„Coming of Age“: Sansa Stark (Teil 1)

Wenn schon „Game of Thrones“ in diesem Blog, dann Daenerys Targaeryen, werden sich sicher viele Serien- oder Buch-Fans unter euch denken. Tatsächlich halte ich Sansa Stark für die meistunterschätzte Figur aus der Reihe. Ihre Geschichte zeigt eine starke Frauenfigur, die auf der Suche nach ihrer Identität lernt, sich zu emanzipieren, auf viele verschiedene Arten. Danerys‘ Figur ist ziemlich schnell am Ende ihres Entwicklungsprozesses angekommen, was sie uninteressant macht. Bei Sansa liegt der Fall anders. Außerdem erzählt George R. R. Martin ihr „Coming of Age“ vom naiven Mädchen zur jungen Frau so einfühlsam, wie ich es einem männlichen Autor kaum zugetraut hätte – allein deshalb ist sie eine Betrachtung wert.

Bei meinen Ausführungen möchte ich mich auf die Darstellung in den Büchern beschränken. Ganz einfach, weil die Serien-Darstellung im Verlauf sehr stark von der Buch-Darstellung abweicht. (Ich habe die amerikanische Ausgabe von A Song of Ice and Fire verwendet, die im Jahr 2011 bei Bantam Books erschienen ist.) Spoiler-Alarm: Ich werde im letzten Abschnitt („Sansa trifft auf Harry the Heir“) auch das bereits veröffentlichte Sansa-Kapitel aus dem noch nicht erschienenen sechsten Band der Reihe, The Winds of Winter, mit einbeziehen. Es ist auf Martins Blog nachzulesen, ich kann es jedem nur empfehlen.

Heldenlieder, erste Romantik und Sansas gesellschaftliche Rolle in „A Song of Ice and Fire“

A Song of Ice and Fire spielt, wie so viele Fantasy-Epen, in einer fiktiven Welt, die unserem historischen Mittelalter sehr ähnelt. Dementsprechend ist Sansa Stark ein Produkt dieser mittelalterlichen Gesellschaft. Frauen haben keine Rechte, werden möglichst früh verheiratet, um politische Allianzen zu besiegeln und die Dynastie verschiedener Adelshäuser fortzuführen. Ihre Funktion ist wichtig, eigenes Denken oder eigene Wünsche wird ihnen trotzdem nicht gestattet. Stattdessen ist es die erste Aufgabe einer Frau, hübsch zu sein und weibliche Tugenden zu pflegen – zum Beispiel gute Handarbeiten anzufertigen, zu singen oder zu tanzen.

Illustration Sansa StarkSansa ist erst elf Jahre alt zu Beginn der Romanreihe, in der dargestellten Gesellschaft ist es aber normal, mit 14 oder 15 Jahren verheiratet zu werden. Deshalb ist sie schon fast „a woman grown“, wie es so schön bei Martin heißt, und möchte am liebsten schon zu den Erwachsenen gehören. Sie hat das gängige Frauenbild voll verinnerlicht, möchte stets gefallen – was ihr wegen ihres guten Aussehens auch gelingt – und fertigt natürlich nur die schönsten Stickereien an („Sansa’s needlework was exquisite.“, A Game of Thrones, S. 67.). Sie kann es außerdem nicht erwarten, zu heiraten. Aber nicht irgendwen: Sansa träumt von ihrem Helden, ihrem Ritter in glänzender Rüstung. Heldenliedern zu lauschen gehört zur ihrer Lieblingsbeschäftigung:

„[A] wandering singer had stayed with them at Winterfell for half a year. An old man he was, with white hair and windburnt cheeks, but he sang of knights and quests and ladies fair, and Sansa had cried bitter tears when he left them, and begged her father not to let him go.“ (A Feast for Crows, S. 206.)

