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„King Kong Theorie“ von Virginie Despentes – Anleitung zum Wütendsein für Frauen

Virginie Despentes‘ feministisches Manifest King Kong Theorie ist ein einziger wütender Rundumschlag gegen alle gesellschaftlichen Zerrbilder von Geschlechtsidentität und Sexualität – und ein Lobgesang auf das Unangepasstsein. Jetzt liegt das Manifest in einer neuen Übersetzung beim KiWi-Verlag vor. In sieben Kapiteln gibt Despentes ihren Geschlechtsgenossinnen viele Gründe, verdammt wütend auf das Patriarchat zu sein.

King Kong Theorie ist bereits 13 Jahre alt, dennoch gibt es immer noch genauso viele Gründe wie 2006, dieses feministische Manifest zu lesen. Die Sprache ist wütend, die Analyse gesellschaftlicher Ungerechtigkeit bestechend scharf. Manche Thesen sind dennoch sehr plakativ und vereinfachend vorgebracht, an manchen Stellen hätte dem Text ein bisschen Differenziertheit gut getan. Dennoch: Es ist eine mitreißende Streitschrift. Despentes spricht all das an, was in der Kommunikation der Geschlechter gerne unter den Teppich gekehrt wird: sexuelle Gewalt, Prostitution und Pornographie. Dabei lässt sich in jedem ihrer sieben Essays eine übergeordnete These feststellen: Sieben Gründe, um wütend zu werden als Frau in dieser westlichen Gesellschaft.

King Kong Theorie, Kapitel 1: Du existierst in der (Pop-)Kultur (fast) nur als Wunschvorstellung von Männern

Despentes prangert im ersten Kapitel „Bad Lieutenants“ an, dass Frauen einfach aufhören, für die Gesellschaft zu existieren, sofern sie dem nach männlichem Blick „idealen“ Frauenbild nicht entsprechen. Männliche Autoren malten sich in ihren Romanen nur Frauen aus, „mit denen sie gerne schlafen würden“. (S. 10) Was aber sei mit den Frauen, die „durchschnittlich aussehen und nicht imstande sind, die Männer zu lieben und sich von ihnen lieben zu lassen“? Im ersten Kapitel erteilt Despentes daher eine klare Absage an das (vor allem durch die Kultur und Medien verbreitete) Idealbild der weißen, heterosexuellen, verführerischen, aber nicht nuttigen, intelligenten, aber nicht zu klugen Frau und führt in einer langen wütenden Aufzählung all die an, die von der Gesellschaft negiert werden, die aber einem realistischen Bild von Weiblichkeit viel näher kommen, z.B. „die Hässlichen, die Alten“ (S. 9), oder „die mit den Kerlen nichts am Hut haben, aber sich für deren Freundinnen interessieren“ (S. 12) etc., etc.

Du musst dich überweiblich geben, um die Männer in ihrer verunsicherten Männlichkeit zu beruhigen

Eine wichtige Erkenntnis in Kapitel 2, „Fick ich dich oder fickst du mich“, lautet, dass der eigentliche Stolperstein für Frauen nicht der ist, dass sie ihre (vom Patriarchat eingetrichterte) Unterlegenheit gegenüber Männern so verinnerlicht hätten. Frauen wüssten eigentlich um ihre Stärke (schließlich mussten sie sich schon immer im Zweifelsfall allein durchschlagen). Vielmehr werde die Unabhängigkeit von Frauen so stark problematisiert, dass viele Frauen sich freiwillig demütig geben, obwohl sie schon längst so unabhängig leben wie Männer. Ein perfider Zwang zur Verstellung also, der sich laut Despentes z.B. im Zwang zum Schlanksein und Tragen von sexy Kleidung äußert. Mit dem über-bereitwilligen Fügen in weibliche Geschlechtsmuster entschuldigen sich viele Frauen so laut Despentes bei den Männern für den Verlust ihrer Vorrechte.

Die Gesellschaft erzieht dich zum Opfer und macht es dir gleichzeitig unmöglich, dich von Gewalterfahrungen zu erholen

Der überzeugendste und mitreißendste Aufsatz in King Kong Theorie ist der zum Thema Vergewaltigung mit dem Titel „Impossible de violer cette femme pleine de vice“ (der Titel ist ein Zitat aus einem französischen Popsong, der ungefähr bedeutet: „Diese lasterhafte Frau kann man gar nicht vergewaltigen“ (S. 35)). Despentes geht hier stark ins Autobiographische und berichtet von ihrer eigenen Vergewaltigung als Teenagerin. Dabei benennt sie zentrale Tabuthemen der westlichen, heteronormativen Sexualpolitik:

  • Die Frau ist immer Opfer und Schuldige zugleich, eine „Kreatur, die für das Begehren immer verantwortlich (ist), das sie erreg(t).“ (S. 52). Despentes selbst lebte weiter und befand sich immer in dem Zwiespalt, sich selbst nicht als Opfer sehen zu wollen, und dem übermächtigen Gefühl, „gebrandmarkt“ zu sein.
  • Die Frau als (Vergewaltigungs-)Opfer ist notwendig (also kein „tragischer Einzelfall“), damit sich die Männlichkeit, davon abgrenzend, definieren kann.
  • Die Gesellschaft richtet es so ein, dass Männer bei ihren Angriffen auf Frauen garantiert triumphieren, indem sie die Mädchen zu Opfern erzieht.

