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Popkultur unter der Lupe

„Babylon Berlin“ und unser Bild der goldenen Zwanziger

Babylon Berlin macht keine halben Sachen. Auch in Staffel 3 der deutschen TV-Serie geht es um alles: um die Partystadt Berlin, das Alltagleben, die politische Bedrohung von rechts, um Massenkultur, die Zustände im Arbeitermilieu und nicht zuletzt um Feminismus. Erfahrt in dieser Fortsetzung des 20er-Jahre-Specials mehr darüber, wie Babylon Berlin die „goldenen Zwanziger“ einfängt und was das über unser Bild dieser Epoche aussagt. Natürlich alles spoilerfrei.

Babylon Berlin Bild der 20er Jahre

© iStock, privat

Historische Serien gibt es zuhauf. Aber ganz überraschend ging Babylon Berlin im Jahr 2017 eine Epoche an, die lange Zeit im Schatten anderer Kapitel der deutschen Geschichte gestanden hatte: die Weimarer Republik (1918-1933). Ein ganz großer Anziehungspunkt dieser Epoche ist, das einerseits glamouröse und künstlerisch vielfältige, andererseits das völlig banale oder traurige Alltagsleben der Menschen in den 1920ern zu sehen – bevor die Nazis an die Macht kamen. Es waren völlig normale Menschen, die hinterher für Hitler jubelten. Und es waren Menschen wie du und ich, die Träume hatten, künstlerisch aktiv waren, die im Dritten Reich unter die Räder kamen oder fliehen mussten. Das macht die Weimarer Republik als Kulisse für eine fiktive Handlung sehr vielseitig.

Viele Produktionen über die Nazizeit beschränken sich aufgrund der problematischen Thematik darauf, in melodramatischen Klischees zu versinken oder die Daumenschrauben der sadistischen Gewaltdarstellung mit aller Kraft zuzudrehen (Unsere Mütter, unsere Väter z.B.). Babylon Berlin hat da mehr Möglichkeiten und nutzt diese auch. Wir haben die Bedrohung der Rechtsradikalen, aber gleichzeitig eine spannende Krimihandlung, die mal mehr, mal weniger vom Politischen wegführt und die kurze kulturelle Blütezeit der 1920er darstellt. Ich halte das für einen ganz großen Coup.

Als Spiegelbild zu unserer heutigen politischen Lage dient Babylon Berlin allemal. Sowohl das Erstarken der rechtsradikalen Kräfte, als auch der Auftrieb, den der Feminismus gerade erfährt, scheint nur allzu gut zur Stimmung in den „goldenen Zwanzigern“ zu passen. Wir dürfen natürlich trotzdem nicht vergessen, dass auch die Serie nur unser Sehnsuchtsbild der 1920er wiedergibt. Diesen Zusammenhang habe ich auch schon in meinem Einstiegsartikel „Was fasziniert uns an den 20er Jahren heute?“ beschrieben. Auf diese 20er-Nostalgie möchte ich noch genauer im Bezug auf die Serie eingehen.

Worum geht’s bei Babylon Berlin?

Die Serie ist eine Adaption der Krimireihe von Volker Kutscher rund um Kommissar Gereon Rath, der von Köln zur Berliner Mordkommission wechselt. In den ersten beiden Staffeln wird der erste Band der Romanreihe, Der nasse Fisch, verarbeitet. Staffel drei hat vier Folgen mehr als ihre Vorgänger und lehnt sich an Band zwei, Der stumme Tod, an. In der Buchreihe wie in der Serie steht die Verbindung von historischem Krimi mit der Darstellung des Zeitgeists im Vordergrund.

Aber die Serie weicht in einigen Punkten von ihren Vorlagen ab. Beide Hauptfiguren bekommen zum Beispiel andere Backstorys und Motivationen. Rath wird in der Serie zu einem Kriegsversehrten, der heimlich mit dem so genannten „Kriegszittern“ zu kämpfen hat, und eine verbotene Beziehung zu seiner Schwägerin Helga unterhält. Charlotte Ritter stockt ihr Einkommen zu Beginn der Serie mit Gelegenheitsprostitution auf, wenn der Verdienst als Schreibkraft nicht ausreicht. All das ist in den Büchern nicht der Fall. Auch steht die Liebesgeschichte zwischen den beiden in der Serie weniger im Vordergrund.

