Cherchez la femme – Spannende weibliche Versionen von Holmes und Watson

Diese Woche mische ich den Boys‘ Club in der Baker Street gründlich auf. Wer hat gesagt, dass Sherlock Holmes immer ein Mann sein muss? Ich stelle eine Reihe aufregender Neuinterpretationen des Meisterdetektivs als weibliche Figur vor. Auch weibliche Watsons und weibliche Moriartys sind dabei.

Währenddessen geht Karo auf Fiktion Fetzt der Frage nach Holmes‘ geistiger Gesundheit auf den Grund. Ist Sherlock Holmes wirklich als Psychopath angelegt?

weiblicher sherlock holmes buchDer „gender-swap“ bei Sherlock Holmes

Eine kurze Internetrecherche genügt, und schon wurde mir klar, dass weibliche Versionen von Sherlock Holmes (und/oder Dr. Watson) längst kein reines Fanfiction-Phänomen ist, wobei es hier natürlich die größte Fülle an Neuerzählungen gibt. Die Fanseite thesherlockian.net zählt allein 14 Romane oder Romanreihen mit weiblichen Holmes-Figuren auf. Ganz eindeutig ist: Es gibt einen großen Bedarf an Neuimaginationen des berühmten Meisterdetektivs als Frau ­– sei es, dass sie als viktorianische Lady oder als Teenagerin von heute auftritt.

Warum brauchen wir einen weiblichen Holmes oder einen weiblichen Dr. Watson?

Was könnte die Motivation dafür sein, einen weiblichen Holmes zu erschaffen? Da ist zum einen der pure „Thrill“ eines jeden weiblichen Sherlockian, sich unverstellt in einer weiblichen Holmes-Figur repräsentiert zu sehen. Klar, wir lieben die originalen Holmes-Geschichten, aber Frauenfiguren kommen dort selten jenseits des „Jungfrau in Nöten“-Klischees vor. Beide Protagonisten haben ziemlich einseitige Vorstellungen davon, was Frauen können und sein sollen. Für Holmes sind sie irrationale, undurchschaubare Geschöpfe, von denen sich Männer gern in den Ruin treiben lassen. Ganz nach dem Motto: Es ist was passiert? Cherchez la femme! Sucht die Frau! Watson indessen tendiert dazu, Frauen zur perfekten, aber hilflosen Schönheit zu glorifizieren. Als Leserin des 21. Jahrhunderts wünscht man sich ab und zu ein bisschen mehr die weibliche Perspektive im Holmes-Universum. Ich möchte nach Frauenfiguren suchen, die von diesen Männervorstellungen abweichen.

Eine große Motivation für einen weiblichen Holmes wäre daher die Gleichberechtigung. Nicht nur, dass es sowieso viel mehr männliche Protagonisten in der Popkultur gibt als weibliche, die nicht aufs Romance-Genre beschränkt sind. Mit einem weiblichen Holmes kann man wunderbar auch heute noch gängige Gender-Klischees aufbrechen. Sherlock Holmes scheint keine Gefühle zu haben, handelt immer methodisch und rational. Warum sollte das eine Frau nicht auch darstellen können? Nur weil Frauen sonst immer als emotional und fürsorglich dargestellt werden?

Das wären spannende Fragen bei der Kreation eines weiblichen Holmes:

Auf welche Probleme würde z.B. eine im 19. Jahrhundert angesiedelte Miss Holmes stoßen, die eine Karriere als Detektivin anstrebt? Wie sähe die Detektivarbeit eines weiblichen Holmes im modernen London aus? Mit welchen sexistischen Vorurteilen wäre sie als Frau konfrontiert?

Da das Holmes-Universum aber vor allem von der Freundschaft zwischen den beiden Protagonisten lebt, verändert sich mit einem Geschlechterwechsel selbstverständlich auch die Beziehung zwischen der Holmes- und der Watson-Figur. Gibt es eine Love Story zwischen Miss Holmes und einem männlichen Watson? Häufig ist auch die rein platonische Beziehung eines rein weiblichen Ermittlerduos, wie es z.B. bei der „Lady Sherlock“-Reihe von Sherry Thomas geschieht: Quasi der „boy’s club“ aus dem Original jetzt aus weiblicher Sicht dargestellt.