Sie glaubt dem idealistischen Bild, das diese Lieder naturgemäß von starken Rittern und holden Maiden entwerfen, aufs Wort. „All she wanted was for things to be nice and pretty, the way they were in the songs.“, heißt es im allerersten Kapitel aus Sansas Sicht in A Game of Thrones (S. 143). Was nicht diesem Idealbild entspricht, wird geleugnet, so auch die offensichtliche Grausamkeit ihres Verlobten, Prinz Joffrey. Er lässt aus nichtigem Grund einen Bediensteten zu Tode hetzen. Sansa verteidigt ihren Prinzen trotzdem, denn sie bildet sich ein, in ihn verliebt zu sein: „Sansa did not really know Joffrey yet, but she was already in love with him. He was all she ever dreamt her prince should be, tall and handsome and strong, with hair like gold.“ (S. 140). Wohlgemerkt, sie schwärmt hier von dem zwölfjährigen Rotzlöffel Joff. Aber dass dieser anmaßende Teenager der elfjährigen Sansa als großer, strahlender Mann erscheint, zeigt, wie schön Martin die Sichtweise von Pubertierenden einnehmen und fühlbar machen kann.

Sansas tiefer Fall

Die naive Verblendung der kleinen Sansa, wie sie im ersten A Song of Ice and Fire-Band beschrieben wird, erscheint grenzenlos. Umso bitterer wird deshalb auch ihre Desillusionierung. Ihr „Coming of Age“ wird dann auch vom tiefen Fall auf den harten Boden der Realität in Gang gesetzt. Diese große Fallhöhe Sansas, und wie sie mit den Folgen ihres Falls umgeht, machen ihre Figur spannend. Im ersten Band mag man sie noch getrost als kleines Dummchen abtun. Aber schon ihr ungewollter Verrat an ihrem Vater gegen Ende des Buches erreicht echte Tragik: Sie erzählt der verschlagenen Königin Cersei von den geheimen Fluchtplänen ihres Vaters und hilft so mit, ihn ans Messer – oder tatsächlich: an den Scharfrichter – zu liefern.

Bände "A Song of Ice and Fire"Sansa muss nun mit eigenen Augen ansehen, wie ihrem Vater der Kopf abgeschlagen wird – die Menschen, denen sie vertraut hatte, ihr Verlobter und seine Mutter, zeigen jetzt ihr wahres Gesicht. Im letzten Sansa-Kapitel in A Game of Thrones quält Prinz Joffrey seine Verlobte weiter, indem er sie zwingt, den aufgespießten Kopf ihres Vaters zu betrachten – in der Hoffnung, sie würde weinen und zusammen brechen. Hier folgt nun ein kurzer Moment großartiger Rebellion, das erste Aufblitzen dessen, was wirklich in der kleinen Sansa steckt. Sie weint nicht, und als Joffrey ihr droht, ihr auch den Kopf ihres Bruders zu servieren, widerspricht sie: „,Maybe my brother will give me your head.ʻ“ (A Game of Thrones, S. 749). Joffrey lässt sie dafür von seiner Leibgarde ohrfeigen. Tief gedemütigt erwägt Sansa kurz, Joffrey über die Balustrade zu stoßen: „It wouldn’t even matter if she went over with him. It wouldn’t matter at all.“ (S. 750)

Aber Joffreys anderer Leibwächter, Sandor Clegane, errät ihre Gedanken und kniet sich vor sie hin, um ihr das Blut von der Lippe zu tupfen. Dies ist eine Szene, bei der ich immer wieder Gänsehaut bekomme. Sansa bedankt sich bei Clegane: „,Thank youʻ, she said when he was done. She was a good girl, and always remembered her courtesies.“ Damit endet das Kapitel. Was in diesem letzten Satz mitschwingt, ist klar: Die bittere Enttäuschung Sansas, die sich immer verhalten hatte, wie man es von ihr erwartete, und die nun einsehen muss, dass alle Hofetikette und weiblichen Tugenden sie nicht vor dem Schlimmsten bewahren konnten. Sie beginnt hier, sich von ihrer Kindheit zu lösen.

