Weibliche Roboter: Wunsch- und Feindbilder in Film und Serie

Habt ihr es auch schon gemerkt? Immer, wenn weibliche Roboter in einem Science-Fiction-Film vorkommen, entsprechen sie dem männlichen Wunschbild der treuen Dienerin und sexy Bettgefährtin. Mich hat interessiert, warum das so ist, und ob es auch weibliche Androiden in der Filmgeschichte gibt, die diesem Stereotyp nicht entsprechen. Ein kleiner Blick auf die Kulturgeschichte und die Gendertheorie der Roboter.

Unter den Eindrücken der Filme Blade Runner: 2049 und Ex Machina ist mir die Idee gekommen, die Darstellung von weiblichen Robotern im Film zu beleuchten. Denn in 99 Prozent der Fälle dreht es sich bei Science-Fiction-Filmen, in denen weibliche Roboter vorkommen, immer um einen männlichen Erschaffer, Mentor oder Besitzer und eine Maschine, die nach dem Vorbild menschlicher Frauen konstruiert wurde. Nie kommt eine Erschafferin vor, nie ein männlicher Zögling.

Stets ist es der Mann, der seine sexuellen und romantischen Wunschvorstellungen auf die Androidin projiziert (siehe Blade Runner: 2049). Im nächsten, logischen Schritt verleiht der Mann in vielen Science-Fiction-Filmen seiner Angst vor der Frau, die er nicht verstehen kann, mit der gewalttätigen Unterwerfung der rätselhaften, aber verführerischen Roboterin Audruck (ein gutes Beispiel: der Film Ex Machina aus dem Jahr 2015). Das stimmt mich im Jahr 2017 doch etwas nachdenklich.

Eine kleine Kulturgeschichte der Roboter

Denn schaut man zurück auf die Darstellung von Robotern in der Kulturgeschichte, so ist dieses Motiv des Zähmens der Frau durch die Zähmung der Maschine schon an die 200 Jahre alt. Die GermanistInnen unter euch werden jetzt eifrig nicken: Natürlich! Die Puppe Olimpia aus der Kurzgeschichte Der Sandmann! Der verwirrte Nathanael in E.T.A Hoffmanns Erzählung von 1816 bemerkt nicht, dass er sich in einen Automaten (so nannte man bis ins 20 Jahrhundert hinein die Roboter noch) verliebt hat. Er merkt nicht, dass Ihr Gesang zu schön, ihr Tanz zu perfekt ist. Auch, als die Geliebte als Antwort immer nur ein melancholisches „Ach, ach“ von sich gibt, wird der naive Protagonist nicht misstrauisch.

Der weibliche Roboter als dämonisierte Sexualität

In dieser Horrorvision über das Erschaffen künstlicher Menschen (die Entdeckung, dass sein Schatz nur ein Automat ist, stürzt Nathanael in den Wahnsinn) formulierte Hoffmann zum einen eine frühe Wissenschaftskritik. Zum anderen eröffnete er einer ganzen literaturwissenschaftlichen Disziplin Tür und Tor: Wie kann man Nathanaels fehlgeleitete Verliebtheit psychologisch deuten? Selbst Sigmund Freud versuchte sich an einer Interpretation. Während er Nathanaels Gefühle für den Roboter als Ausdruck seines Narzissmus sah, ist man sich in der heutigen Forschung relativ einig: Es geht darin um die Angst vor der Frau und der eigenen Sexualität. Mit seiner Verlobten traut sich Nathanael keine erotische Bindung einzugehen, also muss Olimpia als Sexualobjekt herhalten.

