Westworld: Auf der Suche nach weiblichem Bewusstsein

Eine knallharte Zivilisationskritik in Form von vergewaltigten, verstümmelten Robotern: Die Serie Westworld erzählt von einem Vergnügungspark, in dem die menschlichen Gäste ihre niedrigsten Triebe an den künstlichen Gastgebern ausleben. Bis zwei Roboterfrauen beginnen, aufzubegehren. Mein Eindruck von der gehypten Science-Fiction-Serie, die es wagt, einen Emanzipationsprozess von weiblichen Robotern zu beschreiben, dabei aber nicht immer klischeefrei vorgeht. Keine Angst, ich versuche, Spoiler weitestgehend zu vermeiden und nur Andeutungen zu machen.

Endloser Spaß und keine Konsequenzen – das ist das Prinzip von „Westworld“, einem Theme Park in Wildwest-Optik, der in der gleichnamigen HBO-Serie in nicht allzu ferner Zukunft die Besucher einlädt, sich so richtig auszutoben – auf blutigste Art und Weise.

Westworld: Erzählt aus Sicht der Robotersklaven

Spannend für mich an Westworld war nicht nur das geniale Mash-Up aus Science-Fiction und Western, sondern auch die konsequente Parteinahme für die Androiden. In Ex Machina, Blade Runner oder auch Matrix erleben wir als Zuschauer nur, wie sich die Menschen mit den Maschinen auseinandersetzen, versuchen, sie einzuschätzen, ihre Ängste und Wünsche auf sie projizieren. Bei Westworld hat sich das Verhältnis umgedreht: Von einer Furcht vor der künstlichen Intelligenz kann hier keine Rede mehr sein. Im Gegenteil, die unschuldigen Roboter sind die Helden, sie, die nicht wissen, dass sie keine Menschen sind und die jeden Tag aufs Neue gequält, danach repariert und wieder in den Park eingeschleust werden. Die zynischen Parkleiter (allen voran Parkerfinder Dr. Robert Ford, gespielt von Anthony Hopkins) und die amoklaufenden Besucher sind fast durchgängig ihre moralisch verkommenen Gegenspieler. Während die Besucher in ultra-authentischem Wildwest-Setting morden, vergewaltigen und foltern, spielt das ironische Honky-Tonk-Klavier im Saloon moderne Hits wie „No Surprises“, „The House of the Rising Sun“ und „Back to Black“. Schonungsloser kann man die Funktion von Robotersklaven nicht darstellen. Es gibt keine romantische Verbrämung der Beziehung zwischen Mensch und Maschine mehr, wie sie sich z.B. der junge Wissenschaftler Caleb in Ex Machina vorspiegelt.

Unendlicher Spaß im Macho-Paradies

Die Gewalt an den täuschend menschlich aussehenden Robotern ist in der Serie alltäglich, passiert beinahe beiläufig (Gäste machen z. B. Urlaubs-Selfies mit den blutüberströmten „Leichen“ von Robotern). Die Kritik an unserer Spaßgesellschaft wird überdeutlich, ebenso die Kritik an der nicht erst seit Trump wieder massiv erstarkenden Macho-Mentalität der Amerikaner. Nicht umsonst wurde das Western-Genre zum alleinigen Schauplatz der Handlung erklärt (im filmischen Vorbild aus den 70ern hatte der Themenpark auch noch eine Mittelalter- und eine Antikenwelt). Westworld zeigt die niedrigsten Triebe auf, die im modernen Menschen schlummern, und benennt sie vor allem als männliche Machtfantasien des Herumballerns und Herumhurens.

Sexismus-Kritik in Westworld?

Da liegt es nahe, der Serie eine Sexismus-Kritik zu unterstellen. Die prominenten Opfer in der Serie sind vor allem weibliche Roboter (obwohl auch jede Menge männliche Roboter abgeknallt, verstümmelt und sogar vergewaltigt werden). Die Androiden werden in der Serie als „Hosts“, also „Gastgeber“, bezeichnet, während die Menschen die Outsider sind, die in die idyllisch-überzeichnete Wildwestromantik brutal eindringen. Eine Allegorie zur stereotypen Auffassung von Männlichkeit (das Dominante) und Weiblichkeit (das Empfangende, Passive) drängt sich dadurch auf. Es bleibt aber die Frage, ob sich die Serie mit der Darstellung von weiblichem Leid begnügt oder auch tatsächliche Entwicklungen von weiblichen Charakteren beschreibt.

Dolores und Maeve: Vom Opfer zur Selbstbestimmtheit?