Viele Roman-Adaptionen mit weiblichen Holmes- oder Watson-Figuren (oder beides) sind sehr heteronormativ und mit Fokus auf die cis-Gender-Identität ausgelegt. Nichts spräche dagegen, einen Holmes als trans Frau oder eine lesbische Miss Holmes zu zeigen. Ich habe einige Zeit mit Recherche verbracht, bin darauf aber noch nicht gestoßen – wer Empfehlungen hat, gerne her damit.

Charlotte Holmes aus der YA-Reihe von Brittany Cavallaro

Diese Jugendbuchreihe (der vierte und letzte Band, A Question of Holmes, ist eben auf Englisch erschienen) treibt das sherlockianische Great Game auf die Spitze. In dieser fiktiven Welt haben Sherlock Holmes und Dr. Watson nämlich wirklich gelebt. Es wird die Geschichte der Ur-ur-ur-Enkel des berühmten Duos erzählt, der Teenager Charlotte Holmes und Jamie Watson. Sie treffen auf einer Internatsschule in Amerika das erste Mal aufeinander.

Die 16-jährige Charlotte Holmes hat durch die Augen des Erzählers Jamie etwas von einer mythischen Figur, einer Amazone oder einem weiblichen Racheengel Gabriel vielleicht – nicht schön, aber von einer strengen Perfektion: „… her face was as bare as if she’d just washed it. … she had been holding herself so straight and still that she looked like a wax figurine.“ (A Study in Charlotte, S. 8-9).

Jamies Meinung nach muss ihr beider Lebensweg schicksalshaft miteinander verbunden sein. Die Familien Holmes und Watson hatten in den letzten Jahrzehnten zwar keinen Kontakt, aber seit seiner Kindheit hatte er davon geträumt, mit Charlotte Holmes zusammen Fälle zu lösen: „We’d run through London’s sewers together, hand in muddy hand. … In my fevered imagination, she hid (government secrets) in a microchip in one small red barrette. It held back her blond hair; that’s what I’d pictured her with, back then.“ (S. 16)

Dann trifft er Charlotte Holmes wirklich und sie ist ganz anders, als er sie sich vorgestellt hatte – vor allem will sie erst einmal nichts mit ihm zu tun haben. Das ändert sich natürlich durch mehrere dramatische Geschehnisse im Lauf der Handlung. Sie müssen zusammen ermitteln, und ihre Freundschaft wird bald so eng wie die ihrer Vorväter. Jamie verfällt immer mehr in blinde Heldenverehrung für seine neue beste Freundin, in die er sich selbstverständlich auch verliebt. Er stellt sie auf ein Podest, beinahe noch mehr, als es sein Vorfahre Dr. Watson mit seinem besten Freund Sherlock tat: „I wanted us to belong to each other, completely, in a way where no one else could come close. Maybe I felt this way because she was so strange and private and still, somehow, had invited me in. Me, out of everyone in the world.“ (The Last of August, S. 110), Daher ist die Sicht auf die Protagonistin etwas einseitig.

Cover A Study in Charlotte, The Last of August

Watson, mach Platz: Holmes erzählt ihre eigene Geschichte

Im Laufe der Handlung über die drei Bücher (die ich gelesen habe) wird Charlotte Holmes entzaubert, entwickelt sich aber auch mehr zu einer eigenständigen Figur. Das passiert vor allem dadurch, dass Charlotte ihre eigene Erzählstimme bekommt, zuerst nur einige Kapitel. In Teil 3 schließlich (The Case for Jamie) erzählt sie etwa die Hälfte der Handlung. Ihr kühl analysierender Erzählton ist ernüchternd, weil jetzt die Verklärung fehlt, die poetischen Vergleiche von Jamie, seine Verzweiflung über ihre unmögliche Beziehung („Maybe I wanted her to be my girlfriend because I didn’t see what could happen if I found myself wanting someone else“. Ebd.).

Charlotte sieht sich, wie sie wirklich ist, beschönigt nichts. Sie verschleiert ihre seelischen Abgründe nicht und stellt ihre verkorkste Jugend unverstellt vor, wie hier: „When I was fourteen I decided I was done. Fuck it. My mother was ineffectual, my father pathetic.“ (The Case for Jamie, S. 150.) Weil sie den Erwartungsdruck der berühmten Familie Holmes und die Lieblosigkeit ihrer Eltern nicht mehr ertragen kann, wird sie mit vierzehn Jahren drogenabhängig. (Sie nimmt Oxycodon, ein Schmerzmittel mit ähnlicher Wirkung wie Heroin.) Beim originalen Holmes war sein Drogenmissbrauch nur ein kleiner lasterhafter „Zeitvertreib“. Hier gestaltet er sich als letzter Ausweg eines seelisch verkümmerten Mädchens. Weg ist der mysteriöse Glamour, den Jamie ihr verlieh. Gleichzeitig macht sie sich als eigene Persönlichkeit selbständig.