Daraus folgend liegt die größte Stärke dieses Aufsatzes in der Politisierung der Vergewaltigung als Geste der Herrschenden gegenüber den Beherrschten: „Die Vergewaltigung ist (…) das Skelett des Kapitalismus, die rohe, unmittelbare Repräsentation der Machtausübung.“ (S. 52) Damit benennt Despentes die Vergewaltigung als eigentliches Zentrum der Hetero-Sexualität. Ebenfalls interessant: Despentes prangert die Darstellung von Vergewaltigungs-„Opfern“ aus der Sicht männlicher Filmemacher an. „Rape and Revenge“-Filme zeigten nämlich nur, „wie Männer an der Stelle von Frauen auf eine Vergewaltigung reagieren würden: Mit einem Blutbad, mit unerbittlicher Gewalt. Die Botschaft ist klar: Warum wehrt ihr euch nicht brutaler?“ (S. 48). In einem Genre, das Frauen vordergründig ermächtigen soll, versteckt sich doch wieder das alte „victim blaming“.

Deine Würde ist nur dann angegriffen, wenn es die Gesellschaft dir sagt

Im Kapitel „Mit dem Feind schlafen“ befasst sich Despentes mit Prostitution. Es muss vor allem vor dem Hintergrund der französischen Politik gesehen werden. Despentes verurteilt das Ansinnen der Politik, Prostitution illegal zu machen (was 2016 auch tatsächlich geschah). Sie führt den Ekel und die Angst vor der Prostitution vor allem darauf zurück, dass jemand den Vergleich zwischen einer Hure und einer Ehefrau ziehen könnte. Gern gehe die Gesellschaft davon aus, dass eine Hure (selbst wenn sie freiwillig und unter den besten Bedingungen arbeitet), zweifellos ein Opfer und absolut erniedrigt sein müsse. Aber wie unwürdig viele Ehen seien, in denen die Frauen ja ebenfalls den Pakt „finanzielle Sicherheit gegen sexuelle Gefälligkeiten“ eingehe, das erwähne man nicht. (vgl. S. 61)

Diese Annahme mag für die absolute High Society zustimmen, aber in der gewöhnlichen Mittelschicht ist die Situation komplexer, möchte man annehmen. Nicht jede Ehe besteht automatisch daraus, dass die Frau sich komplett aushalten lässt (schon allein, weil es die finanzielle Situation von normalverdienenden Männern nicht zulässt) und als Gegenleistung tut, was der Mann ihr sagt. Natürlich gibt es auch hier Zwänge (zum Beispiel der Frau, auch nach der Geburt eines Kindes wieder sexuell verfügbar zu sein etc.). Zu klischeehaft-verallgemeinernd ist dennoch die Aussage, jede Ehe, auch die von zwei „Otto-Normalverbrauchern“, beruhe auf einem Verhältnis der Prostitution.

Spannend ist hier vor allem der autobiografische Aspekt: Despentes beschreibt in diesem Kapitel von King Kong Theorie, dass ihre eigene Tätigkeit als Gelegenheitsprostituierte ihr half, das Trauma ihrer Vergewaltigung zu überwinden. Eine Feststellung, für die sie bis heute angefeindet wird – und ein Tabubruch, den auch ihre Romanfiguren begehen (z.B in ihrem „Skandalroman“ Baise-moi).

Dein Begehren ist immer lächerlich – warte gefälligst, bis der Mann mit dir schlafen will

Ähnlich wie bei der Prostitution herrsche eine Tabuisierung von Pornographie in unserer Gesellschaft vor, stellt Despentes in dem Kapitel „Porno-Hexen“ fest. Und im übertragenen Sinne, besonders durch ihre Bedeutung für die Emanzipation der Frau, hat sie Recht. Denn der Porno zeigt uns unmittelbar, was uns anmacht. Eine Frau, die weiß, was sie antörnt, ist selbstbewusster als eine, die keine Ahnung davon hat. Anders gesagt: Wenn du dich selbst zum Orgasmus bringen kannst, wozu brauchst du dann noch einen Mann? Oder warum solltest du dann noch mit jemandem zusammen sein, der deine sexuellen Wünsche ignoriert?

