Leona Lindberg: Wenig überzeugende Fortsetzung

Dem Fortsetzungs-Krimi rund um die toughe Polizistin Leona Lindberg ist leider die Puste ausgegangen. In Band 1 schauten wir einer zutiefst widersprüchlichen Figur über die Schulter und erlebten so eine ohnehin sehr rasante Krimihandlung aus ungewöhnlicher Perspektive. Band 2 badet lieber in Klischees und Platitüden.

Spoiler-Alarm: Ich gehe davon aus, dass Leser dieses Artikels zumindest Band 1 der Leona-Reihe gelesen haben. Deshalb werde ich hier tiefer auf den Plot beider Bücher eingehen und muss dabei auch wichtige Wendungen in der Handlung verraten. Ich habe die deutsche Erstausgabe von Leona. Der Zweck heiligt die Mittel verwendet. Sie erschien 2016 beim Atrium Verlag in Zürich.

Band 1: Ein spannender „Anti-Krimi“

Alles fing so gut an: Leona Lindberg wurde in Band 1 (Leona. Die Würfel sind gefallen) als höchst ungewöhnliche Heldin eingeführt. Sie ist nicht nur als „toughe“ und clevere Ermittlerin der Stockholmer Polizei unterwegs, sie setzt sich durch ihren ungewöhnlichen Charakter von den meisten Frauenfiguren ab. Denn sie hat keine Gefühle. Zumindest hat sie keinen Zugang zu ihren eigenen Gefühlsregungen. Abgesehen von der Liebe zu ihren Kindern empfindet sie keine Emotionen: „Mein ganzes Leben lang hatte ich immer wieder versucht, reale Gefühle nachzuahmen. Manchmal meinte ich, sie tatsächlich zu empfinden, aber in meinem Innersten hatte ich immer gewusst, dass sie nie da gewesen waren. Bis die Kinder kamen und mich ein wahrer Gefühlssturm erfasste.“ (Leona. Die Würfel sind gefallen, S. 118). Empathie ist ihr fremd. Einzig durch genaue Beobachtung und mit Erfahrungswerten versucht sie vorauszusagen, wie eine Person reagieren wird. Gesellschaftliche Konventionen sind nichts Selbstverständliches für sie – dass man z. B. zur Begrüßung lächelt und/oder sich umarmt; sind Handlungsweisen, die sie sich mühsam aneignen musste, um nicht aufzufallen: „Ich zog die Mundwinkel hoch. Inzwischen war es zu einem reinen Reflex geworden. Doch das war nicht immer so gewesen. Nicht, bevor ich mit ungefähr fünfzehn Jahren begriff, dass mein Lächeln mir Vorteile verschaffte. Indem ich andere beobachtete, hatte ich gelernt, mich den Erwartungen der anderen anzupassen.“ (ebd., S. 7-8).
Zu Anfang von Buch 1 wird Leona mit der Ermittlung der spektakulären „Mädchen-Raube“ betraut.  Alles lässt sich wie ein „gewöhnlicher“ Thriller an, bis sich herausstellt, dass Leona selbst die Strippenzieherin hinter den Bankrauben ist! Die Bombe platzt, als ein Journalist beginnt, Leona zu erpressen. Er ist im Besitz eines Fotos von ihr und dem kleinen Mädchen Olivia, das gezwungen wird, die Raube zu verüben. Erst jetzt wird das Ausmaß von Leonas Radikalität wirklich deutlich: Sie will unter allen Umständen aus ihrem bürgerlichen Dasein ausbrechen, das ihr „immer unbegreiflicher“ (ebd., S. 114) vorkommt. Dazu braucht sie Geld, um sich abzusetzen und den Rest ihres Lebens in Freiheit verbringen zu können. Sich freiwillig für die Ermittlung im „Mädchen-Raub“ zu melden, war natürlich ein gut geplanter Schachzug: So beginnt hier die Handlung eines „Anti-Krimis“. Leona will die Ermittlungen nicht vorantreiben, sie versucht verständlicherweise, sie aufzuhalten und zu verfälschen. Was für ein genialer erzählerischer Kniff! Die Spannung, die durch dieses Doppelspiel erreicht wird, steigert sich immer mehr. Leona muss ihre wahren Absichten vor allen verbergen: Ihrem Mann, ihren Kindern, ihren Vorgesetzten, und gleichzeitig noch kaltblütig ein Schwerverbrechen planen. Als Leserin oder Leser schwankt man ständig zwischen Grauen und Faszination für die Protagonistin. Ihr Mut flößt Bewunderung ein – sie unternimmt wirklich etwas, um dem Alltagstrott zu entfliehen! Gleichzeitig greift sie zu immer drastischeren Mitteln, um zu ihrem Ziel zu gelangen – kurz zusammengefasst, gehört dazu ihre Spielsucht, der Missbrauch eines kleinen Mädchens für eine Straftat, sowie ein Mord, den Leona am Ende des ersten Bandes begeht: So entwickelt sich aus einer „normalen“ Thriller-Handlung ein großartiges Versteckspiel, in dem der Leser, zusammen mit der Protagonistin, sich immer mehr in ein Netz aus kriminellen Intrigen und Paranoia verfängt. Leona wächst ihr Doppelleben zusehends über den Kopf. Sie fühlt sich von ihrer Mitwisserin, der Staatsanwältin Nina, verraten, und begeht daraufhin den Mord an dem Journalisten Christer, um ihn ein für alle Mal zum Schweigen zu bringen.

