Blade Runner: 2049 – Die künstliche Frau als Leinwand für Wünsche und Sehnsüchte

Im zweiten Teil meiner Beitragsreihe (lest Teil 1, meine Gedanken zur Kulturgeschichte der weiblichen Roboter) möchte ich den Film Blade Runner: 2049 analysieren. Hier hat die künstliche Frau nur den einen Zweck, als Projektionsfläche für die romantischen und sexuellen Wünsche ihres Besitzers zu dienen. Besonders ist aber, dass sich der Protagonist dessen bewusst ist. Mehr noch, er leidet darunter, dass seine künstliche Frau kein eigenes Bewusstsein hat und nur widerspiegeln kann, was er von ihr möchte.

Kurze Vorrede: Darum mag ich das Blade Runner-Sequel lieber als seinen Vorgänger

Ok, ich geb’s zu, ich kann Harrison Ford nicht leiden. Sein Machogetue als Han Solo in den alten Star Wars-Filmen geht mir unheimlich auf die Nerven und so konnte ich auch seinem Charakter als Blade Runner in dem Kultfilm von 1982 nicht viel abgewinnen. Das Sequel aus diesem Jahr, Blade Runner: 2049, finde ich um Einiges sympathischer, weil hier ein von Selbstzweifeln zerrissener Replicant (also ein künstlich erschaffener Mensch) als Protagonist fungiert (na gut, und Ryan Gosling ist schon auch nicht zu verachten!). Das düstere film-noir-Setting mit grau-in-grauen Straßenschluchten, kalten Hochhausfassaden und ewig dunklem Himmel findet in der Einsamkeit des Protagonisten K seine emotionale Entsprechung im Plot. In dieser Dystopie hat der Mensch die Natur fast vollständig zerstört und vegetiert in Großstadt-Molochen (hier: das zukünftige L.A.) vor sich hin. Die Drecksarbeit müssen die Replikanten erledigen, so auch der Protagonist Officer K.

Die künstliche Gefährtin Joi in Blade Runner: 2049

Um nach getaner Arbeit (sprich: abtrünnige Replicants jagen und ausschalten) nicht ganz allein zu sein, hat K sich das Betriebssystem „Joi“ zugelegt. Sie organisiert nicht nur Ks Alltag, sondern vertreibt ihm auch als adrett gekleidete Hologramm-Frau die Einsamkeit. Von Anfang an tritt sie als treue Helferin von K auf und scheint keinen eigenen Willen zu besitzen. Oder etwa doch? Der Zuschauer vermutet kurz, Joi entwickle ein Bewusstsein, als ihr Besitzer ihr gleich zu Beginn des Films einen so genannten Emanator schenkt. Damit kann Joi Ks Wohnung verlassen und bekommt einen halb-stofflichen Körper (sie spürt zum ersten Mal den Regen auf ihrer Haut). Daraufhin küsst Joi K und schwört ihm ewige Liebe – freut sie sich tatsächlich, zum ersten Mal in Freiheit zu sein?

Aber K wehrt ab: Er wolle keine künstlichen Liebesbezeugungen. „You don’t have to do that“, sagt K zu ihr. Ihre süße, loyale Art und ihr Streben danach, ihm alle Wünsche zu erfüllen, sind nur Ausdruck einer Sache: Die virtuelle Frau spiegelt alle Wünsche wider, die ihr Besitzer auf sie projiziert. Selbst, als Joi eine Prostituierte engagiert und sich mit deren Körper „vereint“ (visuell atemberaubend inszeniert), damit K und Joi endlich miteinander schlafen können, ist dies nicht Jois Wunsch nach einem eigenen Körper geschuldet, sondern nur Ks Sehnsucht nach körperlicher Nähe.

Komplexität durch den Umgang mit der Roboterfrau in Blade Runner: 2049

Der Umgang mit der Roboterfrau ist in Blade Runner: 2049 daher nicht neu, aber viel interessanter als zum Beispiel in Science Fiction-Klassikern wie Metropolis oder eben Blade Runner mit dem Lustroboter Pris und der naiven „damsel in distress“-Roboterfrau Rachael. Joi wird sich natürlich nie von ihrem Besitzer emanzipieren können, denn sie hat kein eigenes Bewusstsein. Aber die Tatsache, dass der Protagonist K über seine Wunschprojektionen reflektieren kann und darunter leidet, dass er sie nicht wahr machen kann, macht Blade Runner: 2049 zu einem komplexeren Film als seinen Vorgänger. 

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