Die Schlange von Essex: Nostalgie trifft Moderne

Die Schlange von Essex versteckt sich hinter einem schönen Cover und einem harmlosen Klappentext, hat bei mir aber eingeschlagen wie eine Bombe. Sarah Perrys Roman ist sprachlich poetisch und überzeugt mit der innovativen Umsetzung altbekannter Motive. Eine kleine Liebeserklärung.

Bevor ich mit meiner Rezension beginne, möchte ich kurz begründen, warum es im Oktober so ruhig geworden ist bei „Ant1heldin“. Die letzten Monate haben bei mir einfach ihren Tribut gefordert (Jobwechsel, zweimalige Trauzeugenpflichten 😉), daher war ich wahlweise einfach zu erschöpft oder noch zu sehr mit meinem Privatleben beschäftigt, um für meinen Blog zu schreiben. Außerdem wollte ich zu Die Schlange von Essex nichts Unfertiges oder Oberflächliches veröffentlichen (mein Perfektionismus steht mir manchmal auch im Weg, ich weiß).

Viel mehr als nur Unterhaltung

Die Schlange von Essex (The Essex Serpent im Original) tarnt sich als Unterhaltungs- und Liebesroman, ist aber viel mehr als das. Der Roman spielt im viktorianischen Zeitalter, genauer, im London und Essex des Jahres 1893. Jeder, der meine Blogbeiträge ein bisschen durchgestöbert hat, weiß, dass ich für diese Zeit besonders brenne (Décadence-Literatur, die Gleichzeitigkeit von Aufbruchs- und Weltuntergangsstimmung, Sherlock Holmes, die Londoner Architektur und der Lebensstil aus der Zeit, all das fasziniert mich). Ich hatte nach der Lektüre des Klappentextes nicht mehr als eine Liebesgeschichte in historischem Setting erwartet. Es kam aber viel besser

Denn dem Roman gelingt es, dem etwas muffigen Image des „historischen Romans“ wieder ein frisches Gesicht zu geben. Nicht ein Schauplatz, der unnatürlich, nicht ein Dialog, der hölzern wirkte. Sarah Perry hat es mit ihrem Roman geschafft, das viktorianische Zeitalter so natürlich, selbstverständlich und modern wirken zu lassen, als existiere diese Ära noch heute, und man müsse nur einen Blick aus dem Fenster werfen, um sie zu sehen. Der Roman ist dabei anspruchsvoll, ohne bildungsbürgerlich-prätentiös zu wirken. Denn er bedient sich auf unaufdringliche Art und Weise vieler thematischer und stilistischer Referenzen an die große britische Erzählliteratur des 19. Jahrhunderts – der Erzählton hat mich zum Beispiel öfter an Jane Eyre von Charlotte Bronte und (besonders bei den Landschaftsbeschreibungen) an Tess of the D‘ Urbervilles von Thomas Hardy erinnert.

Überzeugt haben mich außerdem der kunstfertig erzählte Plot, der im Wechsel verschiedene Erzählstimmen und Settings miteinander verwebt, und die außergewöhnliche Sprache, mit der Sarah Perry vor allem die Innenwelten ihrer Protagonisten Cora Seaborne und William Ransome Leben verleiht. Sie ist mal poetisch, mal nüchtern-analysierend (und spiegelt so den „Clash“ der Weltanschauungen, der die Figuren im Roman und auch den ganzen Zeitgeist der Epoche ausmacht: Aufklärung versus Aberglaube, Realismus versus Horrorgeschichte, usw.)

Jedem Romanabschnitt ist ein Kapitel im Präsens vorangestellt, in denen abschnittsweise die Entwicklungen der einzelnen Figuren beschrieben werden. Dies mutet, gerade bei einem historischen Roman, zunächst seltsam an. Aber es funktioniert: Der Zeitenwechsel schafft eine größere Nähe zu den Charakteren und zum Setting. So entsteht unter anderem der Eindruck, das viktorianische Zeitalter sei geradezu greifbar.