© Atrium Verlag

Band 2: Von Konflikten keine Spur

Der Fortsetzung Leona. Der Zweck heiligt die Mittel ist hingegen, wie ich leider feststellen muss, die Puste ausgegangen. Beim Lesen habe ich die Entwicklung des Plots immer unwillkürlich mit der AMC-Serie Mad Men verglichen. Dort war auch die Luft raus, nachdem Don Draper am Ende der dritten Staffel sein Doppelleben aufgegeben hat und sich scheiden lässt. Er braucht sich nicht mehr zwischen seinem Freiheitsdrang und der Liebe zu seiner Familie zu entscheiden. Ersterer hat gewonnen. Wo bleibt dann aber noch die Spannung, wenn der Protagonist keinen Handlungsantrieb mehr hat, nämlich, sein Doppelleben aufrecht zu erhalten?

Ganz ähnlich ergeht es Leona Lindberg: Im zweiten Teil ist sie von ihrem Mann getrennt, lebt allein und muss sich jetzt nicht mehr verstellen. „In meinem neuen Zuhause musste ich keine Rücksicht mehr auf Peter nehmen und niemandem gegenüber eine Fassade aufrechterhalten.“ (Leona. Der Zweck heiligt die Mittel, S. 15). Gerade dieser persönliche Konflikt Leonas mit ihrem Mann Peter hatte dem ganzen Tiefe verleiht. Einfach nur eine Polizistin zu zeigen, die an das große Geld will und deshalb krumme Dinger mit Kriminellen dreht, wäre nichts Neues gewesen. Nein, es ist diese zutiefst persönliche Zerrissenheit Leonas, die die Handlung des ersten Bandes vorantreibt. Leona ist fest entschlossen, aus ihrer Ehefrauen- und Mutter-Rolle auszubrechen, verzweifelt aber immer mehr daran, ihre Kinder dabei im Stich lassen zu müssen. Zudem kämpft sie mit traumatischen Erlebnissen aus ihrer Kindheit, die so kann man spekulieren, ihre Gefühlskälte mit verursacht haben. Am Ende von Band 1, als Leona glaubt, verhaftet zu werden, wird ihr klar, dass sie ohne ihren Alltag doch schwer würde leben können: „[A]ll das, was ich so sehr verachtet hatte, versuchte ich jetzt krampfhaft festzuhalten. Was war ich denn ohne all das?“ (Leona Band 1, S. 428). Nachdem Leona in Band 2 all das verloren hat, aus dem sie eigentlich ausbrechen wollte, ist der Grundkonflikt verschwunden. Ihr einziges Problem ist jetzt noch, an genügend Geld zu kommen, um sich doch noch ihren Ausstieg aus der Gesellschaft finanzieren zu können.