Der weibliche Roboter als personifizierte Fortschrittsangst

Aber, noch einfacher: Die komplexe Bedrohung von innen (durch unterdrückte Sexualität) wird in der Kulturgeschichte der Roboter immer wieder durch die ganz prosaische Angst vor der übermächtigen Maschine ersetzt. Je weiter die Technik fortschreitet, je mehr die Entwicklung von künstlicher Intelligenz in den Bereich des Möglichen rückt, desto präsenter wird die vorwiegend männliche Angstfantasie, von der Maschine beherrscht und durch sie ersetzt zu werden. Damit lässt sich das dämonische Roboterweib Maria aus dem Stummfilmklassiker Metropolis von 1927 erklären. Sogar die süße, unterwürfige Roboterfrau Rachael aus Blade Runner (1982) ist zeitweilig unheimlich, weil anfangs nicht klar ist, ob es sich bei ihr um eine Maschine oder einen Menschen handelt.

Lasst mich in den kommenden Beiträgen einen Blick auf verschiedene künstliche Frauen aus dem aktuellen Science-Fiction-Film werfen. Dabei nehme ich auch Frauenfiguren auf, die streng genommen keine Roboterinnen sind, wie die körperlose künstliche Frau Samantha bei Her. Ich beginne mit Blade Runner: 2049, mache weiter mit Her und Ex Machina und möchte außerdem die HBO-Serie Westworld als Beispiel für eine innovative Darstellung der weiblichen Maschine heranziehen.

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4 Gedanken zu „Weibliche Roboter: Wunsch- und Feindbilder in Film und Serie

  • Pingback: "Ex Machina": Eine Emanzipation der Maschine vom Mann?

  • Pingback: Die künstliche Frau als Wunschprojektion in Blade Runner: 2049

  • November 18, 2017 um 7:54 pm
    Permalink

    Hallo!
    Ein sehr interessanter Beitrag! Ich bin mir jetzt aber noch nicht so sicher ob du dieses Bild gerade kritisierst oder ob du einfach nur deine Beobachtung feststellst?

    Ich persönlich finde, dass diese Art von Darstellung im Film ja meistens auch eine Bedeutung hat. Und im Prinzip sind ja auch männliche Roboter immer einem gewissen Wunschbild entsprungen: Der Starke Beschützer, oder wie in „A.I. – Künstliche Intelligenz“ auch der gut aussehende Liebhaber. Ich denke der Sinn hinter Robotern, die keine Arbeiter sind, ist eben die perfekte Wunschvorstellung zu kreieren. Eine „Person“ zu erschaffen, die selbst nur gewisse Forderungen hat und gleichzeitig die Bedürfnisse des Besitzers oder der Besitzerin in welcher Hinsicht auch immer zufrieden stellt. Und welcher Mensch würde sich da nicht den hübschesten Roboter ins Haus stellen?

    Der Film „Surrogates“ spricht ebenfalls dieses Thema sehr deutlich an (ähnlich wie „A.I“), dass die erschaffenen Roboter die Schwächen der Menschen beheben und das Idealbild verkörpern sollen (ob dieses Idealbild sinnvoll ist, ist natürlich eine andere Diskussion).

    Wie gesagt, ein sehr interessantes Thema und ein toller Beitrag! Ich bin schon auf die nächsten gespannt!

    Liebe Grüße,
    Pia!

    Antworten
    • November 19, 2017 um 10:59 am
      Permalink

      Hi Pia,
      ja genau, mich interessiert die Bedeutung der (meist sexy dargestellten) Roboterfrauen. Mir sind die Parallelen in verschiedenen Science Fiction-Filmen aufgefallen und diese Beobachtung fand ich so interessant, dass ich sie in diesem Beitrag mit euch teilen wollte. Die Kritik an dieser Darstellung formuliere ich noch deutlicher in den folgenden Beiträgen, z.B. bei „Ex Machina“. Mir geht es um die einseitige Darstellung von künstlichen Menschen in der Popkultur – warum sind es immer nur weibliche Roboter, die als Lustobjekt herhalten müssen? Warum sind es immer nur Männer, die künstliche Menschen erschaffen können?
      Danke für den Tipp mit „Surrogates“, werde ich mir anschauen.
      LG, Sabine

      Antworten

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