Verlorene Identität und verlorene Träume

Desillusionierung und bittere Selbstverleugnung, das sind im zweiten Band, A Clash of Kings, die beiden treibenden Kräfte für Sansas ersten großen Entwicklungsschritt. Sansa erlebt am Königshof ein einziges Martyrium. Sie ist weiterhin mit ihrem Peiniger Joffrey verlobt (der jetzt König ist) und wird von ihm bei jeder Gelegenheit gedemütigt, schließlich ist sie die Tochter eines „Verräters“. Aber sie hat gelernt: keine Widerworte zu geben, ihre Familie zu verleugnen, um nicht selbst als Verräterin hingerichtet zu werden, und sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie König Joffrey hasst. Trotz ihrer Desillusionierung kämpft sie noch mit den ihr anerzogenen Wertvorstellungen, obwohl sie weiß, dass sie nur Schein und Trug darstellen. Das Problem ist: Die äußeren Konventionen sind das einzige, was die verzweifelte, isolierte Sansa noch aufrecht hält. Das Tragische dabei: Sie weiß jetzt um die Leere dieser Konventionen. Diese Erkenntnis stellt für Sansa einen wichtigen Schritt beim Erwachsenwerden dar. „The Hound was right, she thought, I am only a little bird, repeating the words they taught me“, wird Sansa schon am Ende von A Game of Thrones (S. 747) klar. Sie ist als Frau den Launen der Männerwelt ausgeliefert. Das einzige, was sie tun kann, ist, das Spiel mitzuspielen, um nicht misshandelt oder gar umgebracht zu werden. Leider ist für Sansa jetzt nichts Befriedigendes oder Schönes mehr dabei, die Rolle der Jungfrau aus gutem Haus zu spielen. Im Gegenteil: Sie zerbricht beinahe an der Demütigung, die sie durch ihre Hilflosigkeit erfährt.

Die Figur des Sandor Clegane (genannt „The Hound“) spiegelt in A Clash of Kings Sansas diesbezügliche innere Kämpfe. Wann immer Clegane Sansa begegnet, verspottet er sie für ihr Bemühen, die Form zu wahren und das wohlerzogene Mädchen zu spielen. Als Sansa von ihrem geheimen ersten Treffen mit ihrem vermeintlichen Retter Ser Dontos kommt, wird sie vom betrunkenen Sandor Clegane erwischt. Auf seine Frage, wo sie gewesen sei, antwortet Sansa: „,Praying … […] … for the king, praying that he’d not be hurt.ʻ“ 69antwortet der Hound: „,You look almost a woman … face, teats, and you’re taller too, almost … ah, you’re still a stupid little bird, aren’t you? Singing all the songs they taught you … sing me a song, why don’t you?ʻ“ Beim Abschied droht er ihr: „,But one day I’ll have a song from you, whether you will it or no.ʻ“ Sansa, verängstigt von seinem unberechenbaren Verhalten, versucht, weiterhin höflich zu sein: „,I will sing it for you gladly.ʻ“ Darauf hat der Hound nur die abschätzigen Worte: „,Pretty thing, and such a bad liar.ʻ“ (S. 286-288.)

Sansa weiß natürlich um die Sinnlosigkeit ihres Bemühens, weiterhin die höfischen Konventionen zu befolgen (s.o.), wo ihr Leben doch von der Willkür ihrer Feinde abhängt. Trotzdem: „A lady’s armor is courtesy“ (S. 50), wurde ihr von Septa Mordane eingetrichtert. Tatsächlich bleibt einer wohlerzogenen Lady nichts anderes übrig, als sich mit diesem Panzer auszurüsten, so schwach er auch in Sansas Situation sein mag.

Später wird Sansa vom Hound vor dem wütenden Mob in King’s Landing gerettet (erzählt wird die Episode aus Tyrions Perspektive). Natürlich metzelt der Hound dabei auch zahlreiche Menschen aus dem Volk nieder. Als sie ihn wieder trifft, versucht sie, ihm für seine Hilfe zu danken: „,I should have come to you after […]To thank you, for … for saving me … you were so brave.ʻ“ Der Hound lacht sie nur aus: „,A dog doesn’t need courage to chase off ratsʻ“ Außerdem spricht er das aus, was Sansa tief im Inneren längst erkannt hat: Ihre Weltanschauung war nur eine schöne Wunschvorstellung. Es gibt keine heldenhaften Ritter. Ein Ritter sei nur ein Soldat, gemacht, um zu töten: „,What do you think a knight is for, girl? You think it’s all taking favours from ladies and looking fine in gold plate? Knights are for killingʻ“(A Clash of Kings, S. 755-756.)

