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Popkultur unter der Lupe

Alle Jahre wieder – Geschlechterklischees in Weihnachtsfilmen

Das hier wird eine kleine Abrechnung mit den Weihnachtsfilmen Tatsächlich Liebe und Liebe braucht keine Ferien. Sorry, Leute, dass ich jetzt den Grinch spielen muss. Ich möchte niemandem den Spaß versauen. Aber ich kann es einfach nicht unkommentiert stehen lassen, dass diese beiden Filme Geschlechterbilder von hintergestern propagieren und trotzdem jedes Jahr zur Adventszeit gehypet werden. Los geht’s.

Letzten Freitag lag ich (mal wieder) erkältet im Bett und statt einer feucht-fröhlichen Weihnachtsfeier mit den Kollegen gab’s für mich leichte Unterhaltung mit Hustentee. Gut, dass Netflix uns Weihnachtshungrige so hervorragend versorgt. Ich hatte den Episoden-Weihnachtsfilm Tatsächlich Liebe (2003) seit bestimmt vier, fünf Jahren nicht mehr gesehen. Als Teenager fand ich ihn aber ganz toll, und mit Mitte 20, soweit ich mich erinnern kann, auch noch. Gesagt, getan, kuschelte ich mich mit dem Weihnachtsfilm ein und machte mich auf zwei Stunden seichte Unterhaltung gefasst. Ich ahnte, es würde mir nicht mehr so gut gefallen wie mit 20. Ich hatte allerdings keine Ahnung, dass ich so entgeistert sein würde. Ja, zugegeben, manche Stellen fand ich auch heute noch anrührend. Aber die meiste Zeit war ich eher in der Stimmung: „Ich muss den Laptop anzünden! Sofort!“.

Wirklich in JEDER der neun Episoden haut Tatsächlich Liebe eins der beiden gängigsten Frauenklischees raus (die sexy-bedürftige oder die aufopfernde Frau) und ist sich auch nicht zu schade, Fat Shaming und Victim Blaming zu betreiben. Was zur Hölle hat mich nur geritten, den Film jemals romantisch zu finden. Etwas weniger schlimm, aber immer noch kritikwürdig, ist der Weihnachtsfilm Liebe braucht keine Ferien (2006).

Ganz ehrlich Leute, wenn zur Weihnachtszeit die Herabwürdigung von Frauen und die Werbung für billige Männerfantasien gehört, konvertiere ich in jede andere Religion. Diese Geschlechterklischees prangere ich an:

Geschlechterklischees in Weihnachtsfilmen: Die unterwürfige, aber willige Frau

Oh Gott. In Tatsächlich Liebe wimmelt es wirklich nur so vor jungen, sexy Frauen, die in köperbetonter Kleidung um ihre männlichen Vorgesetzten herumscharwenzeln und mit einem Blick aus ihren großen, großen Kulleraugen sagen: „Nimm mich!“

Ich kann es nicht fassen, wie süß ich früher die Liebesgeschichte zwischen Natalie und dem Premierminister David fand. Es ist nichts weiter als die Altherrenfantasie eines von der Midlife Crisis geplagten Mannes, der von einer heißen naiven Frau angeflirtet wird. Natalie erfüllt alle Kriterien der unbedarften, aber sexy Sekretärin, mit der man mal schnell ne Nummer schiebt, wenn man sich mal wieder seine Männlichkeit beweisen muss. Kurven, Tollpatschigkeit und ein schmachtender Hundeblick, das ist alles, was sie auszeichnet. Nur blöd, dass auch ein anderer mittelalter Herr mit sehr viel Macht bemerkt, wie sexy Natalie ist. Aber dann kann man ja schmollen und sie über eine dritte Person feuern lassen. Sobald ein anderer Junge das Spielzeug angefasst hat, verliert es natürlich seinen Reiz. Hallo, ist niemandem aufgefallen, dass es hier um eine junge Frau geht, die ihrem Chef wehrlos ausgeliefert ist, der sich alles andere als professionell verhält? Das soll romantisch sein?

Fat Shaming und Victim Blaming in Tatsächlich Liebe

Und noch eine weitere Falle stellt die Natalie-David-Episode: Erst empfinden wir gerechten Zorn, als Natalie von ihrem Ex-Freund erzählt, der sie für ihre kurvigen Körperformen gemobbt hat. Dann seufzen wir verliebt, als David sie verteidigt. Das Problem ist nur: Im selben Atemzug wird Natalie von den anderen Frauenfiguren auf die gleiche Art für ihren Körper fertig gemacht, wie es ihr Ex getan hat. Allein die Tatsache, ihre völlig normalen, weiblichen Formen als „fett“ zu bezeichnen, ist eine Frechheit. Aber es kommt noch heftiger: dadurch, dass andere Frauen Natalie gerade NICHT verteidigen, flüstert der Film uns weiblichen Zuschauern ein: Also diese fette Kuh Natalie hatte Glück, dass ihr toller Chef sich ihrer erbarmt. Aber eigentlich solltet ihr euch alle mal ranhalten und abnehmen, wenn ihr auch jemanden abkriegen wollt. Zum Fürchten!

