Die Geschichte der getrennten Wege: Vom Mann produziert sein

Der dritte Band der „neapolitanischen Saga“, Die Geschichte der getrennten Wege, erzählt von der Identitätskrise der Ich-Erzählerin Elena Greco. In den politisch chaotischen siebziger Jahren spiegeln die gesellschaftlichen Umwälzungen – zum Beispiel der aufkommende Feminismus – die Erschütterung von Elenas Weltbild wider. Und Lila? Die wird für Elena (und den Leser) immer rätselhafter, je mehr sich die beiden Freundinnen voneinander entfernen.

In Die Geschichte der getrennten Wege steht die Hassliebe der beiden Freundinnen Elena und Lila etwas weniger im Vordergrund als in den beiden vorangegangenen Bänden. Und wenn wir ehrlich sind, gibt es dazu auch nichts Neues mehr hinzuzufügen. Zudem tritt das plakativ von Gewalt geprägte, an Tarantinos Filmästhetik erinnernde Milieu des Rione etwas in den Hintergrund, weil die Handlung mindestens zur Hälfte in Florenz spielt. Vom Hörensagen erfährt Elena immer noch von Mordanschlägen und Prügeleien zwischen Kommunisten und Faschisten in Neapel, aber insgesamt verlagert sich der Konflikt auf Elenas Inneres. Interessant wird die Erzählung jetzt dadurch, dass Elena sich selbst nicht mehr sicher sein kann. Im vorangegangenen Band konnten die Widrigkeiten noch so groß, der Liebeskummer so schmerzhaft, der Groll auf Lila so überwältigend sein, in ihrer wissenschaftlichen Karriere fand die strebsame Protagonistin immer ihren Trost. Doch auch dieser Rettungsanker wird jetzt unsicher.

Elena gefangen in der Hausfrauenrolle

Aus Schwäche, aus Blauäugigkeit (es wird nicht so ganz klar, warum), kann sich Elena in Die Geschichte der getrennten Wege zum Beispiel nicht gegen ihren Verlobten Pietro durchsetzen, als sie ihm von ihrem Vorhaben erzählt, sie wolle auch nach der Heirat erstmal berufstätig bleiben und ihr zweites Buch schreiben. Natürlich wird sie sofort schwanger und hat dann auch noch mit einem schwierigen Kind zu kämpfen, das ihr keinen Schlaf gönnt. Sehr eindrücklich schildert die gealterte Elena im Rückblick ihre Verzweiflung und ihre Depression als junge Mutter, die von ihrem Ehemann mit dem Kind allein gelassen wird, denn der hat ja an seine wissenschaftliche Arbeit zu denken. Sie selbst verkümmert intellektuell und emotional. Pietro, der sich als unsicherer Spießbürger entpuppt hat, würdigt die Intelligenz seiner Frau lieber herab, um sich selbst besser zu fühlen. Und noch schlimmer: Man kann Pietro nicht einmal richtig hassen wie den Vergewaltiger Stefano Caracci, Lilas Exmann. Pietro wird nie gewalttägig, er liebt seine Frau und ist ihr treu, lähmt Elena aber mit seiner Ignoranz und seiner Selbstbezogenheit. Natürlich trägt auch Elena eine Mitschuld, da sie sich nie nachdrücklich zur Wehr setzt.