Denn Leona musste ihren Teil der Beute an Claes abgeben, ihren Chef, dem sie in letzter Minute die Schuld an den Bankrauben in die Schuhe schieben konnte: „Für dieses Geld war er bereit, einige Jahre im Gefängnis zu verbringen. […] Es hatte mich fast um den Verstand gebracht, die Millionen wieder hergeben zu müssen.“ (Leona Band 2, S. 9-10). Leona plant aber einen neuen Coup. Außer ihren eigenen Ausstiegsplänen hat sie nämlich noch, wie sich jetzt erst herausstellt, ein größeres Problem zu lösen. Sie wird von einem Geldwäscher, dem französischen Banker Armand, erpresst, dem sie fünf Prozent ihrer Beute aus den Bankrauben versprochen hatte. Armand hat jetzt natürlich wenig Verständnis dafür, dass sie ihre Millionenbeute nicht mehr besitzt: „Dieser Mann besaß die Fähigkeit, selbst mich nervös zu machen.“ (Leona Band 2, S. 29). So dreht sich der zweite Band der Leona-Reihe ausschließlich noch um den Konflikt mit Armand, der beginnt, Leona einzuschüchtern und zu erpressen, um an das versprochene Geld zu kommen. Er schickt ihr z. B. einen Schläger auf den Hals, der sie in ihrer eigenen Wohnung bedroht und andeutet, ihrer Tochter Beatrice könne etwas zustoßen, sollte sie nicht bezahlen:
„Er stand auf. Steckte seine Waffe in den Hosenbund seines Anzugs und ging in Richtung Flur. Bevor er die Türöffnung erreicht hatte, drehte er sich noch einmal um. Nahm einen Zettel aus seiner Brusttasche und legte ihn in eines der Fächer meines Bücherregals.
,Betrachten Sie das hier als Zahlungserinnerung, Leona.̒
[…] Ich tappte im Dunkeln wiederwillig zum Bücherregal. […] Ich schnappte nach Luft. Ließ das Foto fallen, als hätte ich mir daran die Finger verbrannt. Meine Tochter Beatrice.“ (Leona Band 2, S. 55-56.)
In kurzen Abständen zwingt Armand Leona dazu, hohe Geldbeträge zu zahlen („Eine SMS von Armand: 100 000 SEK. Wednesday. Confirm.“, ebd. S. 111), und so muss sich Leona immer wildere Pläne und Ausflüchte einfallen lassen, um sich das Geld zu beschaffen. Dieser Handlungsstrang ist zwar leidlich spannend zu lesen, kann aber kaum als originell bezeichnet werden. Der innere Kampf Leonas barg, wie bereits erwähnt, ein weitaus interessanteres Konfliktpotential. Jetzt haben wir es nur noch mit einer gewöhnlichen Thriller-Handlung zu tun, der Kampf Agent gegen „master criminal“, wie er in jedem zweiten Kinofilm dieses Genres vorkommen würde.