Charlotte wird im Laufe der Handlung als Figur aus Fleisch und Blut, als junge Frau mit Plänen und Wünschen, erfahrbar. Das habe ich als gelungene und glaubhafte Entwicklung gelesen, obwohl sie mir als die Getriebene, Geniale, als das unrealistische Objekt der Bewunderung von Jamie Watson, noch immer am besten gefallen hat. Dort ist sie eine perfekte Mischung aus Coolness, Gebrochenheit und unberechenbarem Charme, ganz ähnlich wie Benedict Cumberbatchs Interpretation von Sherlock Holmes in Sherlock.

Starke feministische Agenda bei der Charlotte-Holmes-Reihe (kleiner Spoiler)

Die Charlotte-Holmes-Reihe ist außerdem an vielen Stellen sehr feministisch. Sie macht den Druck, der auf jungen Frauen lastet, sehr gut erfahrbar. Sie müssen immer mehr leisten als ihre männlichen Altersgenossen, um anerkannt zu werden (beispielhaft an Charlotte und ihrem Bruder Milo dargestellt). Schon Teenagerinnen müssen als Sexualobjekt herhalten. Gleichaltrige Jungs reden ihnen Minderwertigkeitskomplexe ein, wenn sie nicht attraktiv genug, nicht „fuckable“ genug sind. Die Grausamkeit dieser im Grunde misogynen Gesellschaft, der rape culture, wird an Charlotte Holmes verdeutlicht. (Kleiner Spoiler, die Tatsache wird aber nach den ersten 50 Seiten in Band 1 klar). Charlotte scheint zwar genial und übermenschlich zu sein, ist aber trotzdem ein rape survivor.  Charlotte Holmes wurde verletzt. Genau das unterscheidet sie vom originalen Sherlock Holmes, sie ist gebrochen, menschlich.

Ein einziger großer Hype: Die besondere Holmes-Watson-Beziehung bei A Study in Charlotte

Charlottes Vergewaltigungs-Erfahrung sorgt zwar für die nötige Komplikation in der Beziehung Holmes-Watson: „She didn’t want me to touch her, but she wanted to be near me all the time.“ aus The Last of August (und ja, das ist weniger cheesy und tragischer, als es sich hier anhört, haha.) Das Gute ist aber: Die dargestellte Beziehung ist komplizierter als nur ein simples „Will they, won’t they?“ Diese absolute, exklusive Freundschaft, die Charlotte und Jamie am Anfang voneinander wollen, schließt solche banalen Komplikationen wie Sex eigentlich aus. Die Buchreihe zeigt uns stattdessen diese Art von fieberhafter Freundschaft, die man in der Intensität nur ein, zwei Mal erlebt, und die eigentlich nur im Teenageralter stattfinden kann. Man „hypt“ sich gegenseitig, verbringt ausschließlich Zeit miteinander, redet ganze Nächte durch (usw., ihr kennt das). Dann kommt unvermeidlich der große Knall, nach dem man sich eingestehen muss, dass man diesen rauschhaften Zustand nicht mehr länger durchhalten kann. Einer der Beteiligten findet einen anderen Freund, oder verliebt sich, und die Freundschaft kühlt ab, wird ruhiger, aber auch realistischer und hat dadurch die Chance, länger zu bestehen.

Auch die Holmes-Watson-Beziehung hier kann diesem großen Hype nicht standhalten. Jamie lernt, dass er Charlotte auf ungesunde Weise heroisiert hat und beginnt, sie als Mensch mit Fehlern zu sehen.

Charlotte muss sich ebenfalls weiter entwickeln, sich und anderen Fehlern eingestehen und anfangen, die Kontrolle auch mal abzugeben. Sie lernt, Gefühle zuzulassen. Ihre Figur baut daher auf der weit verbreiteten Annahme unter Holmes-Fans auf, dass auch Sherlock Holmes eigentlich Gefühle hat, sich aber beigebracht hat, diese zu unterdrücken, um als reine Denkmaschine (Jamie nennt Charlotte scherzhaft „robot“) einfacher und methodischer durchs Leben zu gehen und Fälle lösen zu können.

