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Interview mit Kathinka Engel zu „Finde mich. Jetzt“

Mit Finde mich. Jetzt hat Kathinka Engel einen New-Adult-Roman mit einer genre-untypischen Frauenfigur geschrieben. Protagonistin Tamsin ist selbstbewusst, nimmt ihr Leben in die Hand und – ganz wichtig – wartet nicht auf den Prinzen, bis er sie wachküsst, wie es in vielen YA- oder NA-Romanen der Fall ist. Es ist eigentlich gerade anders herum. Am 2.9.2019 erscheint Teil 1 der Finde mich-Reihe. Ant1heldin hat mit der Autorin über ihr schriftstellerisches Debüt, über das Durchbrechen altbekannter Plotschemata und die Gestaltung interessanter Frauenfiguren gesprochen.

Ant1heldin: Du wirst als neue Entdeckung im Genre New Adult gehandelt. Erzähl doch mal, wie du dazu gekommen bist, genau in diesem Genre zu schreiben, und was dir daran Spaß macht.

Kathinka Engel: Dazu gekommen bin ich tatsächlich ein bisschen zufällig. Ich war mit einer Freundin im Biergarten und wir haben über Liebesromane geredet und angefangen, ein bisschen herumzuspinnen. Und auf einmal hatte ich eine Geschichte im Kopf. Zuerst tatsächlich die Figuren, aber die brachten dann ganz automatisch einen Plot mit sich. Noch während wir da saßen, hatte ich plötzlich so ein ganz komisches Gefühl. So, als könnte das, was da in meinem Kopf entstand, etwas werden. Zu Hause habe ich mich hingesetzt und angefangen zu schreiben. Das war der Moment, in dem ich dachte: Das hier, das Schreiben, das hättest du schon dein ganzes Leben lang machen sollen. Es war völlig verrückt. Dass es New Adult geworden ist, lag tatsächlich schlicht und einfach an der Geschichte von Rhys und Tamsin, die ich erzählen wollte. Das ist ein klassischer New-Adult-Stoff.

Kathinka Engel Porträtfoto

© Kathinka Engel

A.: Was war dir wichtig bei der Gestaltung deiner Figuren? Besonders der Frauenfiguren?

K. E.: Genau das, was ich mir bei anderen Romanen wünsche, versuche ich natürlich in meinen Büchern umzusetzen. Wichtig ist, dass die Figuren Tiefe haben, einen richtigen Charakter.

Ich komme beim Schreiben irgendwann an einen Punkt, an dem ich merke, die Figuren haben jetzt ein Eigenleben. Sie sind in meinem Kopf dann so lebendig, dass ich das Gefühl habe, sie treffen nun selbst Entscheidungen. Es ist beinahe so, als würden sie sich von mir emanzipieren. Wenn das passiert, weiß ich, jetzt sind sie richtige Personen. Bei den Frauenfiguren lege ich besonderen Wert darauf, dass sie sich nicht von den Männern abhängig machen. Sie sollen absolut eigenständig sein und die Welt um sich herum reflektieren. Mir ist wichtig, dass sie nicht zum Spielball von Äußerlichkeiten werden und der Mann am Ende dafür sorgt, dass sich alles zum Guten fügt. Außerdem will ich ein realistisches Frauenbild vermitteln. Ecken und Kanten, Ängste und Schwächen, Marotten und Stärken.

A.: Kannst du uns das anhand von Tamsin, der Protagonistin in Finde mich. Jetzt erklären?

K. E.: Tamsin trifft eine mutige Entscheidung, als sie beschließt, ans andere Ende des Landes zu ziehen, um etwas zu studieren, wovon ihre Eltern nichts halten. Sie schlägt sich erst einmal alleine durch, testet aus, was es bedeutet, unabhängig zu sein. Sie lernt viel über sich selbst. Gleichzeitig ist sie aber auch schon eine voll ausgereifte Person, die weiß, was sie will. Das merkt man vor allem in der Beziehung zu Rhys, den sie als ziemlich merkwürdigen und unnahbaren Typen im Café gegenüber kennenlernt.

A.: Wie würdest du die Beziehung zwischen den beiden beschreiben?

K. E.: Ich glaube, was die beiden am deutlichsten von vielen anderen fiktionalen Paaren unterscheidet, ist die Tatsache, dass ich das Geschlechterverhältnis vorsichtig umgekehrt habe. Tamsin ist Rhys’ Knight in Shining Armor, wenn man so will. Sie ist diejenige, die ihm die Welt erklärt – unter anderem die sexuelle. Während er seinen Platz in der Welt nach Jahren im Gefängnis erst finden muss, ist sie die Selbstbewusste, die in sein Leben hineinplatzt und alles durcheinanderbringt. Aber auf eine gute Weise. Auf die Weise, die Rhys braucht. Mit ihr an seiner Seite verlässt er nach und nach seine Komfortzone und nimmt wieder am Leben teil.

Finde mich. Jetzt Cover

© Piper

A.: Was hat dich daran fasziniert?

K. E.: Mir hat es gefallen, bekannte Schemata abzuwandeln. Davon lebt die Genreliteratur. Die Leser*innen wissen, was sie bekommen, aber nicht auf welche Weise. Im Krimi gibt es am Anfang ein Verbrechen, und das wird dann aufgeklärt. Im Liebesroman gibt es eine beinahe unmögliche Liebe, die möglich wird. Ganz oft ist ein Hindernis (neben vielen anderen) die Unsicherheit der Protagonistin. Die vorherrschende Meinung scheint zu sein, dass Männer ein großes Ego und jede Menge Erfahrung brauchen, um heiß zu sein. Ich wollte gern schauen, ob es auch anders funktioniert. Und ich glaube, das tut es.