Leona als unzuverlässige Erzählerin

Als einziges Spannungspotential des Romans sehe ich die Unzuverlässigkeit von Leonas Erzählperspektive. Schon in Band 1 verrät sie dem Leser als Erzählinstanz längst nicht alles, was sie weiß und gewährt immer nur kleine Einblicke in ihre Pläne. (Zum Beispiel, wenn sie ihr „Doppelleben“ erwähnt, aber den Leser im Unklaren lässt, worum es dabei geht: „[Ich] hätte es wohl kaum noch länger ausgehalten, wenn ich nicht gewusst hätte, dass mit dem Doppelleben, das ich führte, bald Schluss sein würde.“ Leona Band 1, S. 7). Der Leser wird bewusst auf Abstand gehalten, um das Mysteriöse an Leonas Figur zu steigern – eine nicht ungewöhnliche, aber effektive Erzähltechnik. Dieser Mechanismus kippt aber, wie ich finde, ins Negative und Beunruhigende um, als Leona in Band 2 immer mehr geistige Labilität zeigt. Nach dem nächtlichen Besuch von Armands Handlanger fängt Leona an, in jedem Raum, in dem sie sich befindet, die draußen parkenden Autos zu beobachten, um festzustellen, ob sie verfolgt wird: „Ich versuchte, mir einen Überblick über die parkenden Autos zu verschaffen. […] Ein Auto, das direkt vor dem Haus parkte, hatte einen platten Reifen. Auf dem Dach eines anderen lagen Laub und Vogelkot, was darauf hindeutete, dass es ebenfalls schon eine Weile dort gestanden hatte. Die übrigen Autos schienen erst kürzlich dort geparkt worden zu sein, doch soweit ich es sehen konnte, saß niemand darin.“ (Leona Band 2, S. 56) Ihre akribische Beobachtungsgabe nimmt im Licht der Ereignisse paranoide Züge an. Man fragt sich sogar, ob der nächtliche Besuch von Armands Handlanger überhaupt stattgefunden hat – oder ob sich Leona die Bedrohung ihrer Tochter nur einbildet. Schließlich hat sie am Ende von Band 1 ihren Sohn verloren und steht unter enormem psychischem Druck. Der Verdacht, bei Leonas geistiger Verfassung könnte Einiges aus dem Ruder gelaufen sein, verstärkt sich, als Leona einen Blick auf den Notizblock ihrer Therapeutin werfen kann. Unter ihrem Namen steht: „Wahnvorstellungen. Psychopathische Züge. Antisoziale Persönlichkeitsstörung?“ (ebd., S. 63) Hier werden handfeste Zweifel an Leonas Urteilsvermögen gesät. Leona selbst verwirft diese Vermutungen natürlich: „Da musste ein Fehler vorliegen.“ (ebd.) Es gibt noch viele weitere Beispiele, mit denen Leonas Verfolgungswahn angedeutet werden soll. Sie meint z.B., Armands Handlanger auf der Straße zu erkennen: „Ein ganzes Stück entfernt zwischen Familien, Kinderwagen und spielenden Kindern stand ein Mann, der mir bekannt vorkam. […] Mein Verdacht bestätigte sich. Ich spürte, wie mein Puls in die Höhe schnellte. Er war es!“ (ebd., S. 296). Noch schwerer wiegen natürlich Leonas Wahnvorstellungen, die sie zweimal in Gegenwart ihrer kleinen Tochter befallen. Beide Male meint sie, das geschundene Mädchen Olivia vor sich zu haben. „Sie stand direkt vor mir in einem weißen durchsichtigen Gewand. […] Aus einer offenen Wunde an ihrem Arm rann Blut […] Erkennst du mich? Erkennst du mich? Ihre Worte hallten in meinem Kopf wider. Ich hielt mir die Ohren zu und schaute mich um. Sah denn außer mir niemand dieses Kind?“ (ebd., S. 241-242). Eine Sekunde später erkennt sie ihre Tochter, die sich in einem Spielwarenladen eine blonde Perücke aufgesetzt hat. Bei der anderen Halluzination badet Leona ihrer Tochter und sieht plötzlich überall Wunden am nackten Körper ihres Kindes, wo keine sind: „Ich drehte ihren Körper so, dass ich die Vorderseite sehen konnte, und war wie gelähmt. Überall tiefe Wunden. Das Wasser verfärbte sich vom Blut, das aus ihren Wunden rann.“ (ebd., S. 267).
All diese Episoden deuten an, dass Leona nicht mehr Herrin der Lage, und auch nicht mehr im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte ist. Ist vielleicht Armands Bedrohung nur eingebildet? Finden die nächtlichen Geldübergaben wirklich statt? Dieses Rätsel wird dann aber gegen Ende des Romans ziemlich plump aufgelöst. Armand taucht auf, als aus der Perspektive einer anderen Figur erzählt wird, was seine Existenz eindeutig beweist. Ich finde, man hätte diese Unsicherheit über Leonas Wahrnehmung nicht aufklären sollen. Es wäre viel spannender gewesen, den Leser oder die Leserin weiter in der Schwebe zu halten. Welche Funktion haben denn dann Leonas Wahnvorstellungen? Sollen sie einfach nur andeuten, dass Leona unter Stress steht, sich dann aber wieder fängt? Diese Handlungsentwicklung hat mich ziemlich enttäuscht.