Auffällig ist, wie Babylon Berlin mit den Facetten des Krimigenres spielt. Die erste Staffel ist ein politischer Krimi, der vor allem die Figuren und die Epoche mit all ihren Konflikten vorstellt. Korrupte Strukturen in der Berliner Polizei werden mit dem politischen Geschehen der Zeit verknüpft (der Kampf zwischen Kommunisten und Nationalisten). Die zweite Staffel spitzt diese Themen zum hochdramatischen Politthriller mit einem wirklich nervenzerfetzenden Showdown zu. Während sich Gereon Rath ein Katz-und-Maus-Spiel mit seinem Antagonisten liefert, steigt Charlotte Ritter zur Kriminalassistentin auf. Die dritte Staffel nimmt die Dramatik wieder zurück. Es wird die Ruhe vor dem Sturm betont, die Handlung spielt kurz vor dem Börsencrash im Herbst 1929. Mit einer ganz klassischen Krimihandlung („Whodunit“) steigert diese Staffel eher allmählich die Spannung. Eine Schauspielerin kommt bei Dreharbeiten in den UFA-Studios in Babelsberg zu Tode. Hier versuchen sich Rath und Charlotte erneut als Ermittlergespann.

So zeichnet Babylon Berlin ein Bild des Zeitgeists der „goldenen Zwanziger“

Bei der Recherche für diesen Artikel las ich immer wieder, dass Zuschauer*innen der Serie es schätzen, wie authentisch das Lebensgefühl ist, das Babylon Berlin vermittelt. Der krasse Gegensatz von Glanz und Elend im Plot, dabei die Fülle an liebevoll gestalteten Sets, die Kostüme, die Masse an Charakteren aus unterschiedlichen Milieus – all das macht Babylon Berlin zu einem unglaublich guten Genre- und Serienstoff. Dabei gibt es selbstverständlich mitreißende Partyszenen, vor allem in den ersten beiden Staffeln, in denen der Nachtclub „Moka Efti“ eine größere Rolle spielt, oder Actionszenen mit Verfolgungsjagden à la James Bond. Gleichzeitig wirkt Babylon Berlin nie zu überkandidelt. Zeigt der Kinofilm The Great Gatsby (2013) ein überzeichnetes Glitzer-New-York der Roaring Twenties, so zeigt Babylon Berlin eine ungeschminkte, oft düstere Hauptstadt. Auch der Glanz der Leuchtreklamen oder das Goldkonfetti im Nachtclub können das nicht überdecken. Die Hauptfiguren haben meist Augenringe und verschwitzte Gesichter. Babylon Berlin mag zwar die bis dato teuerste deutsche TV-Produktion sein, sie zeigt es vor allem in ihrer Detailverliebtheit, nicht in übertriebenen Effekten.

Zu diesem Einfühlungsvermögen in das Lebensgefühl der Weimarer Republik gehörte für die Serienmacher selbstverständlich auch die Bedrohung durch den Nationalsozialismus. Wir haben zum einen die liberale Vergnügungsgesellschaft in Berlin, die Tanzclubs, die Homosexuellenszene inklusive offen queerer Nebenfiguren im Cast. Auf der anderen Seite ist Babylon Berlin ein Krimi, bei dem die Ermittlerfiguren gegen nationalistische Verschwörungen und rechten Terror vorgehen müssen. Kommissar Rath nimmt die Bedrohung von rechts nicht ernst genug und meint, mit Unparteilichkeit und Rechtschaffenheit könne er schon alles richten. Andere Figuren setzen sich aktiver für die bedrohte Demokratie ein und geraten immer mehr in Bedrängnis. Dass wir als Zuschauer wissen, dass sie alle scheitern werden, verleiht der Stimmung in der Serie eine Tragik, die typisch ist für die Bearbeitung der 20er Jahre.

Babylon Berlin zählt alles auf, was wir an den 1920ern bewundern, wie intellektuelle Freiheit, Kunst, Massenkultur, befreite Geschlechterbilder, Glamour oder Nachtleben. Sie drückt eine Nostalgie nach dieser Zeit aus, von der wir noch gar nicht so deutlich wussten, dass wir sie hatten, eine Sehnsucht nach einer Kultur, die unsere Vorfahren blind aufs Spiel gesetzt haben.

„Will keen, hab keen, brauch keen“: Lotte als Vertreterin der Frauenemanzipation bei Babylon Berlin

Charlotte! Was wäre Babylon Berlin ohne sie! Ihre Figur ist der frische, moderne Gegenpart zu Kommissar Raths introvertiertem Charakter. Lotte vertritt ganz klar die „neue Frau“ der Zeit und ist eine protoypische Figur der Neuen Sachlichkeit.

