Die „ideale“ Buchbesprechung? – Anregungen von der Leipziger Buchmesse 2018

Buchblogger definieren sich, ganz klar, über ihre Buchbesprechungen, damit wollen sie gesehen werden und dafür geht oft der meiste Arbeitsaufwand drauf. Die Podiumsdiskussion „Die wunderbare Welt der Buchblogs“ auf der Leipziger Buchmesse 2018 mit drei lieben Bloggerkolleginnen hat mich dazu angeregt, ein paar Gedanken auszuformulieren, die mir schon länger im Kopf herumgehen. Gibt es eine „ideale“ Rezension?

Mein erster Messebesuch ist vorbei, ich habe viele tolle Eindrücke und Anregungen mitgenommen. In der Podiumsdiskussion von Mareike (Crow and Kraken), Jennifer (Lesen in Leipzig) und Anna (Ink of Books) am 17.3. wurde darüber diskutiert, welche Funktionen eine Buchbesprechung erfüllen soll. Ich möchte ein paar Punkte anführen, die ich für wichtig halte, damit eine Rezension „gut“ wird. Gleich vorneweg: Ich möchte niemanden von oben herab belehren. Ich selbst kann meinen Forderungen oft nicht entsprechen, und es geht beim Bloggen ja vor allem um den Spaß am Schreiben. Dies sind lediglich ein paar Anregungen. Los geht’s.

Was ist die Mindestanforderung an eine gelungene Buchbesprechung?

Egal ob Buch-, Film- oder Theaterbesprechung: Es muss eine begründete Meinung des Rezensenten vorkommen, darüber waren sich auch Mareike, Anna und Jennifer bei der Podiumsdiskussion einig. Das unterschreibe ich natürlich. Ich würde aber noch einen Schritt weitergehen. Es reicht meiner Meinung nach nicht, z. B. eine negative Rezension nur mit dem persönlichen Empfinden zu begründen. „Der Roman gefiel mir nicht, weil er zu langatmig war“ kann noch erweitert werden um: Warum hatte der Roman Längen? Welche Schauplätze, Dialoge oder Figurenzeichnungen haben dazu beigetragen? Welche Erwartungen wurden nicht erfüllt? Inwiefern war die Komposition der Erzählung nicht ausgewogen?

Antipathie abstrakter begründen

Noch häufiger habe ich auf Buchblogs die Kritik gelesen: „Das Buch war nichts für mich, weil die Protagonistin mir unsympathisch war.“ Interessanter wird’s, wenn ihr den Fragen auf den Grund geht: Was war mir unsympathisch? Warum? Kann ich diese „Abneigung“ gegen eine Figur auch abstrakter ausdrücken? Geht doch mal weg vom rein Persönlichen. Welche sprachlichen und erzählerischen Mittel setzt der Roman ein, um die betreffende Figur zu charakterisieren? Was daran hat mich gestört? Und welches Konzept von „sympathisch“ vermisse ich bei Buch XY? Es bringt oft viel, die eigenen Lesevorlieben zu hinterfragen und so vielleicht fest gefahrenen Erwartungshaltungen auf den Grund zu gehen.

Notizen zum Buch machen

Soll eine Buchbesprechung zum Diskutieren anregen?

Ich finde: ja (idealerweise). Natürlich kann nicht jeder Blogpost viral gehen und hunderte Kommentare nach sich ziehen. Jeder hat mal einen uninspirierten Tag und kann seine Meinung vielleicht nicht so prägnant in Worte fassen, wie er oder sie es gerne hätte. Und vielleicht war der Lesestoff der letzten Wochen wirklich nicht so ergiebig. Aber so lang ein/e Buchblogger/in ihre oder seine Meinung gut begründen kann (siehe oben), sollte einem Austausch im Anschluss nichts im Wege stehen. Natürlich haben auch kurze Rezensionen, die nicht so viel Stoff zum Diskutieren bieten, ihre Berechtigung.

Wie schafft man es, dass Rezensionen besser geklickt werden?