Leona und David: Schwache Figurenzeichnungen

Die Protagonistin trifft in Leona. Der Zweck heiligt die Mittel auf zwei Kontrahenten, aus deren Perspektive auch immer wieder erzählt wird. Der erste ist Fred Sjöström, ein Attentäter, der sich vor dem Reichstagsgebäude in Stockholm in die Luft gesprengt und nur knapp überlebt hat. Leona soll herausfinden, ob er zu einer Terrororganisation gehört.  Der zweite ist der Polizeiinformant David, ein Ex-Häftling, der jetzt mit der Polizei zusammenarbeitet. David ist sehr flach gezeichnet. Während man Freds tragische Hintergrundgeschichte erfährt und so seine Figur etwas „Fleisch“ erhält, bleibt David der Ex-Kriminelle aus dem Klischee-Handbuch, der jetzt von einem gutbürgerlichen Leben träumt: „Er wünschte, er hätte ihr sagen können, dass er etwas Sinnvolles tat. Dass er der Polizei dabei half, Schwerverbrecher zu fassen, skrupellose Typen, die das Leben anderer Menschen zerstörten. David wollte letztlich gemeinsam mit Saga nur ein ganz gewöhnliches Leben führen. Er träumte von einem Haus außerhalb der Stadt mit einem großen Garten, damit Saga und er im Sommer Freunde zum Grillen einladen könnten.“ (ebd., S. 130). Uff. Das ist es, was David ausmacht, seine Sehnsucht nach einem Haus mit Garten und seine Liebe zu seiner ebenso blass gezeichneten Freundin Saga. Das wäre aber nicht weiter tragisch, da David erst gegen Ende wichtig für die Handlung wird. Dann aber nimmt er eine, wie ich finde, völlig übertrieben wichtige Rolle in Leonas Leben ein.
Leonas neuer Plan ist nämlich ein „Lehrgang“ für junge Kriminelle, denen sie beibringt, wie man ein Verbrechen plant und durchführt, ohne von der Polizei erwischt zu werden. Ein ziemlich genialer Einfall, denn durch ihre Arbeit weiß sie, wer Potential hat und kann sich ihre „Zöglinge“ gezielt aussuchen und von ihrer Sache überzeugen. Für jede „Kursstunde“ verlangt sie ein Honorar, das sie dringend für die Auszahlung Armands benötigt. Kursziel ist ein großer Coup mit einer Millionenbeute für alle Beteiligten. Einer der Kursteilnehmer ist mit David bekannt und überredet ihn, ebenfalls mitzumachen. Wobei David natürlich nach kurzer Zeit den Plan fasst, Leona an die Polizei zu verraten: „Er überlegte, wie viel er wohl bekommen würde, wenn er Leona und ihr Projekt auffliegen ließe. […] Doch um das Maximale herauszuholen, würde er noch mehr Fakten über den Coup in Erfahrung bringen müssen, den sie plante.“ (ebd., S. 313). So beginnt ein kleines Katz-und-Maus-Spiel, bei dem David versucht, Leona auszuhorchen und diese immer ausweicht. Leona will herausfinden, ob sie David trauen kann, weil sie ihn im Falle dann mit der Leitung des großen Coup betrauen würde. Sie hält ihn für den intelligentesten Teilnehmer in ihrer „Lerngruppe“. „,Ich glaube, dass mein Projekt genau das Richtige für dich istʻ, sagte ich. ,Es könnte dir einen Ausweg bieten.̒  Er wirkte nicht vollständig überzeugt, aber ich hielt es für eine gesunde Reaktion. Er war einer, der eigenständig dachte.“ (ebd., S. 303). Sehr überraschend kommt kurz darauf der Bericht aus Davids Perspektive, er hätte ziemlich leidenschaftlichen Sex mit Leona gehabt:
„Gestern Abend war er erneut bei ihr gewesen und hatte versucht, Näheres in Erfahrung zu bringen. Genau wie beim letzten Mal hatte sie ihn auf ein Glas Wein eingeladen […] Obwohl sie erst Mitte dreißig sein mochte, war sie älter als irgendeine andere Frau, mit der er je geschlafen hatte. Sie war ziemlich dominant gewesen. Hatte ihn in einer Art und Weise aufgefordert, bestimmte Dinge zu tun, die ihn ziemlich scharf gemacht hatten.“ (ebd., S. 359). Das will nun so gar nicht zu der Leona passen, die man bisher kennen gelernt hat. An menschlichen Gefühlsregungen kann sie nicht teilhaben, und das gilt auch für den Geschlechtstrieb: „An Sex hatte ich kein Interesse. Ich fand ihn eher anstrengend und unangenehm. Wie die Leute so versessen darauf sein konnten, hatte ich nie nachvollziehen können.“ (Leona. Die Würfel sind gefallen, S. 53), heißt es über Leona in Band 1. Was soll nun diese Beschreibung von ihr als verführerischem Vamp? Immerhin kennen wir nur Davids Sicht und wissen außerdem, dass Leona ihre weiblichen Reize bereits einmal eingesetzt hat, um zu erreichen, was sie wollte: „Wir hatten einmal Sex gehabt, Claes und ich. Es war nach unserer letzten Unterredung, bei der er mir gedroht hatte, mich zu versetzen.“ (ebd.). Es ist also möglich, dass Leona nur mit David geschlafen hat, um ihn zu manipulieren. Bloß: Leidenschaft vorzutäuschen, wo keine ist, halte ich bei einer Persönlichkeit wie Leona für eine ziemlich anstrengende und übertriebene Maßnahme, um einen jungen Kriminellen zu überreden, bei einem Coup mitzumachen. Denn zu dem Zeitpunkt hat David bereits an der „Trockenübung“, dem Überfall auf einen kleinen Juwelier, teilgenommen. Ich halte es eher für einen reichlich unmotivierten Bruch in der Charakterisierung von Leonas Figur. Grund zu der Annahme habe ich wegen dieser Textstelle fast am Schluss des Romans. Leona wurde von Armand entführt und ist verletzt, David konnte sie aber retten:
„Als es mir gelungen war, mich aufzurichten, blieb ich noch eine Weile in seinen Armen stehen. […] Auch nachdem ich das Gleichgewicht wiedergefunden hatte, wollte ich ihn nicht loslassen. […] Meine Wange streifte seine. Es war ein sonderbarer Moment. Ein unbeschreibliches Gefühl durchströmte mich. Es war anders als alles, was ich je zuvor empfunden hatte. Trotz aller Schmerzen wurde ich von einer eigentümlichen Wärme erfüllt.“ (Leona Band 2, S. 456-457).
Warum nur muss Leona sich doch noch verlieben? Fände der Roman sonst kein befriedigendes Ende? Ich vermute, dass es die Lektoren so gesehen haben. Meiner Meinung nach ist diese Wendung völlig überflüssig. Leona muss sich nicht verlieben, um eine „runde“ Figur zu sein. Aber man wollte es ihr natürlich nicht zugestehen, dass sie auch ohne Romantik gut durchs Leben kommt. Dass sie vielleicht einfach nur aus Berechnung Sex hat. Als Kompromiss hätte man diese 180-Grad-Wendung ihres Charakters wenigstens langsamer und subtiler aufbauen können. Ich kann mir nicht helfen, es kommt mir einfach so vor, als sollte diese Veränderung von Leonas Charakter letztendlich doch die Mainstream-Erwartung an eine Frauenfigur bedienen.