Ja, am Ende ist die Charlotte-Holmes-Reihe eine YA-Lovestory. Aber eine, die die Komplexität von menschlichen Beziehungen anerkennt und untersucht.

A Study in Scarlet Women: Die „Lady Sherlock“-Reihe von Sherry Thomas

Noch eine Charlotte Holmes! Aber diese Charlotte ist eine erwachsene Frau und ihre Geschichte spielt im London der 1880er Jahre, also im originalen Holmes-Setting. Trotz des gewohnten Umfelds muss man sich bei dieser Neuinterpretation von Holmes auf einige Überraschungen gefasst machen. Denn Charlotte Holmes kommt nicht (wie man es nach der Beschreibung des originalen Holmes vielleicht erwarten würde) groß, hager und schweigsam daher, sondern als Inkarnation des damals gängigen Schönheitsideals mit einer sehr weiblichen Figur, blonden Ringellocken und großen blauen Augen! Demgegenüber steht selbstverständlich ein nüchterner Geist, der sich an gesellschaftliche Konventionen erst gewöhnen musste. Es wird aber noch besser: Charlotte wird durch den unwahrscheinlichsten Plottwist eingeführt, in den Sherlock Holmes jemals verwickelt sein könnte: einen Sex-Skandal!

Moment, Moment, bevor ihr die Augen verdreht: Sherry Thomas lässt ihre Heldin nicht in einem kitschigen Melodrama auftreten. Charlotte Holmes, eine junge Frau aus gutbürgerlichem Hause, hatte diesen Skandal nämlich selbst so eingefädelt. Denn wenn Holmes eines ist, dann ist er (oder in dem Fall: sie) methodisch. Ihre Eltern sehen nicht ein, warum sie nicht ihr Glück in der Ehe finden sollte. Um ihren Wert am Heiratsmarkt schlagartig gen null sinken zu lassen, entledigt sich Charlotte ganz einfach ihrer Jungfräulichkeit und somit jeder gesellschaftlichen Verpflichtung. Bäm!

Witziger Clash zwischen Erwartung und Realität: Außen Lady, innen Holmes

Schon nach den ersten Seiten wird klar: Diese Frauenfigur ist innen ganz Holmes, auch wenn ihr Äußeres eine andere Sprache sprechen sollte. Schon als Kind wusste sie, dass ihr Gehirn anders funktioniert als das der anderen Menschen: „Her days were catalogued as facts and factual observations. … For them the only edible elements in the dossiers of a life were the emotions.“ (S. 172) Sie kann Emotionen lesen, empfindet auch selbst welche, aber sie spielen einfach bei ihrer Wahrnehmung der Welt keine Rolle, wie man es vielleicht nach dem gängigen Bild von Frauen als emotionsgeleitete Wesen erwarten würde.

Gleichzeitig steht Charlotte Holmes „typisch weiblichen“ Interessen wie Mode nicht feindlich gegenüber, im Gegenteil: Sie ist bekannt für ihre Vorliebe für überladene Kleider mit Schleifchen, Rüschen usw und stellt damit eine der unwahrscheinlichsten Holmes-Figuren dar, die man sich hätte einfallen lassen können. Niemand vermutet hinter dieser Fassade einen analytischen Geist oder auch nur eine eigene Meinung. Deshalb sorgen Charlottes trockene Beobachtungen immer wieder für witzige Überraschungen, wie z.B. hier: „I do not like the idea of bartering the use of my reproductive system for a man’s support.“ (S. 29), sagt sie zu ihrer verblüfften Schwester.

Sie verliert niemals ihr sachliches Urteilsvermögen, „obwohl“ sie sich für Mode und Tanzpartys begeistern kann. Das macht diese Holmes-Pastiche als feministischen Roman auch so interessant. Der Roman umgeht damit die Misogynie-Falle, in die viele historische Romane mit eigenwilligen Frauencharakteren tappen. Denn diese lehnen „typisch weibliche“ Beschäftigungen wie eben Mode und Handarbeit oft als lächerlich und langweilig ab. Frei nach dem Motto: Sei Pippi, nicht Annika – dass aber Unabhängigkeit und „sich männlich geben“ nichts miteinander zu tun haben, übersehen diese Darstellungen.