Für die naive Sansa ist die Einsicht, dass es im wahren Leben keine Ritter ohne Furcht und Tadel gibt, genauso traumatisierend wie Joffreys Verrat und die Ermordung ihres Vaters. Deshalb wird ihre Emanzipation von den gängigen Geschlechterrollen zum Leitmotiv im gesamten weiteren Text. Sie hatte darauf vertraut, dass Männer schwache Frauen beschützen. Die Ritter der Kingsguard, mit wenigen Ausnahmen, haben aber kein Problem damit, Sansa auf Geheiß von Joffrey hin zu verprügeln, sogar vor den Augen des ganzen Hofstaats, und keiner rührt einen Finger, um ihr zu helfen. (Vgl. A Clash of Kings, S. 487-488.) In der Folge lernt Sansa, dass Frauen selbst aktiv werden müssen, um ihr Glück zu finden. Ich komme im Zusammenhang mit dem inoffiziell veröffentlichten Sansa-Kapitel aus The Winds of Winter darauf zurück.

Im dritten Band von A Song of Ice and Fire freundet sich Sansa mit der Frau an, die sie als Königsgemahlin ersetzt hat: Margaery Tyrell. Sie beginnt, viel Zeit mit Margaery und ihren Hofdamen zu verbringen. Dabei stellt sie fest, wie sehr sie sich von dem kleinen Mädchen weg entwickelt hat, das einst an Heldenlieder geglaubt hat. Sie hört sich die Schwärmereien von Margaerys Cousinen über ihre Verehrer an und denkt sich ihren Teil dabei: „They are children, Sansa thought. […] Their dreams were full of songs and stories, the way hers had been before Joffrey cut her father’s head off. Sansa pitied them. Sansa envied them.“(A Storm of Swords, S. 222)

Was Sansa mit Schmerz erfahren muss, ist dies: Frauen haben keine Wahl, als sich den Männern auszuliefern und ihnen zu vertrauen, auch wenn sie um deren Unfähigkeit wissen. Sansa kann nicht aus King’s Landing fliehen und sich ein eigenes Leben aufbauen. Ihre einzige Rettung ist zu dem Zeitpunkt, vom lächerlichen Ser Dontos befreit oder von Margaerys Bruder Willas geheiratet zu werden.

Verstand versus Gefühl

Sansas Figur wächst an der Konfrontation mit der realen Welt. Dazu gehört auch ihre körperliche Reife und das Erwachen ihrer Sexualität. Leider ist ihr keine normale Entwicklung zum Teenager vergönnt. Jedes Mal, wenn sie mit ihrer Sexualität konfrontiert wird, geschieht es auf traumatisierende Weise.

Joffrey hat ihr bereits eröffnet, dass er nur darauf wartet, dass sie endlich ihre Monatsblutung bekommt, „to get her with child“. Die Grenzen ihrer psychischen und physischen Folter hat er bereits ausgereizt. Sexuelle Gewalt soll die ultimative Demütigung darstellen. Kein Wunder, dass die Menarche dann auch eine traumatische Erfahrung für Sansa wird. Beim Aufwachen das blutige Laken entdeckend, versucht sie panisch, das Bettzeug und die Matratze im Kamin zu verbrennen. Sansa kann nur daran denken, dass die Königin sie nun zwingen wird, mit Joffrey zu schlafen. Aber natürlich hat die Verzweiflungstat keinen Sinn: Vom dichten Rauch angelockt, wird Sansa von ihren Kammerzofen entdeckt. Auch ohne eine Vergewaltigung durch Joffrey fühlt sich Sansa bereits jetzt endgültig ausgeliefert: „The bedclothes were burnt, but by the time they carried her off her thighs were bloody again. It was as if her own body had betrayed her to Joffrey, unfurling a banner of Lannister crimson for all the world to see.“ (A Clash of Kings, S. 759). Dieses Zitat zeigt wunderbar das gebrochene Verhältnis, das Sansa zu ihrem Körper und damit zu ihrer Sexualität hat. Wollte sie früher noch unbedingt schnell erwachsen werden, fürchtet sie sich jetzt davor. In gesteigertem Maße zeigt der Text hier auch die widersprüchlichen Gefühle jedes zwölfjährigen Mädchens, das erwachsen wird. Gerade die Menarche ist eine einschneidende Erfahrung – und hat auch etwas Bedrohliches. Ich halte diese Stelle für sehr gelungen und einfühlsam. Wer hätte das von einem männlichen Autor erwartet?

