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„Worauf wir hoffen“: Ein komplexes Erinnerungsgeflecht

(Werbung/Rezensionsexemplar) Mit ihrem Debütroman Worauf wir hoffen (im Original etwas treffender A Place for Us) hat die Amerikanerin Fatima Farheen Mirza eine ungewöhnliche Familien-Saga geschrieben. Aus vier Figurenperspektiven und vielen innerchronologischen Zeitsprüngen ergibt sich erst das komplexe Erinnerungsgerüst der dargestellten Familie. Dabei kommt es vor allem auf die vielen ganz genau ausgeleuchteten Alltagssituationen an. Sie machen die Konflikte dieser „typischen“ Einwandererfamilie in den USA anschaulich. Dies ist ein Beitrag zur Lese-Challenge #WirlesenFrauen!

worauf wir hoffen cover

Worauf wir hoffen: Das Setting

Der Roman spielt in einem ganz klar abgeschlossenen „Raum“: einer indisch-muslimischen Gemeinde in Kalifornien, genauer, die meiste Zeit nur in einer Familie. Die Handlung erstreckt sich ungefähr von den frühen 80ern bis in die 2010er Jahre. Es ist die typisch amerikanische Geschichte: die Einwanderer der ersten Generation, Rafik und Laila, kämpfen darum, die traditionellen Werte ihrer Heimat Indien an ihre Kinder Hadia, Huda und Amar weiterzugeben. Diese sind aber unweigerlich den „Versuchungen“ der westlichen Welt ausgesetzt und wollen natürlich auch für ihre eigene Identität kämpfen. Es geht um das Ringen der Kinder mit den alten Vorstellungen der Eltern, was richtig und was falsch ist, „halal“ oder „haram“. Dem schließt sich selbstverständlich das Ringen um den Glauben an, vor allem beim rebellischen jüngsten Kind und einzigen Sohn Amar.

Die muslimische Community am kalifornischen Schauplatz lebt in einer Parallelwelt zu den Amerikanern, denn die Familien bleiben unter sich und Vater Rafik erlaubt seinen Kindern z.B. nicht, zu amerikanischen Freunden nach Hause zu gehen. Stattdessen werden Freundschaften ausgiebig innerhalb der muslimischen Familien bei häufig stattfindenden Festen (besonders religiösen Feiertagen) gepflegt. Viele Episoden in der Erzählung finden an religiösen (Familien-)Festen statt. Sie sind die Markierungspunkte, an denen der Fortschritt der erzählten Zeit und der Entwicklung der einzelnen Familienmitglieder abgelesen werden können. Sobald Amar sich z.B. endgültig vom Glauben abwendet, erscheint er nicht mehr zu den mehrtägigen Feiern zum „Muharram Majilis“, einem Trauerfest im Islam. Hadias traditionelle Hochzeit bildet übrigens den Ausgangspunkt des Romans, von dem aus die Familiengeschichte in Rückblicken aufgerollt wird.

Das fast ausschließlich muslimisch-traditionell geprägte Umfeld der Eltern steht im Kontrast zur Lebenswelt der Kinder, die mit weißen Schulkameraden auf öffentliche Schulen gehen. Diese zweite Lebenswelt wird aber nur leicht angerissen und Hadia, Huda und Amar vor allem im Kontext ihrer Familie gezeigt. Denn der Konflikt mit der Lebenswelt ihrer Eltern, und die Dynamiken innerhalb der Familie sind es, die den Plot antreiben. Interessanterweise ist es die „Welt dort draußen“, zu der sich die Protagonisten zusehens hin entwickeln. Hadia wird z.B. Ärztin.  

Der Erzählstil

Ganz klar: Seinen Zauber entfaltet Worauf wir hoffen nicht über sein Erzähltempo, das ist äußerst gemächlich, manchmal aufreizend langsam. Die nötige Spannung kommt viel mehr durch das Hin- und Herspringen in der Chronologie zustande, weil dies den Leser*innen extra Konzentration abverlangt. Es geht weniger darum, die Entwicklung der Figuren linear zu verfolgen, als darum, ein Gesamtbild zu erhalten.