A Study in Scarlet Women Cover

Ist der Ruf erst ruiniert …: Eine feministische Neuerzählung der Welt von Sherlock Holmes

Ihr Ziel hat Miss Holmes erreicht, sie muss keinen gesellschaftlichen Erwartungen mehr genügen. Dafür steht sie jetzt auch ohne jede Unterstützung da. Und das ist der große Unterschied zwischen Charlotte Holmes und ihrem geistigen Vorvater Sherlock. Niemand schert sich daran, wenn er sich ungesellig oder gar feindselig verhält, seine geistigen Fähigkeiten sind alles, was er für ein unabhängiges Leben braucht. Charlotte kann es sich als Frau eigentlich nicht leisten, sich von der Gesellschaft zurückzuziehen. Selbst als arbeitende Frau braucht sie ein Leumundszeugnis, um irgendwo eine Anstellung zu bekommen. So gerät selbst das Ziel, einen Job als Sekretärin zu bekommen, zu einem unüberwindlichen Hindernis. An eine Karriere als beratende Detektivin denkt Charlotte erst später im Roman, obwohl sie schon ein paar Mal heimlich Scotland Yard beraten hat, freilich nur per Brief und unter dem Pseudonym Sherlock Holmes.

A Study in Scarlet Women gelingt es damit, die fehlende weibliche Perspektive in den Original-Geschichten hier nachzureichen. Sherlock Holmes ist eine autonome Figur. Als Frau muss sich Charlotte Holmes diese Unabhängigkeit erst erkämpfen. Sherlock Holmes hat sein Drogenlaster, Lady Sherlocks Handicap ist ihr Geschlecht.

Miss Holmes und Mrs. Watson

Miss Holmes tut sich später mit Mrs. Watson zusammen, einer ehemaligen Schauspielerin und Witwe eines gewissen Dr. John Watson. Die Dame trauert um den im Afghanistan-Krieg gefallenen Ehemann und nimmt Charlotte als Gesellschafterin bei sich auf. Mrs. Watson merkt sofort, dass Charlotte ihre aufgesetzte fröhliche Fassade durchschaut und ist erleichtert, endlich auf jemanden zu treffen, vor dem sie sich nicht verstellen muss. Mrs. Watson sagt zu Charlotte: „I was extraordinarily uncomfortable to be laid so bare. But in my case … it was also a tremendous relief. … Let me try having as a companion someone before whom it is useless to pretend that everything is alright.“ (S. 168-169)

Die Beziehung zwischen Holmes und Watson dreht sich in dieser Adaption daher ein wenig um. Nicht nur ist Watson hier 10, 15 Jahre älter als Holmes. Es ist Watson, die Holmes‘ Hilfe braucht, die Holmes von der Straße aufliest, damit sie sich bei ihr nützlich machen kann, nicht umgekehrt wie im Original. Das stärkt die ansonsten eher schwache Watson-Figur ungemein, die nur bewundernd zu Holmes aufschaut. Wir haben hier zwei Außenseiterinnen, „gefallene Frauen“ am Rande der Gesellschaft, die sich gegenseitig unterstützen, und das mochte ich schon sehr gerne.

Das Spiel mit dem Sherlock-Holmes-Mythos

Charlotte Holmes muss ihre Familie vom Verdacht des Mordes befreien, kann das unter ihrer eigenen Identität aber natürlich nicht tun. Die wohlhabende Mrs. Watson mietet ihr deshalb Räume in der Upper Baker Street, wo sie sich mit Scotland Yard und später auch mit eigenen Klienten trifft. Freilich mithilfe einer witzigen Charade: Sie tut so, als sei sie die Schwester des berühmten Sherlock Holmes, der im Nebenzimmer auf dem Krankenbett liegt, aber alles mithören kann. Um eine Lösung zu präsentieren, verschwindet sie dann immer kurz, um sich mit ihrem „Bruder“ zu beraten. Aber die Klienten glauben dieses Spektakel, weil sie so beeindruckt sind von „Sherlocks“ Fähigkeiten. Sie sehen ihn nie, aber sie vertrauen auf ihn.