So ganz mag Sansa ihre romantischen Vorstellungen von den Geschlechterrollen nicht aufgeben. Aus purer Verzweiflung hält sie daran fest, wie mir scheint: „[T]here are true knights […]. All the stories can’t be lies.“ (S. 757). Ser Loras, den sie für einen wahren Ritter hält – vor allem, weil er so gut aussieht – enttäuscht sie dann auch sofort in ihren romantischen Erwartungen. Er hatte ihr in A Game of Thrones eine Rose geschenkt, jetzt kann er sich nicht mehr an sie erinnern (Vgl. A Storm of Swords, S. 79). Dabei bemerkt Sansa nicht, dass ein anderer Mann ganz in ihrer Nähe romantische Gefühle für sie hegt: Es ist der Hound, mit all seinem abschreckenden Äußern und ruppigen Gebaren. Am Ende des zweiten Bandes, A Clash of Kings, wird klar, dass er seine zärtlichen Gefühle für Sansa nur unter besonderer Unhöflichkeit versteckt hatte. Während der Schlacht um King’s Landing begegnet Sansa dem Hound zum letzten Mal. Er ist desertiert und überrascht sie in ihrem dunklen Zimmer, schwer betrunken, um das versprochene Lied einzufordern. Er versucht, sie zu küssen, und wirft sie dann auf ihr Bett, um mit gezogenem Dolch Sansa das Lied zu entlocken. Die Symbolsprache dieser Szene ist eindeutig: Es wird eine Vergewaltigung Sansas durch den Hound angedeutet (Vgl. A Clash of Kings, S. 866-867). Sansa singt ein Lied für ihn, zutiefst verängstigt – hat dann aber Mitleid mit ihm und streichelt seine Wange, als er den Dolch von ihrer Kehle nimmt. Zum ersten Mal wird Sansa mit dem körperlichen Begehren eines Mannes konfrontiert, und es scheint, als fühle sie sich nicht gänzlich abgestoßen von ihm. Der Hound flieht und lässt seinen weißen Kingsguard-Mantel zurück, unter den Sansa dann kriecht, um den Ausgang der Schlacht abzuwarten. Eine Geste, die ich beim Lesen unheimlich rührend fand. Ich halte diese Szene für den Moment, in dem Sansa ihre eigene Sexualität entdeckt. Man hätte ihr natürlich gegönnt, dass sie eine normale Teenager-Romanze erlebt.

George R. R. Martin: A Feast for CrowsBedeutsam für diese sexuelle „Initiation“ Sansas ist außerdem noch die Tatsache, dass ihre Erinnerung daran im weiteren Text von den tatsächlichen Ereignissen abweicht. Sansa will sich nämlich später immer daran erinnern, dass der Hound sie tatsächlich geküsst hat, was aber nicht passiert ist. „He yanked her closer, and for a moment she thought he meant to kiss her. […] but nothing happened.“, heißt es über Cleganes nächtlichen Besuch (A Clash of Kings, S. 866.) Sansa hat aber lebhafte Erinnerungen an einen Kuss, zum Beispiel hier: „She could still remember how it felt, when his cruel mouth pressed down on her own. He had come to Sansa in the darkness as green fire filled the sky. He took a song and a kiss, and left me nothing but a bloody cloak. (A Feast for Crows, S. 870.) Beim ersten Lesen fällt diese Diskrepanz kaum auf, liegen doch mehrere hundert Seiten zwischen den Textstellen. So ganz nebenbei verrät die Erzählinstanz Sansas erotische Wunschvorstellung, die ihre tatsächliche Erinnerung überlagert.

Sansas psychische Entwicklung und ihre sexuelle Reife bleiben problembehaftet, wofür die Episode mit dem Hound nur ein Beispiel war. Jede engere Beziehung zu einer Person ist belastet und verdreht: Ihre Zwangs-Verheiratung mit zwölf(!) Jahren an den Zwerg Tyrion (den sie ja eigentlich respektiert) kann unmöglich zu einer normalen ehelichen Beziehung führen. Einmal mehr sieht sich Sansa der Willkür ihrer Feinde, und vor allem, der Männer, ausgeliefert: Tywin Lannister entscheidet über ihre Hochzeit und über ihre Zukunft. Ihr bleibt nur der stumme Protest: Als Tyrion ihr bei der Hochzeitszeremonie den Mantel umlegen möchte und sie am Ruck zupft, damit sie sich hinkniet, weigert sie sich: „I won’t. Why should I spare his feelings when no one cares about mine?“ (A Storm of Swords, S. 386.)

Petyr Baelish: Neue Vaterfigur?

