Femme fatale: Kein Sex, nur Freiheit, bitte!

„Carmen“ ist der berühmteste Prototyp, sie wurde von Nicole Kidman, Eva Green, Marlene Dietrich und Penelope Cruz gespielt und kam schon bei Homer unter dem Namen Sirene vor: Gemeint ist die femme fatale, der berühmte Frauentypus des Vamps. Alles olle Kamellen? Nein, es gibt auch heute noch interessante Neuauflagen der „Männerzerstörerin“! Eine Liste meiner liebsten femme-fatale-Vertreterinnen.

Wir kennen es alle, das männerzerstörende Weib aus dem Melodram oder dem Thriller: Die femme fatale ist ein sehr altes literarisches Motiv, das einer ambivalenten Männerfantasie entspringt. Denn in ihr vermischen sich die Attribute Verführung und Bedrohung auf reizvolle Weise. Im Laufe der Kulturgeschichte erlebte sie immer wieder Hochkonjunkturen, zum Beispiel zum Fin-de-Siècle (Oscar Wildes Salomé, die Vampirinnen in Dracula) oder im Film noir der vierziger Jahre. Mit sexuellen Reizen versucht diese Frauenfigur stets, von den Männern zu bekommen, was sie will. Für sie selbst ist der Sex aber nur ein Mittel zum Zweck, sie wird meist als kalt und berechnend beschrieben.

Heute noch interessante Frauenfigur?

Sogar heute geistert sie noch genug durch Hollywood (siehe Sin City 2: A Dame to Kill for oder The Dark Knight Rises) und ist, wenn wir ehrlich sind, schon ziemlich abgedroschen. Aber es gibt noch heute interessante Interpretationen dieses Typus, und sogar Männerfiguren, die dieses weiblich konnotierte literarische Motiv für sich einnehmen (siehe Kilgrave in Staffel 1 von Jessica Jones). Der mitreißendste Ur-Typus der femme fatale ist für mich aber Carmen, darum vorab noch schnell ein Abriss, warum sie nie aufhört, mich zu faszinieren.

Die Mutter aller femmes fatales: Carmen

Carmen, und vor allem ihre Interpretation in der gleichnamigen Oper von Georges Bizet, ist das berühmteste Beispiel für eine Frauenfigur als Verkörperung von roher Naturgewalt. Sie ist Zigeunerin und lebt mit einer Gaunerbande unter freiem Himmel.

Carmen Symbolbild
© Pixabay

Ihrer starken erotischen Anziehungskraft verfallen die Männer reihenweise. Sie aber ist sprunghaft und liebt heute den, morgen einen anderen. (siehe Erkennungs-Arie „Habanera“ bei Bizet: „Si tu ne m’aimes pas, je t’aime, et si je t’aime, prends garde à toi!“) Diesen absoluten Freiheitswillen kann auch ihr eifersüchtiger Lover Don José nicht brechen. In einem grandiosen Finale der Oper versucht er, sie zu beschwören, es noch einmal mit ihm zu versuchen (nachdem er Soldatenehre und Familie für sie aufgegeben hat). Sie lehnt ab, obwohl sie weiß, dass sie dem Tode ins Auge sieht. Während Don José Carmen ersticht, wird in der Arena im Hintergrund ein Stier vom Torero erlegt. Eine dramatische Verschränkung von Handlungselementen, bei der die Frage aufgeworfen wird: Ist Carmen das Opfer wie der Stier? Oder ist es Don José?

Interessant finde ich hier auch, dass nicht Carmens Zerstörungshunger die Männer in den Ruin treibt, sondern ihr Freiheitsdrang. Sie kann sich letztendlich keinem Mann anpassen. Daher wird ihr ihre körperliche Anziehungskraft zum Verhängnis.

Femmes fatales in der Literatur

Mrs. Coulter aus der His Dark Materials-Reihe (Philipp Pullman)

Gerade höre ich die His Dark Materials-Reihe auf Audible und finde es fantastisch! Mrs. Coulter ist hier die große Gegenspielerin von Protagonistin Lyra (schon toll, dass gleich zwei weibliche Figuren die wichtigsten Rollen einnehmen!). Mrs. Coulter erfüllt alle erforderlichen Kriterien für den Typus femme fatale: Diskrepanz zwischen äußerer Schönheit und innerer Bosheit, der Einsatz von sinnlichen Reizen, um Macht zu erlangen, ihren ersten Ehemann hat sie ins Verderben gestürzt usw.

Eine tolle Abwandlung vom typischen femme-fatale-Handlungsschema ist aber, dass die verschlagene Mrs. Coulter im Goldenen Kompass zuerst als Verführerin von Kindern, als Kinderfängerin, in Erscheinung tritt. Sie versucht, auch Lyra um den Finger zu wickeln, die sich zunächst vollkommen von ihr einnehmen lässt. Eine so intelligente Frau, die auch noch so schön ist, hat Lyra noch nie gesehen.

Mrs Coulter ist eine Karrieristin. Sie möchte in der Hierarchie der Kirche aufsteigen und dafür unschuldige Kinder entführen lassen und missbrauchen. Der typischen femme fatale liegt nur daran, möglichst viele Männer von sich abhängig zu machen und in den Ruin zu treiben.