„Neue Frau“ ist Charlotte, weil sie als ledige, berufstätige junge Frau eingeführt wird, die sich abends gern ins turbulente Nachtleben stürzt. Für die Neue Sachlichkeit steht sie, weil sie all die Tugenden ihrer Zeit vertritt: Tempo, Nüchternheit, Pragmatismus. Sie ist immer in Bewegung, hält nie lange still, schließlich sind die Aufstiegschancen für Frauen in den 20ern sehr rar gesät. Zudem wird um Charlottes Figur kein großes Melodrama gesponnen. Sie ist keine tragische Kämpferin fürs Frauenrecht, wie es z.B. in dem Film Suffragette (2016) zur Frauenrechtsbewegung der 1910er Jahre gezeigt wird. Sie ist einfach, wie sie ist: unabhängig, selbstbewusst und dabei sehr praktisch denkend. Dieser Wesenszug erstreckt sich bei ihr in der Serie sogar auf ihre Liebesbeziehungen. Sie ist geradeheraus, versucht bei Männern keine künstlichen Winkelzüge, sie flirtet nicht und lässt sich auch nichts bieten. Gefühlsmäßig bleibt sie immer unabhängig, was sie mit dem wunderbaren Ausspruch „Will keen, hab keen, brauch keen, weeßte doch“ kundtut, als sie auf einer Party gefragt wird, ob sie ohne Begleitung da ist.

Auch der Plot um ihre Tätigkeit als Gelegenheitsprostituierte wird eigentlich so nebenbei abgehandelt, wird als eine logische Folge der harten Lebensbedingungen als ledige Frau in der Weimarer Republik dargestellt, vor allem, wenn man aus armen Verhältnissen kam. Die Jobs für Frauen gaben zu der Zeit gerade mal noch einen Hungerlohn her, und da fackelt Lotte nicht lange, sich lukrativere Einkommensquellen zu erschließen. Den Vorwurf mancher Medienkritiken, Charlottes Figur sei für die Serie nicht aufregend genug gewesen, weswegen sie den Nachtjob als Escort Girl verpasst bekam, ist deswegen nicht ganz gerechtfertigt. Ich sehe hier eher starke Parallelen zu Irmgard Keuns Protagonistin Doris aus Das kunstseidene Mädchen (1932). Ihre Gewitztheit und ihren Aufstiegswillen kann man mit dem von Lotte vergleichen. Und Doris, wie Lotte, erwägt die Prostitution, um der Arbeitslosigkeit und dem Hunger zu entkommen.

Auch Charlotte will aus dem Elend ihrer proletarischen Herkunft ausbrechen und schafft das mit einer guten Portion Dreistigkeit. Sie schleicht sich in Gereon Raths Ermittlungen ein und gibt sich mit gefälschtem Pass als Polizistin aus, um Zeugen zu befragen. Als Rath ihr drauf kommt, bewirbt sie sich ganz offiziell bei der Mordkommission als Kriminalassistentin und bekommt schließlich die Stelle.

Kleiner Faktencheck zwischendurch: In der Realität wurde wahrscheinlich so früh noch keine Frau bei der Kriminalpolizei angestellt. Frauen waren zu der Zeit noch auf die „Weibliche Kriminalpolizei“ beschränkt, die man heute wohl als Sittendezernat bezeichnen würde. Dort hatten sie „lediglich“ die Funktion von Fürsorgearbeiterinnen, die sich um minderjährige Opfer von Gewalt oder um weibliche Prostituierte kümmerten. Aber auch die Einführung dieses Polizeizweigs in der Weimarer Republik im Jahr 1923 war ein echter Vorstoß für die Frauenemanzipation – im Kaiserreich wäre das noch undenkbar gewesen. So gesehen ist Lotte einfach eine etwas forschere Weiterentwicklung dieser historischen Polizistinnenfiguren.

Auch im Privaten setzt sich Lotte in Babylon Berlin für Frauenrechte ein. Sie nimmt in der dritten Staffel ihre minderjährige Schwester Toni zu sich, damit diese weiter auf die Schule gehen und einen Abschluss machen kann. Am Arbeitsplatz bekommt sie den geballten Sexismus ihrer männlichen Kollegen und Vorgesetzen zu spüren. Was, eine Frau, die Kommissarin werden möchte? Die Szenen dort kann man klar als Anspielung auf #metoo und unsere Debatten um gender equality heute lesen.

Einen kleinen Wermutstropfen enthält die Darstellung der Frauenfiguren in Babylon Berlin aber leider doch noch. Greta und Helga werden zum großen Teil passiv oder nur in Bezug auf ihre Beziehung zu einem Mann gezeigt. Auch Lotte hätte man ab und zu noch etwas mehr zu tun geben können. Aber hier möchte ich nicht zu viel aus der dritten Staffel verraten.

Lasst mich jetzt noch auf zwei kleinere Punkte eingehen, die vielleicht noch ganz gut unser Sehnsuchtsbild der „goldenen Zwanziger“ beleuchten, wie es in Babylon Berlin gezeichnet wird. Das ist zum einen, wie die politischen Konflikte der Zeit dargestellt werden. Und zum anderen, warum sich für einen fiktiven Stoff, der in der Weimarer Republik spielt, das Krimigenre so gut eignet.