Die beiden Protagonistinnen beginnen zu begreifen, dass etwas mit ihrer Realität nicht stimmen kann. Es sind Dolores (Evan Rachael Wood), die unschuldige Farmerstochter, und Maeve (Thandie Newton), die Zuhälterin in der Westernstadt Sweetwater. Sie stellen die zwei Pole der Fantasie von Weiblichkeit dar, die sich die Parkbesucher vom idealisierten Wilden Westen machen: Die holde Maid, die vor Desperados oder „Wilden“ gerettet werden muss, und die Prostituierte im Saloon, die stets sexuell verfügbar ist (und damit letztendlich auch nur ein Opfer). Können sie aus ihren vorgegebenen Rollen ausbrechen?

Die Emanzipation der weiblichen Roboter in Westworld

Was gehört zur Emanzipation von Robotern in Science-Fiction-Filmen? Zwei Dinge gehören für mich unbedingt dazu: Die Entwicklung von Selbstbewusstsein im wörtlichsten Sinn, also die Kenntnis von der eigenen Künstlichkeit (wie sie die künstliche Frau aus Blade Runner: 2049 z.B. nicht erlangt) sowie die Entwicklung von freiem Willen – gut dargestellt an der entschlossen handelnden Ava in Ex Machina. Diese beiden Parameter möchte ich zur Grundlage meiner Analyse machen, ob sich die beiden Roboterfrauen Dolores und Maeve von ihren Erschaffern emanzipieren oder nicht.

Die Selbsterkenntnis von Dolores und Maeve

Die liebliche Dolores schafft es lange nicht, aus dem ewigen „story loop“ ihres weiblichen Martyriums auszubrechen. Das verrät übrigens schon ihr Name, der auf die „mater dolorosa“, die schmerzensreiche Mutter Gottes, anspielt und dadurch ein Bild von Weiblichkeit des stummen Ertragens entwirft. Sie wird immer wieder Opfer von (sexueller) Gewalt und Verrat. Am nächsten Morgen ist sie wieder, ganz nach Plan, die gutgläubige „damsel in distress“. Das hält selbst an, als sie zu begreifen beginnt, dass es mehr geben muss als ihre Heimat, dass eine Welt außerhalb ihrer eigenen existieren muss. Der Schmerz verhilft ihr trotzdem (lange nicht) zur Erkenntnis über das brutale Spiel, in dem sie gefangen ist. Selbst am Ende bleibt es unklar, ob sie sich ihrer eigenen Künstlichkeit jemals bewusst wird (wie seht ihr das? Gerne kommentieren.).

Maeve erfährt in einer der ersten Folgen mit einem Schockmoment, dass ihre Welt künstlich erschaffen und sie selbst kein echter Mensch ist. Bei ihr wird diese Selbsterkenntnis ganz stark mit der Entwicklung von Bewusstsein verknüpft, stärker als bei Dolores. Traumatische Erinnerungen aus früheren Plots, die eigentlich aus Maeves Gedächtnis gelöscht sein sollten, suchen sie in Albträumen heim. Sie schafft es also ziemlich schnell, der harten Realität ins Gesicht zu schauen. Bei Dolores ist dieser Prozess beinahe ermüdend langsam und bleibt selbst dann uneindeutig.

Entwickeln Maeve und Dolores einen freien Willen?

Obwohl Maeve in der ganzen Serie die entschieden aktivere Figur ist, wird ihr freier Wille dennoch von der Serie in Frage gestellt. Der Roboter-Entwickler Bernard deutet in einer Szene an, dass selbst Maeves aufkeimender Widerstand von den Parkmachern vorgegeben ist. Was bleibt dann noch übrig von Maeves Emanzipation? Die einzige Regung, die Maeve als Entscheidung ihres freien Willens zugestanden wird, ist ihre Mutterliebe. Maeves kleine Tochter wurde in einem anderen Handlungsstrang ermordet, was Maeve trotz der Bemühungen der Westworld-Techniker nicht vergessen kann. Diese Zuschreibung von Mütterlichkeit auf eine ansonsten ziemlich rücksichtslose Figur fand ich doch relativ konservativ.

Dolores hingegen entwickelt ihren Drang zur Selbstbestimmung beinahe traumwandlerisch und unbeabsichtigt. Selbst, als sie sich der realen Natur ihrer Welt noch nicht bewusst ist, fordert sie bereits ihre eigene Entscheidungsgewalt (zum Beispiel in der Szene, als zwei Parkbesucher darüber streiten, ob man sie aus Westworld befreien sollte). Man könnte daher (im Licht der gesamten Ereignisse von Staffel 1) diskutieren, ob die ewig leidende Dolores nicht doch die emanzipiertere Frauenfigur ist.