Figurenzeichnung und Feminismus bei Die Schlange von Essex

Die Protagonistin Cora Seaborne ist zwar eine Viktorianerin, ist aber wie eine moderne Frau gezeichnet. Sie ist reflektiert, weiß, welchen Erwartungen sie ausgesetzt ist und ist stolz darauf, dass sie die Kraft hat, sich ihnen zu widersetzen. Durch den Tod ihres tyrannischen Ehemanns hat sie sich vom Patriarchat befreit und tut jetzt nur noch, worauf sie Lust hat. Ganz konkret heißt das: Sie versucht nicht mehr, weiblichen Idealen zu entsprechen und geht stattdessen ihrem wissenschaftlichen Interesse, der Paläontologie, nach. Zudem hat sie sich schon lange vom Glauben losgesagt. Trotz ihres Selbstbewusstseins hadert sie aber auch mit Schuldgefühlen, und glaubt, ihre Pflichten nicht zu erfüllen (vor allem die als Mutter). An ihren autistischen Sohn Frankie kommt sie nur schwer heran und gibt sich die Schuld für ihr angespanntes Mutter-Kind-Verhältnis.

Coras Erzählstimme schwankt immer zwischen Melancholie und Trotz, ein Zwiespalt, den ich sehr einnehmend fand. Ihr Freiheitsdrang ist so feministisch, wie er nur sein kann, wirkt aber völlig unaufdringlich und wenig bekehrerisch. Er liegt einfach in ihrem Wesen. Auf die Frage des Pfarrers William Ransome, warum sie an die Küste von Essex gekommen sei, um nach Fossilien zu suchen, antwortet sie: „Liberty, I suppose. I lived so long under constraints. You wonder why I grub about in the mud – it’s what I remember from childhood. Barely ever wearing shoes ….“ (S. 167). Ihr früheres Leben als bürgerliche Ehefrau beschreibt sie so: „(My husband) had me mounted on a plinth. My waist pinched, my hair burned into curls (…). And now I’m free to sink back into the earth if I like – to let myself grow over with moss and lichen.“ (S. 167f).

William Ransome, der junge Dorf-Reverend, stellt zwar eigentlich den typischen Familienpatriarchen aus dem Bürgertum dar, wird aber überhaupt nicht einseitig charakterisiert. Er wirkt bodenständig und sympathisch, obwohl er seine Frau zum Teil bevormundet. Cora hingegen nimmt er immer ernst, wenn er mit ihr z.B. über den Glauben, den Darwinismus und die Gesellschaft diskutiert.

The Essex Serpent_Cover
© Serpent’s Tail

Erzählerische Innovation in Die Schlange von Essex

Eine Liebesgeschichte?

Beinahe am allerhöchsten rechne ich Sarah Perry an, dass sie mit Die Schlange von Essex keine klassische Liebesgeschichte geschrieben hat à la sie verlieben sich, müssen einige Hindernisse überwinden und heiraten am Ende. Obwohl es zeitweilig so aussieht, denn William Ransome ist bereits verheiratet und hat drei Kinder – und dann tritt die burschikose Cora in sein Leben, die ihn geistig herausfordert, wie es seine Ehefrau nie könnte. Die erotische Spannung der beiden Protagonisten äußert sich jedoch, oder gerade, in ihren intellektuellen Streitgesprächen, und nie in plumpen Flirts. Und eine typische Dreiecksgeschichte kommt gar nicht erst zustande, denn Stella Ransome weiß die ganze Zeit um die Verliebtheit ihres Ehemanns und nimmt dies gelassen hin – dazu gleich mehr.

Es geht im Roman vielmehr um die fließende Grenze zwischen Freundschaft und Liebe. Dadurch bildet er die Komplexität von menschlichen Beziehungen ab, anstatt wieder nur ein romantisch-verklärtes Bild homosexueller Liebe zu zeichnen. Dies spiegeln auch die Beziehungen der Nebenfiguren wieder, z.B. die Männerfreundschaft zwischen den Ärzten Luke Garrett und George Spencer, oder die Freundschaft Coras zu ihrer Vertrauten Martha, die manchmal eine erotische Färbung bekommt. In Die Schlange von Essex geht es durchaus auch um Erotik und Sex, aber diese Szenen stehen nicht im Vordergrund und werden von der melancholischen Grundstimmung relativiert.

Décadence-Motive, Horror und Aufklärung

Wie bereits erwähnt, spielt Die Schlange von Essex mit dem Einsatz von zeitgeschichtlichen Diskursen und literarischen Motiven aus dem späten 19. Jahrhundert. Um nur einige zu nennen: Cora ist Anhängerin des Darwinismus, Frankie liest Sherlock-Holmes-Geschichten, die titelgebende Schlange von Essex lässt lokale Horrorvisionen aus dem Mittelalter wiederaufleben, und spielt damit auf die Gothic Novel an, die zu der Zeit z. B. mit Dracula ein Revival erlebte. So entsteht ein Kaleidoskop aus Gegensätzen: Wissenschaftsbegeisterung und Aberglaube, Luxus und Elend, Reaktionismus und Reformstreben.