Am ungeheuerlichsten fand ich, wie Natalie sich am Ende bei David ENTSCHULDIGT (quasi auto-Victim-Blaming), dass der US-Präsident sie sexuell belästigt hat. Wie konnte sie auch nur den männlichen Stolz ihres Chefs verletzten. Der widerspricht nicht und verzeiht ihr ganz gnädig. Entschuldigt, ich muss schnell kotzen gehen.

Nein, an dieser Episode gibt es nichts zu beschönigen. Wie sexistisch sie ist, sieht man schon daran, dass sie mit vertauschten Geschlechtern in einem vergleichbaren Unterhaltungsfilm, der auf die breite Masse abzielt, unmöglich wäre. Eine mittelalte Premierministerin, die ihren jungen Sekretär angräbt? Wo kommen wir denn da hin?

Dasselbe Frauenklischee des allzeit bereiten Frauchens findet ihr natürlich auch bei der „laufenden Vagina“ Heike Makatsch (wie war gleich ihr Rollenname?), die im ganzen Film nichts anderes tut, als sich ihrem Chef sexuell anzubieten. Ein Hauch davon haftet sogar der Episode rund um Schriftsteller Jamie und Putzfrau (!) Aurelia an. Wäre ja blöd, wenn ein Typ seine Angestellte anmachen möchte und die sich dann als studierte Astrophysikerin entpuppen sollte. Nein, es reicht einfach nur, dass sie sich sofort auszieht und in den See springt, um ein Manuskript zu retten, das sofort nach dem Kontakt mit Wasser zerstört sein dürfte. Aber man kann ja nie wissen. Und so hat der Chef was zu gucken.

Sogar die „graue Maus“ Sarah, die Kollegin von der „laufenden Vagina“, schlägt in dieselbe Kerbe. Seit Jahren brezelt sie sich heimlich auf, um ihrem Kollegen Karl zu gefallen. Hier werden sogar zwei Frauenklischees erfüllt: Sarah definiert sich zum einen nur über ihr Schmachten für den (über ihr arbeitenden) Karl und opfert sich zum anderen in ihrer Freizeit für ihren kranken Bruder auf. Was Frauen halt so machen.

Geschlechterklischees in Weihnachtsfilmen: Die selbstlos-aufopfernde Frau

Zur jungen, sexy Frau, die glücklicherweise noch „fuckable“ ist, brauchen wir ihr Gegenbild, die Frau, für die die besten Tage schon vorbei sind: Die alte Jungfer oder die gealterte Ehefrau. Das sind Sarah bzw. Karen, die Ehefrau von Alan Rickmans Figur (der von Heike Makatsch umgarnt wird). Diese Frauenfiguren opfern sich für ihre männlichen Familienmitglieder auf. Sarah ist rund um die Uhr für ihren geistig kranken Bruder erreichbar und opfert ihm auch ihr Liebesleben. Weil das gehört sich nun mal so. Und Karen ist Mitte 40 und Mutter, was soll man da schon noch vom Leben erwarten. Mehr als eine Joni-Mitchell-CD vom untreuen Ehemann sicher nicht. Karen weint zwar darüber, ein Weg aus ihrer Misere wird aber nicht aufgezeigt, weil: Das ist halt so. Frauen leiden und versorgen die Kinder, Männer machen Karriere oder haben sexuelle Abenteuer. Ich glaube, ich habe es klingeln gehört: Die 50er Jahre haben angerufen. Sie wollen ihr Frauenbild zurück.

Die beste Nachricht: Männer machen alles richtig in Weihnachtsfilmen! 

Frech, wie Weihnachtsfilme Frauenfiguren in Stereotype aus der Vorkriegszeit pressen. Noch frecher, wie Männerfiguren alle Verhaltensweisen positiv ausgelegt bekommen, für die Frauenfiguren im selben Atemzug verurteilt werden. Ganz besonders deutlich wird das am Motiv des alleinerziehenden Elternteils, der von seinem neuen love interest aus seiner Einsamkeit gerettet wird. Das ist im Liebesfilm (oder hier Weihnachts-Liebesfilm) nämlich meist ein alleinerziehender Vater. Wir alle wissen ja, dass auch in der Realität vor allem Männer nach einer Trennung die alleinige Verantwortung für ihre Kinder übernehmen. Um das ganze noch tragischer zu machen, sind die alleinerziehenden Väter im Weihnachtsfilm meistens Witwer (siehe Jude Laws Figur in Liebe braucht keine Ferien, oder Liam Neesons Figur in Tatsächlich Liebe). Denn, logisch: Nur Frauen lassen sich scheiden. Männern stirbt die Partnerin immer weg.