In der Podiumsrunde auf der Buchmesse wurde auch der Hashtag #fürmehrAustausch erwähnt und dass Buchblogger sich in letzter Zeit darüber beklagen, dass ihre Rezensionen nur noch wenig angeklickt und kaum kommentiert werden, was natürlich schade ist (Lesen in Leipzig hat sich unter anderem in einem Blogpost damit auseinander gesetzt). Als Online-Redakteurin hab ich da vielleicht noch einen anderen Blick darauf, ich hab mich schon viel mit guten Teasern auf Homepages oder in Social Media-Posts befasst. Lasst mich euch kurz einen banal klingenden Rat geben: Eure Überschriften sind nicht spannend genug! Bitte verzeiht, aber ihr verschenkt total oft das ganze Potential eurer gut geschriebenen Rezensionen! Der Header „Rezension: Buchtitel“ regt nicht zum Klicken an, so leid es mir tut, vor allem, wenn er viele Male in gleicher Form auf einer Homepage vorkommt. Der Buchtitel muss natürlich, schon rein aus SEO-Gründen, im Titel des Blogposts vorkommen. Aber ansonsten habt ihr freie Hand. Versucht, auch bei kleiner Zeichenanzahl in der Überschrift des Teasers, einen Hingucker zu fabrizieren. (Das Problem betrifft natürlich nicht alle Buchblogger/innen, aber viele.)

Warum werden Rants so viel mehr angeklickt als Rezensionen?

Das leitet gut zu den Rants oder Verrissen über. Diese haben meist einen zugespitzteren, vielleicht „reißerischen“ Titel, aber auch das ist erlaubt (so lange die Wortwahl nicht beleidigend gegenüber der Leserschaft oder dem kritisierten Autor wird). Das führt natürlich zu einer höheren Klickrate. Zudem schreibt man einen Rant ja nur, wenn das besprochene Buch eine starke Gefühlsreaktion (hier eine besonders negative) ausgelöst hat. Das merkt man dann auch am Schreibstil des Artikels, der ist natürlich viel polemischer als bei einer „bloßen“ Empfehlung.

Bloggen mit WordPress

Sollen Buchbesprechungen, und damit auch Buchblogs, kritischer werden?

Ihr kennt ja sicher alle den oft gehörten Vorwurf, Buchbloggerinnen und Buchblogger wollen nur „kuscheln“, sie loben ja eh alles in den Himmel und würden es nie wagen, etwas zu kritisieren. Ein Stück weit kann ich den Vorwurf nachvollziehen, ihm aber auch gleich eine Erklärung entgegensetzen: Die ganz große Mehrheit der Buchblogger betreibt ihren Blog als Hobby, hat nebenbei noch die Verantwortung für Job, Studium oder Familie zu stemmen. Da bleibt nicht die Zeit, auch noch Bücher zu lesen, von denen man schon im Vorhinein weiß, dass sie einem nicht gefallen werden und sich daher für einen Verriss eignen würden (das hat auch Jennifer bei der Diskussionsrunde betont, danke). Es geht mir ganz genauso, ich habe fast nur Empfehlungen (Buch, TV-Serie oder Film) auf meinem Blog.

Rezensionen: Sie müssen nicht polemisch, aber reflektiert sein

Jetzt kommt trotzdem das große ABER: Auch eine Empfehlung kann kritisch sein. Kritisch ist nicht gleich negativ. Kritisch bedeutet, sich mit den verschiedenen Ebenen eines künstlerischen Werks, z. B. eines Romans, reflektiert auseinander zu setzen. Ich habe es schon oben angedeutet. Nicht nur das Offensichtliche, die Handlung, ist wichtig. Was sind die erzählerischen Kniffe und Kunstgriffe? Wie ist der Sprachstil? Gibt es eine originelle Figurenzeichnung, die einen Roman vielleicht aus seinem Genre herausstechen lässt? Und wie lässt sich ein Roman in den Kontext seines Genres oder seiner behandelten Themen einordnen? Übt er seinerseits Kritik oder verherrlicht er etwas? Greift er Motive aus einem geschichtlichen oder soziologischen Kontext auf (z.B. wie es Crow and Kraken mit der Beschreibung der Rape Culture in ihrer Buchbesprechung zu A Court of Thorns and Roses macht)? Zitiert der Roman andere Texte oder Filme und warum? Zugegeben, eine solche Buchbesprechung erfordert viel Recherche. Und sie ist bei einem hohen Lesepensum (das viele Bloggerinnen und Blogger haben) nicht oft zu bewerkstelligen. Trotzdem lohnt sich die Mühe sehr, finde ich, nicht nur für den Leser, der einfach einen umfassenderen Eindruck vom Buch erlangt, sondern auch für den Schreiber.