Rebecca aus dem gleichnamigen Roman (Daphne DuMaurier)

Der tolle erzählerische Kniff bei Rebecca ist, dass die eigentliche Protagonistin schon tot ist, bevor die Handlung einsetzt. Die Ich-Erzählerin heiratet ihren Witwer und muss dann einsehen, dass Rebecca noch immer ihr Haus, ihre Diener und ihren Ehemann beherrscht. Dabei ist besonders die strenge Haushälterin Mrs. Danvers ihrer alten Herrin noch hörig. In dem riesigen gotischen Herrenhaus Manderley beginnt für die neue Mrs. de Winter ein Spießrutenlauf. Sie kann mit der Eleganz und natürlichen Autorität ihrer Vorgängerin nicht mithalten, und Ihr Mann hegt noch immer eine Hassliebe für seine verstorbene Frau, deren Faszination sich zu Rebeccas Lebzeiten niemand entziehen konnte.

Ähnlich wie Carmen steht Rebecca letztendlich weniger für Zerstörungswut durch ungezügelte Sexualität, sondern mehr für einen ungebrochenen weiblichen Freiheitsdrang. Denn auch nach der Aufklärung von Rebeccas Tod (die ich hier nicht verraten werde) bleibt die Frage: Was darf ein Ehemann seiner Frau antun? Fühlte sich Rebeccas Gatte vielleicht von ihrer Stärke in seiner Männlichkeit bedroht?

Femmes fatales aus Film und Serie

Amy aus Gone Girl (David Fincher)

Amy Elliott Dunne ist (zumindest in der Romanverfilmung) die psychopathische Version einer femme fatale, die zu extremen Mitteln greift, um sich an ihrem Ehemann zu rächen. So überspitzt und übertrieben diese Darstellung auch sein mag – es handelt sich dabei eigentlich um die Männerfantasie der „starken Frau, die weiß, was sie will“, die ins Alptraumhafte umkippt. Amys Monolog über die männliche Vorstellung vom „cool girl“ sagt alles aus, ich zitiere aus dem Film:

„Cool girl. Men always use that, don’t they, as their all defining compliment. Cool girl is hot, cool girl is game, cool girl is fun, cool girl never gets angry at her man. She only smiles in a chagrinned loving manner and then presents her mouth for fucking.“

Darum geht es bei Gone Girl: Jeder macht sich eine Idealvorstellung von seinem Partner, und wenn das Zusammenleben unter diesen künstlichen Bedingungen nicht mehr funktioniert, schlägt die vorherige Begeisterung für die „perfekte Beziehung“ in Rachsucht um. Amy ist dabei die femme fatale, die sich hinter der Fassade der Mittelstands-Ehefrau im amerikanischen Vorort versteckt.

Svetlana aus Babylon Berlin (Tom Tykwer u.a.)

Diese Frauenfigur hat es mir besonders angetan. Sie ist in der Serie Babylon Berlin nur eine Nebenfigur, besticht aber mit ihrer kalten Entschlossenheit und ihrer Ambivalenz. Denn obwohl sie wieder alle femme-fatale-Kriterien erfüllt, entspricht sie optisch gar nicht dem Klischee. Sie ist keine vollbusige Traumfrau mit Wallemähne und Schmollmund. Svetlana kommt männlich-asketisch daher. Ihr Körper hat kaum weibliche Rundungen, ihr Haar trägt sie extrem kurz und nach männlicher Mode der Zeit eng an den Kopf gekämmt. Trotzdem hat die geheimnisvolle Russin einen Schwarm männlicher Verehrer, die sich bereitwillig für sie opfern – auch, weil sie sie geschickt manipuliert. Das Spiel mit der Verdrehung von herkömmlichen Männerfantasien wird auf die Spitze getrieben, als der Zuschauer miterlebt, wie Svetlana als Transvestit mit Anzug und angeklebtem Schnurrbart in einem Nachtclub als Sänger auftritt. So gesehen ist diese femme fatale noch viel konsequenter als ihre Namensschwestern: Sie trägt den heimlichen Wunsch der Männer, sich einem starken „Mannweib“ zu unterwerfen, mit ihrer Kostümierung nach außen.

Holt euch hier noch einen ersten Eindruck von Svetlana und der Serie:

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4 Gedanken zu „Femme fatale: Kein Sex, nur Freiheit, bitte!

  • Pingback:Spinster Girls Teil 1 – Young Adult trifft Feminismus | Ant1heldin

  • 6. März 2018 um 10:07 pm
    Permalink

    Hallo Sabine,

    ein sehr toller Beitrag! Ich habe mir zuvor noch nicht so wirklich Gedanken zu dem Thema gemacht, aber da ich dieses Jahr noch „Carmen“ und auch „Rebecca“ lesen möchte,bin ich froh, deinen Beitrag gesehen zu haben!

    Liebe Grüße,
    Pia

    Antworten
    • 8. März 2018 um 8:18 am
      Permalink

      Hey Pia,

      super, das freut mich! Ich glaube, die „Carmen“-Novelle hab ich nie gelesen 😉 Aber ist sicher gut, berichte doch mal.
      Die Oper möchte ich dir natürlich auch ans Herz legen. Ist auch für Nicht-Klassik-Fans super, keine Minute langweilig.

      LG, Sabine

      Antworten
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