Pluspunkte: Gesellschaftskritik

Dieser Artikel soll kein kompletter Verriss von Leona. Der Zweck heiligt die Mittel sein. Er entwickelt durchaus Spannung, zum Beispiel als Leona Fred Sjöströms Pläne durchschaut und so zwei Showdowns zusammenfallen: Die Verhinderung eines Bombenanschlags und die Durchführung von Leonas großem Coup, dem Überfall auf einen Geldtransporter. Er ist ein solide gestrickter Thriller und schafft es, vor allem gegen Ende, zu unterhalten. Der Roman enthält sogar Gesellschaftskritik. Leona sinniert z. B. darüber nach, dass eine Gefängnisstrafe nicht die Ursachen von Kriminalität beseitigen kann.
„Der Staat bot nach wie vor keine angemessene Alternative zur Gefängnisstrafe, und die meisten braven Bürger glaubten noch immer, dass die kriminelle Neigung der Straftäter abnahm, wenn sie hinter Schloss und Riegel saßen. Man war der Auffassung, die Inhaftierten würden zur Besinnung kommen, wenn sie nur lange genug hinter Gittern säßen und über ihre Verfehlungen nachdächten. Doch ein Gefängnisaufenthalt war kontraproduktiv. […] Wie sollte es auch anders sein? Schließlich hielten sie sich für Jahre in einem Milieu auf, in dem sie als Kriminelle definiert wurden und ausschließlich mit anderen Kriminellen Umgang pflegten. Wenn sie entlassen wurden, hatten sie keine Bleibe, keine Arbeit und kein Geld. […] Sich nach einer solchen Zäsur anzupassen und ein Leben wie alle anderen zu führen, war vollkommen unmöglich.“ (ebd., S. 77-78). Leona kann die Handlungen von Kriminellen nachvollziehen. Sie täuscht keine moralische Entrüstung vor, wenn es darum geht, einen Kriminellen zu beurteilen, der nur den illegalen Weg sieht, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten in einer Gesellschaft, die ihm von vorne herein keine Chance gibt.

Letztendlich geht es bei Leona. Der Zweck heiligt die Mittel um die gesellschaftlichen Rollen, die wir freiwillig spielen oder aufgedrängt bekommen. Leona erklärt ihren Schülern, dass Kriminelle, die aussehen wie Kriminelle, einfach öfter von der Polizei gestellt werden, weil die Polizisten erwarten, dass ein tätowierter Biker etwas auf dem Kerbholz hat. Der Banker im Anzug aber bleibt unbehelligt. „,Dort, wo wir Straftaten suchen, finden wir auch welche, und deswegen gehen uns diejenigen Straftäter, deren Aussehen keine Straftaten vermuten lassen, auch meistens durch die Lappen.ʻ“ (ebd., S. 177).
Leona versucht, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Als Ermittlerfigur steht sie eigentlich für den Triumph des Guten über die Bösen. Dafür, dass diese Rollenzuweisungen konstant mit ihrer Figur infrage gestellt werden, ist sie eine aufmerksame Lektüre wert.

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