Der Einstieg geschieht über die Hochzeit von Tochter Hadia, zu der auch Amar eingeladen ist, nachdem dieser drei Jahre keinen Kontakt zu seiner Familie hatte. Alte Wunden brechen wieder auf, während die Feier ihren Lauf nimmt. Die Hochzeit ist jedoch nur der Ausgangspunkt, um von da aus zurückzuspringen in die Vergangenheit und in verschiedenen Figurenperspektiven ein Tableau des Familienlebens zu zeichnen. Das geschieht nicht chronologisch. In einem Kapitel geht es um die junge Laila in Indien, im nächsten um Amar als Teenager, danach um Amar und Hadia als Grundschüler.

Die Sequenzen erscheinen zunächst willkürlich ausgewählt, beim Lesen ergibt sich jedoch die Bedeutsamkeit der einzelnen Szenen für das Ganze der Familiengeschichte. So wird ein Rechtschreibtest später plötzlich bedeutsam für die gesamte Beziehung zwischen Amar und Hadia.

Die Figurenentwicklung: Ein ungleiches-gleiches Geschwisterpaar

Die Entwicklung der Geschwister Amar und Hadia (und ihre Wechselbeziehungen) ist Dreh- und Angelpunkt des Romans. Sie wird abwechselnd und in chronologischen Sprüngen erzählt. Die Geschwister sind eifersüchtig aufeinander (Hadia auf die männlichen Privilegien ihres Bruders, Amar auf Hadias Vorzugsstellung bei ihrem Vater), sie sind sich aber eigentlich sehr ähnlich. Sie kämpfen dieselben Kämpfe, nämlich um Unabhängigkeit von den Eltern. Hadia wurde jedoch dazu erzogen, dass sie als ältestes Mädchen die Verantwortung für ihre Geschwister hat, immer vorbildlich sein muss und nicht aufbegehren darf. Das lernt sie schon als kleines Kind: „In jenen Tagen fühlte Hadia sich zum ersten Mal wirklich wie eine Schwester, als wäre das ein Job, bei dem sie ihr Bestes gab, und dieses Gefühl sollte sie nie wieder verlassen.“ (S. 48)

Sie hat nicht gelernt, ungehorsam zu sein, Amar hingegen tut sich mit dem Erfüllen der Erwartungen schwer, die seine Eltern an ihn haben. Eigentlich ist er künstlerisch veranlagt, für seinen Vater gibt es aber nur den einen respektablen Beruf für seinen Sohn: den des Arztes. Aber weder den Karrierewünschen seines Vaters noch seinen Forderung nach einem streng religiös geregelten Leben will er sich fügen. Es muss unweigerlich zum Bruch kommen – wie genau, und wie Amar dann zu Hadias Hochzeit als „verlorener Sohn“ zurückkehrt (für immer?), wird in Worauf wir hoffen auf knapp 500 Seiten nachvollzogen.

Während Amar mit allen Traditionen bricht, nimmt Hadia nach und nach die Rolle des ältesten Sohnes ein. Bei Amar ist es eine Emanzipation von Tradition und Familie, bei Hadia eine Emanzipation von der weiblichen Geschlechterrolle. Die Kämpfe der beiden spiegeln sich jedoch.

Das zeigt die eigenwillige Erzählweise im Roman sehr gut auf: Auf Seite 134 wird Hadias Streit als Teenagerin mit ihrem Vater geschildert, der ausbricht, weil sie nicht auf eine Party gehen darf, gefolgt von einem zeitlichen Sprung zurück, bei dem Amar wiederum gezeigt wird, wie er einen verbotenen Spaziergang mit seiner ersten Liebe Amira macht. Beide Geschwister kämpfen dieselben Kämpfe, wenn sie auch oft miteinander konkurrieren.

Von anderen Kämpfen erzählt die Perspektive von Mutter Laila, Es gibt Einblicke in ihre Jugend in Indien und ihr noch sehr traditionelles Leben im engen Familienkreis in Kalifornien. Die Perspektive des Vaters Rafik (die letzten 100 Seiten des Romans) unterstreichen hingegen besonders die tragische Dimension im Buch, die verpassten Chancen, die gescheiterte Kommunikation zwischen Vater und Sohn.