Fazit

Die Serie Westworld hat tolle Ambitionen, ihre weiblichen Roboter als eigenständige Wesen zu entwickeln, ertränkt aber doch Vieles in HBO-typischer Effekthascherei: Gewaltexzesse an und durch Frauenfiguren, die melodramatisch leidende Dolores und ein durch und durch sadistischer Parkerfinder sind nur einige Beispiele. Die Charaktere bleiben leider oft eindimensional, können nur „damsel in distress“ oder schlichtweg „bad ass“ sein. Die Serie gehört trotzdem zur intelligentesten Unterhaltung der letzten Jahre. Ich würde gerne noch so viel mehr schreiben, zum Beispiel über die zahlreichen literarischen und filmgeschichtlichen Anspielungen in Plot und Dramaturgie, das würde aber hier zu weit führen. Was meint ihr? Seid ihr mit der Darstellung von Frauenfiguren bei Westworld zufrieden?

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12 Gedanken zu „Westworld: Auf der Suche nach weiblichem Bewusstsein

  • Pingback:Fremdgeträumt #2 | Gedankenfunken

  • 6. März 2018 um 10:51 pm
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    Toller Artikel 🙂 Interessanterweise war es aber Maeve, die einen freien Willen entwickelte, da in ihrer Storyline „infiltrate mainland“ stand, während Dolores den großen Wyatt-Loop ausführte. Wurde mittlerweile auch von den Produzenten bestätigt.

    Antworten
    • 8. März 2018 um 8:19 am
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      Hi!
      Öhm mir ging es ja darum, dass die Figuren von ihren vorgegebenen Storylines abweichen (als Folge von eigenem Bewusstsein). Wie kann es dann Maeves freier Wille sein?
      Danke für deinen Kommentar!

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  • Pingback:Fremdgeträumt #2 | All meine Träume

  • 18. Februar 2018 um 6:58 am
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    Moin,

    ich bin über das #litnetzwerk auf Deinen schönen Blog gestoßen – und ich muss sagen, es gefällt mir richtig gut hier! Folge Dir nun auf Twitter.

    Ich liebe Westworld. Habe es vorletztes Jahr im Original gesehen und war fasziniert vom Plot. Klar war die Serie sehr gewalttätig, aber ich fand die Frauenfiguren sehr stark in der vorgegebenen Umgebung…

    Ich wünsche Dir noch einen wunderschönen Sonntag und morgen einen guten Wochenstart!

    Herzliche Grüße von meinem Lieblingsleseplatz,
    Verena

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    • 18. Februar 2018 um 10:03 am
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      Hey Verena,
      freut mich, dass dir mein Blog gefällt! Da werde ich gleich mal bei dir vorbei schauen.
      Jaaa, aber es gibt ja schon Einschränkungen, zb dass Maeves Entscheidungen nur vorgegeben sind (will jetzt für andere nicht zu viel spoilern…)
      Dir auch einen schönen Sonntag!
      LG, Sabine

      Antworten
  • 16. Februar 2018 um 8:55 pm
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    Toller Beitrag, mal wieder 🙂 Habe mit deinen Beiträgen eigentlich sowieso nur ein Problem: Sie sind zu selten!
    Jedenfalls eine interessante Annäherung an „Westworld“. Das Thema freier Wille wurde ja auch in vielen Kritiken zum Start der Serie angesprochen und hat mich fasziniert. Ich will die Serie deshalb schon ewig gucken. Aber leider wird sie bisher nicht auf Netflix gestreamt. Da heißt es also weiter warten.

    Antworten
    • 17. Februar 2018 um 6:54 pm
      Permalink

      Hey, vielen Dank! Jaaaa, ich bin auch unglücklich und unzufrieden damit, dass ich nicht mehr für meinen Blog tun kann. Alle zwei Wochen was veröffentlichen ist derzeit das Maximum. Mit Vollzeitjob geht leider nicht mehr, wenn ich noch durchschnaufen und ein Privatleben haben will. Aber auf lange Sicht muss ich mir da ne Lösung einfallen lassen.
      Schön, dass du dir Westworld anschauen willst! Das gibt’s auch auf Sky Ticket, kannst du dir ja für ne kurze Zeit holen und dann wieder kündigen. 😉 Es lohnt sich!