So, ich hoffe, ich bin euch nicht zu nahegetreten. Wie gesagt, ich nehme mich nicht aus, auch ich schaffe es nicht immer, super reflektierte Buch- oder Serienbesprechungen zu schreiben. Manchmal fehlen einfach die Zeit und die Energie. Ich möchte trotzdem für eine reflektierte Buchbesprechung als die „ideale“ Rezension plädieren.

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13 Gedanken zu „Die „ideale“ Buchbesprechung? – Anregungen von der Leipziger Buchmesse 2018

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  • 25. Juli 2018 um 8:37 am
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    Hallo Sabine,

    deinen Artikel kann ich nur unterstreichen und aus eigener Erfahrung berichten, dass die Recherchen und die inhaltlichen Auseinandersetzungen sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Aber auch genauso viel Zeit nehme ich mir für abgebrochene Bücher, um einerseits die Arbeit des Autors zu würdigen, indem ich mich mit seinem Thema auseinandersetze.
    Und ebenso Schade finde ich die geringe Beteiligung an einem Diskurs, denn die re:zensierten Bücher offenbaren vielmehr Facetten, die sich nicht alle abbilden lassen, weil sonst der eigene Beitrag ausufern werden würde. Aus diesem Grund ist es interessant, wenn sich die Leser in ihren Kommentaren damit auseinandersetzen und dadurch den Diskurs erzeugen.

    Vielen Dank für deinen Beitrag und
    herzliche Grüße
    Mike

    Antworten
    • 30. Juli 2018 um 9:22 am
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      Hallo Mike,
      danke für deinen Kommentar! Ja, das ist immer das Dilemma, dass man natürlich noch eine ganze Hausarbeit zu jedem Buch schreiben könnte, wenn man sich richtig in die Recherche reinkniet. Umso schöner, wenn dann noch unter dem Artikel diskutiert wird – das versuche ich auch immer, mit meinen Analysen auszulösen, denn natürlich sind das immer auch subjektive Sichtweisen auf ein Buch, eine Serie usw.
      Lg, Sabine

      Antworten
  • Pingback:Fremdgeträumt #3 | All meine Träume

  • 24. März 2018 um 12:17 pm
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    Na da konnte ich mir ja noch den ein oder anderen Tipp von dir abholen :-*

    Ich bin voll bei dir – wobei Kerstin und ich selbst nur Titel und Autor*in erwähnen – das eine gute Überschrift mehr anzuckert! Aber dann wird der Titel sooo lang 😀 Aber ich glaube ich werde das ggf mal ausprobieren!

    Antworten
    • 2. April 2018 um 5:40 pm
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      Huhu Janna,
      ja es ist nicht einfach, kommt auch auf euer CMS an, wie das Teaser darstellen kann. Aber lieber nen langen Titel, an dem man hängen bleibt, als einen, den vielleicht viele andere Blogger auch auf ihrer Homepage haben, weil sie das gleiche Buch rezensiert haben. Ich nehme mich selbst nicht aus, ich habe auch nicht immer einen Geistesblitz.
      Freut mich, wenn du dir was rausziehen konntest aus meinem Artikel!
      LG, Sabine

      Antworten
    • 8. April 2018 um 2:35 pm
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      Das Titelproblem sehe ich ähnlich. Ich beobachte, dass ich bei Überschriften, aus denen ich ne Meinung erkenne, länger hängen bleibe. Aber wenn ich meinen Feed überfliege, kann ich besser sortieren, wenn nur Titel und Autor zu lesen sind. Denn dann weiß ich sofort: Will ich den Text lesen?