Besonders Sarah Perrys Umgestaltung der tuberkulosekranken femme fragile hat es mir angetan. Stella Ransome ist die zierliche, engelsgleiche Ehefrau von William Ransome und entpuppt sich im Laufe des Romans als tuberkulosekrank. Die Schwindsucht, wie sie früher auch genannt wurde, war DIE poetische Krankheit schlechthin: Nicht nur sind tatsächlich viele berühmte Dichter und Schriftsteller daran gestorben (Keats, die drei Bronte-Schwestern, Tschechow, Kafka), sie galt auch als die Krankheit poetischer und sensibler Gemüter (was natürlich Unsinn war). Jeder siebte Mensch soll Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland an Tuberkulose verstorben sein. Von der Infizierung mit dem Bakterium bis zum Tod des Patienten vergehen oft mehrere Jahre. Daher wurde die lange Leidenszeit der Tuberkulosekranken in der Literatur und auf der Bühne im 19. Jahrhundert mit dem Bild der schwindsüchtigen Frau verbrämt, die ästhetisch schön dahinsiecht und ihr verbleibendes Lebensglück am besten noch für ihren Liebsten aufopfert (siehe Die Kameliendame).

Stella Ransome ist zugleich poetischer und prosaischer als ihre literarischen Vorbilder. Sie entspricht mit ihrer fragilen Statur und ihrer Sanftmut zwar dem Typus der femme fragile: „no bigger than a fairy and twice as pretty“ (S.51). Aber Stella leidet nicht. Während alle um sie herum zusehends verzweifeln, scheint Stella überhaupt keine Angst vor dem Sterben zu haben. Im Gegenteil, sie ist vollständig mit sich zufrieden, zeigt sogar seltsame kreative Ausbrüche: Sie sammelt blaue Gegenstände, schreibt in ein blaues Notizbuch und kleidet sich nur noch in blau:

„Of them all, Stella is happy. It is the spes phtisica, which confers on the tubercular patient a light heart, a hopeful spirit. She brims with joy unspeakable and full of glory, beatified by suffering, devoutly accupied in her taxonomy of blue.“ (S. 309).

Schöner und poetischer geht es wohl kaum: Stella (= Stern) verglüht an ihrer tödlichen Krankheit und ist ihrem Leiden völlig entrückt. Auch mit den ehebrecherischen Gefühlen ihres Mannes für eine andere Frau ist sie völlig zufrieden (wodurch diese Situation für Cora und Will umso tragischer wird). Ihre geistige Verwirrung, eine Art Euphorie, die angeblich bei Tuberkulose-Patienten im Endstadium vorkommt und die mit gesteigerter kreativer Produktivität in Verbindung gebracht wird, verwandelt sie von der Kranken in eine poetische Märchen- oder Heiligengestalt. Blau ist ja auch die Farbe der Jungfrau Maria. Vom pathetischen Leiden der armen schwindsüchtigen Kameliendame ist bei Stella Ransome nichts mehr übriggeblieben. Unheimlich ist diese völlig glücklich Sterbende natürlich trotzdem – eine kleine Reverenz an Dracula, wie ich finde, und die Vampirbraut Lucy.

Prosaisch nenne ich Stellas Version der femme fragile deshalb, weil sie bei der Untersuchung im Krankenhaus einfordert, die Tuberkulosebakterien aus ihrem blutigen Auswurf selbst unter dem Mikroskop betrachten zu dürfen. Diese Szene hat beinahe etwas Lustiges – die mythische Krankheit Tuberkulose wird durch die Analyse unter dem Mikroskop entzaubert. Die Aufklärung macht auch vor der poetischen Schwindsucht keinen Halt.

