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„Godless“ und das tragische Scheitern eines feministischen Western

Von Kathinka – Die Serie Godless (2017 bei Netflix erschienen) wagt ein mutiges Experiment: Ein Western, fast ausschließlich mit Frauen besetzt! Der dramaturgische Spagat scheint zunächst zu gelingen. Godless nimmt konsequent eine weiblich-feministische Perspektive ein und bietet Fans des testoterontriefenden Genres dennoch alles, was sie erwarten. Der Showdown macht den feministischen Ansatz der Serie jedoch zunichte.

Godless Szenenbild Alice Fletcher

Die Washington Post und Vanity Fair führen beide Godless unter den zehn besten Serien 2017 an. Und während man die ersten sechs Folgen schaut, ist man geneigt, ihnen recht zu geben. Denn Frank Scotts Mini-Serie ist kein klassischer Western und hält dennoch alle wichtigen Handlungsmuster des Genres bereit: Prügeleien in Saloons, Schießereien auf staubigen Hauptstraßen, Reiterromantik und so weiter. Dabei drängt der Plot die Frauenfiguren allerdings nie in eine demütige Opferhaltung, wie es die Serie Westworld zum Teil tut. Es geht immer noch um den Kampf Gut gegen Böse. Letzteres erscheint in Gestalt des Outlaws Frank Griffin (toll gespielt von Jeff Daniels), der ankündigt, jede Ortschaft auszulöschen, die seinem abtrünnigen Ziehsohn Roy Goode (Jack O’Connell) Schutz gewährt. Diese Ortschaft nun ist La Belle, eine Stadt, in der allerdings bereits vor einiger Zeit alle kampffähigen Männer einem Minenunglück zum Opfer gefallen sind. Die Frauen leben nun selbstbestimmt und – Überraschung! – völlig zufrieden ohne „männlichen Schutz“. Roy stellt sich in dieser von Frauen regierten Stadt und sitzt in einer Zelle im Sheriff’s Office.

Starke Frauen und kaum Männer in Godless

Die Frauen von La Belle sind stark. Sie brauchen weder ihren langsam erblindenden Sheriff (Scoot McNairy) noch dessen halb pubertierenden Deputy Whitey (Thomas Brodie-Sangster). Im Gegenteil: Die Außenseiterin des Ortes und zweifache Witwe Alice Fletcher (gespielt von der fantastischen Michelle Dockery, die ihr Lady-Mary-Image eindeutig hinter sich gelassen hat), befreit Roy aus dem Gefängnis und sperrt stattdessen Whitey ein. Sie braucht Roys Hilfe beim Zureiten ihrer Pferde und – hier ärgert man sich das erste Mal kurz – wünscht sich männlichen Einfluss für ihren „verweichlichten“ (und damit – leicht an den langen Haaren erkennbar – „verweiblichten“) Sohn Truckee. Dass sie ihre Ranch jahrelang alleine geführt, ihren Sohn aufgezogen und sich gegen die feindseligen Ortsbewohner behauptet hat, scheint in dem Moment vergessen, da der gutaussehende Roy auftaucht. 

Die Frauen von La Belle werden geleitet von Bürgermeisterwitwe und Sheriffschwester Mary Agnes (brillant: Merritt Weaver). Sie trägt die Klamotten ihres verstorbenen Mannes und führt eine Beziehung mit der Lehrerin und ehemaligen Prostituierten Callie. Sie bringt den Feminismus so lässig, sympathisch und beinahe mütterlich in diesen Western, dass selbst der bedrohteste weiße Mann anerkennend nicken muss. „I’m done with the notion that the bliss of me and my sisters has to be found with childbearing and caregiving”, sagt sie ruhig, und man möchte gerne applaudieren.

Weißer Mann, rette uns!

Diese feministische Idylle wird allerdings jäh unterbrochen. Genau in dem Moment, da sowohl der Sheriff als auch Roy abwesend sind, kommt es, wie es kommen muss. Frank Griffin erfährt, dass Roy in La Belle Zuflucht gefunden hat. Die Frauen bereiten sich mutig und entschlossen auf einen großen Kampf vor. Bis auf Alice und Mary Agnes kann niemand so richtig mit einer Schusswaffe umgehen, doch das hält sie nicht davon ab, sich bis an die Zähne bewaffnet im örtlichen Hotel zu verschanzen. Als Frank schließlich mit seinem Gefolge eintrifft und das Feuergefecht eröffnet wird, scheint der Plan der Frauen aufzugehen. Doch leider, leider gönnt der Schöpfer der Serie La Belles Heldinnen den Triumph nicht. Als sich das Blatt zugunsten von Frank Griffin und Konsorten wendet, treten die Dei ex Machina Roy und der Sherriff auf und retten ihre hilflosen Frauen. Während die paar dutzend Frauen nach der Rettung durch die zwei (!) Männer völlig perplex aus dem Haus herausstolpern, rastet Mary Agnes aus – nun ganz weibliches gefühlsdominiertes Klischee – und verpasst jeder der Feindesleichen noch eine Kugel, bis ihr Bruder ihr erklärt, dass eine Kugel reiche.

Am Ende reitet Roy, den natürlich auch die Liebe nicht bändigen konnte, in den Sonnenuntergang, hinterlässt Alice aber immerhin ein Vermögen, sodass der Zuschauer aufatmen kann. Für die nette Frau ist gesorgt, der Mann hat sich gekümmert. So wird schließlich aus der unabhängigen, selbstbewussten Mary Agnes eine Hysterikerin, aus der starken Alice ein domestiziertes Single-Weibchen, und die Transformation des verweichlichten Jungen ist auch abgeschlossen: Unter männlicher Anleitung von Roy konnte Truckee endlich die Kraft aufbringen, ein Tier zu töten. Welch eine Sternstunde der Männlichkeit. Und welch eine Enttäuschung vor allem für die Zuschauerinnen, nachdem in der Anlage der Serie doch alles vorhanden war, um ein bisschen mehr als nur den Bechdel-Test zu bestehen. 

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1 Kommentar

  1. Kurt 9. Oktober 2019

    Hallo, irgendwie kam es dazu das ich erst Ihren Artikel gelesen habe und mir dann das Ende, somit natürlich kritisch, angesehen habe. Mein Urteil betrifft Ihren Kommentar und ich muss sagen … .
    Ich hab mal einer Dame die Tür geöffnet und sie meinte zu mir das ist aber eine billige Anmache.
    Mit scheint Sie lesen Zeichen des Lebens auf die gleiche Art..
    Allen sei zugeschrieben, guckt selbst hin.
    Mit freundlichen Grüßen
    Kurt

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