Deshalb spricht Despentes davon, dass sich der Mann „des weiblichen Orgasmus bemächtigt“ (S. 106) hat. Nur er darf und soll dafür sorgen, dass sie kommt. Damit das so bleibt, wird auch systematisch alles lächerlich gemacht, was junge Mädchen antörnt. Ein bestes Beispiel sind Boybands, das früheste Beispiel waren die Beatles. Bis zur „Beatlemania“ war die weibliche Sexualität komplett negiert. (vgl. S. 108) Despentes sieht deshalb eine wichtige Verbindung zwischen weiblicher Masturbation und weiblicher Identitätsfindung (so skurril das auf den ersten Blick klingen mag): „Welchen Kontakt stellen wir zu uns selbst her, wenn unser eigenes Geschlecht systematisch von einem anderen Geschlecht annektiert wird?“ (S. 107)

Es ist schön, eine Frau zu sein – aber sei gefälligst nichts anderes!

Der Affe King Kong ist bei Despentes eine Metapher für die ursprüngliche, vorgesellschaftliche Sexualität, nicht männlich, nicht weiblich, nicht heteronormativ. Dieses Bild entwirft Despentes in ihrem Essay „King Kong Girl“ und entwickelt daraus die Frage:  Was macht Weiblichkeit eigentlich aus? Sie gleitet auch hier etwas ins Plakative ab, wenn sie feststellt: Für sie sei Weiblichkeit eigentlich „Hurerei“ (S. 129). Sie meint damit „die Gewohnheit, sich als Unterlegene zu verhalten“. Sie zählt in einem wütenden Sermon alles auf, was als „typische Frau“ von einem verlangt wird, und behauptet, danach, „alles, was Spaß macht“ (S. 130), sei männlich, z.B. „sich morgens nicht die Zeit nehmen, sich zurecht zu machen“. Auch hier verallgemeinert sie etwas stark – was, wenn es vielen Frauen trotzdem Spaß macht, mich morgens zurechtzumachen? Dennoch zieht sie einen guten Schluss: Nicht das Frau-sein per se sei ein Zwang. „Demütigend ist nur die Verpflichtung, es zu sein.“ (S. 131) Damit argumentiert sie in eine ähnliche Richtung wie de Beauvoirs Gleichheitsfeminismus: Das weibliche Geschlecht, besonders das „ideale“ weibliche Geschlecht, ist ein soziales Konstrukt. Daher der Zwang von außen, diesem Konstrukt zu entsprechen.

Letzte Erkenntnis in King Kong Theorie: Sag den Männern bloß nicht, dass du eigentlich kein schwaches Häschen bist und: Männer, emanzipiert euch!

Im letzten Aufsatz von King Kong Theorie, „Macht’s besser, Mädels“, fordert Despentes die Emanzipation des Mannes. Ja, richtig gelesen. Es geht ihr um das große lächerliche Stereotyp, dass die Frau das „schwache Geschlecht“ sei, wo es doch die Männer sind, die „ständig beschützt, beruhigt, gepflegt, geschont“ (S. 145) werden müssten. Nämlich vor der Wahrheit, dass es viel weniger Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt als angenommen. Dass es weiche, einfühlsame Männer und rücksichtslose Frauen gibt. Despentes benennt die Popkultur als Kolporteur der großen weiblichen Archetypen wie „Femme Fatale, bunny girl, Krankenschwester, Lolita, Hure, zugeneigte und kastrierende Mutter“ (ebd.). Von all diesen Illusionen müssten sich die Männer befreien – und den Feminismus als „kollektives Abenteuer“ (S. 147) willkommen heißen, nicht dagegen vorgehen.

Virginie Despentes: King Kong Theorie, Kiwi 2018, neu übersetzt von Barbara Heber-Schärer und Claudia Steinitz.

Dies ist ein Beitrag zur Lese-Challenge #wirlesenfrauen. Dafür wurden von Ant1heldin schon die Texte Deutsches Haus von Annette Hess, Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza und Rabenvater Staat von Jenna Behrends gelesen.

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1 Kommentar

  1. Dominique 29. Juli 2019

    Liebe Ant1heldin,
    danke dir für diese ausführliche und kritische Auseinandersetzung mit „King Kong Theorie“. Ich habe mir damals im Studium die französische Fassung besorgt, nachdem ich von „Baise-moi“ ziemlich beeindruckt war. Allerdings ruht es seitdem im Regal bei den ungelesenen Büchern. Umso besser, dass ich deinen Artikel dazu gelesen habe.
    Weiter so!
    Lieben Gruß
    Dominique

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