Fazit

Die Schlange von Essex kann als reines Unterhaltungswerk gelesen werden, das mit einer Vielzahl ungewöhnlichen Charaktere überrascht, die aus ihrer Zeit fallen. Aber auch auf intellektueller Ebene hat der Roman Einiges zu bieten: Er zitiert Klassiker der Weltliteratur (allein die erste Begegnung von Cora und Will erinnert schon sehr an Jane Eyre!), schreibt aber klassische Motive um und vermittelt nebenbei Wissen über zeitgenössische Diskurse, zum Beispiel den Darwinismus, Medizin, Chirurgie, Paläontologie, Theologie, Politik und die Stadtgeschichte Londons. Das muss man erst einmal nachmachen!

Bibliographischer Nachweis:

Perry, Sarah: The Essex Serpent, London: Serpent’s Tail 2016.

Deutsche Ausgabe: Perry, Sarah: Die Schlange von Essex, Frankfurt/Main: Eichborn 2017.

Referenzen zur Kulturgeschichte der Tuberkulose:

https://www.rnz.de/kultur-tipps/kultur-regional_artikel,-Kultur-Regional-Tuberkulose-Archiv-Heidelberg-zeigt-die-Geschichte-der-Schwindsucht-_arid,179465.html
(aufgerufen am 7.11.2017)

http://medhum.med.nyu.edu/view/17093
(aufgerufen am 7.11.2017)

Noch nicht genug? Weitere Rezensionen zu Die Schlange von Essex:

Rezension bei „Buchstabenträumerei“

Rezension bei „Bellas Wonderworld“

Rezension bei „Nicoles Bücherwelt“

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7 Gedanken zu „Die Schlange von Essex: Nostalgie trifft Moderne

  • Pingback: Die Schlange von Essex - Sarah Perry | Lovely Mix

  • November 19, 2017 um 6:03 pm
    Permalink

    Hey,

    was für ein wunderbarere Beitrag zu diesem Buch! Ich hatte für meine Rezension Schwierigkeiten dieses Buch in Worte zu fassen, dir ist das hier definitiv perfekt gelungen! In Deutschland wurde/wird das Buch ja als Liebesgeschichte vermarktet, deswegen war ich erst skeptisch. Aber glücklicherweise ist es ja nicht so wirklich eine 😀

    LG
    Lena

    Antworten
    • November 22, 2017 um 7:51 am
      Permalink

      Hallo Lena,
      vielen Dank! Das Buch war aber auch eine Steilvorlage für mich mit dem Décadence-Thema 🙂
      Ich hab es gekauft, als ich völlig frustriert auf einem überfüllten Londoner Flughafen auf einen verspäteten Flug warten musste und dachte mir so „Naja, n bisschen historische Liebesgeschichte kann ja jetzt auch nicht schaden.“ Und dann war es sooo gut!
      LG und bis bald!

      Antworten
  • November 13, 2017 um 9:37 pm
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    Das Buch habe ich schon lange im Blick und nun ist es auf der Wunschliste ganz weit nach vorne gerückt 🙂

    Antworten
  • November 10, 2017 um 8:52 pm
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    Danke für die Rezension! Ich hatte das Buch jetzt ein Weilchen im Auge als Geschenk für jemanden in der Familie und war selbst ein bisschen interessiert; auch wenn es für mich bis dato nach einer reinen Liebesgeschichte klang und die so überhaupt nicht meins sind. So klingt das aber noch mal deutlich besser! Da muss wohl auch ein Exemplar für mich bei rausspringen.

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  • November 10, 2017 um 5:00 pm
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    Ohhh wow! Das Buch muss ich haben! Jetzt! Sofort! argh wo ist der nächste Buchladen :D. Das klingt ja genau nach meinem Geschmack Unterhaltung, lernen, intelektuelle und gar nicht das was man erwartet, was will man mehr :D. Und bei dir kann ich mich ja eh verlassen, wenn du es liebst, ist die Wahrscheinlichkeit ja sehr groß, dass es mir auch taugt.

    glg Franzi

    Antworten
  • November 9, 2017 um 8:30 pm
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    Juchu Anitheldin is back! Und dann auch noch mit so einem tollen Beitrag 🙂
    Ich kann verstehen, warum du länger nichts gepostet hast. Ich komme in letzter Zeit auch nicht so viel zum Bloggen.
    Danke für die interessante Buchbesprechung. Ich hatte „die Schlange von Essex“ schon länger im Auge, aber ich zögerte ein bisschen das zu kaufen, weil ich nicht so der Fan von Liebesgeschichten bin. So wie du das beschrieben hast klingt das aber nach etwas das mir gefallen könnte.

    LG
    Elisa

    Antworten

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