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Die Themen Glaube und Tradition im Roman

Das ist Worauf wir hoffen unzweifelhaft gelungen: Die Erzählung ist so zugänglich! Die Konflikte und Kämpfe, die Unsicherheiten, die kleinen Verräte und Eifersüchteleien – das alles sind universelle Themen, unabhängig von Glaubensrichtung oder Herkunft. Ich hatte eher eine Art voyeuristischen Blick auf eine fremde Kultur erwartet – was natürlich auch den eigenen gelernten Rassismen entspringt, niemand ist frei davon – aber das lässt der Roman gar nicht zu. Der Glaube und die Kultur erscheinen vertraut, weil alles in diesem engen familiären Zirkel stattfindet, der minutiös und äußerst liebevoll ausgeleuchtet wird – und der ist so universell. Die familiären Beziehungen sind das Kernstück, der Glaube nur eine Zugabe. Es geht um diesen universellen Kampf um die Wurzeln, die Einwanderer der ersten und zweiten Generation natürlich noch einmal auf einem ganz anderen Niveau austragen als „Alteingesessene“.

Feministische Themen in Worauf wir hoffen

Die junge Generation im Roman hat große Probleme, die Selbstverleugnung zu akzeptieren, die die Eltern ihnen abverlangen. In Amars Fall eskaliert sein Protest in Drogenabhängigkeit und dem totalen Bruch mit seiner Familie, in Hadias Fall sieht er stiller aus:

„Warum kann sie jetzt nicht einfach einen Wutanfall kriegen wie Amar? … Warum wartet sie stattdessen, schluckt Stolz und Wut hinunter und kehrt zu Baba zurück, nicht in der Hoffnung, dass er ihr ihren Wunsch gewährt, sondern dass er ihr ihn nicht verübeln wird.“ (S. 135)

Hadia spielt nur mit dem Gedanken ans Weglaufen, während Amar ihn am Ende in die Tat umsetzt. Hadia hegt eine heimliche Liebe für den Nachbarsjungen, während Amar sich tatsächlich mit seinem „sweetheart“ trifft. Aber sie bleibt nicht für immer passiv. Für sie ist ihr beruflicher Ehrgeiz ihr Weg aus der vorbestimmten Frauenrolle, und mit ihren guten Leistungen überzeugt sie auch ihren Vater. Anders als Amar kann Hadia sogar ihre beiden Lebenswelten miteinander vereinen, die indische und die westliche. So heiratet sie zwar einen Muslim, aber sie hat sich ihren Mann selbst ausgesucht. „Sie lotete unaufhörlich neue Optionen aus, eine aufregende Erfahrung für sie. Fasten war wichtig. Fluchen egal. Sie respektierte den Hijab zutiefst, trug ihn selber aber nicht.“ (S. 291) Man kann sie wirklich als selbständigste Frauenfigur im Roman bezeichnen.

Lailas Erzählstimme strahlt immer eine absolute Ruhe aus, die erst dann verunsichert wird, als klar wird, dass Amar scheitern wird, er sich den Forderungen seines Vaters nicht anpassen wird. Sie ist keine klischeehaft unterdrückte Frau, wie sich viele Weiße womöglich eine muslimische Ehefrau vorstellen. Sie ist mit ihrem Leben zufrieden. Obwohl es für sie zu Beginn nie eine große Wahl gegeben hat, entscheidet sie sich z.B. mit ganzem Herzen für die Vollzeit-Mutterrolle. Ein Hadern mit dem Schicksal gibt es für sie sie. Sie zweifelt erst dann an ihrem Lebensentwurf, als sie merkt, dass all die Mühe, die sie in die Fürsorge ihrer Kinder gesteckt hat, bei ihrem jüngsten Sohn Amar auf taube Ohren stößt.

Fazit

Ein leiser, einfühlsamer, aber auch tragischer Roman über den Kampf um die eigene Identität. Der natürliche Sprachstil – vor allem bei den Dialogen! – kam bei Sabine Hübners deutscher Übersetzung gut zum Tragen. Die Übersetzung des Titels halte ich für weniger gelungen. Worauf wir hoffen erscheint viel beliebiger als das melancholische A Place for Us: Denn genau darum geht es – einen Ort zu finden, an dem man sein kann, wie man ist, und an dem man weder seine Wurzeln noch seine Ambitionen verdrängen muss.

Fatima Farheen Mirza: Worauf wir hoffen, übers. von Sabine Hübner, dtv 2019.

Vielen Dank an den dtv für das Rezensionsexemplar!

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