      Antworten
  • 1. Februar 2018 um 5:12 pm
    Permalink

    Wieder einmal finde ich deinen Beitrag sehr durchdacht geschrieben! ^^ Das gefällt mir wirklich gut und ich kann mich deiner Kritik nur anschließen. Der Realitätsbezug ist mir zwar nicht ganz so sehr aufgefallen wie du ihn hier beschreibst, aber dein Beitrag verdeutlicht das sehr gut und ich kann mich dem daher auch nur anschließen. Und das mit der Emanzipation und den flachen Charakteren finde ich sehr interessant und vielleicht ist es gerade das, was mich an Dolores und Maeve gestört hat. Einmal, dass Dolores nicht so aktiv gegen die Umstände und diese Welt gekämpft hat wie Maeve und bei Maeve, dass ihr Charakter trotz allem ein wenig zu blass und einseitig bleibt. Warten wir also einfach Staffel zwei ab 🙂 Vielleicht entwickelt sich da noch was!

    LG
    Hanna

    Antworten
    • 1. Februar 2018 um 8:32 pm
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      Hey Hanna,
      ja ich bin auch schon so gespannt auf Staffel 2!
      Ja alle Figuren sind ein bisschen flach, aber das ist nunmal HBO, fürchte ich. Aber ich habe mich trotzdem sehr gut unterhalten gefühlt, gerade weil man sich gruselt weil das ganze Park-Konzept gar nicht so weit hergeholt erscheint.
      Danke für deinen Kommentar!

      Antworten
  • 1. Februar 2018 um 4:48 pm
    Permalink

    Hallo Sabine,
    ich finde deine Überlegungen wirklich interessant. Ich muss gestehen, dass ich Westworld nie geschaut habe und das vermutlich auch nicht tun werde, dann alles was ich darüber höre, klingt so heftig, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich danach noch ruhig schlafen könnte. Ich bin da bei Bewegtbild erstaunlich (über-)ängstlich.
    Was ich mich jedoch die ganze Zeit gefragt habe: Können sich Maschinen überhaupt emanzipieren im einem klassischen Sinne? Müsste ihre Emanzipation nicht weniger eine Entscheidungsgewalt als vielmehr ein Loslösen von von ihren Schöpfern (=Menschen) eingeimpften, tja, ich weiß auch nicht, vielleicht Denkweisen sein? Wie du bei Maeve schreibst, ist ja selbst ihr Wille zu Widerstand eingeimpft, um bestimmte Bedürfnisse von Menschen zu befriedigen. Zwar wäre künstliche Intelligenz fähig zu Weiterentwicklung, aber wenn ich dich richtig verstanden habe, dann werden die Roboter jede Nacht neu „justiert“?
    Ich muss sagen, dass ich künstliche Intelligenz bisher aber auch eher als im Hintergrund gehalten und körperlos wahrgenommen habe, nicht in einzelnen, eigenständig handelnden Figuren (Ich denke da zum Beispiel an Filme wie Tranzendenz mit Johnny Depp).
    VG Jennifer

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    • 1. Februar 2018 um 8:24 pm
      Permalink

      Hi Janine,
      das ist eine interessante Frage, die du aufwirfst. Also die Hosts in Westworld wurden so konzipiert, dass sie menschliche Reaktionen und Gefühle nachahmen können. Innerhalb ihrer Skripts (also ihrer Rolle, die sie spielen müssen) können sie sogar ein bisschen improvisieren. Wenn sie innerhalb ihrer Story getötet werden, wird ihr Körper repariert und ihr Gedächtnis (also ihre Festplatte) gelöscht, sodass sie wieder neu und unverbraucht sind.
      Den Willen zu entwickeln, aus ihrem Skript auszubrechen, halte ich daher für entscheidend für die Emanzipation von ihren „Machern“. Und dafür braucht es vorher irgendeine Erkenntnis, dass sie gesteuerte Wesen sind. Ist das nicht das, was du mit „aus der Denkweise ausbrechen“ meinst?
      Über Maeve will ich hier nichts mehr schreiben, um nicht zu spoilern 😉
      Aber schau dir die Serie unbedingt an! Es ist zum Teil hart und es spritzt Blut, aber es sind keine Folterszenen zu sehen oder so. Die Gewalt ist sogar eher wie bei Tarantino total überzeichnet und dadurch „künstlich“.
      Die Erzählweise ist sehr romanhaft (alle wichtigen Figuren werden ausführlich eingeführt, Spannung steigt langsam) und es gibt zig Verweise und Anspielungen, auf Shakespeare, auf Frankenstein, auf berühmte Western wie Spiel mir das Lied vom Tod. … Ein Fest für Literatur- und Filminteressierte!

      Antworten

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