Männer produzieren Frauen in Die Geschichte der getrennten Wege

Elenas Jugendliebe Nino, der inzwischen Professor in Mailand ist, wird dabei zum Symbol ihres eigenen Versagens. Sie beschreibt ihn als „Gestalt des Bedauerns“, als „Synthese dessen, was [sie] wohl nie werden würde“ (S. 315). Sie zieht den frustrierten Vergleich zwischen sich und Nino: „Wir waren im selben Milieu aufgewachsen, hatten uns beide glänzend aus ihm herausgearbeitet. Warum also glitt ich jetzt in die Mittelmäßigkeit ab? … Weil ich eine Frau war, weil ich mich um Haushalt und Familie kümmern, Scheiße abwischen und Windeln wechseln musste?“ (ebd.) Das klingt jetzt alles nicht nach brandneuem Stoff, entwickelt sich dann aber zu einer sehr interessanten Erkenntnis: Die Erkenntnis davon, dass Männer Frauen nach ihrem eigenen Vorbild erschaffen und ihnen so die Chance rauben, eine eigene Identität zu entwickeln. Auch die Männer in Elenas Leben: Elena wird klar, dass ihr Exfreund Franco, der im letzten Buch vorkam, sie als weibliche Version von sich selbst produzieren wollte, sprich, sie zur Intellektuellen erziehen wollte. Franco wollte „eine Frau, wie er selbst nach seiner Vorstellung eine hätte sein können, wenn er eine Frau gewesen wäre“. (S. 453). Bei diesem Satz wurde ich ganz aufgeregt, ist das doch auch für mich ein sehr interessanter Topos, den ich immer wieder in Büchern, Filmen und Serien entdecke. Impliziert ist hier nicht nur die Schöpfungsgeschichte, in der Eva aus dem Körper Adams geschaffen wird, sondern auch der Pygmalion-Mythos, bei dem sich ein Mann eine Frau aus Elfenbein nach seinen Idealvorstellungen kreiert (siehe auch mein Blog-Beitrag zum Pygmalion-Mythos in der britischen Serie Penny Dreadful). Nach dieser Logik kann man fortfahren: Auch Pietro wollte eine Frau nach seinem Vorbild heranziehen, eben eine konservative Spießbürgerin, die sein Zuhause zu einem sicheren Hafen macht und die sich nur im einer Frau zugestandenen Rahmen für Bildung und überhaupt nicht für Politik interessiert – genauso wie er selbst.

Die Geschichte der getrennten Wege, Elena Ferrante, Cover
© Suhrkamp

 

Mithilfe der neuen feministischen Manifeste stellt Elena fest, dass sie bei diesem Prozess, aus einer weiblichen Identität eine männliche zu produzieren, sie selbst tatkräftig mitgeholfen hat. Ihr Lebensziel war es, sich zu vermännlichen, um verstandesmäßig mit den Männern mitzuhalten: „Ich hatte es übertrieben, hatte mich gezwungen, mir männliche Fähigkeiten anzueignen.“ (S. 360) Hier kommt Lila wieder mit ins Spiel. Denn Elenas Schuldgefühle und ihr Wunsch, Lilas Leben an ihrer Stelle zu leben (so, wie Lila es gelebt hätte, hätte sie die Chance auf Bildung gehabt), produziert ja wieder ein Alter Ego, das nichts mit ihrer eigenen Identität zu tun hat.

„Ich hatte mich [Lila] zugerechnet, und ich fühlte mich verstümmelt, sobald ich mich ihr entzog. Nicht ein Einfall ohne Lila. Nicht ein Gedanke, auf den ich ohne den Rückhalt ihrer Gedanken vertraute.“ (S. 360-361)

 Hier überlagern sich mehrere Schichten von Bildern, die Elena von sich selbst und andere von ihr machen, und unter denen sie sich mühsam herauskämpfen muss. Entscheidend für Elenas Coming of Age ist daher, dass sie sich gegen Ende des Romans dazu entschließt, sich unabhängig von Lila zu machen. („Ich musste mich außerhalb von ihr akzeptieren.“, ebd.) Ob ihr das gelingen wird?

Elena als unzuverlässige Erzählerin?

Charakteristisch an Elenas rückblickendem Erzählen in Die Geschichte der getrennten Wege ist einerseits ihr Bedürfnis nach schonungsloser Offenlegung ihrer Geschichte und andererseits ihre „blinden Flecken“, wenn es zu bestimmten Themen kommt. Sie beschönigt nichts, berichtet zum Beispiel vom schlechten, ja mechanischen Sex im Ehebett. Dann verfällt sie wieder in misstrauische, abergläubige Fantasien über ihre Freundin Lila, die sie nach ihrer Hochzeit jahrelang nur übers Telefon spricht. In der Verzweiflung über ihre erstgeborene Tochter, die nicht trinken und nicht schlafen will, verdächtigt sie in besonders schlechten Momenten ihre missgünstige Freundin, ihr Kind verhext zu haben. Später hört Elena von Gewalteskalationen im Rione und macht Lila im Geheimen für diese Bluttaten verantwortlich, sieht sie als Guerilla-Kämpferin. Auch ihre immer noch unter der Oberfläche schwelenden Gefühle für Nino leugnet sie. Eine subjektive Erzählung der Geschehnisse liegt natürlich in der Natur der Dinge bei einer Ich-Erzählerin. Trotzdem scheint Elena sich rückblickend dafür rechtfertigen zu wollen, dass sie ihre Familie und Freunde im Stich gelassen hat: Seht her, was ich durchgemacht habe, auch mir ging es schlecht. Umso befriedigender ist dann der Plottwist am Ende der Handlung, den ich natürlich nicht verraten werde.

 

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