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Mann, der Waffen nach Mexiko schmuggelt.

Die Coming-of-Age-Thematik in Gun Love

Im Vordergrund des Romans steht die Mutter-Tochter-Beziehung zwischen Margot und Pearl, was an sich schon etwas Ungewöhnliches ist. In vielen Entwicklungsgeschichten gibt es nur männliche Mentorenfiguren, siehe z.B. Hunger Games als prominentes Beispiel, oder es werden gleich nur Vater-Sohn-Konflikte thematisiert. Bei Gun Love ist die Mutter-Kind-Beziehung noch einmal ganz besonders. Durch Margots Jugend bei Pearls Geburt leben die beiden wie Schwestern zusammen, und Margot benimmt sich selbst noch wie ein Teenager. Pearl wiederum wird zum Spiegelbild ihrer Mutter. Sie reproduziert Margots Sichtweise auf die Welt, z.B., alles nach „Songtext-Tauglichkeit“ zu beurteilen. Pearl verliebt sich nicht. Für sie ist die Liebe auf den ersten Blick, wie es auch ihre Mutter gesagt hätte, „wie ein Unfall“ (S. 151) und daher beschreibt sie ihre erste Liebe so: „Als ich Leo zum ersten Mal von meinem Fenster aus sah, wusste ich, dass mein Arm gebrochen war.“ (ebd.)

Als Pearl aus ihrer heilen Kindheitswelt gerissen wird und erwachsen werden soll, stellt sich heraus, wie wenig ihre bisherigen Vorbilder ihr nützen können. Ihre Mutter hat sie mit zu viel märchenhaftem Puffer zur Realität aufwachsen lassen. Und Corazòn, die später noch einmal eine Rolle in Pearls Leben spielt, ist schon zu tief verstrickt in den Waffenhandel und die Gewaltstrukturen der Schmuggler.

Fazit

Gun Love ist eine melancholische Hommage an eine besondere Mutter-Tochter-Beziehung, die als märchenhafte Fabel erzählt wird. Sie zeigt dabei das traumatische Coming-of-Age eines jungen Mädchens inmitten einer Welt voller Waffengewalt auf. Das alles wird verträumt-poetisch erzählt und nur diese poetische Sprache macht die traurigen Untertöne erträglich. Ein niederschmetterndes und wunderschönes Buch.

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