Da haben wir also diesen unheimlich gutaussehenden Witwer, gespielt von Jude Law, der sich kopfüber in heiße Affären mit fremden Frauen stürzt, daneben aber zwei zum Sterben niedliche Töchter aufzieht, Karriere als Verleger macht, und abends im Bett Erziehungsratgeber und Kochbücher liest. Denn er ist ja ein guter Vater.

Von Geldnot, durchwachten Nächten, psychischer Überlastung: keine Spur. Denn solche Probleme haben nur alleinerziehende Mütter im Mainstream-Film, wenn sie denn mal vorkommen dürfen. About A Boy ist ein gutes Beispiel. In diesem Film ist die Single-Mutter des kleinen Marcus geschieden, depressiv und versucht, sich an einer Stelle der Handlung das Leben zu nehmen. Oh mein Gott, der arme Marcus.

Wenn der Weihnachtsfilm eins verstanden hat, dann das: Alleinerziehende Väter sind immer einsam und gutaussehend, aber niemals überfordert. Alleinerziehende Mütter dagegen sind immer depressiv, schlecht angezogen und vernachlässigen ihre Kinder.

Ein weiteres Motiv im Weihnachtsfilm, bei dem mit zweierlei Maß gemessen wird, ist das der unerwiderten Liebe. Eine Frauenfigur, die einem Kerl jahrelang hinterherweint, ist bemitleidenswert, schwach, und kurz davor, als alte Jungfer zu enden. So zum Beispiel Kate Winslets Figur in Liebe braucht keine Ferien, oder eben die erwähnte Sarah in Tatsächlich Liebe. Bei Männerfiguren ist das gaaaaaanz was anderes. Da ist das romantisch. Und kein bisschen unheimlich oder übergriffig. Der arme Mark aus Tatsächlich Liebe hat ja nur die Braut seines besten Freundes auf deren eigener Hochzeit gestalkt, aber sonst ist alles gut.

Mein Fazit: Schaut euch Schnulzen an, so viel ihr wollt. Aber bitte, bitte, bitte erklärt euren Töchtern, Nichten oder Schwestern im Teenageralter, dass die gezeigten Geschlechterbilder höchst sexistisch, unfair und altmodisch sind. Danke.

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8 Kommentare

  1. Jacquy 25. Dezember 2018

    Ich habe beide Filme nicht gesehen, hatte auch nie das Bedürfnis dazu, aber nach diesem Jahr erst recht nicht mehr. Vor ein paar Tagen habe ich erst einen ähnlichen Rant von Anabelle (Stehlblüten) auf Twitter gelesen und sie war auch fassungslos, was da jedes Jahr so gehypet wird. Ich denke, deine Kritikpunkte sind allgemeiner Bestandteil von so vielen Filmen und ich finde es super, dass du darauf aufmerksam machst. Vieles ist man ja leider tatsächlich so gewohnt, dass es einem gar nicht mehr auffällt.

    Antworten
    1. Sabine 3. Januar 2019

      Hi Jacquy, danke noch mal für dein Lob! Ja, es ist ein total übergreifendes Problem. Ich dachte nur, hier krieg ich mal mehr Aufmerksamkeit, weil gefühlt wirklich ALLE um mich herum die Filme in der Weihnachtszeit anschauen und auch gut finden bzw. die kritikwürdigen Punkte verharmlosen. Klar ist es „nur“ Unterhaltung, aber die stellt halt auch was mit unseren Köpfen an.
      Liebe Grüße,
      Sabine

      1. Jacquy 3. Januar 2019

        Ja, es beeinflusst einen so stark, dass vielen die Probleme ja offenbar gar nicht bewusst sind. Für viele wird das einfach normal sein, ich glaube nicht mal, dass der Großteil sich denkt „das ist zwar problematisch, aber ja nur ein Film.“

  2. Steffi von fieberherz.de 23. Dezember 2018

    Schöner Artikel, danke dir! Ich versuche seit Wochen, in diese Filme NICHT reinzugucken, aber dank Erkältung ging mir doch langsam der Filmstoff aus. Jetzt bin ich froh, nicht dazu gekommen zu sein, werde sie entsprechend auch nicht mehr sehen und wünsche mir ein inhaltssensitive Blockfunktion für Netflix …

    Davon ab hoffe ich, dass sich zumindest die Erkältung vor Schreck bei dem BS verflüchtigt hat 😉

    Antworten
    1. Sabine 3. Januar 2019

      Danke für dein Lob, Steffi! Sei froh, du hast nichts verpasst 😉

  3. Anna 23. Dezember 2018

    THIS!!! *geht den Link an alle Menschen verteilen, die sie kennt*

    Antworten
    1. Sabine 3. Januar 2019

      Daaaaankeeeee liebe Anna! 🙂

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