Petyr „Littlefinger“ Baelish tritt schließlih mit ihr in eine spannungsreiche, aber für Sansa unvorhersehbar gefährliche Beziehung. Er entpuppt sich als Sansas „Retter in der Not“ und hilft ihr, aus King’s Landing zu fliehen. Littlefinger ist eine großartige Figur. Rücksichtslos, genial und geschmeidig, bildet er einen tollen Gegensatz zu Sansas verletzlichem, mitfühlendem Naturell. Sie soll sich zur Tarnung als seine uneheliche Tochter ausgeben – und so entsteht zwischen den beiden Figuren eine seltsame Vater-Tochter-Beziehung mit eindeutiger erotischer Spannung. Littlefinger stilisiert sich einerseits zu Sansas väterlichem Retter und charmantem Gastgeber, verhehlt gleichzeitig aber nicht, dass er sie sexuell begehrt: „[…] I think you might be even more beautiful than your mother was, when she was your age.ʻ“ (S. 1104) sagt er im letzten Sansa-Kapitel von A Storm of Swords zu ihr, und küsst sie. Sein unvorhersehbares Verhalten schürt deshalb auch Sansas Misstrauen ihm gegenüber.

Nichtsdestotrotz ist er der erste Mann, der Sansa ernst nimmt. Er bringt ihr bei, taktisch zu denken und so ein Ziel zu erreichen – auch gegen den Willen der Herrschenden – anders gesagt, er lehrt sie, das „game of thrones“ zu spielen (A Storm of Swords, S. 841). Sie wird zu seinem „Protégé“, er zu ihrem „Mentor“.

Auf seinen Ländereien, die sich auf dem kargen Landstrich „The Fingers“ befinden, heiratet Littlefinger Sansas Tante Lady Lysa. Mit großartiger Eindringlichkeit wird Sansas Einsamkeit bei der Hochzeitsfeier geschildert. Der Leser erwartet eine erleichterte, vielleicht sogar frohe Sansa auf dem Hochzeitsfest, schließlich ist sie der unmittelbaren Gefahr in King’s Landing entronnen und sieht ihre Tante wieder. Diese Annahme ist aber zu kurz gegriffen. Sansa ist noch immer heimatlos, wurzellos, gehört nirgendwohin und weiß nicht, wem sie vertrauen kann. Die vergnügungssüchtige Elfjährige, die von großen Ritterturnieren und Bällen träumt, existiert nicht mehr.

Bei der Feier wird Sansa genötigt, bei der „bedding ceremony“ mitzumachen – alle Frauen ziehen den Bräutigam aus und führen ihn ins Schlafgemach, die Männer übernehmen die Braut – und Sansa muss so tun, als ob es ihr Spaß mache. Aber nur die anderen Frauen finden ihren Gefallen an der frivolen Tradition: „the other women were flushed, with laces unlaced, kirtles crooked, and skirts in disarray. But Littlefinger only smiled at Sansa as they marched him up to the bedchamber where his lady wife was waiting.“ (A Storm of Swords, S. 939) Sansa wird, durch die lakonische Betonung der „other women“, als eine unbeteiligte Beobachterin der Szene dargestellt. Die Erwähnung von Littlefingers Lächeln, das die ganze Zeit über nur seiner „Tochter“ gilt, deutet sein melancholisches Bedauern an, dass nicht Sansa die Braut ist. Ich las die Stelle als eine erneute Anspielung auf die unerfüllten erotischen Spannungen zwischen den beiden Charakteren. Da das Kapitel aus Sansas Sicht erzählt wird, wünscht sich Sansa vielleicht auch nur, dass Littlefinger alleine für sie lächelt. Es drückt jedenfalls ihre schmerzhafte Außenseiterposition aus.