Das ist mit Sicherheit ein kleiner ironischer Seitenhieb auf den großen Mythos „Sherlock Holmes“. Den gab es nicht nur innerhalb der fiktiven Geschichten von Arthur Conan Doyle, sondern auch in der realen Welt. Noch in den 1950er Jahren sollen bei einer Umfrage die Hälfte der Befragten in Großbritannien geglaubt haben, dass Sherlock Holmes wirklich existierte. Seine Figur war so einprägsam und gleichzeitig so glaubwürdig, dass er bis heute ein Zwischendasein führt zwischen Mythos, Fiktion und Realität. A Study in Scarlet Women nutzt diesen Mythos, um mit einem Augenzwinkern zu fragen: Hätte er dann nicht auch eine Frau sein können?

Die Vorgeschichte von Sherlock Holmes und Professor Moriarty: die Lock & Mori– Reihe

Was, wenn sich Holmes und Moriarty kannten, bevor sie zu Todfeinden wurden? Diese (wie ich finde: ziemlich aufregende) Prämisse verfolgt die Autorin Heather W. Petty in ihrer Jugendbuchreihe Lock & Mori (eine Trilogie, auf deutsch wurde sie My dear Sherlock getauft). Es ist tatsächlich so, dass in den originalen Sherlock-Holmes-Geschichten Professor Moriarty nur in den Erzählungen von Holmes vorkommt. Niemand, nicht einmal Watson, hat ihn je leibhaftig gesehen. Daher kann man sich als eifriger Sherlockian die Frage stellen: Warum ist das so? Wollte Holmes etwas verbergen?

Pettys Reihe versetzt Holmes und Moriarty (wie es Brittany Cavallaro tut) in die Gegenwart und macht aus ihnen zwei Teenager. Nur, dass Moriarty hier ein junges Mädchen ist, das auf seinen Schulkameraden Sherlock Holmes trifft und beginnt, mit ihm einen Mordfall zu lösen. Selbstverständlich verlieben sich die beiden nach kurzer Zeit ineinander.

Ich sage es gleich vorweg: Als Sherlock-Holmes-Pastiche ist Lock & Mori nicht sehr gut gelungen, wie ich auch in meinem Artikel zu Nachahmungen von Holmes-Geschichten beschreibe. Die typischen YA-Versatzstücke stehen klar im Vordergrund, neben Liebesdrama und Elternkonflikten wird die Krimihandlung zum Nebenschauplatz. Noch enttäuschender fand ich jedoch, dass der junge Lock fast gar keine Gemeinsamkeiten mehr mit seinem Vorbild hat. Er kann genauso gut Deduktionen anstellen, das war’s aber auch leider schon. Lock ist ein ganz normaler halbwüchsiger Junge mit Unsicherheiten und Herzschmerz-Problemen. Gerade im Vergleich mit Brittany Cavallaros Charlotte Holmes mit all ihren Schrullen und ihrer Unberechenbarkeit fällt diese naive Neuinterpretation leider ziemlich ab. Aber hier soll es ja um den weiblichen Moriarty gehen.

Lock & Mori Buchcover

Moris Kampf gegen das Patriarchat

James Moriarty, genannt „Mori“ (ja, sie heißt wirklich James), erzählt im Roman ihre Geschichte in der ersten Person. Ihre Perspektive macht das Buch interessant. Sie ist immer noch gelähmt von der Trauer um ihre Mutter, eine charismatische Frau, deren Geheimnis sich im Laufe des Plots offenbart. Jetzt lebt Mori allein mit drei Brüdern und einem trauernden Vater, Detective Moriarty.

Das Verhältnis zu ihrem Vater ist mehr als schwierig. Schon ihr männlicher Vorname deutet es an. Detective Moriarty wollte eigentlich einen Sohn, und nachdem endlich ihre Brüder auf die Welt kamen, hatte er sie komplett ignoriert. In seiner Trauer verfällt Moris Vater jetzt in Alkoholsucht und Gewaltausbrüche und gibt Mori die Schuld, dass sie anstelle ihrer Mutter noch am Leben ist. Einige ziemlich beklemmende Szenen gleich am Anfang des Romans führen in diesen Vater-Tochter-Konflikt ein. „You’re nothing like her, you filthy slag. She was an angel. You’re nothing.“ (S. 18) Mori erträgt das alles klaglos, damit ihr Vater nicht stattdessen auf ihre jüngeren Brüder losgeht.

