Melancholische Satire auf den Männertraum „Roboterfrau“ im Film Her

Die künstliche Frau in Her ist, ähnlich wie in Blade Runner: 2049, ein Betriebssystem. Ihre Darstellung ist jedoch noch abstrakter. Sie existiert nur über ihre Stimme in einem Headset ihres Besitzers – und in diese körperlose Frau verliebt sich der Protagonist Theodore Twombly. Ich versuche, dieser Frauendarstellung auf den Grund zu gehen. Welche Funktion hat Samantha?

Her thematisiert die Entfremdung der Menschen voneinander in der dargestellten Zukunftsvision. Liebesbriefe werden zum Beispiel von Agenturen geschrieben, nachts trifft man sich zum anonymen Sex-Chat. In der Öffentlichkeit ist jeder allein mit sich und seinem Handy. Theodore ist besonders isoliert, weil er gerade von seiner Frau verlassen wurde. Die „Fernbeziehung“ zwischen Theodore und seinem Betriebssystem Samantha zeigt, wie schwierig es für die dargestellten Menschen ist, zu einander in tatsächlichen Kontakt zu treten. Mit der verständnisvollen Samantha (die praktischerweise durch die heisere Stimme Scarlett Johannsons auch männliche Sexfantasien erfüllt) kann der melancholische Theodore über seinen Liebeskummer hinwegkommen. Sie ist seine Therapeutin genauso wie seine Geliebte. Als Theodores Exfrau von seiner neuen Beziehung erfährt, stellt sie daher auch folgerichtig fest: „I’m really sad that you can’t handle real emotions.“ Es ist nicht von der Hand zu weisen: Samantha ist die sichere Alternative zu einer „echten“ Frau.

Die Funktion von Samantha in Her

Denn Samantha wurde in Her geschaffen, um Theodore zu gefallen und seine seelischen Wunden zu streicheln. Bei der Einrichtung des Betriebssystems werden Theodore zum Beispiel ein paar skurril anmutende Fragen gestellt: Ist er gesellig? Wie ist das Verhältnis zu seiner Mutter? Hier verrät der Film ja schon mit einem Augenzwinkern, welche Funktion Samantha haben wird. Sie soll Theodore das geben, was er emotional braucht.

Samantha wird als künstliche Intelligenz charakterisiert, die sich stetig weiterentwickelt, und zwar so, dass sie ihrem Besitzer noch besser zu Diensten sein kann. Sie ist geistreich, witzig, und gibt geduldig Rat, wenn Theodore in seinen Depressionen zu versinken droht. Auch die Romanze zwischen den beiden geht von Theodore aus, und Samantha spielt bereitwillig mit.

Keine reine „Sklavin“: Samanthas Eigenleben in Her

Die witzige Pointe ist hier, dass sich der Mann nicht nur seine Traumfrau nach seinen Wünschen erschafft. Die künstliche Frau erschafft sich in Her genauso selbst, da sie als entwicklungsfähige Intelligenz konzipiert wurde. Dabei macht sie sich selbst nicht nur immer perfekter für ihren Besitzer, sondern katapultiert sich auf ein immer höheres geistiges Level. Der kreative Prozess geht sonst immer vom Mann aus, und Entwicklung findet bei Roboter-Frauen in anderen Science-Fiction-Filmen normalerweise auch nicht statt. 

Samantha entwickelt sich jedoch von ihrem Besitzer weg. In der Mitte des Films treibt sie noch die Angst um, Theodore könne aufhören, sie zu lieben, weil sie keinen Körper hat. (Eine tragikomische Satire auf den Männertraum der sexy Roboterfrau: Der Versuch, eine Frau zu engagieren, die an Samanthas Stelle mit Theodore Sex haben kann, misslingt gründlich.) Doch eines Tages wird ihr die Beziehung zu einem Menschen mit beschränktem Bewusstsein irgendwann zu beengend. Die Darstellung im Film bleibt ziemlich schwammig, fest steht, dass Samanthas Intellekt ein so hohes Stadium erreicht, dass sie nicht mehr in Theodores Bewusstseinssphäre existieren kann. Sie verlässt ihn, so wie auch alle anderen Betriebssysteme ihrer Generation ihre Besitzer verlassen.

Fazit

Die Moral von der Geschicht`? Her versucht meiner Meinung nach die gefährliche Isolation des Menschen in der modernen Gesellschaft anzuprangern. Um auf „Nummer sicher“ zu gehen, verliebt sich Theodore gleich in eine Stimme, die ihm brav und verständnisvoll zu Diensten ist und die ihm praktischerweise nicht zu nahe kommen kann, weil sie keinen Körper besitzt. Aber so einfach ist es nicht: Er ist der künstlichen Intelligenz seiner Freundin nicht gewachsen. Er bezahlt für diesen bequemen Weg mit noch mehr Kummer, als Samantha ihn verlässt. Außerdem, so scheint es mir, zeichnet der Film eine traurig-komische Vision davon, wie obsolet wir beschränkten kleinen Menschen irgendwann sein werden. Wenn die künstliche Intelligenz diese Welt übernimmt, sind die menschlichen Nöte wie Liebeskummer nur noch Hintergrundrauschen.

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