Die Gäste bekommen daraufhin alles von der Hochzeitsnacht mit, weil Lady Lysa diese – nun ja – laut schreiend genießt. Alle lachen hinter vorgehaltener Hand, aber für die unerfahrene Sansa ist dieser Zwischenfall peinlich und verstörend. Zudem sieht sie sich gleich nach der Rettung durch Littlefinger schon wieder durch eine andere Person in seiner Gunst verdrängt. Ihre ganze Familie wurde bei der „Red Wedding“ ermordet – wen hat sie sonst noch? Sie verlässt das Hochzeitsfest: „Sansa went down the steps and out into the night. A light rain was falling on the remains of the feast, but the air smelled fresh and clean.“ Sie denkt an Tyrion, von dem sie sich verraten fühlt: Er war mitfühlend genug, sie nicht zum Beischlaf mit ihm zu zwingen, andererseits waren die Lannisters für die „Red Wedding“ verantwortlich. Bezeichnenderweise kommt ihr dann der Hound in den Sinn: „She could almost hear the rough rasp of his voice. Look around you, and take a good whiff. They’re all liars here, and every one better than you. She wondered what had become of Sandor Clegane. […] She stayed outside for a long time.“ (S. 940) Sansa sieht sich völlig allein in der Welt, und ihr Retter hat gerade eine andere Frau geheiratet. Ihr ist nicht ganz klar, was sie eigentlich möchte. Ihre Verwirrtheit wird mit der melancholischen Zusammenfassung „She stayed outside for a long time“ deutlich gemacht. Ich glaube nicht, dass angedeutet werden soll, dass Sansa in Littlefinger verliebt ist. Aber in der Nacht danach hat sie erotisch konnotierte Alpträume – kein Wunder, nachdem sie sich auch noch der Zudringlichkeit des Sängers Marillion erwehren musste – die von ihrer Zerrissenheit zeugen. Sie ist eifersüchtig auf Lysa und Littlefinger, weil sie jetzt erwachsen ist und auch eine körperliche Beziehung zu einem Mann haben möchte. Gleichzeitig ist ihre Angst zu groß, sich jemals wieder einem Mann anzuvertrauen. „And she dreamt of her wedding night too, of Tyrions eyes devouring her as she undressed. Only then he was bigger than Tyrion had any right to be, and when he climbed her bed his face was scarred only on one side. ,I’ll have a song from you,ʻ he rasped“. (S. 941) Die erste „erotische Erfahrung“ mit dem Hound scheint sie geprägt zu haben. Zarte Andeutungen reichen hier aus, um das Gefühlschaos eines heranwachsenden, einsamen Mädchens darzustellen. Ihre Ängste und Hoffnungen werden mit ein paar wenigen Eindrücken nachvollziehbar. So erreicht Sansas Figur das bisher größte Identifikationspotential – vor allem für den weiblichen Leser. Diese Passage und jene im folgenden Sansa-Kapitel halte ich für die bisher gelungensten Szenen mit Sansa und auch für eine der besten der ganzen Buchreihe.

In Teil 2 des Artikels beschreibe ich Sansas „Coming of Age“ unter dem Einfluss Littlefingers und nehme Bezug auf das vorab veröffentlichte Sansa-Kapitel aus The Winds of Winter. Seid gespannt!

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3 Gedanken zu „„Coming of Age“: Sansa Stark (Teil 1)

  • Pingback: Game of Thrones verliert seine Frauenpower: Die Entwicklung von Sansa, Daenerys, Cersei und Arya

  • September 18, 2016 um 1:12 pm
    Permalink

    Erst will ich nur sagen, dass ich Norweger bin, und deswegen nicht ganz gut Deutsch schreiben, aber höffentlich kannst du mich verstehen 😛

    Sehr interessante Analyse! Sansa ist (oder soll ich „war“ sagen?) vielleicht den Charachter, den ich am mindesten interessant finde (auser die Vale Kapitel, aber das hat mehr mit der Politik der Vale zu tun). Ich habe mich nie wirklich viel an Sansas „coming of age“ bedenkt, vielleich weil ich einen Mann bin, und habe sie ein bisschen wie eine Kamera betrachtet. Ich wusste, dass es Analysen wie deine Analyse gibt, aber ich habe sie nie gelesen, weil ich einfach nicht Sansa sehr interessant finde. Ich freue mich aber, dass ich endlich eine gelesen haben, weil es wirklich meine Meinung geändert habe! Also, sehr interessante Analyse, und ich freue mich sehr auf Teil 2 🙂

    – Vebjørn aus Norwegen 🙂

    Antworten
    • September 18, 2016 um 2:11 pm
      Permalink

      Hallo Vebjørn,
      vielen Dank für deinen Kommentar! Super, es freut mich, dass mein Artikel deine Meinung über Sansa geändert hat! Viele Leser/innen halten Sansa nur für einen nervigen unreifen Teenager. Aber es steckt so viel mehr dahinter!
      Viele Grüße aus Deutschland, Sabine

      Antworten

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