Wie „historisch genau“ ist Babylon Berlin?

Hier gleich vorweg: Das ist natürlich eine bewusst provozierende Überschrift. „Historische Exaktheit“ kann es nie geben, jede Form von Geschichtswiedergabe ist eine Interpretation und sagt meist mehr über den Geschichtsschreiber als über die Zeit aus, die er beschreibt. Dazu können aber andere Blogger*innen mit geschichtswissenschaftlichem Hintergrund mehr sagen. Lest z.B. den Artikel von Aurelia Brandenburg auf „Geekgeflüster“, warum historische Korrektheit nicht möglich ist.

Wie in meiner Einleitung schon angedeutet, drängt Babylon Berlin seinen Zuschauern die politischen Konflikte nicht mit der Holzhammermethode auf. Denn im Gegensatz zu vielen Bearbeitungen des Dritten Reichs kann (und „darf“) die Weimarer Republik ambivalenter dargestellt werden. Die Serie lässt uns durch Kommissar Raths Augen, der ja auch neu in Berlin ist, die Konflikte nach und nach entdecken. Die Stimmung fängt gerade an, zugunsten der Nationalsozialisten zu kippen.

Die Bedrohung durch die rechtsextremen Kräfte ist deshalb auch erstmal nur unterschwellig in der Serie. Sie kommen im Gewand von kaisertreuen Figuren wie Kommissar Wolter daher, Raths Vorgesetztem in den ersten beiden Staffeln. Als Anti-Demokrat will er die „verlorene Ehre“ des Deutschen Reiches wiederherstellen. Er unterstützt die heimliche Wiederaufrüstung Deutschlands. Die Stärke seiner Figur ist aber seine Zwiespältigkeit: Er wird sowohl als fanatischer Nationalist, als auch als netter Chef dargestellt.

Dann gibt es noch die klischeelastigeren „Superbösen“ wie den Chef der politischen Polizei, Regierungsrat Wendt. Er vertritt die erstarkenden Nationalsozialisten in der Serie und kann mit einem Superschurken aus einem James-Bond-Film verglichen werden. Seine Handlanger wiederum werden als Leute aus dem normalen Volk und als eine politische Gruppe unter vielen dargestellt. Und dann gibt es noch die Blinden wie Kommissar Rath, die die Zeichen der Zeit nicht deuten wollen.

Babylon Berlin erklärt, warum die Nazis für die Deutschen als politische Macht so attraktiv wurden. Die Serie zeigt auch, wie die Nazis als Macht ihrerseits instrumentalisiert wurden, aber langsam und schleichend die Oberhand gewannen.

Gerade dieser schleichende Prozess und die Blindheit vieler Zeitgenossen halte ich deshalb für eine gelungene Bearbeitung des Zeitgeists der späten 20er. Sie zeigt unseren Wunsch danach, die Machtergreifung der Nazis zu verstehen. Sie vielleicht ein wenig als böse Übermacht von außen zu inszenieren, weniger als eine Ideologie, die von allen übernommen wurde, weil es einfach und befreiend war, sich vom Fanatismus mitreißen zu lassen.

Warum Babylon Berlin gerade als historischer Krimi so gut funktioniert

Das Gute am Kriminalroman ist: Man hat klare Gegner und klare Identifikationsfiguren, eben den Ermittler oder die Ermittlerin. Deshalb eignet sich das Genre so gut dafür, historische Konflikte verständlich und spannend zu machen. Die historischen Verhältnisse werden anschaulicher verpackt als z.B. beim Drama, weil die Zuschauer*innen zusammen mit der Ermittlerfigur die verworrenen Zustände aufdeckt und aufdröseln.

Kommissar Rath ist deshalb eine gute Identifikationsfigur für die heutigen Zuschauer*innen, die mehr über die 20er Jahre erfahren wollen. Rath ist engagierter Polizist und Idealist, der die Zeichen der Zeit nicht deuten will. Er will keine Partei ergreifen und versteht nicht, dass es dafür zu spät ist.

Das macht das Schauen von Babylon Berlin so befriedigend. Wir wollen im Nachhinein jemanden haben, der für das Gute kämpft und sich gegen die Nazis stellt, aber er darf auch kein Superheld mit übermächtigen Kräften sein. Rath, ein ganz normaler Typ, soll stellvertretend für uns das Versäumnis unserer Vorfahren wiedergutmachen. Vielleicht auch nur unbewusst.

Quellen:

„Babylon Berlin“ holt Weimarer Republik aus dem Schattendasein von deutschlandfunk.de (zuletzt besucht am 08.03.20)

Neue Staffel von „Babylon Berlin“ – Eine Lehrstunde in toxischer Männlichkeit von monopol-magazin.de (zuletzt besucht am 08.03.20)

 

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