A.: Das Genre lebt von guten Liebes- und Sexszenen. Wie wichtig ist dir, dass deine Heldinnen sexuell selbstbestimmt sind?

K. E.: Sehr wichtig! Übertrieben wichtig! Meiner Meinung nach kann es nie genug Vorbilder in dieser Richtung für junge Leserinnen geben. Und gerade das New-Adult-Genre wird ja auch von Mädchen gelesen, die gerade erst dabei sind, ihre Sexualität zu entdecken. Es ist absolut essentiell, dass sie sich trauen, zu sagen, was ihnen gefällt. Oder wissen, dass sie, ganz egal wie wohl oder unwohl sie sich in ihrem Körper fühlen, für nichts schämen müssen. Deswegen wird beispielsweise nicht erwähnt, was für eine Figur Tamsin hat. Das soll sich jeder selbst vorstellen. Wichtig ist nur, dass sie sich wohlfühlt, egal, wie die Leserinnen sie sehen. Body Positivity ist so wichtig, aber in unserer Gesellschaft eben auch irrsinnig schwierig umzusetzen. Da kann es nicht schaden, wenn jemand wie Tamsin einem zeigt, dass es mit Mut und Überwindung auch anders gehen kann.

A.: Glaubst du, andere Beziehungskonstellationen haben langsam ausgedient?

K. E.: „Ausgedient“ würde ich nicht sagen. Das klassische Aschenputtel, das seinen Prinz findet, oder den aggressiven Bad Boy wird es immer geben. Vor allem im amerikanischen Selfpublishing sind das die wichtigsten Figuren. Aber ich denke schon, dass unsere Gesellschaft sensibler wird, wenn es um diese Themen geht. Vor allem, weil auch junge Mädchen New-Adult-Bücher lesen. Da finde ich es besonders wichtig, dass gezeigt wird: Wenn eine Beziehung toxisch ist, lass es. Wenn er etwas machen will, das dir unangenehm ist, sag Nein, ohne dich schlecht zu fühlen. Wenn du etwas erreichen willst, go for it! Das klingt jetzt vielleicht sehr pc – für manche ist das ja gleichbedeutend mit schwach und langweilig –, aber toxische Abhängigkeitsverhältnisse sind eben im realen Leben auch nicht sonderlich romantisch und leidenschaftlich.

A.: Was fehlt dir derzeit noch in der New-Adult- oder allgemein in der Romance-Landschaft? Welche Helden und Heldinnen und welche Geschichten würdest du gerne dort noch sehen (oder selber schreiben)?

K. E.: Ich würde zu gern mal einen richtigen Nerd sehen! Big-Bang-Theory-mäßig. Nur eben nicht auf die humoristische Schiene. Das stelle ich mir spannend vor. Und dann gibt es natürlich noch sehr viel Spielraum nach oben, was Diversität anbelangt. Ein paar Autorenkolleginnen und -kollegen haben es ja schon vorgemacht. Aber ich denke, dass Verlage sich in dieser Hinsicht etwas mehr trauen sollten.

A.: Welche Liebesgeschichten aus der Popkultur (egal, ob Buch, Film oder Serie) findest du gelungen?

K. E.: Da bin ich erst einmal ganz oldschool unterwegs. Ich liebe die Romane von Jane Austen. Elizabeth Bennet und Mr Darcy sind auf jeden Fall eins meiner Lieblingspaare. Außerdem Emma und Mr Knightly. Und dann natürlich Charlotte Brontes Jane Eyre und Mr. Rochester. Außerdem ist es eine absolute Schande, dass Catherine Earnshaw und Heathcliff kein Happy End vergönnt war – aber vermutlich macht das mit den Reiz von Wuthering Heights aus.

A.: Kannst du uns schon einen kleinen Ausblick auf Band 2 und 3 der „Finde mich“-Reihe geben? Was für Protagonistinnen erwarten uns dort? Unterscheiden sie sich von Tamsin?

K. E.: Zelda aus „Halte mich. Hier“ ist eine absolute Wundertüte. Sie ist bunt, sie ist wild, sie ist ein bisschen planlos. Ich mag sie irrsinnig gern, weil sie – das klingt jetzt vielleicht komisch – sowohl vollkommen unbeschwert als auch tief verzweifelt ist. Sie lebt in zwei Welten gleichzeitig und das überfordert sie natürlich. Sie ist einerseits auf der Suche und andererseits längst angekommen. Das war sehr spannend zu schreiben.
In „Liebe mich. Für immer“ geht es um die Sozialarbeiterin Amy, die eine sehr starke Person ist und tatsächlich lernen muss, auch mal schwach zu sein.

Wir bedanken uns für das Interview, Kathinka Engel!

Finde mich. Jetzt erscheint am 2.9.2019 beim Piper-Verlag, die Teile 2 und 3 der Reihe erscheinen im November 2019 und Februar 2020.

Finde mich-Reihe

© Piper

Auf Ant1heldin gibt’s regelmäßig Kritiken zu aktueller Literatur mit Fokus auf interessanten Frauenfiguren!

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