Die Geschichte des verlorenen Kindes: Schreiben als Waffe und Huldigung

Nach dem Ende der neapolitanischen Saga steht vor allem eins fest: Dieser Romanzyklus lässt keinen Stein auf dem anderen. Die Gleichberechtigung der Frau, der Kampf gegen die Camorra, das Problem der „richtigen“ Mutterschaft: In Die Geschichte des verlorenen Kindes setzen sich Lenù und Lila mit ihren schwersten Konflikten auseinander. Eine Rezension in vier Punkten – keine Angst, alles spoilerfrei.

Die Geschichte des verlorenen Kindes beendet den Romanzyklus um Lila und Lenù auf höchst ambivalente Weise. Egal, wie sehr die beiden ungleichen Freundinnen auch kämpfen, Befriedigung kippt immer auch in Wehmut und Reue, Triumph in Enttäuschung, Freude in Desillusionierung um. Dies ist literarischer Realismus in einer tief verstörenden Ausführung. Natürlich sind manche Handlungselemente grotesk überzeichnet oder grenzen ans Melodramatische. Die konsequente Auserzählung des Erlebten aber (der Roman endet ca. im siebzigsten Lebensjahr der Protagonistinnen) sowie eine gnadenlos analysierende Erzählstimme, die versucht, bis an die letzten Grenzen und Erfahrungen der Ich-Perspektive vorzustoßen, kreieren zusammen dieses realistische, weil ambivalente Finale einer Freundschaft und eines Gesellschaftspoträts. Ich möchte in vier Punkten festhalten, warum ich den Abschluss von Ferrantes Romanzyklus für so gelungen halte.

Der Feminismus triumphiert!

Nicht immer, natürlich. Auch hier gibt es kein Schwarz oder Weiß. Der Unterschied zwischen Lenù und Lila ist: Elena wird als Publizistin zur Stimme der feministischen Avantgarde in Italien, kann ihren eigenen Forderungen allerdings nicht immer nachkommen (mehr kann ich nicht verraten …). Ein gutes Zitat hierzu:

„Machte ich mir etwas vor, wenn ich mich frei und unabhängig gab? Und machte ich meinem Publikum etwas vor, wenn ich als eine auftrat, die mit ihren zwei kleinen Büchern jeder Frau helfen wollte, sich das einzugestehen, was sie sich selbst nicht sagen konnte?“ (S. 138)

Lila braucht keinen theoretischen Überbau. Sie ist immer im sexistischen Umfeld des Rione geblieben und erkämpft sich ihre Freiheit Tag für Tag. Politischer Aktivismus hingegen ist ihr fremd. Trotzdem gelingt es ihr, die örtliche Camorra, vertreten durch die Brüder Solara, ordentlich aufzurühren. Die Solaras stehen nicht zuletzt für die Unterdrückung der Frauen im Rione und Lila wird zur ihrer dauerhaften Kontrahentin. Lenùs Kampf bleibt (zumindest im ersten Teil des Romans) privat. Sie verhandelt mit sachlicher Erzählstimme so schmerzliche Konflikte wie: Darf sie sich auf Kosten ihrer Töchter selbst verwirklichen? Kann die Beziehung mit dem unzuverlässigen Nino wider besseren Wissens halten? Kann Elena sie weiterführen und sich dabei gleichzeitig treu bleiben?

Eine starke, unerbittliche Erzählstimme

Die Ereignisse in Die Geschichte des verlorenen Kindes scheinen zwar manchmal einem Tarantino-Film zu ähneln – Mord, Selbstmord, Verrat und Gewalt folgen einander in großer Dichte – das alles berichtet Elenas Erzählstimme aber in einem lapidaren, sachlichen Ton. Das ist nicht immer leicht verdaulich, aber konsequent. Der vierte Teil der Tetralogie macht noch einmal besonders deutlich: Das Ziel ist es, ALLES zu sagen, Lenùs Sicht auf alles zu berichten, was war, auch wenn es noch so schmerzhaft sein oder ein schlechtes Licht auf die Erzählerin werfen sollte. Die nunmehr reife Protagonistin Elena läuft nicht mehr vor ihrer Herkunft davon, kehrt sogar in den Rione zurück und erlebt die Alltags-Gewalt wieder hautnah mit. Das merkt man auch dem leicht resignierten, aber gelassenen Erzählstil an, den ihr älteres Ich ihrem jüngeren Alter Ego verleiht. Am Lebendigsten ist die Erzählung seltsamerweise dann, wenn Elenas Stimme die Ereignisse „im Zeitraffer“ darlegt, nicht bei ausschweifenden Beschreibungen des Moments. In Raffung werden die zwingenden Mechanismen der Figurenbeziehungen klar – Lila konnte nur so, Nino nur so handeln. Neapel würde sich niemals ändern. Ein Beispiel ist Elenas Erklärung für den beruflichen Erfolg Ninos:

„Wenn er kam, erzählte er mir stolz von seinen Erfolgen, und ich musste schon bald zur Kenntnis nehmen, dass ebenso wie es dank der Familie seiner Frau mit seiner Karriere steil bergauf gegangen war, auch jetzt hinter jeder neuen Aufgabe, die ihm übertragen wurde, die Vermittlung durch eine Frau stand. […] Hatte ich selbst ihm denn nicht auch geholfen, ein Buch in einem bedeutenden Verlag zu veröffentlichen?“ (S. 292-293)

Dieser Zeitraffer deutet auch wieder den verzweifelten Anspruch Elenas an, ihre und Lilas Geschichte im Ganzen zu berichten, bevor das Alter sie lähmt.

Die Geschichte des verlorenen Kindes Cover
© Suhrkamp

Die Ambivalenz von Mutterschaft ist ein wichtiges Thema

Der Titel Die Geschichte des verlorenen Kindes deutet es schon an – der Roman thematisiert mehrere Mutter-Kind-Beziehungen, eine davon ist besonders tragisch, und kehrt damit motivisch zur problembehafteten Kindheit der beiden Protagonistinnen zurück, wie sie in Meine geniale Freundin geschildert wurde. Elenas schwierige Situation als alleinerziehende Mutter ist eines der vielen Beispiele im Roman. Als angehende Autorin muss sie zum Beispiel Lese- oder Vortragsreisen antreten: „Ich riss mich gewaltsam von [meinen Töchtern] los. Ich spürte ihren anklagenden Blick, ich litt.“ (S. 86) Aber schon beim Gedanken an die bevorstehenden Aufgaben und an ein Wiedersehen mit ihrem Liebhaber Nino empfindet sie „eine unverschämte Freude, die mich zunehmend aufwühlte.“ (ebd.)

Kann Elena sich verwirklichen und trotzdem eine „gute“ Mutter sein? Was brauchen ihre Töchter wirklich? Welche Erwartungen dürfen wiederum Mütter an ihre Töchter haben? Anders als im Großteil der Weltliteratur sowie in vielen Hollywood-Filmen werden hier Mutter-Töchter-Beziehungen ausgeleuchtet, Väter und Söhne bleiben wohlwollend geduldete Staffage. In gewisser Weise erzählt der Roman die Entstehung eines Matriarchats als neue Herrschaftsform, und zwar so komplex und folgenreich und mit all ihren privaten und öffentlichen Kämpfen, als handle es sich um ein Shakespearsches Königsdrama.

Eine komplexe Freundschaft wird erneuert in Die Geschichte des verlorenen Kindes

So viel sei verraten, Lila und Lenù kommen sich im vierten Teil wieder näher, nachdem Lenù ihrer Feundin zuvor nur Missgunst (auch in Bezug auf ihre Affäre mit Nino) unterstellt hat. Die Beziehung bleibt aber fragil. Die Geschichte des verlorenen Kindes spiegelt sich in einigen Handlungsteilen in Meine geniale Freundin, das Ende rekurriert auf den Anfang. So entwirft der Roman ein Bild von Freundschaft als zyklisch wiederkehrendes Schicksal oder eine zwingende Entwicklung, die sich immer nur im Kreis dreht. Das Puppen-Motiv ist das stärkste Beispiel dafür, lest selbst, und ihr werdet mir zustimmen. Der Roman erzählt zum Schluss des Zyklus ebenso von Aufopferung und Loyalität (wie man sie Lila zum Beispiel nicht oft zutraut) wie von psychologischen Machtspielchen und Verrat.

Der Romantext selbst steht dabei als Metapher für die ambivalente Frauenbeziehung zwischen Lenù und Lila. Lenù schreibt ihre gemeinsame Geschichte auf, um Lila fassen zu können, um sie überdauern zu lassen. Gleichzeitig dient die Erzählung aber auch dazu, Lila ihr schriftstellerisches Können zu beweisen und ihr zu zeigen, dass sie es ist, Elena, die zu recht berühmt geworden ist. Der Text ist somit Opfergabe und Siegestrophäe zugleich. In einer der letzten Kapitel beschreibt Lenù ihr Schreiben als Lebensaufgabe, die sie ausgeführt hat, um ihrer Freundin Lila „eine Gestalt zu geben, deren Konturen sich nicht auflösen, um sie zu besiegen, um sie zu beruhigen und so auch mich selbst zu beruhigen.“ (S. 605). Keine Freundschaft hat wohl so viel Ringen erlebt wie diese.

Ferrante, Elena: Die Geschichte des verlorenen Kindes, Berlin: Suhrkamp 2018.

Lest auch „Frau Hemingways“ Eindruck zur neapolitanischen Saga: Was wir von Elena Ferrante über Freundschaft lernen können

 

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