Die Teenagerin wird in eine schwierige Rolle gepresst. Sie muss einerseits den Brüdern die Mutter ersetzen, andererseits wird ihr vorgehalten, sie könne das Vorbild ihrer Mutter nie erreichen. Sie soll fürsorglich sein, wie es sich für eine Frau gehört, gleichzeitig wird sie allein aufgrund ihres Geschlechts von ihrem Vater nur abgewertet. Kein Wunder, dass sie einen Hass auf die männlichen Machtstrukturen um sie herum entwickelt, die von ihrem gewalttätigen Vater repräsentiert werden. Lock fragt Mori, ob sie eine Feministin sei, worauf sie antwortet, nein, denn diese seien ja auf die Gleichstellung der Geschlechter aus. Daraus entwickelt sich der folgende Dialog:

„He grinned. ‚You’re not satisfied with equity?‘“

‚Why should I be? Men aren’t. For all our generations, men have fought for control and power. Why should women be satisfied to be merely equal? ‘“ (S. 93)

Dieser weibliche Moriarty, der zwischen Verzweiflung und feministischen Allmachts-Fantasien schwankt, macht als Figur wirklich Spaß beim Lesen. In der 16-jährigen Teenagerin steckt schon der gewissenlose Professor Moriarty, nur wird ihr hier eine ganz andere Motivation an die Hand gegeben als dem originalen Moriarty. Der war eigentlich die Karikatur eines Super-Bösewichts, der allein aus Machtgier und dem Wunsch nach persönlicher Bereicherung ein kriminelles Netzwerk initiiert. Karo beleuchtet seine Figur in ihrem Artikel Das notwendige Übel: Professor Moriarty sehr schön. Die junge Mori hingegen will nur eins: Rache am Patriarchat!

Die Hassliebe zwischen Holmes und Moriarty

Das Interessante an der Beziehung zwischen Protagonisten und Antagonisten in der Fiktion ist ja, dass sich diese beiden Figuren meist sehr ähnlich sind und die Grenzen zwischen Sympathie und Antipathie verschwimmen. Auch Sherlock Holmes weiß, dass er und seine Nemesis sich im Denken und Handeln sehr ähnlich sind. In der Geschichte The Final Problem sagt Holmes über Moriarty: „‚He is a genius, a philosopher, an abstract thinker. He has a brain of the first order. ‘“ „Wie ich“, kann man in Gedanken hinzufügen. Held und Antiheld sind also zwei Seiten einer Medaille, die sich allerdings irgendwann feindselig gegenüberstehen.

Lock & Mori versucht, den Gründen dafür nachzugehen. Auch die beiden Teenager sind sich ähnlich, beide geistig brillant und hoffnungslos unterfordert im Schulunterricht, beide haben eine Neigung zur Rücksichtslosigkeit. Der erste Band klärt noch nicht auf, warum sich die beiden eines Tages hassen werden. Die rührend-naive Liebesgeschichte der beiden (sie verbringen wirklich viel Zeit mit Rumknutschen, es wird beim zweiten Lesen fast ein bisschen anstrengend) ist allerdings immer ein bisschen von Misstrauen geprägt. Mori verrät ihrem Freund nicht alles, was sie über den Mordfall weiß, weil ihre Familie darin verwickelt ist (so viel kann ich verraten). Ich hoffe, dass sich die Beziehung der beiden in Teil 2 von der rosaroten Verliebtheitswolke wegentwickelt. Ein kleiner Schuss Hassliebe wäre nett, und ich würde Mori wirklich gern als Anführerin einer feministischen Kampftruppe sehen.

Zu guter Letzt: Joan Watson aus Elementary

Das langweiligste Beispiel für den gender-swap von Holmes oder Watson habe ich mir für den Schluss aufgehoben. Als Grundidee ist es selbstverständlich sehr spannend, die Watson-Figur auch einmal als Frau zu zeigen, wie es die Serie Elementary tut – sofern es nicht sofort zu einem romance plot zwischen Holmes und Watson kommt, aber diese Stolperfalle vermeidet Elementary glücklicherweise ja. Leider hat Joan Watson in der Serie kaum ein eigenes Profil, wie ich auch schon in meinem Artikel zum Battle der modernen Sherlock-Holmes-Adaptionen erkläre. Sie soll Sherlock Holmes als Sozialarbeiterin beim Entzug helfen und zieht deshalb bei ihm ein. Sie muss sich von Beruf wegen um ihn kümmern. Leider führt diese Prämisse dazu, dass Joan Watson so gut wie nie mal aus der Rolle der fürsorglichen „großen Schwester“ ausbricht, die sie Holmes gegenüber einnimmt. Hier wird leider wieder nur das abgedroschene Frauenklischee der „Kümmerin“ bedient. Abseits davon bleibt Joan Watson sehr blass.