      Antworten
  • 23. März 2018 um 9:54 pm
    Permalink

    Hallöchen,

    ein sehr interessanter Beitrag. Ich sehr hier viele Punkte ähnlich.
    Gerade, dem was du über Begründungen geschrieben hast, stimme ich voll zu. Ein „ich mochte die Protagonistin, weil sie sympathisch ist“ oder ein „mir war die Protagonistin nicht sympatisch“ ist eben nicht sehr aussagekräftig. Die Blogs bei denen ich regelmäßig vorbeischaue schreiben meist auch gut begründete Rezensionen. Ich schätze einige Blogger begründen ihre Meinungen zu einem Buch nicht so stark, weil dadurch die Rezensionen länger werden. Anscheinend bevorzugen die meisten kurze Rezensionen, wobei ich persönlich lieber lange lese.

    Was die Diskussionen zu angeht, ist das natürlich ein Aspekt von dem sich viele Blogger mehr wünschen. Ich hatte letztens eine Bloggerin (weiß leider nicht mehr wer es war) entdeckt, die eine gute Methode dafür gefunden hatte. Sie nahm einen Aspekt aus dem Buch und stellte dazu am Ende der Rezension Fragen. In einem Buch gefiel ihr zum Beispiel das Worldbuilding sehr gut und sie fragte dann am Ende der Rezension alle Leser was für Worldbuilding sie mögen und welche Bücher ihrer Meinung nach über gut ausgearbeitete Welten verfügen. Ähnlich könnte man das natürlich auch mit thematischen Aspekten oder Charaktereigenschaften der Figuren machen.

    LG
    Elisa

    Antworten
    • 2. April 2018 um 5:38 pm
      Permalink

      Hi Elisa,
      das ist eine sehr gute Anregung! Lieber nur einen einzigen Aspekt rausgreifen und gut begründen (und wenn es nur 5 Sätze sind) als nur einen allgemeinen Eindruck vermitteln à la „war spannend, deswegen hat es mir gefallen“. Ich persönlich lese tendenziell auch lieber lange Rezensionen. Über das von dir erwähnte Konzept denke ich auch mal nach. Klar, und das mit dem Fragen stellen ist ja eigentlich ein einfacher Trick.
      LG, Sabine

      Antworten
  • 19. März 2018 um 7:00 pm
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    Schöner Beitrag und cool, dass die Messe dich so inspiriert hat 🙂

    Ich komme die Tage noch mal für einen längeren Kommentar wieder, wenn ich alles mal sacken lassen konnte, aber ich wollte fix anmerken (bei dir ist es in einem Halbsatz versteckt): Der Buchtitel (und am besten auch Autor) muss auf jeden Fall in den Titel sonst wird man bei Google nicht mehr gefunden! Bin da selbst mal ziemlich auf die Nase geflogen mit kreativen Titeln (seitdem wünsche ich mir zwei Titel: Einen für den Blog und einen für Google). Also gerne Kreativität, aber eben nicht komplett auf knackige Titel umsteigen 🙂
    VG Jennifer

    Antworten
    • 20. März 2018 um 10:06 am
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      Hi Jennifer,

      danke nochmal für die Anmerkung, genau, also das Hauptkeyword (Buchtitel plus eventuell Autor) muss immer in die H1, die ist bei den meisten Systemen auch die Artikel-Überschrift. Tut mir leid, für mich ist das so klar, weil ich das beruflich mache. Im Teaser auf der Homepage kann man sich dann ja austoben. Blöd ist nur, dass man die Teaser-Überschrift nicht immer separat benennen kann, sondern dass die oft aus der H1 gezogen wird. Alles nicht ganz einfach, ich weiß. Ich verzweifle auch oft an WordPress, weil das so ein unflexibles System mit wenig Ausstattung ist. Bin immer dankbar für Tipps, wie man das flexibler gestalten kann!
      Dann freu ich mich noch auf deine weiteren Kommentare 🙂

      LG, Sabine

      Antworten

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