Der Drehbuchautor von Elementary, Robert Doherty, begründete seine Entscheidung für einen weiblichen Watson laut dem Onlinemagazin „themarysue.com“ so: Der originale Sherlock Holmes kämpft damit, Frauen zu verstehen. Daher sei es spannend, diesem neuen Holmes eine Frau als Partnerin an die Seite zu stellen, bei der er mehr Schwierigkeiten hat, sie zu durchschauen, als es bei dem klassischen Watson als männlicher bester Freund der Fall wäre.

Eine gute Begründung, nur ist nach meinem Empfinden nicht sehr viel von diesem Ansatz in der Serie angekommen. Die Beziehung zwischen den beiden Protagonisten ist sehr flach und geht kaum mal über dieses oben angedeutete „Bruder-Schwester-Verhältnis“ hinaus.

Übrigens kursiert unter Sherlockians schon lange die Theorie, dass Watson eigentlich eine Frau gewesen sein könnte. Der Sherlockian Rex Stout schrieb 1941 einen (nicht ganz ernst gemeinten) Artikel, indem er messerscharf darlegte: So, wie Watson über Holmes schreibt, hätte das nur eine Frau tun können. Watson weiß z.B. Bescheid, wann Holmes frühstückt und wann er aus dem Haus geht. So eine Neugier kann nur eine Frau, nämlich die eigene Ehefrau oder Geliebte, an den Tag legen. Case completed, würde ich sagen?

Hinter diesem witzig gemeinten Artikel von Mr. Stout steckt ganz klar nicht nur ein Quentchen Frauenfeindlichkeit. Klar, dass nur eine Frau einem Mann so auf die Nerven gehen kann. Umso wichtiger wäre es gewesen, einen weiblichen Watson nicht als mütterliche Ratgeberin zu zeichnen, die am liebsten Sherlocks mannigfaltigen Seelenschmerz analysiert.

Seid ihr meiner Meinung? Welche weiblichen Interpretationen von Holmes und / oder Watson kennt ihr noch? Schreibt euren eigenen Artikel und postet ihn unter #bakerstreetblogs!

Meine gelesenen Ausgaben:

Sherry Thomas: A Study in Scarlet Women. First in the Lady Sherlock Series, Berkley 2016.

Brittany Cavallaro: A Study in Charlotte (2016), The Last of August (2017), The Case for Jamie (2018), alle erschienen bei Katharine Tegen Books.

Heather W. Petty: Lock & Mori, Simon & Schuster 2015.


Wenn ihr jetzt noch hinter die Fassade von Sherlock Holmes blicken wollt, dann lest schnell den Artikel von Fiktion Fetzt zum Thema Ist Sherlock Holmes wirklich ein Psychopath?

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Ein Gedanke zu „Cherchez la femme – Spannende weibliche Versionen von Holmes und Watson

  • 14. April 2019 um 11:41 am
    Permalink

    Guten Morgen,

    ich habe damals (als sie auf deutsch erschienen sind) bei beiden Rehen (My Dear Sherlock und Holmes&Ich) jeweils den ersten Teil gelesen. My Dear Sherlock hat mir insgesamt besser gefallen, aber ich habe keine Reihe weiter verfolgt. Irgendwie war da anfänglich ein großer Reiz, dann aber nicht der Drang es weiterzulesen. Irgendwie auch Schade.
    Es ist schon reizvoll die bekannten Gesichter in neuen Geschichten zu erleben. Warum gäbe es sonst Fanfiktions oder so viele verschiedene Verfilmungen. Die Charaktere zusätzlich noch in unterschiedliche Geschlechterrollen zu stecken bietet dann natürlich ein riesiges Spektrum an Möglichkeiten, gerade wenn man dann in der Jugendliteratur noch eine Liebesgeschichte anbieten kann.

    Liebe Grüße
    Chrissi

    Antworten

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